Anleitung zum Entlieben

22.11.2005 um 13:11 Uhr

Windstille

von: Lapared

Als Kinder hatten meine Schwester und ich ein Märchenbuch. Meine Oma hatte es irgendwann ins Haus gebracht. Es war alt und zerfleddert, denn vor uns hatte es schon meiner Mutter gehört, und ein Neues wurde nicht angeschafft, weil man Dornröschen und Rapunzel ja nicht gerade als Wegbereiterinnen der Frauenbewegung bezeichnen konnte. Und die war bei uns zuhause nun mal sehr angesagt. Statt Puppen gab es Fischer Technik, in der Schule waren wir per Sonderregelung vom Handarbeitsunterricht befreit, und die Märchenfiguren, die uns in den Schlaf begleiteten, waren politisch und pädagogisch auf der Linie meiner Eltern, dafür hatten sie gesorgt. Und sie - um ganz sicher zu gehen - selbst erfunden: Die Geschichte vom armen kleinen Mädchen, die Geschichte traurigen kleinen Entlein... stets ging es um hilflose, vom Schicksal gebeutelte Kreaturen, denn als ordentliche Linksintellektuelle wollten meine Eltern schon früh unser Bewusstsein schärfen für die weniger vom Glück Verwöhnten dieser Welt.

Nichts desto trotz ist es ein Bild aus dem reaktionären alten Märchenschinken, das aus dieser Zeit in meinem Gehirn nahezu unbeschadet überdauert hat. Eine Illustration aus Dornröschen, die Szene, als mit ihr das ganze Schloss in den hundertjährigen Schlaf fällt. Im Text heißt es: “Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herd flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloss regte sich kein Blättchen mehr...“

Warum ich gerade jetzt an dieses Bild denken muss? Momentan kommt es mir so vor, als hätte ich mich auch an einer Spindel gestochen. Das ganze Leben steht still. Leider hab ich es nicht so komfortabel wie Dornröschen, im Gegensatz zu ihr, penne ich fast gar nicht. Aber auf eine andere Art schläft man doch auch, wenn man in so einer Agentur arbeitet wie der, in der ich gerade – immer noch! – gebucht bin. Man schläft tief und fest. Der Wind legt sich, und es regt sich kein Blättchen mehr. Man verschläft sein Leben. Aber das stimmt nur für mich. Für die Leute, die da jeden Tag sind, ist es anders. Für sie ist die Agentur ihr Leben, und warum auch nicht?! Ihre Art zu leben ist nicht besser oder schlechter als jede andere auch. Nur... für mich ist das eben nichts mehr. Arbeiten bis in die Nacht. Wochenende? Vergiss es! Man steht auf, geht in die Agentur, geht nach zwölf, vierzehn Stunden wieder nachhause, legt sich hin, steht am nächsten Morgen wieder auf, geht in die Agentur...

Mit anderen Worten... Das war natürlich ich. Das mit dem Server. Um die innere und äußerer Ereignislosigkeit zu bemänteln, die mit Aufnahme der Erwerbstätigkeit eingetreten ist. Und den erschreckenden Umstand, dass ich kaum noch weiß, was ich schreiben soll. Alles dreht sich nur noch um die Werbung.

(Um Gottes Willen, das mit dem Server war ein Scherz. Ich könnte das gar nicht. Ich hab wen beauftragt.)

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenchero schreibt am 22.11.2005 um 13:15 Uhr::)))
  2. zitierenmarabu schreibt am 22.11.2005 um 18:55 Uhr:*gg*
  3. zitierenEllaken schreibt am 22.11.2005 um 21:07 Uhr:Missed you...
  4. zitierenlucha schreibt am 22.11.2005 um 21:09 Uhr:Missed you, too...
  5. zitierenlucha schreibt am 22.11.2005 um 22:52 Uhr:Ach ja, vergaß bei all der Freude, wieder von Dir zu hören, zu sagen:

    Ich kenn das nur zu gut, was Deine Eltern da versucht haben: Bei uns fruchtete das mit der linken Indoktrination auch nicht: Politisches Engagement - nein danke! Innere Zerrissenheit: Die frühkindliche Sozialisation wirkt und nur mit Schuldgefühlen traut man sich, konservativere Haltungen einzunehmen, auch wenn diese der eigenen Interessenslage eigentlich viel mehr entsprechen! Wenigstens das verzweifelte Abgeleiten in radikale Befreiungsversuche elterlicher Fesseln haben wir verhindert; dafür klopfen wir uns noch heute auf die Schultern!

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