Anleitung zum Entlieben

06.07.2007 um 12:32 Uhr

Wo steckt Dragan?

von: Lapared

Es ist ja immer schön, wenn man mit einem Psychologen zusammen ist. Diese Sensibilität, diese Empathie… Man fühlt sich so verstanden. Man spürt, man wird gesehen. Man weiß, man wird wahrgenommen. Ja.

Gestern Abend zum Beispiel. Ich rief an, um WE zu sagen, dass ich am Wochenende zu meinem Eltern fahre. Allein, weil es eine Art Familienkonferenz sein wird, leider...

Und plötzlich sagte WE, dass er Symptome einer Borderline-Persönlichkeit an mir wahrnimmt: Emotionale Instabilität. Angst vor Verlassenwerden wechselnd mit Angst vor Nähe. Schwanken zwischen Verschmelzungssehnsucht und zum Teil aggressiver Abgrenzung...

„Wow!“ sage ich, „Schatz! Da hat einer wohl ein bisschen zu tief ins Diagnostikhandbuch geschaut, hm? Schwanken zwischen Verschmelzungssehnsucht und aggressiver Abgrenzung... beschreibt das nicht in etwas extremerer Form die von mir vertretene Auffassung, dass man nicht ständig vögeln muss? Dass man trotz Beziehung auch mal für sich sein darf? Ich weiß, dass Du tendentiell anderer Meinung bist, aber musst Du mir deshalb gleich eine Störung anhängen?“

Er bleibt dabei. Was er wahrnimmt, ist wahr. Zumindest für ihn. Ich werde ein wenig bissig:

„Schatz, ich pathologisiere Dein Verhalten ja auch nicht. Dein ständiger Wunsch zu Rammeln. Deine schwarze Kleidung. Deine Oden an die Vergänglichkeit. Und Du weißt, dass ich das sehr wohl könnte, wenn ich wollte. Vergiss nicht, ich bin auch vom Fach, ja-ha!“

„Mach doch!“ sagt er und grinst. „Gerne! Im Gegensatz zu Dir, werde ich es mir offen und interessiert anhören. Ich werde die Möglichkeit, dass Du Recht hast, keineswegs ausschließen. Und durch meine Gelassenheit beweisen, dass Du Unrecht hast.“

ARRRRRRRRHHHHHHHGGGGG...

Dragan. Wo ist Dragan? DRAAAGAN? Im Vergleich zu einer Beziehung mit einem Psychologen erscheint mir die Möglichkeit einer Ehe mit einem serbischen Maurer und Bienenzücher in einem ganz anderen Licht.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenerphschwester schreibt am 06.07.2007 um 15:14 Uhr:ohoh, so fängt es an, liebe lapared, daß sie uns analysieren; hernach wollen sie uns in unseren problemen, die wir vor ihnen nicht hatten, helfen, während wir uns ihrem unerschütterlichen ratschluß zu beugen haben. usw.usf.
    erst wenn wir all die dinge tun, die sie wollen und wie sie sie wollen, haben wir die chance, ihnen zu entrinnen, indem wir ihnen langweilig werden und sie sich anderen "aufgaben" zuwenden.

    all das sehr schon nachzulesen in "mein mann hat immer recht" (chr.rochefort), nicht mehr ganz neu, aber unverändert aktuell.

    daß du seine hinweise noch in zweifel ziehst, stimmt mich nur bedingt hoffnungsvoll.
  2. zitierenNimien schreibt am 06.07.2007 um 18:02 Uhr:"Du zeigst Symptome einer Borderline-Persönlichkeit" ist KEINE Wahrnehmung, sondern eine Etikettierung - völlig wurscht, ob es nun (wie in meiner Variante) als offene Du-Botschaft, oder (wie in der eleganteren Version des Herrn in Schwarz) als Ich-Botschaft verpackt wird. Wenn mein Partner anfinge, mich derart zu analysieren, zu diagnostizieren und in Schubladen zu verpacken, würde ich wahrscheinlich schleunigst meine Koffer packen. Und ich sage das, obwohl (oder weil?) ich auch vom Fach bin. Das ist eine Berufskrankheit, die man nie, nie, niemals durchgehen lassen darf. Sie nimmt allzu unschöne Auswüchse an.

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