Anleitung zum Entlieben

11.08.2005 um 13:30 Uhr

You´ve got Mail

von: Lapared

Gestern hab ich eine Mail von ihm bekommen:

„Deine Frau A. ist SUPER. Danke für den Tipp.“

Was bisher geschah. 119 ist ja auch nicht der Zufriedenste in seinem Job. Letztes Jahr ist er dann mal zu einem „Personal Trainer“ gegangen. Der saß auf seiner beigen italienischen Couch, nickte im Wesentlichen empathisch, stellte zwei dämliche aber mit Bedeutsamkeit vorgetragene Fragen und kassierte nach 58 Minuten 320 Euro. 119 war begeistert. „Das machen wir auch!“

Ich wusste, dass das nichts für mich war. Ich wusste, dass das Ganze nicht so einfach war, wie es aussah. Ich wusste, dass mit wissend-gütigem Richard Gere-Lächeln, überschlagenen Beinen und teueren Schuhen den Problemen erfolgreicher Menschen zu lauschen, die gerne noch erfolgreicher wären, auch für 119 nicht die Erfüllung sein würde. Aber, hat es jemand bemerkt? Er hatte „wir“ gesagt.

Ich sah es schon vor mir: WIR gemeinsam auf der Couch, mit überschlagenen Beinen, teueren Schuhen und wissend-gütigem Richard-Gere-Lächeln, alle beide. WIR in einer gemeinsamen Praxis Schrägstrich Wohnung. UNSERE Namen in geschwungenen Lettern auf einem gemeinsamem Messingschild an der Tür:

Frau Lapared & Herr 119 – Supergeile, schweineteuere Personal Trainer

Jedenfalls, es war ihm ernst. Also legte ich los. Aber hallo. Eine meiner rührenden kleinen Verhaltens-Paradoxien: So wenig ich in meinen eigenen Angelegenheiten den Arsch hoch kriege, so sehr reiße ich ihn mir auf für meine Liebsten. In den nächsten Wochen bestand meine neue Lebensaufgabe darin herauszufinden, wie man auf schnellstem Wege für Nicken und zweimal Nachfragen 320 Euro bekommt. Ich checkte sämtliche nationalen und internationalen Ausbildungsangebote für Personal-Trainer, reiste zu Informationsveranstaltungen, buchte probehalber Ersttermine, um geeigneten Kandidaten auf den Zahn zu fühlen. Ich saß da mit überschlagenen Beinen, teuren Schuhen, wissend-gütigem Richard-Gere-Lächeln und hörte mir an, was die diversen Anbieter auf dem heiß umkämpften Ausbildungsmarkt mir, nein UNS, zu bieten hatten. Schließlich fand ich Frau A..

Frau A.. Ihre Hose war zu kurz. Ihr Jackett war zu eng. Ihre Schuhe waren abgetreten. Aber wenn sie den Mund aufmachte, war das alles vergessen. Wenn sie sprach, achtete kein Mensch aufs Hochwasser, selbst Frauen nicht. Außerdem war sie hübsch, mit einer wilden, rot gelockten Mähne, und ihre Hose war nur deshalb zu kurz, weil ihre Beine so lang waren, ihr Jackett nur darum zu eng, weil Größe 34 bei 1,76 m ruhig mal knapp werden darf, und ihre Schuhe nur abgelatscht weil... weil sie einfach eine temperamentvolle, zupackende Frau ist, die die Dinge entschieden angeht und sich dabei nicht groß um ihre Schuhe sorgt.

Ich habe mich damals schon gefragt, ob sie vielleicht der Typ Frau sein würde, in den 119 sich verlieben könnte. Ich habe sie beobachtet, ihr lautes Lachen, ihre ausladenden Gesten... und schon das Messingschild vor mir gesehen:

Frau A. & Herr 119 – schweineteuere Personal Trainer und superglückliches Paar

Ein Segen hatte 119 zwischenzeitlich das Interesse an einer Ausbildung zum Personal Trainer verloren.

Jetzt hat er es offensichtlich wieder gefunden. „Deine Frau A. ist SUPER...“ Allerdings. Ich hoffe nur, sie ziehen nicht in meine Nachbarschaft.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierendieFee schreibt am 11.08.2005 um 15:57 Uhr:Sag mir BITTE, dass du ihm nicht geantwortet hast! Offensichtlich warst du beim Kaffeetrinken doch nicht leidend genug. Oder du hättest dich in dem von ihm gewünschten Abhängigkeitsverhältnis inzwischen doch eigentlich längst mal wieder melden müssen. Zumindest scheint er unsicher, ob der von ihm ausgelöste Leidensdruck noch seine gewünschte Stärke hat. Du kannst mir nicht erzählen, er wüsste nicht, was für eine Art von Gedanken du dir jetzt garantiert machst. Mal im Ernst: Was schreibt er dir so\'n Scheiß??



    Im allerglimpflichsten Falle vielleicht aus Höflichkeit? Tief empfundene Dankbarkeit?? Ein gedankenloses Ach-ich-lass-einfach-mal-wieder-was-von-mir-hören?? Auch das kann er sich gepflegt stecken. Vor allem wenn es dermassen unsensibel daher kommt. Da fällt mir ein. Du sagtest nicht, er wäre sensibel. Aber du sagtest schon mal, er hätte einen siebten Sinn dich in seiner Abhängigkeit zu halten. Stimmt.





  2. zitierenElRayo schreibt am 11.08.2005 um 17:44 Uhr:Bei uns in Mittelfranken heissen die Kerle Supervisoren.



    Und gestern abend dachte ich mir noch, wenn ich mal vom Krankenhaus die Schnauze voll haben sollte, dann werde ich Supervisor.

    Ein seltsamer, telepathischer Zwischenfall, wie ich finde.



    Meine schwarzen Halbschuhe sind total im Eimer (Absätze schiefgelatscht UND ausgefranst) und waren auch nicht teuer.



    Ride on, red, Du machst das super.

    Aber ein Helfersyndrom hab ich auch.

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