Anleitung zum Entlieben

01.09.2006 um 17:53 Uhr

... zum Sex-Talk

von: Lapared

„War er so gut?“ fragt meine Schwester.

Wir sind natürlich noch nicht fertig mit Thema.

„Der beste Sex, den ich jemals hatte!“ – „Das hast Du bei 119 auch gesagt!“ – „Naja, so sieht es aus, der Sex wird mit der Zeit immer besser!“ – „Fantastisch, mit 80 wirst Du täglich multiple Orgasmen haben.“ – „Ich hoffe mein Herzschrittmacher macht das mit.“ – „Ja, und das wird der einzige Teil Deines Herzens sein, der involviert ist, mit 80 haben Frauen auch DAS endlich raus!“ – „Warum sein Herz an jemanden hängen, den man vielleicht noch während des Geschlechtsakts verliert? Jeder zehnte Mann über 60 stirbt beim Sex!“ - „Ein echtes Risiko. Aber dafür werden andere Gefahren weniger. Man muss nicht mehr so mit den Zähnen aufpassen, man nimmt sie einfach raus.“ Hm.

Eine Zeit lang bin ich ganz euphorisiert angesichts dieser wunderbaren Perspektiven. Aber dann kommen mir Zweifel. Liegt es wirklich am zunehmenden Alter und der wachsenden Erfahrung, dass der Sex immer besser wird?

„Vielleicht macht es nicht die Zeit, vielleicht werden die Männer einfach immer besser!“ – „Gewiss, das sexuelle Bildungsniveau unserer Gesellschaft steigt! In den Erwachsenenabteilungen der Videotheken wimmelt es ja auch von Fortbildungsmaterial.“ – „So gesamtgesellschaftlich kann ich das gar nicht sagen, noch nicht, meine Stichprobe ist zu klein ...“ – „Endlich weiß ich, warum es Stichprobe heißt...“ – „Aber ich kann sagen: meine, meine Männer werden immer besser!“ – „ Es wird eben zum Kriterium. Wer nicht weiß, wo die Klitoris liegt, wird an der Pforte zum Beziehungsolymp erst recht vergeblich klingeln! Ich handhabe es genauso.“ – „Ja, und das war früher anders, weißt Du noch… Jörg?“

Jörg war mein zweiter oder dritter Freund, ein impotenter Epileptiker mit einem fantastischen Sinn für Humor. Damals war ich zwanzig. Heute bin ich fast doppelt so alt, und mein letzter Partner war ein tendentiell überpotenter Holländer, der nie über meine Witze lachte („über meine Witze lachen“ = international verbindliche Definition von fantastischem Humor). Ich seufze tief...

„Bei Jörg war ich sogar bereit, komplett auf Sex zu verzichten! Das war noch Liebe...“ - „Bei Dick warst Du bereit komplett auf Humor zu verzichten! Und was viele vielleicht noch mehr stören würde: auf Vertrauenswürdigkeit! Wieso soll das weniger Liebe gewesen sein?“ - „Tja, da fragst Du was.“ - „Wenn Du bereit bist, auf körperliche Dinge zu verzichten, sagt jeder: Das muss Liebe sein. Wenn Du bereit bist auf charakterliche Vorzüge zu verzichten, sagt jeder: Das muss ein geiles Flittchen sein.“ – „Seit wann verteidigst Du Dick?“ – „Ich verteidige nicht Dick, ich verteidige Sexualität als wichtigen Beziehungsbestandteil.“ – „Ach so.“

Schön, dass wir das auch mal festgestellt haben. Dann wäre ja alles geklärt.

„Was ich mich nur frage...“ plötzlich schaltet sich mein Bruder ein. (Ich habe keinen Bruder, aber die Frage kann nur von einem Mann kommen.) „Na?“ frage ich (denn ich möchte ja auch mögliche Einwürfe meiner männlichen Leser bedenken). - „War er wirklich so gut, oder denkst Du das nur, weil Du noch nicht über ihn weg bist?“ – „Du meinst, postume weibliche Verklärung eigentlich durchschnittlicher Geschlechtsakte durch unverwundene Liebe, Bruderherz?“

Nein. Nein. Und auch wenn ich allen schlechten Liebhabern da draußen jetzt ihren letzten Strohhalm knicke, ein drittes Mal: Nein. In dieser Hinsicht, in dieser einen Hinsicht, wird die weibliche Wahrnehmung selten durch Liebe getrübt. Wir bemerken es, wenn Sex scheiße ist. Wir sehen vielleicht darüber hinweg, aber wir bemerken es. Und im Gegensatz zu vielem anderen, über das sich der Zuckerguss sehnsüchtiger Erinnerung legt, wenn man uns vor der Zeit abserviert: Scheiß Sex wird auch In Memoriam nicht besser.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenBloomsbury schreibt am 01.09.2006 um 20:49 Uhr:Wenigstens klappt das mit den Absätzen jetzt wieder ;-).
  2. zitierenAmster schreibt am 01.09.2006 um 23:31 Uhr:Dankeschön ;)))
  3. zitierenNLN schreibt am 02.09.2006 um 00:04 Uhr:bin gespannt wie dein Ex Geliebten reagieren wenn sie dass lesen
  4. zitierenlucha schreibt am 02.09.2006 um 23:55 Uhr:Sex macht der Partner, macht man selbst, machen man i.d.R. zusammen! Meine Freundin hat nach eigenem Bekunden besten Sex mit ihrem gleichaltrigen Mann und (das heißt nicht gleichzeitig, aber beziehungstechnisch parrallel und i.ü. auch geheim!)ihrem 10 Jahre jüngeren Lover, letzteren hat sie übrigens schon dreimal gewechselt. Und das läuft schon so seit mehreren Jahren. Der Jüngerer ist zwar sehr potent, versteht das "Handwerkliche" aber nicht so perfekt, dafür vermittelt er einen ganz besonderen Kick!!! Jeder hat in unterschiedlichen Lebenssituationen ganz unterschiedliche Bedürfnisse: Auch ich erleb mich da ganz wechselhaft; mal ist es mir zuviel, mal zu wenig!? Mit oder ohne, irgendwie ist es immer Thema!
  5. zitierenluiz02 schreibt am 04.09.2006 um 10:30 Uhr:Nicht! Nicht besser! Das meinst du doch wohl: Schlechter Sex wird auch In Memoriam NICHT besser....während deine Beiträge immer besser werden...
  6. zitierenLapared schreibt am 04.09.2006 um 10:39 Uhr:Danke für den Hinweis (wird umgehend korrigiert). Und für das Kompliment :)
  7. zitierenluiz02 schreibt am 04.09.2006 um 12:20 Uhr:..ging ja schnell... um nicht zu sagen quick... ;)

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