Hier ist Alcatraz Gefängnisinsel
Die Begegnung mit der Wahrheit
Ich, ich suchte die Wahrheit mühsam, und lang vergebens.
Schon gab ich alle Hoffnung auf, sie zu finden,
als ich sie endlich entdeckte, allein in einem Aufzug,
der mich staunen machte.
Sie
hatte einen langen mit Blumen gestickten Mantel, in welchen sie sich
einhüllte, wie der Seidenwurm in seine Puppe. Um den Hals hatte sie
statt der Modekrause einen langen Fuchsschwanz, und ihr sonst so
schönes Gesicht war zerkratzt, als hätte sie den Katzen eine Schlacht
geliefert. Die Lippen waren blau, und aufgeschwollen.
"Frau Wahrheit", sagte ich, nachdem ich mich von meinem Erstaunen erholt hatte, "wer hat euch so übel zugerichtet?"
Sie
gestand mir unter Seufzern und Tränen, dass sie an den Hof habe gehen
wollen, von der Wache aber sehr unsanft zurück gewiesen worden sei.
Ich
fragte die Frau Wahrheit, warum denn ihre Lippen so aufgeschwollen
seien, und sie antwortete, dass man ihr, als sie gegeigt habe, den
Fidelbogen um den Mund schlug.
Auf solche Weise erging es schon
Manchem, welcher die Wahrheit sagte. Daniel wurde wegen ihr in die
Löwengrube geworfen, und Johannes mußte die Freiheit, die Wahrheit
gesagt zu haben, mit dem Kopfe bezahlen.
Solang einer sanft ist,
und die wunde Stelle nicht berührt, da liebt man ihn, so bald er aber
die Lauge zur Hand nimmt, und den Schaden aufdeckt; da hat die Liebe
ein Ende.
Wenn er den Großen der Erde sagt: sie sollen die
Gerechtigkeit nicht zum Spinnengewebe machen, welches die starken
Tiere nach Willkür zerreißen und nur Mücken darin hängen bleiben; sie
sollen nicht sein, wie die Distillierkolben, welche die armen Pflanzen
bis auf den letzten Tropfen aussaugen; wenn er den Edelleuten vorwirft,
dass sie den Barbierern ins Handwerk greifen, und mit scharfer Schere
scheren; wenn er die Geistlichen beschuldigt, zu sein, wie die
Glockenschwengel, welche die Gläubigen zur Kirche rufen, selbst aber
nicht zur Kirche kommen; wie die Nachteulen, welche bei Nacht das Öl
aus den Kirchenlampen saufen, also von der Kirche leben, ohne ihr zu
nützen.
"Frau Wahrheit", frage ich weiter, "warum tragt ihr denn
diesen weiten, mit Blumen besetzten Mantel, und was bedeutet der
Fuchsschwanz um euerm Halse?"
Sie antwortete, dass sie den Mantel
schon lang trage, weil es Sitte sei, die Wahrheit zu bemänteln, und zu
verblümen; den Fuchsschwanz aber habe sie um den Hals, weil sich die
Schmeichelei gewöhnlich nach dem Kopfe zieht.
Da erboste ich in
meinem Sinne, und riss der Wahrheit Mantel und Fuchsschwanz ab. Beides
gab ich einem nahestehenden Bettler, welcher auch so gut Gebrauch davon
zu machen wußte, dass er ein vorübergehendes, altes hässliches Weib,
sogleich eine schöne, reizende, goldene Frau nannte.
Ich glaubte indessen, recht getan zu haben,
weil die Wahrheit überall nackt erscheinen soll.
Abraham a Santa Clara, 1644-1709