Lauras Veilchen

01.05.2007 um 16:49 Uhr

Die Begegnung

von: Laurali   Kategorie: Weisheit

 

  Hier ist Alcatraz Gefängnisinsel 

 

 

Die Begegnung mit der Wahrheit


Ich, ich suchte die Wahrheit mühsam, und lang vergebens.

Schon gab ich alle Hoffnung auf, sie zu finden,
als ich sie endlich entdeckte, allein in einem Aufzug,
der mich staunen machte.

Sie hatte einen langen mit Blumen gestickten Mantel, in welchen sie sich einhüllte, wie der Seidenwurm in seine Puppe. Um den Hals hatte sie statt der Modekrause einen langen Fuchsschwanz, und ihr sonst so schönes Gesicht war zerkratzt, als hätte sie den Katzen eine Schlacht geliefert. Die Lippen waren blau, und aufgeschwollen.

"Frau Wahrheit", sagte ich, nachdem ich mich von meinem Erstaunen erholt hatte, "wer hat euch so übel zugerichtet?"

Sie gestand mir unter Seufzern und Tränen, dass sie an den Hof habe gehen wollen, von der Wache aber sehr unsanft zurück gewiesen worden sei.
Ich fragte die Frau Wahrheit, warum denn ihre Lippen so aufgeschwollen seien, und sie antwortete, dass man ihr, als sie gegeigt habe, den Fidelbogen um den Mund schlug.

Auf solche Weise erging es schon Manchem, welcher die Wahrheit sagte. Daniel wurde wegen ihr in die Löwengrube geworfen, und Johannes mußte die Freiheit, die Wahrheit gesagt zu haben, mit dem Kopfe bezahlen.

Solang einer sanft ist, und die wunde Stelle nicht berührt, da liebt man ihn, so bald er aber die Lauge zur Hand nimmt, und den Schaden aufdeckt; da hat die Liebe ein Ende.

Wenn er den Großen der Erde sagt: sie sollen die Gerechtigkeit nicht zum Spinnengewebe machen, welches die starken Tiere nach Willkür zerreißen und nur Mücken darin hängen bleiben; sie sollen nicht sein, wie die Distillierkolben, welche die armen Pflanzen bis auf den letzten Tropfen aussaugen; wenn er den Edelleuten vorwirft, dass sie den Barbierern ins Handwerk greifen, und mit scharfer Schere scheren; wenn er die Geistlichen beschuldigt, zu sein, wie die Glockenschwengel, welche die Gläubigen zur Kirche rufen, selbst aber nicht zur Kirche kommen; wie die Nachteulen, welche bei Nacht das Öl aus den Kirchenlampen saufen, also von der Kirche leben, ohne ihr zu nützen.

"Frau Wahrheit", frage ich weiter, "warum tragt ihr denn diesen weiten, mit Blumen besetzten Mantel, und was bedeutet der Fuchsschwanz um euerm Halse?"

Sie antwortete, dass sie den Mantel schon lang trage, weil es Sitte sei, die Wahrheit zu bemänteln, und zu verblümen; den Fuchsschwanz aber habe sie um den Hals, weil sich die Schmeichelei gewöhnlich nach dem Kopfe zieht.

Da erboste ich in meinem Sinne, und riss  der Wahrheit Mantel und Fuchsschwanz ab. Beides gab ich einem nahestehenden Bettler, welcher auch so gut Gebrauch davon zu machen wußte, dass er ein vorübergehendes, altes hässliches Weib, sogleich eine schöne, reizende, goldene Frau nannte.

Ich glaubte indessen, recht getan zu haben,
weil die Wahrheit überall nackt erscheinen soll.

Abraham a Santa Clara, 1644-1709


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