Vor genau zwei Jahren kam ich in Japan an. Ohne Arbeit, Wohnung oder lokale Freunde; aber mit ein wenig Geld, das ich gespart und durch diverse Verkäufe eingenommen hatte, startete mein Versuch, mir ein besseres Leben aufzubauen.
Zunächst konnte ich für drei Tage bei einer Bekannten bleiben, bevor ich ein Zimmer mit elf Quadratmetern in einer Wohngemeinschaft im Nordwesten Tokyos finden konnte. Zwar wollte ich eigentlich nie so leben; doch das Zimmer war günstig. Mit der gleichen Bekannten machte ich mich noch in der gleichen Woche zu einer Arbeitsvermittlung auf, in der ein Freund von ihr arbeitete. Nachdem ich die Profile der anderen Kandidaten gesehen hatte (Austauschstudenten, die mit 22 Jahren trilingual sind), wurde mir sehr schnell bewußt, daß hier für mich nichts zu holen war.
Auf dem Rückweg fiel mir auf, daß ich ganz in der Nähe meiner alten Anwaltskanzlei war. In dieser absolvierte ich im Sommer 2008 meine Wahlstation als Rechtsreferendar. Ich wollte sehen, ob es die Kanzlei noch gibt und wie es meinem damaligen Ausbilder geht. Tatsächlich war dort fast alles noch so, wie ich es in Erinnerung hatte. Nur die Sekretärin war eine andere. Der Professor freute sich, mich zu sehen. Er erzählte mir von seinen aktuellen Fällen, und daß aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage niemand zu ihm in die Kanzlei kommen wolle. Ich war gerade im Begriff zu gehen, als er mich fragte, ob ich jeden Tag kommen könne. Als ich dies bejahte, bat er mich, ab dem übernächsten Tage bei ihm zu arbeiten. Zwar wurde ich offiziell als Praktikant beschäftigt, so daß das Gehalt meine Ausgaben nicht decken konnte; doch wenig Einkommen ist um einiges besser als kein Einkommen.
Durch diese nette Geste konnte ich zumindest länger von meinem mitgebrachten Geld überleben. Weiterhin stellte mir der Professor einen seiner ehemaligen Referendaren vor. Dieser betreibt in Tokyo eine kleine, aber sehr spezialisierte Firma, welche sich mit Marken beschäftigt. Da die Firma gerade umstrukturiert worden war und ich mich zunächst in das japanische Markenrecht einarbeiten sollte, begann ich, an zwei Tagen in der Woche dort zu arbeiten. Es gab dafür auch eine (kleine) Vergütung, die zusammen mit dem Gehalt aus der Kanzlei nach nunmehr zwei Monaten endlich meine Lebenshaltungskosten überstieg. Dies war ein Meilenstein für mich, da der weitere Aufenthalt in Japan nicht mehr von etwas aus Deutschland abhing.
Ich hatte angefangen, mich einzuarbeiten und wurde des öfteren von meinem Chef in spe gelobt. Er versicherte mir immer wieder, daß er mich spätestens ab Juli in Vollzeit einstellen wolle. Da ich ihm glaubte und mir eine Zukunft in dieser Firma vorstellen konnte, suchte ich nicht weiter nach anderer Arbeit. Doch eines Morgens rief er mich an und teilte mir mit, daß die Firma einen sehr wichtigen Kunden verloren habe. Gerade für diesen Kunden sei ein anderer Vollzeitmitarbeiter eingestellt worden; und man wisse nicht, wie man diesen bezahlen soll. Daher die Bitte, schon ab dem nächsten Tag nicht mehr zu kommen. Da ich mich weiter in das Markenrecht einarbeiten wollte, bot ich ihm an, vorläufig ohne Bezahlung weiterzuarbeiten. Er entgegnete darauf, daß er nicht wolle, daß ich umsonst arbeite, falls es doch nicht zu einer Einstellung kommt. Daher blieb es bei seiner Entscheidung. Ich fragte mich, welcher wirtschaftlich denkende Mensch eine kostenlose Arbeitskraft ablehnen könnte. Ich kam zu dem Schluß, daß mich jemand in diesem Büro nicht mochte, und ich daher nicht eingestellt werden sollte.
Und wieder war das Geldproblem akut. Ich bewarb mich für jede Arbeit, für die ich mich irgendwie qualifiziert fühlte. Kellner, Barkeeper, Pizzabäcker, Barista, Medikamententester, Model, Komparse, Deutschlehrer, Englischlehrer, Mitarbeiter in einer Videothek, Schiffsbroker sowie Devisentrader sind die Dinge, die mir gerade einfallen. Ich wollte unter allen Umständen in Japan bleiben und keinesfalls als Verlierer nach Deutschland fliehen. Die wenigen Angebote, die ich bekam, nahm ich alle an. Doch trotz allem belief sich mein Gesamtvermögen an einem Tag im Spätsommer 2010 auf rund zehn Euro - und ich hatte meine Miete noch nicht bezahlt.
Ich sprach mit meinem Vermieter über meine Situation. Er sagte mir, daß er warten könne. Dieser Aufschub brachte mir zwar etwas Zeit; doch ohne regelmäßig zu erwartendes Einkommen stellte sich dies lediglich als Galgenfrist dar. Waren meine Tage gezählt ?
Wie jeden Tag sah ich mir die neuen Stellenanzeigen an. Ich entdeckte eine Firma, die einen Deutschlehrer für eine Oberschule suchte. Da ich Jugendliche sehr gerne mag, und ich die einmalige Gelegenheit sah, den echten Alltag einer japanischen Schule zu erleben, bewarb ich mich mit Freude. Zwei oder drei Wochen vergingen ohne jegliche Antwort. Ein wenig sauer rief ich die Firma direkt an. „Es tut mir leid, aber die Bewerbungsgespräche sind bereits vorbei. Wir haben einen anderen Kandidaten eingestellt.“ „Also erst lassen Sie mich lange warten, und dann stellen Sie jemanden ein, ohne mich gesehen zu haben ? Es kann doch nicht so viele Deutschlehrer geben. Ich finde das nicht sehr nett.“ „Tja, aber die Entscheidung ist gefallen.“ Meine Laune war mal wieder im Keller.
Am nächsten Tag rief mich dieselbe Firma an. Ich sprach mit einer anderen Person. „Sie interessieren sich für eine Stelle als Deutschlehrer, nicht wahr ? Wir würden Sie gerne zu einem Gespräch einladen.“ Noch in der gleichen Woche wurde ich Deutschlehrer.
Kurz darauf gingen die ersten Gagen für Komparsenrollen ein. Mein Kontostand sprach von Zukunft. Seitdem geht es bergauf.
Zwar bin ich noch lange nicht zufrieden oder gar glücklich. Doch mein Leben ist besser als das in Deutschland. Ein paar meiner Wünsche haben sich erfüllt; doch mit jedem erfüllten Wunsch kommen drei neue auf die Wunschliste. Vor allem im Bereich Schauspielerei möchte ich dieses Jahr Fortschritte machen.
Wie ihr seht, hatte ich einige schwierige Zeiten. Und ich weiß, daß das an sich keine Entschuldigung dafür ist, daß ich mich so selten hier oder direkt bei meinen Freunden melde. Doch zum einen möchte ich auch nichts negatives schreiben; damit habe ich euch damals zu genüge vollgeheult. Die wenigen Gelegenheiten, die wir haben, sollten wir der Fröhlichkeit widmen. Außerdem ist es mir auch peinlich, wenn ich von Mißerfolgen berichten muß.
Doch das soll keineswegs heißen, daß ich euch vergessen hätte. Ihr seid das, was ich aus Deutschland und meinem Leben dort am meisten vermisse. Ohne euch hätte ich es niemals geschafft, hierher zu kommen. Auch wenn ihr nicht hier seid, weiß ich, daß ich mich auf euch verlassen kann, und ihr im Geiste mit mir seid. Eure Unterstützung spüre ich auch hier, auf der anderen Seite der Nordhalbkugel. Daher mag ich vielleicht stark erscheinen, wenn ich mein Leben hier alleine bestreite. Doch wenn ich, wie unlängst geschehen, nach langer Zeit meine Freunde wiedersehe, dann weiß ich, woher meine Stärke kommt. Wenn ich mich bei einem Treffen nach einem Jahr so fühle, als wäre ich nie weggewesen. Wenn ich über das vergangene Jahr wie über die vergangene Woche reden kann. Und wenn ich merke, daß das alte Band noch besteht. Dann wollte ich euch so gerne zeigen, wie dankbar ich bin; allein ich weiß nicht, wie. Daher diese Zeilen, ein schlichtes „Danke“ ... und die Hoffnung, daß ihr versteht.