Licht_im_Flur

30.01.2010 um 13:05 Uhr

Paht Fifftiehn

"Tim! .... Tiim!!!"

"Hm?" Fragend steckte er seinen Kopf durch die Tür. Vorgestern war er angereist. Samt drei Anzügen in Plastikhüllen und allem, was man sonst noch so braucht, breitete er sich in meiner Wohnung aus. 

"Wie konnte es nur so weit kommen?"

"Hm?" Er hört bei solchen Fragen schon gar nicht mehr hin.

"Wir heiraten morgen!!!" Meine Stimme war ein einziges, lang gezogenes Iiieeek.

Tim grinste: "Das hast du gut erkannt, Baby!" 

Ich starrte ihn an.... und musste lachen. Ich verbreitete leicht gekünstelte Panik, obwohl ich tatsächlich ziemlich ruhig war. Das ist keinesfalls selbstverständlich. Meine Nerven sind alles andere als Drahtseile. Man kann sagen, meine Nerven sind eh schon dünne Haare, denen nach einer schlimmen Bleichkur der Rest gegeben wurde. 

Vor der Bekanntgabe meiner Abinoten hatte ich zum Beispiel so schlimmen Durchfall, dass ich das sonst riguros gesperrte Lehrer-Klo entweihte. Am Morgen meiner Führerscheinprüfung bekam ich einen Heulkrampf und schlug immer wieder meinen Kopf rhythmisch auf den Küchentisch. Und rund um mein Examen hatte ich ständig Zuckungen im Gesicht. Es wollte sich schon gar keiner meiner Freunde mehr mit mir treffen, weil es so peinlich war.

Und nun stand die Hochzeit bevor. (Ich nannte sie immer noch "Die Hochzeit" statt "Meine/Unsere Hochzeit" weil ich das alles noch immer so surreal fand.) Und ich war die Ruhe selbst. Kein Durchfall, kein Heulen, kein gar nix. Dabei hatte ich vorher echt viel Geld in der Apotheke gelassen. Vorsorge ist alles! Übelkeitshemmer lagen in meiner Tasche ebenso wie Aspirin, Immodium, Johanniskrautkapseln und -ich gestehe- eine Flasche Abführmittel. Ich wollte alles, was sich da regelmäßig seinen natürlichen Weg bahnt, los sein, wenn ich zur Tat schreite. Ich kannte doch meinen Darm - der meldet sich in den ungünstigsten Situationen. Wenn ich im Stau stehe, in der mündlichen Prüfung sitze oder in den Armen einer neuen Eroberung liege. Son Arsch ist mein Darm, im Ernst....

"Und? Was macht dein Magen?" Tim steckte wieder den Kopf durch die Tür. Jaja, er kannte sie längst, meine Marotten und Neurosen.

Ich verzog abwägend den Mund: "Bis jetzt nix...."

"Ist doch super. Ich habe dir dch gesagt, dass nichts passieren kann, Süße!"

"Hmmm..." Überzeugt war ich nicht. Sollte es wirklich so glimpflich ablaufen? 

Immerhin gab es noch eine Gnadenfrist. Morgen war ja erstmal das Standesamt dran. Kein großes Tamtam, sondern eine intime kleine Runde in einem mittelgroßen Raum.

"Das geht doch noch..." dachte ich bei mir und beschloss, dass die Ruhe echt war...

 

22.11.2009 um 12:13 Uhr

Paht Vortiehn

Als wir am nächsten Morgen aufwachten, konnte ich quasi physisch spüren, wie wir näher zusammen gerückt waren. Trotz des ganzen Problem-Knäuels und einiger Nachwirkungen fühlte ich mich in diesen Tagen extrem gut. Tim und ich waren uns nah, was auf diese Weise wirklich nicht immer der Fall gewesen war...

Tim und ich scherzten viel über den Tag der Hochzeit: Ob seine Eltern trotzdem auftauchen würden? Ob seine Mutter sich mit einem spitzen Schrei vor den Altar werfen würde? Ob sein Vater den Pfarrer niederringen würde, um die Katastrophe zu verhindern?

Wir überlegten ernsthaft, seine beiden besten Freunde als Bodyguards an die Kirchentür zu stellen, um den beiden unerwünschten Familienmitgliedern den Zutritt zu verwehren...Man konnte ja nach alldem nicht wirklich ahnen, was sie sich noch einfallen lassen würden. Ich hatte übrigens ein, zwei Tage lang auch den ständigen Drang mich auf der Straße umzusehen und alle umliegenden Fenster abzusuchen, ob sich dort irgendwo der Lauf einer schalldämpfer-geschützten Waffe findet... Naja. Diesen Gedanken ließ ich aber schnell wieder fallen. Die Paranoia lebte schließlich woanders, so sehr wollte ich mich von diesen Idioten nicht beeinflussen lassen. Wir versuchten so gut es ging, das Kapitel Grusel-Schwiegereltern abzuschließen. Was sollte man darüber auch noch reden? Es war alles so jenseits von gesundem Menschenverstand.

Nun war es deshalb wieder Zeit, sich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern: Haare, Make-Up, Kleid. Das alles brauchte eine Generalprobe... Ich bin zwar nicht der Prinzessinnen-Typ, aber am Tag meiner Hochzeit wollte ich trotzdem alles geben, um wenigstens ein bisschen nach wunderschöner Braut auszusehen.

Ich betrat also den Kosmetik-Salon. Allein dies hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie getan. Eine Kosmetik-Vekäuferin kam mit gefrorenem Lächeln auf mich zu. Können die überhaupt anders? Gibt es eine Mimik da unten? Unter den Tonnen an Creme Powder, Concealer und Tusche? Nichts genaues weiß man nicht... Ich täte ja einiges dafür geben, mal so eine Douglas-Mimi morgens um sieben aus dem Bett zu holen und ihr Gesicht unter eine Schreibtischlampe zu halten (ich schrieb soeben: Schreibtisch-Lampe, nicht Schreibti-Schlampe! *g)

"Wie kann ich Ihnen helfen?" flötete sie.

"Ähm... ich habe einen Termin zum Probe-Make-Up" sagte ich artig mein Sprüchlein auf. Eigentlich bin ich tough. Ziemlich tough, aber dieser ganze Mädchen-Kram verunsichert mich, vor allem wenn ich ihn noch nie gemacht hatte. Dazu muss man wissen: Ich war irgendwie immer die letzte, die was wusste. Als ich mit 14 erfuhr, dass man sich als Frau die Beine rasieren muss, war ich kurz überrascht, aber dann auch unglaublich dankbar für diese Information, die mir zuvor grundlegend gefehlt hatte.

Noch während ich in den Armen des Mannes lag, mit dem ich meine ersten -sagen wir mal- körperlichen Erfahrungen sammelte, schickte ich in Gedanken einen kurzen Gruß an meine zwei Jahre ältere Freundin, der ich es zu verdanken hatte, dass die zwei, drei kurzen Härchen, die sich bis dato die Frechheit erlaubt hatten, an meinen Beinen zu wachsen, im Abfluss waren und nicht zwischen den Fingern von Carsten. 

"Haben sie bestimmte Vorstellungen?" gab mir die Tusche-Tante professionell das Gefühl, sie würde auf mich eingehen.

"Ja, äh... also nicht soviel. Ich meine, ich will, dass man mich noch erkennt. Wissen Sie, ich möchte einfach vermeiden, dass meine Freunde denken "Hä? Wo ist denn die Braut? Ich kenne sie doch eigentlich, aber ich sehe sie nicht..." weil ich in einer starren Maske aus Rouge und Lippenstift nicht mehr ich selbst bin... Hab ich alles schon erlebt!" brach es aus mir hervor. Ich glaube das war ein wenig despektierlich. Zumindest reagierte sie so:

"Naja, DAS ist doch selbstverständlich. So etwas machen wir hier auch nicht, keine Sorge..." 

Ach, nicht? dachte ich. Immerhin hatte ich schon eine ganze Handvoll solcher Bräute gesehen. Wie auch immer. Mit vereinten Kräften schusterten wir ein Make-Up-Ensemble auf mein Gesicht, das mich zufrieden stellte. Ein bisschen braun, ein bisschen bronze, ein bisschen dunkelrot - das ging. Ich war erleichtert, aber nicht wirklich glücklich. Ich blieb dabei. Es passte nicht zu mir und ich fühlte mich albern, als ich aus der Ladentür trat. 

Ich erwartete, dass sich nun alle Passanten nach mir umdrehen, kichern und mit dem Finger auf mich zeigen. "Guck dir DIE mal an, ist die in einen Farbtopf gefallen?" Als nichts dergleichen passierte, beruhigte ich mich. Es würde schon gehen. 

Und ich hatte ja immer noch etwas, das es rausreißen würde. Etwas, das ich in der Zwischenzeit richtig lieb gewonnen hatte und dem ich grenzenloses Vertrauen entgegenbrachte (auch wenn es am Busen etwas bollerte)... Mein Kleid!

 

15.10.2009 um 22:01 Uhr

Paht ssörtien

Ich rührte gedankenverloren im Rührei (was sollte man denn auch wohl sonst mit Rührei machen, irgendwoher muss der Name ja kommen...)

 

Vor zwei Tagen hatte Tim mir den neuesten Coup seiner Eltern eröffnet und ich war eigentlich ganz cool. Ich meine, es tat mir unendlich leid für ihn, aber ich war ihm eine ganz gute Stütze und er lässt so etwas ja eh nicht sehr nah an sich ran. Tim ist ein Weitermacher. Ich bin die Seelenstreichlerin - so ergänzten wir uns in diesen Tagen ganz gut.

Gleich sollte der Pastor vorbei kommen. Auch er hatte inzwischen von dem Brief Wind bekommen und deswegen ein Treffen in privatem Rahmen vorgeschlagen. Zudem kannte dieser Pastor mich schon seit ich geboren wurde. Ein Freund meiner Eltern sozusagen. Ich machte also Frühstück und wir warteten auf den Pastor - eigentlich eine klassische Rollenverteilung.

"Bist du nervös?" fragte ich Tim über die Schulter. 

"Och, vielleicht ein bisschen"

"Du weißt aber schon, dass du ihm sagen musst, was du an mir am meisten liebst?" Ich machte mein "Ätsch"-Gesicht.

"Was? Im Ernst?" Erwähnte ich schon, dass Tim nicht so auf Gefühle steht? Also zumindest nicht so auf die geäußerten...?

"Jahaa..." piepste ich und drehte meine imaginären Löckchen auf den Finger.

Aber während die Stimmung sich fast dem Adjektiv "gelöst" annäherte, klingelte es und er war da: Der Pastor.

Nach den ersten Worten war ich schon not amused. Es ging zunächst um die Wohnung. Die Kündigung. Vorhaltungen, denn ein Mann der Kirche beißt den anderen der Männern der Kirche... naja, das kennt man.

Dann kam er auf den Brief zu sprechen. Ich rührte immer noch im Rührei. Er sagte zu Tim, formell müsste er jetzt mit ihm rausgehen. Tim sagte "Nee, sie kann alles hören!" und ich rührte und rührte... immer verbissener.

Der Pastor wollte uns erstmal beruhigen. Verbieten könnten die Eltern uns nichts, so etwas hätte er auch noch nicht erlebt, und ihm käme es außerdem vor wie übles Nachtreten, aber formell (ja, was auch sonst...) müsse er Tim den Brief nun vorlesen. Ich rührte...

Die beiden mussten eine Zeit lang hilflos auf meinen rührenden Rücken (hach, bin ich auf diese Formulierung stolz!) geblickt haben, denn der Pastor meinte "Willst du nicht dazu kommen? Jetz lass mal das Rührei, das kann auch kalt werden" und Tim meinte ganz lieb und sanft (ja, manchmal hat er es, das Gespür...) "Hey... komm mal her..." Ich drehte mich um, biss mir auf die Lippe, aber es half nichts mehr: In dem Moment, als ich nichts mehr zu rühren hatte, brach es raus aus mir. Ich schaffte es noch mit angespanntem Kiefer bis zur Küchenbank, aber dann hatte ich es plötzlich nicht mehr im Griff. Mein Gesicht, und vor allem meine Tränen. Ich schlug die Hände vors Gesicht und heulte. Heulte richtig, und selten im Leben ist mir etwas peinlicher gewesen...

Tim rang irgendwie auch um Fassung, während er mir hektisch das Bein tätschelte. Mit seinen Arschloch-Eltern konnte er um, aber mit meinen Tränen nicht. Der Pastor war da schon cooler. Na gut, was wäre er auch für ein Seelsorger... Ich beruhigte mich schließlich irgendwann. Wohnung, Brief, Hochzeit - das war alles zuviel. Das wollte raus. Scließlich konnte ich ihn mir aber doch noch anhören, diesen Brief, der mich dann sogar noch zum Lachen reizte:

Tims Vater schrieb, sein Sohn sei Opfer meiner Machenschaften geworden. Ich hätte ihn verhext, mit Hilfe meiner manipulativen Familie, und Tim sei nun nicht mehr Herr seiner Sinne. Er sei unglücklich und psychisch instabil seit er mich kenne. Und so weiter und so fort. Er zitierte sogar Moses, ich weiß nicht mehr welche Stelle, und dann hatten Tim und ich ihn wieder, unseren Galgenhumor An einigen Stellen kicherten wir, als würde der Pastor grade was extrem Unanständiges vorlesen. An anderen Stellen zwinkerten wir uns wissend zu.

Und dann erklärte Tim den Pastor, wie es wirklich war. Dass auch bei meiner "Vorgängerin" schon diese Argumente ins Spiel kamen, dass er sich da noch hatte einschüchtern lassen, aber dass er sich danach geschworen habe, sein Leben nie wieder so aus der Hand zu geben, dass er sehr genau wisse was er tue und dass er glücklich sei. So bestimmt hatte ich ihn selten erlebt. Ich sah ihn an, sah ihn nochmal an, sah ihn von der einen Seite an, sah ihn von der anderen Seite an und merkte: ich fand ihn einfach nur toll. So stand ich also 2,5 Wochen vor meiner eigenen Hochzeit da und hatte mich soeben nochmal in meinen Mann verliebt...

 

 

 

30.09.2009 um 21:30 Uhr

Paht tuälf

Das Handy unterm Kinn und die schwere Einkaufstüte in der Armbeuge kam ich in die Wohnung getorkelt. Fast hätte ich das Gleichgewicht verloren, aber ich hatte schon von draußen das Telefon läuten hören, und eins kann ich ganz schlecht: Klingeln lassen und nicht wissen wer angerufen hat.

Ich schmiss also Jutebeutel und Schlüssel in die Küche und hechtete zum Telefon. "Hallo??" keuchte ich atemlos in den Hörer. "Ciao Bella" hörte ich meinen besten Freund sagen. Immel hat eine sonore Stimme, viele Tonnen Charme, aber leider ein Babyface. Irgendwie hatte es zwischen uns nie gefunkt, was uns aber nicht davon abhält auf Teufel komm raus zu flirten und uns gegenseitig an den Hintern zu greifen. Trotzdem - wir hätten uns nackt aneinander binden können, und es wäre nichts passiert.

Immel ist der erfolgreiche Managertyp mit Hemd und Kragen, aber zum Glück auch gesegnet mit einem furztrockenem Humor. Ich liebe diesen Mann mit dem Namen, der sich auf das männliche Geschlechtsteil reimt...

"Na, Hübsche, wie geht es dir..."

Ich stutzte. Dieses unfeine Einstiegen mit platten Schmeicheleien konnte nur eins bedeuten: "Hör mal Immel, du willst jetzt aber nicht absagen, oder??!"

Immel antwortete maximal kleinlaut, fast weinerlich: "Doch. Leider schon. Ich muss ganz kurzfristig zu einer Konferenz nach Ell Äi. Ich ärgere mich auch total..."

Das glaubte ich ihm sogar, er hatte schon Wochen zuvor immer wieder geschwärmt, wie sehr er die Hochzeit feiern wollte. Gut... das hieß bei ihm Saufen bis zum Abwinken und Blondinen angraben. Aber eben genau das würde er sich nicht freiwillig entgehen lassen. Ich war echt traurig. Ohne meinen besten Freund würde es nicht dasselbe sein. Ich brauchte ihn mit seinen fadenscheinigen Komplimenten und seinem flirty Augenzwinkern um mich sicher zu fühlen. "Scheiße!" beschied ich. "Ja, find ich auch". Dann schwiegen wir betroffen. Echte Scheiße.

Drei Tage später wurde mir die Wohnung gekündigt. --Frau Windkraft, wir haben Eigenbedarf. Leider haben wir trotz des guten Mietverhältnisses keine andere Möglichkeit bla bla bla...--- Ich heulte zwei Tage durch. Ich sollte meine Höhle, mein Nest, mein Zuhause verlieren. Absolute Katastrophe!

Nochmal drei Tage später riss sich meine Schwester, die als meine Trauzeugin mindestens 90 Prozent aller Tänze bestreiten sollte, das Sprunggelenk durch. Heulend rief sie an "Wiehie sieht dahas denn auhuuss...?!" jammerte sie in den Hörer. Ihr erster "Ball". Ein schickes schwarzes Kleid, funkelnde Brillianten und eine riesige, unförmige Schiene am Fuß. Die Arme... Ich versuchte sie so gut es ging zu trösten. Mega-Kacke!

Trotzdem ließ ich mir die gute Laune nicht verderben. Die ganzen Rückschläge taten echt weh. Aber ich hatte ein Kleid, ich hatte grade ein paar Schuhe für 15 Euro erstanden, wir hatten bezahlbare Ringe, ich hatte alleine eine monströse Feier auf die Beine gestellt, und der Termin mit dem Pfarrer war gemacht - es fehlte nichts mehr und ich war stolz auf mich und fühlte mich gut.

Am nächsten Abend, es waren nun noch gute 3 Wochen bis zur Hochzeit, rief Tim an. Er hatte sich in den Kopf gesetzt die Kündigung der Wohnung anzufechten und ich ließ ihn gewähren. Dieser Rechtsstreit war also auch noch in der Mache, --als hätten wir nicht schon genug Stress. Naja. So war ich jedoch nicht überrascht, als er mit leichter Panik in der Stimme sagte: "Ich habe hier einen Brief."

"Hm..." antwortete ich mit halbem Ohr, weil ich grade meine Mails durchlas. Böse Briefe vom Vermieter waren ja nun nix Neues.

"Einen Brief von der Kirchengemeinde..."

"Hm?" Nun horchte ich doch auf. Wir waren zugegeben etwas knapp dran damit gewesen, einen Pastor auszusuchen, die Formalitäten zu erledigen und die Messe zu planen, aber andererseits auch nicht katastrophal spät. "Ich habe doch einen Termin mit dem Pfarrer gemacht. Hat der das vergessen, oder was?"

"Weiß nicht. Der Brief ist von dem Obermufti in der Gemeinde. --In einigen Wochen steht Ihre Trauung an und wir sollten uns unbedingt zusammen setzen...--" las Tim vor. Na gut. Etwas peinlich, dass DIE hinter UNS herschreiben mussten, aber ich versprach:

"Gut, ich gehe morgen gleich rüber zu dem Pfarrer, der hat bestimmt nur vergessen, dass wir schon einen Termin haben. Das wird schon noch klappen, ich kenne den doch ganz gut."

"Ähm...." Tim stockte und räusperte sich. Irgendwas musste sein. So wand er sich doch sonst nicht...

"Außerdem steht da noch was, so eine Scheiße!" Tim schnaufte hilflos. "Was ist denn los?" wollte ich nun doch beunruhigt wissen. Er stieß hervor: "Mein Vater hat offenbar einen Brief an die Gemeinde geschickt. Der Wichser! Meine Eltern haben Einspruch gegen unsere Hochzeit eingelegt."

"..."

 

22.09.2009 um 19:31 Uhr

Paht iläwen

"Anneliiiiieseeeee....bitte sag, dass du da was machen kannst!!!" jammerte ich herzzerreißend.

Mein Kleid war da. Die gute ebay-Bewertung der Verkäuferin hatte nicht gelogen, und schon drei Tage nach dem Kauf hing es vor mir. Genauso schön wie auf den Fotos, aber eben doch nicht hundertprozentig passend.

Irgendwie hatte ich zu dicke Arme. Und ganz zu ging der Reißverschluss auch nicht. Naja, ein bisschen stolz war ich schon, dass ich überhaupt reinpasste, aber so ging das leider trotzdem nicht.

Anneliese arbeitet in einem Brautmodenladen, ist eine Freundin meiner Oma und außerdem Schneiderin. Sie zog eine Augenbraue hoch. Gefühlsausbrüche sind ihre Sache nicht. Ich fühlte mich auch nicht besonders gut aufgehoben bei ihr, aber das war nun egal. Ich brauchte jemanden, der mich in dieses Kleid reinquetschte....

Anneliese fing an zu sprechen, mit ihrer tiefen, rauhen und extrem monotonen Stimme: "Hmm... Da könnte man einen Keil in die Ärmel nähen.... Ich glaub ich hab noch solchen Stoff da. Du, eigentlich mache ich das ja nicht, wenn das Kleid nicht von uns kommt.... Wo hast du das denn eigentlich her?"

"Ääähhh, nee du, ich hab das nicht gekauft. Ich hab das geschenkt gekriegt.....! Von ner Freundin. Die wollte, äh, brauchte das nicht mehr. Hähä.. Das isn Ding,, was? Schenkt die mir einfach so ihr Kleid...." Ich lachte wieder unsicher

Lügen war noch nie meine Stärke, und "Hab ich geschenkt gekriegt" ist ja nun wirklich nicht der Gipfel der Originalität auf dem Schwindel-Olymp, aber sie nahm es mir ab. Sie zierte sich erst noch ein wenig, weil sie natürlich klarstellen musste, dass man die Kleider eigentlich aus "ihrem" Laden kaufen musste. Aber schließlich kannte sie mich schon als kleines Mädchen... .Deshalb zog sie wieder eine Augenbraue hoch und widmete sich erneut dem Kleid: "Hmm...hier müssen wir auf jeden Fall ne ganze Menge rauslassen...Naja, ist ja zum Glück genug Stoff da, so wie es aussieht. Ja, da ist ein sehr breiter Streifen drin, das müsste hoffentlich reichen." 

Nun war es an mir, eine Augenbraue hochzuziehen. Ich passte vielleicht nicht ganz rein, aber ich war ja nun auch kein Elefant!! Anneliese und ich einigten uns schließlich, und ich zog von dannen in dem guten Gefühl, dass die Sache mit dem Kleid jetzt erstmal erledigt war.

So, was brauchten wir noch? Die Liste war ja gar nicht mehr so lang: Kirche, Pastor, Organist, Location zum Feiern, DJ, Essen, Termin fürs Standesamt, zig Urkunden, Schuhe, Friseur, Kosmetiker, Maniküre, Pediküre, Torte usw usw..... Ha ha!!!

Ich lachte auf! Wenn ich das nicht getan hätte, wäre ich vermutlich wahnsinnig geworden. An diesem Abend kam mir erstmals der Zweifel, ob das wirklich eine so gute Idee gewesen war mit dem Heiraten.... man hätte es auch einfacher haben können.

Tuuut, tuuut, Klick "Hey Süße!" 

"Tiihiimm!!! Das ist alles zuviel!" 

"Was ist denn zuviel, hm?"

"Wir haben uns übernommen..."

"Womit?"

"Mit der Hochzeit du Dödel!" (jep. Da war er, der Zeitpunkt, an sich dem meine Verzweiflung in Aggressivität umwandelte. Das konnte mein Tim wie kein Zweiter)

"Nein Süße, haben wir nicht. Komm mal wieder runter. Ich kenn dich doch. Du bist jetzt wieder in so einer "Alles ist scheiße" Stimmung, und ich weiß, dass man dich da schlecht rauskriegt. Aber wir werden jetzt nicht wieder anfangen ALLES in Frage zu stellen. Das wollten wir doch nicht mehr machen, oder?"

Den letzten Satz sagte er in einem Tonfall, in dem man mit Geisteskranken redete. 

"Außerdem haben wir doch noch Zeit..." fuhr er fort, aber das hörte ich schon gar nicht mehr.

Meine Antwort möchte ich euch ersparen. Ich explodierte, überhäufte ihn mit Schimpfwörtern und wurde schlußendlich gemein, zynisch und giftig. Tim ließ all das über sich ergehen, lachte mich irgendwann aus, nannte mich "HB-Männchen", und als der Sturm vorüber war, ließ er mich wissen, dass er mich immer noch lieb hat. 

So brauchte ich das. Das ist mein Streitmuster. So seltsam das auch ist, aber es ist meins, und Tim weiß das. Ich wurde wieder zuversichtlicher. Irgendwie schaffte er das immer, auch wenn er nur am Telefon da war, dass ich an einem bestimmten Punkt wieder zu dem Schluss kam:  "Es wird schon gehen..."

Und es ging. Langsam, aber stetig schritten die Vorbereitungen vorwärts... 4 Wochen vor der Hochzeit war hinter den meisten Dingen auf der Liste ein Häkchen. 

Dann allerdings erwies sich Hiob als mein Herr und Meister und was schief gehen konnte, ging schief....