Licht_im_Flur

30.09.2009 um 21:30 Uhr

Paht tuälf

Das Handy unterm Kinn und die schwere Einkaufstüte in der Armbeuge kam ich in die Wohnung getorkelt. Fast hätte ich das Gleichgewicht verloren, aber ich hatte schon von draußen das Telefon läuten hören, und eins kann ich ganz schlecht: Klingeln lassen und nicht wissen wer angerufen hat.

Ich schmiss also Jutebeutel und Schlüssel in die Küche und hechtete zum Telefon. "Hallo??" keuchte ich atemlos in den Hörer. "Ciao Bella" hörte ich meinen besten Freund sagen. Immel hat eine sonore Stimme, viele Tonnen Charme, aber leider ein Babyface. Irgendwie hatte es zwischen uns nie gefunkt, was uns aber nicht davon abhält auf Teufel komm raus zu flirten und uns gegenseitig an den Hintern zu greifen. Trotzdem - wir hätten uns nackt aneinander binden können, und es wäre nichts passiert.

Immel ist der erfolgreiche Managertyp mit Hemd und Kragen, aber zum Glück auch gesegnet mit einem furztrockenem Humor. Ich liebe diesen Mann mit dem Namen, der sich auf das männliche Geschlechtsteil reimt...

"Na, Hübsche, wie geht es dir..."

Ich stutzte. Dieses unfeine Einstiegen mit platten Schmeicheleien konnte nur eins bedeuten: "Hör mal Immel, du willst jetzt aber nicht absagen, oder??!"

Immel antwortete maximal kleinlaut, fast weinerlich: "Doch. Leider schon. Ich muss ganz kurzfristig zu einer Konferenz nach Ell Äi. Ich ärgere mich auch total..."

Das glaubte ich ihm sogar, er hatte schon Wochen zuvor immer wieder geschwärmt, wie sehr er die Hochzeit feiern wollte. Gut... das hieß bei ihm Saufen bis zum Abwinken und Blondinen angraben. Aber eben genau das würde er sich nicht freiwillig entgehen lassen. Ich war echt traurig. Ohne meinen besten Freund würde es nicht dasselbe sein. Ich brauchte ihn mit seinen fadenscheinigen Komplimenten und seinem flirty Augenzwinkern um mich sicher zu fühlen. "Scheiße!" beschied ich. "Ja, find ich auch". Dann schwiegen wir betroffen. Echte Scheiße.

Drei Tage später wurde mir die Wohnung gekündigt. --Frau Windkraft, wir haben Eigenbedarf. Leider haben wir trotz des guten Mietverhältnisses keine andere Möglichkeit bla bla bla...--- Ich heulte zwei Tage durch. Ich sollte meine Höhle, mein Nest, mein Zuhause verlieren. Absolute Katastrophe!

Nochmal drei Tage später riss sich meine Schwester, die als meine Trauzeugin mindestens 90 Prozent aller Tänze bestreiten sollte, das Sprunggelenk durch. Heulend rief sie an "Wiehie sieht dahas denn auhuuss...?!" jammerte sie in den Hörer. Ihr erster "Ball". Ein schickes schwarzes Kleid, funkelnde Brillianten und eine riesige, unförmige Schiene am Fuß. Die Arme... Ich versuchte sie so gut es ging zu trösten. Mega-Kacke!

Trotzdem ließ ich mir die gute Laune nicht verderben. Die ganzen Rückschläge taten echt weh. Aber ich hatte ein Kleid, ich hatte grade ein paar Schuhe für 15 Euro erstanden, wir hatten bezahlbare Ringe, ich hatte alleine eine monströse Feier auf die Beine gestellt, und der Termin mit dem Pfarrer war gemacht - es fehlte nichts mehr und ich war stolz auf mich und fühlte mich gut.

Am nächsten Abend, es waren nun noch gute 3 Wochen bis zur Hochzeit, rief Tim an. Er hatte sich in den Kopf gesetzt die Kündigung der Wohnung anzufechten und ich ließ ihn gewähren. Dieser Rechtsstreit war also auch noch in der Mache, --als hätten wir nicht schon genug Stress. Naja. So war ich jedoch nicht überrascht, als er mit leichter Panik in der Stimme sagte: "Ich habe hier einen Brief."

"Hm..." antwortete ich mit halbem Ohr, weil ich grade meine Mails durchlas. Böse Briefe vom Vermieter waren ja nun nix Neues.

"Einen Brief von der Kirchengemeinde..."

"Hm?" Nun horchte ich doch auf. Wir waren zugegeben etwas knapp dran damit gewesen, einen Pastor auszusuchen, die Formalitäten zu erledigen und die Messe zu planen, aber andererseits auch nicht katastrophal spät. "Ich habe doch einen Termin mit dem Pfarrer gemacht. Hat der das vergessen, oder was?"

"Weiß nicht. Der Brief ist von dem Obermufti in der Gemeinde. --In einigen Wochen steht Ihre Trauung an und wir sollten uns unbedingt zusammen setzen...--" las Tim vor. Na gut. Etwas peinlich, dass DIE hinter UNS herschreiben mussten, aber ich versprach:

"Gut, ich gehe morgen gleich rüber zu dem Pfarrer, der hat bestimmt nur vergessen, dass wir schon einen Termin haben. Das wird schon noch klappen, ich kenne den doch ganz gut."

"Ähm...." Tim stockte und räusperte sich. Irgendwas musste sein. So wand er sich doch sonst nicht...

"Außerdem steht da noch was, so eine Scheiße!" Tim schnaufte hilflos. "Was ist denn los?" wollte ich nun doch beunruhigt wissen. Er stieß hervor: "Mein Vater hat offenbar einen Brief an die Gemeinde geschickt. Der Wichser! Meine Eltern haben Einspruch gegen unsere Hochzeit eingelegt."

"..."

 

22.09.2009 um 19:31 Uhr

Paht iläwen

"Anneliiiiieseeeee....bitte sag, dass du da was machen kannst!!!" jammerte ich herzzerreißend.

Mein Kleid war da. Die gute ebay-Bewertung der Verkäuferin hatte nicht gelogen, und schon drei Tage nach dem Kauf hing es vor mir. Genauso schön wie auf den Fotos, aber eben doch nicht hundertprozentig passend.

Irgendwie hatte ich zu dicke Arme. Und ganz zu ging der Reißverschluss auch nicht. Naja, ein bisschen stolz war ich schon, dass ich überhaupt reinpasste, aber so ging das leider trotzdem nicht.

Anneliese arbeitet in einem Brautmodenladen, ist eine Freundin meiner Oma und außerdem Schneiderin. Sie zog eine Augenbraue hoch. Gefühlsausbrüche sind ihre Sache nicht. Ich fühlte mich auch nicht besonders gut aufgehoben bei ihr, aber das war nun egal. Ich brauchte jemanden, der mich in dieses Kleid reinquetschte....

Anneliese fing an zu sprechen, mit ihrer tiefen, rauhen und extrem monotonen Stimme: "Hmm... Da könnte man einen Keil in die Ärmel nähen.... Ich glaub ich hab noch solchen Stoff da. Du, eigentlich mache ich das ja nicht, wenn das Kleid nicht von uns kommt.... Wo hast du das denn eigentlich her?"

"Ääähhh, nee du, ich hab das nicht gekauft. Ich hab das geschenkt gekriegt.....! Von ner Freundin. Die wollte, äh, brauchte das nicht mehr. Hähä.. Das isn Ding,, was? Schenkt die mir einfach so ihr Kleid...." Ich lachte wieder unsicher

Lügen war noch nie meine Stärke, und "Hab ich geschenkt gekriegt" ist ja nun wirklich nicht der Gipfel der Originalität auf dem Schwindel-Olymp, aber sie nahm es mir ab. Sie zierte sich erst noch ein wenig, weil sie natürlich klarstellen musste, dass man die Kleider eigentlich aus "ihrem" Laden kaufen musste. Aber schließlich kannte sie mich schon als kleines Mädchen... .Deshalb zog sie wieder eine Augenbraue hoch und widmete sich erneut dem Kleid: "Hmm...hier müssen wir auf jeden Fall ne ganze Menge rauslassen...Naja, ist ja zum Glück genug Stoff da, so wie es aussieht. Ja, da ist ein sehr breiter Streifen drin, das müsste hoffentlich reichen." 

Nun war es an mir, eine Augenbraue hochzuziehen. Ich passte vielleicht nicht ganz rein, aber ich war ja nun auch kein Elefant!! Anneliese und ich einigten uns schließlich, und ich zog von dannen in dem guten Gefühl, dass die Sache mit dem Kleid jetzt erstmal erledigt war.

So, was brauchten wir noch? Die Liste war ja gar nicht mehr so lang: Kirche, Pastor, Organist, Location zum Feiern, DJ, Essen, Termin fürs Standesamt, zig Urkunden, Schuhe, Friseur, Kosmetiker, Maniküre, Pediküre, Torte usw usw..... Ha ha!!!

Ich lachte auf! Wenn ich das nicht getan hätte, wäre ich vermutlich wahnsinnig geworden. An diesem Abend kam mir erstmals der Zweifel, ob das wirklich eine so gute Idee gewesen war mit dem Heiraten.... man hätte es auch einfacher haben können.

Tuuut, tuuut, Klick "Hey Süße!" 

"Tiihiimm!!! Das ist alles zuviel!" 

"Was ist denn zuviel, hm?"

"Wir haben uns übernommen..."

"Womit?"

"Mit der Hochzeit du Dödel!" (jep. Da war er, der Zeitpunkt, an sich dem meine Verzweiflung in Aggressivität umwandelte. Das konnte mein Tim wie kein Zweiter)

"Nein Süße, haben wir nicht. Komm mal wieder runter. Ich kenn dich doch. Du bist jetzt wieder in so einer "Alles ist scheiße" Stimmung, und ich weiß, dass man dich da schlecht rauskriegt. Aber wir werden jetzt nicht wieder anfangen ALLES in Frage zu stellen. Das wollten wir doch nicht mehr machen, oder?"

Den letzten Satz sagte er in einem Tonfall, in dem man mit Geisteskranken redete. 

"Außerdem haben wir doch noch Zeit..." fuhr er fort, aber das hörte ich schon gar nicht mehr.

Meine Antwort möchte ich euch ersparen. Ich explodierte, überhäufte ihn mit Schimpfwörtern und wurde schlußendlich gemein, zynisch und giftig. Tim ließ all das über sich ergehen, lachte mich irgendwann aus, nannte mich "HB-Männchen", und als der Sturm vorüber war, ließ er mich wissen, dass er mich immer noch lieb hat. 

So brauchte ich das. Das ist mein Streitmuster. So seltsam das auch ist, aber es ist meins, und Tim weiß das. Ich wurde wieder zuversichtlicher. Irgendwie schaffte er das immer, auch wenn er nur am Telefon da war, dass ich an einem bestimmten Punkt wieder zu dem Schluss kam:  "Es wird schon gehen..."

Und es ging. Langsam, aber stetig schritten die Vorbereitungen vorwärts... 4 Wochen vor der Hochzeit war hinter den meisten Dingen auf der Liste ein Häkchen. 

Dann allerdings erwies sich Hiob als mein Herr und Meister und was schief gehen konnte, ging schief....

 

 

 

19.09.2009 um 11:06 Uhr

Paht tänn

Das Internet hielt was es versprach. Ich saß eines Abends davor, drückte lustlos auf den "Mit dem Internet Verbinden"-Button und dachte mir: "Naja, was soll denn dabei jetzt schon rauskommen?"

Immerhin kannte ich Mädels, die seit einem geschlagenen halben Jahr kreuz und quer durch Deutschland fahren, um "ihr" Brautkleid zu finden. "Hm...ich probiers mal bei ebay" - Dieser Gedanke liegt ja irgendwie nahe...ist dafür aber auch nicht sonderlich originell.

"Booahhhh! Wat hat Deutschland keinen Geschmack!!!" war mein erster Gedanke, als ich mich durch die Gebraucht-Kleider klickte. Geplatzte Sahne-Baisers noch und nöcher.... "Üüübelst!!!" quiekte ich vergnügt. Diese Suche fing an Spaß zu machen, vor allem wenn die Bräute ihr Kleid auf den Fotos auch noch angezogen präsentierten. Speckige Arme in weiße Spitze gequetscht, monströse Waden, die unter Massen an Tüll hervorluken, und Blumenkränze auf den "so eighties" Dauerwellen. 

Das war nicht nett. Ich weiß. Aber auf der anderen Seite war es reiner Selbstschutz. So scheiße die Damen auch aussahen, ich glaube sie fühlten sich toll. Ich war mir ziemlich sicher dass ich mich nicht toll fühlen würde. Immer wieder dieser Gedanke "Das passt doch nicht zu mir!"

Ich erwähne es oft und gerne, dass ich eher so der Rollkragenpulli-Nietengürtel-Lederjacken-Typ bin. In solchen Sachen fühle ich mich sicher. Mein Look ist das Schutzschild, das sich solide zwischen mich und die Welt schiebt.

Wenn ich nun in so ein Kleid steige, sehe ich es vor mir: Die mitleidigen Blicke und der Satz, der allen auf die Strin geschrieben steht: "Ach Jottchen, nu probiert se hübsch zu sein"...

Dann allerdings fand ich es, ganz plötzlich: Das Kleid! 

Es hing da auf einer Schneiderpuppe zwischen all den anderen ebay-Schnappschüssen und ich wusste es. Ich wusste: Darin kann ich mich wohl fühlen! Es war schmal geschnitten, weit und breit nix knisterndes und bauschiges zu sehen, und mit einer kleinen Schleppe. Empire-Stil, das heißt unter der Brust gab eine Absetzung. Ein paar Perlenstickereien rundeten den oberen Teil ab. Und Trompeten-Ärmel aus luftigem Chiffon. Der Hippie in mir jubilierte. Ich hatte es gefunden! Das Kleid, das mich nicht zum Michelin-Männchen machen würde. In dem ich nicht aussehen würde, als wäre ich vorwitzig in einen Berg Zuckerwatte gesprungen. 

Es war nagelneu, es sollte 300 Euro kosten, es gab noch ein Exemplar - Gebongt!

"Ääähhhh....wadde mal" sagte mein Gehirn zu meinem Bauch: "Fräulein, dat Kleid ist Größe 36/38! Hackts bei dir?" 

Ich war beleidigt. Wie konnte mein Gehirn so etwas Gemeines sagen? Na gut, so richtig Idealmaß war das nun nicht, aber auch nicht ohne jede Hoffnung. Ich musste mich schnell entscheiden - Nur noch ein Exemplar. Aber wie ich schon erwähnte, bin ich ein Sicherheitsmensch. Also mailte ich erstmal der Verkäuferin und fragte nach den genauen Maßen. Glück gehabt. Sie antwortete erfreulich schnell. 

Das muss ein Schauspiel gewesen sein, als ich mit einem ollen, gelben Maßband in Unterhose in meinem Wohnzimmer rumhampelte, um Hüften, Taille und Brust auszumessen...

"Das könnte passen...." ratterte es nun endlich auch in meinem Gehirn. Nach ein paar Minuten voll des Kampfes zwischen Engelchen rechts und Teufelchen links, bewies ich, dass auch ich das Risiko nicht scheue: ich legte meinen Zeigefinger auf das Touch-Pad und drückte ihn, den "Sofort-Kaufen"-Button.