Licht_im_Flur

15.10.2009 um 22:01 Uhr

Paht ssörtien

Ich rührte gedankenverloren im Rührei (was sollte man denn auch wohl sonst mit Rührei machen, irgendwoher muss der Name ja kommen...)

 

Vor zwei Tagen hatte Tim mir den neuesten Coup seiner Eltern eröffnet und ich war eigentlich ganz cool. Ich meine, es tat mir unendlich leid für ihn, aber ich war ihm eine ganz gute Stütze und er lässt so etwas ja eh nicht sehr nah an sich ran. Tim ist ein Weitermacher. Ich bin die Seelenstreichlerin - so ergänzten wir uns in diesen Tagen ganz gut.

Gleich sollte der Pastor vorbei kommen. Auch er hatte inzwischen von dem Brief Wind bekommen und deswegen ein Treffen in privatem Rahmen vorgeschlagen. Zudem kannte dieser Pastor mich schon seit ich geboren wurde. Ein Freund meiner Eltern sozusagen. Ich machte also Frühstück und wir warteten auf den Pastor - eigentlich eine klassische Rollenverteilung.

"Bist du nervös?" fragte ich Tim über die Schulter. 

"Och, vielleicht ein bisschen"

"Du weißt aber schon, dass du ihm sagen musst, was du an mir am meisten liebst?" Ich machte mein "Ätsch"-Gesicht.

"Was? Im Ernst?" Erwähnte ich schon, dass Tim nicht so auf Gefühle steht? Also zumindest nicht so auf die geäußerten...?

"Jahaa..." piepste ich und drehte meine imaginären Löckchen auf den Finger.

Aber während die Stimmung sich fast dem Adjektiv "gelöst" annäherte, klingelte es und er war da: Der Pastor.

Nach den ersten Worten war ich schon not amused. Es ging zunächst um die Wohnung. Die Kündigung. Vorhaltungen, denn ein Mann der Kirche beißt den anderen der Männern der Kirche... naja, das kennt man.

Dann kam er auf den Brief zu sprechen. Ich rührte immer noch im Rührei. Er sagte zu Tim, formell müsste er jetzt mit ihm rausgehen. Tim sagte "Nee, sie kann alles hören!" und ich rührte und rührte... immer verbissener.

Der Pastor wollte uns erstmal beruhigen. Verbieten könnten die Eltern uns nichts, so etwas hätte er auch noch nicht erlebt, und ihm käme es außerdem vor wie übles Nachtreten, aber formell (ja, was auch sonst...) müsse er Tim den Brief nun vorlesen. Ich rührte...

Die beiden mussten eine Zeit lang hilflos auf meinen rührenden Rücken (hach, bin ich auf diese Formulierung stolz!) geblickt haben, denn der Pastor meinte "Willst du nicht dazu kommen? Jetz lass mal das Rührei, das kann auch kalt werden" und Tim meinte ganz lieb und sanft (ja, manchmal hat er es, das Gespür...) "Hey... komm mal her..." Ich drehte mich um, biss mir auf die Lippe, aber es half nichts mehr: In dem Moment, als ich nichts mehr zu rühren hatte, brach es raus aus mir. Ich schaffte es noch mit angespanntem Kiefer bis zur Küchenbank, aber dann hatte ich es plötzlich nicht mehr im Griff. Mein Gesicht, und vor allem meine Tränen. Ich schlug die Hände vors Gesicht und heulte. Heulte richtig, und selten im Leben ist mir etwas peinlicher gewesen...

Tim rang irgendwie auch um Fassung, während er mir hektisch das Bein tätschelte. Mit seinen Arschloch-Eltern konnte er um, aber mit meinen Tränen nicht. Der Pastor war da schon cooler. Na gut, was wäre er auch für ein Seelsorger... Ich beruhigte mich schließlich irgendwann. Wohnung, Brief, Hochzeit - das war alles zuviel. Das wollte raus. Scließlich konnte ich ihn mir aber doch noch anhören, diesen Brief, der mich dann sogar noch zum Lachen reizte:

Tims Vater schrieb, sein Sohn sei Opfer meiner Machenschaften geworden. Ich hätte ihn verhext, mit Hilfe meiner manipulativen Familie, und Tim sei nun nicht mehr Herr seiner Sinne. Er sei unglücklich und psychisch instabil seit er mich kenne. Und so weiter und so fort. Er zitierte sogar Moses, ich weiß nicht mehr welche Stelle, und dann hatten Tim und ich ihn wieder, unseren Galgenhumor An einigen Stellen kicherten wir, als würde der Pastor grade was extrem Unanständiges vorlesen. An anderen Stellen zwinkerten wir uns wissend zu.

Und dann erklärte Tim den Pastor, wie es wirklich war. Dass auch bei meiner "Vorgängerin" schon diese Argumente ins Spiel kamen, dass er sich da noch hatte einschüchtern lassen, aber dass er sich danach geschworen habe, sein Leben nie wieder so aus der Hand zu geben, dass er sehr genau wisse was er tue und dass er glücklich sei. So bestimmt hatte ich ihn selten erlebt. Ich sah ihn an, sah ihn nochmal an, sah ihn von der einen Seite an, sah ihn von der anderen Seite an und merkte: ich fand ihn einfach nur toll. So stand ich also 2,5 Wochen vor meiner eigenen Hochzeit da und hatte mich soeben nochmal in meinen Mann verliebt...