Licht_im_Flur

22.11.2009 um 12:13 Uhr

Paht Vortiehn

Als wir am nächsten Morgen aufwachten, konnte ich quasi physisch spüren, wie wir näher zusammen gerückt waren. Trotz des ganzen Problem-Knäuels und einiger Nachwirkungen fühlte ich mich in diesen Tagen extrem gut. Tim und ich waren uns nah, was auf diese Weise wirklich nicht immer der Fall gewesen war...

Tim und ich scherzten viel über den Tag der Hochzeit: Ob seine Eltern trotzdem auftauchen würden? Ob seine Mutter sich mit einem spitzen Schrei vor den Altar werfen würde? Ob sein Vater den Pfarrer niederringen würde, um die Katastrophe zu verhindern?

Wir überlegten ernsthaft, seine beiden besten Freunde als Bodyguards an die Kirchentür zu stellen, um den beiden unerwünschten Familienmitgliedern den Zutritt zu verwehren...Man konnte ja nach alldem nicht wirklich ahnen, was sie sich noch einfallen lassen würden. Ich hatte übrigens ein, zwei Tage lang auch den ständigen Drang mich auf der Straße umzusehen und alle umliegenden Fenster abzusuchen, ob sich dort irgendwo der Lauf einer schalldämpfer-geschützten Waffe findet... Naja. Diesen Gedanken ließ ich aber schnell wieder fallen. Die Paranoia lebte schließlich woanders, so sehr wollte ich mich von diesen Idioten nicht beeinflussen lassen. Wir versuchten so gut es ging, das Kapitel Grusel-Schwiegereltern abzuschließen. Was sollte man darüber auch noch reden? Es war alles so jenseits von gesundem Menschenverstand.

Nun war es deshalb wieder Zeit, sich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern: Haare, Make-Up, Kleid. Das alles brauchte eine Generalprobe... Ich bin zwar nicht der Prinzessinnen-Typ, aber am Tag meiner Hochzeit wollte ich trotzdem alles geben, um wenigstens ein bisschen nach wunderschöner Braut auszusehen.

Ich betrat also den Kosmetik-Salon. Allein dies hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie getan. Eine Kosmetik-Vekäuferin kam mit gefrorenem Lächeln auf mich zu. Können die überhaupt anders? Gibt es eine Mimik da unten? Unter den Tonnen an Creme Powder, Concealer und Tusche? Nichts genaues weiß man nicht... Ich täte ja einiges dafür geben, mal so eine Douglas-Mimi morgens um sieben aus dem Bett zu holen und ihr Gesicht unter eine Schreibtischlampe zu halten (ich schrieb soeben: Schreibtisch-Lampe, nicht Schreibti-Schlampe! *g)

"Wie kann ich Ihnen helfen?" flötete sie.

"Ähm... ich habe einen Termin zum Probe-Make-Up" sagte ich artig mein Sprüchlein auf. Eigentlich bin ich tough. Ziemlich tough, aber dieser ganze Mädchen-Kram verunsichert mich, vor allem wenn ich ihn noch nie gemacht hatte. Dazu muss man wissen: Ich war irgendwie immer die letzte, die was wusste. Als ich mit 14 erfuhr, dass man sich als Frau die Beine rasieren muss, war ich kurz überrascht, aber dann auch unglaublich dankbar für diese Information, die mir zuvor grundlegend gefehlt hatte.

Noch während ich in den Armen des Mannes lag, mit dem ich meine ersten -sagen wir mal- körperlichen Erfahrungen sammelte, schickte ich in Gedanken einen kurzen Gruß an meine zwei Jahre ältere Freundin, der ich es zu verdanken hatte, dass die zwei, drei kurzen Härchen, die sich bis dato die Frechheit erlaubt hatten, an meinen Beinen zu wachsen, im Abfluss waren und nicht zwischen den Fingern von Carsten. 

"Haben sie bestimmte Vorstellungen?" gab mir die Tusche-Tante professionell das Gefühl, sie würde auf mich eingehen.

"Ja, äh... also nicht soviel. Ich meine, ich will, dass man mich noch erkennt. Wissen Sie, ich möchte einfach vermeiden, dass meine Freunde denken "Hä? Wo ist denn die Braut? Ich kenne sie doch eigentlich, aber ich sehe sie nicht..." weil ich in einer starren Maske aus Rouge und Lippenstift nicht mehr ich selbst bin... Hab ich alles schon erlebt!" brach es aus mir hervor. Ich glaube das war ein wenig despektierlich. Zumindest reagierte sie so:

"Naja, DAS ist doch selbstverständlich. So etwas machen wir hier auch nicht, keine Sorge..." 

Ach, nicht? dachte ich. Immerhin hatte ich schon eine ganze Handvoll solcher Bräute gesehen. Wie auch immer. Mit vereinten Kräften schusterten wir ein Make-Up-Ensemble auf mein Gesicht, das mich zufrieden stellte. Ein bisschen braun, ein bisschen bronze, ein bisschen dunkelrot - das ging. Ich war erleichtert, aber nicht wirklich glücklich. Ich blieb dabei. Es passte nicht zu mir und ich fühlte mich albern, als ich aus der Ladentür trat. 

Ich erwartete, dass sich nun alle Passanten nach mir umdrehen, kichern und mit dem Finger auf mich zeigen. "Guck dir DIE mal an, ist die in einen Farbtopf gefallen?" Als nichts dergleichen passierte, beruhigte ich mich. Es würde schon gehen. 

Und ich hatte ja immer noch etwas, das es rausreißen würde. Etwas, das ich in der Zwischenzeit richtig lieb gewonnen hatte und dem ich grenzenloses Vertrauen entgegenbrachte (auch wenn es am Busen etwas bollerte)... Mein Kleid!