Licht_im_Flur

30.01.2010 um 13:05 Uhr

Paht Fifftiehn

"Tim! .... Tiim!!!"

"Hm?" Fragend steckte er seinen Kopf durch die Tür. Vorgestern war er angereist. Samt drei Anzügen in Plastikhüllen und allem, was man sonst noch so braucht, breitete er sich in meiner Wohnung aus. 

"Wie konnte es nur so weit kommen?"

"Hm?" Er hört bei solchen Fragen schon gar nicht mehr hin.

"Wir heiraten morgen!!!" Meine Stimme war ein einziges, lang gezogenes Iiieeek.

Tim grinste: "Das hast du gut erkannt, Baby!" 

Ich starrte ihn an.... und musste lachen. Ich verbreitete leicht gekünstelte Panik, obwohl ich tatsächlich ziemlich ruhig war. Das ist keinesfalls selbstverständlich. Meine Nerven sind alles andere als Drahtseile. Man kann sagen, meine Nerven sind eh schon dünne Haare, denen nach einer schlimmen Bleichkur der Rest gegeben wurde. 

Vor der Bekanntgabe meiner Abinoten hatte ich zum Beispiel so schlimmen Durchfall, dass ich das sonst riguros gesperrte Lehrer-Klo entweihte. Am Morgen meiner Führerscheinprüfung bekam ich einen Heulkrampf und schlug immer wieder meinen Kopf rhythmisch auf den Küchentisch. Und rund um mein Examen hatte ich ständig Zuckungen im Gesicht. Es wollte sich schon gar keiner meiner Freunde mehr mit mir treffen, weil es so peinlich war.

Und nun stand die Hochzeit bevor. (Ich nannte sie immer noch "Die Hochzeit" statt "Meine/Unsere Hochzeit" weil ich das alles noch immer so surreal fand.) Und ich war die Ruhe selbst. Kein Durchfall, kein Heulen, kein gar nix. Dabei hatte ich vorher echt viel Geld in der Apotheke gelassen. Vorsorge ist alles! Übelkeitshemmer lagen in meiner Tasche ebenso wie Aspirin, Immodium, Johanniskrautkapseln und -ich gestehe- eine Flasche Abführmittel. Ich wollte alles, was sich da regelmäßig seinen natürlichen Weg bahnt, los sein, wenn ich zur Tat schreite. Ich kannte doch meinen Darm - der meldet sich in den ungünstigsten Situationen. Wenn ich im Stau stehe, in der mündlichen Prüfung sitze oder in den Armen einer neuen Eroberung liege. Son Arsch ist mein Darm, im Ernst....

"Und? Was macht dein Magen?" Tim steckte wieder den Kopf durch die Tür. Jaja, er kannte sie längst, meine Marotten und Neurosen.

Ich verzog abwägend den Mund: "Bis jetzt nix...."

"Ist doch super. Ich habe dir dch gesagt, dass nichts passieren kann, Süße!"

"Hmmm..." Überzeugt war ich nicht. Sollte es wirklich so glimpflich ablaufen? 

Immerhin gab es noch eine Gnadenfrist. Morgen war ja erstmal das Standesamt dran. Kein großes Tamtam, sondern eine intime kleine Runde in einem mittelgroßen Raum.

"Das geht doch noch..." dachte ich bei mir und beschloss, dass die Ruhe echt war...