Ai shenghuo-Liebe das Leben
Musik: New Order-Ceremony; Eels-Saturday morning
KITTY
Ai Shenghuo - Liebe das Leben
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Ich stehe unter der Dusche und meine Lippen haben noch immer diesen salzigen Geschmack. Es fühlt sich gut an, irgendwie läuternd.
Ich bin Kitty und denke über diesen einen Satz nach. Ich liebe das Leben. Denke über eine Lebensweisheit nach, die ich mir als Zeichen meiner Bestätigung auf einen Japanballon, wie man diese billigen Papierlampinions in der Zwischenzeit nennt, mit billiger roter Farbe und einem Pinsel, aus einem Malkasten der zweiten Klasse, Fundstück Dachboden geschrieben habe. Natürlich habe ich diese Selbstbestätigung oder das Mantra, wie wir es in unserer postmodernen Gesellschaft gerne nennen, nicht mit dem Satz Ich liebe das Leben auf diesen Papierlampinion geschrieben. Das wäre zu offensichtlich und hätte etwas unheimliches, psychotisches an sich. Mit Sicherheit hätte mein damaliger Mitbewohner mich dann für verrückt erklärt. „Wo ai shenghuo“ habe ich deshalb geschrieben. Das ist die lateinische Umschrift für Chinesisch, pinyin genannt. Klingt alles sehr verwirrend. Mein PC unterstützt keine asiatischen Schriftzeichen, deshalb sei dem Leser nun genüge getan, wenn er sich diese drei Schriftzeichen mit roter Farbe auf einem Papierlampinion vorzustellen hat.
Warum ich Kitty heiße, weiß ich auch nicht so genau. Ich habe mir diesen Namen einfach gegeben und bin mir nicht einmal sicher ob meine Freunde mich unter diesem Namen erkennen werden. Kitty hat etwas leichtlebiges, naives an sich, so finde ich. Nicht dass ich mich mit leichtlebig oder naiv in Verbindung bringen würde. Jedenfalls nicht mehr. Wo ai shenghuo, mein Mantra, ich habe mich soeben dazu überwunden es auf diese Weise zu benennen stammt aus einer Zeit, in der ich angefangen habe Chinesisch zu studieren. Es gibt banalere und verrücktere Dinge die man heutzutage studieren kann, aber es hat mir genügt um mit einem bescheidenen Lächeln auf Parties ein wenig Eindruck zu schinden.
Warum ich angefangen habe, Chinesisch zu studieren weiß ich bis heute nicht, jedenfalls habe ich auf Parties immer eine Begründung dafür gefunden. Meistens war es die Version, dass ich mich als Kind schon für alles Asiatische begeistern konnte und mich eine Sprache, die nicht aus alphabethischen Zeichen besteht schon damals fasziniert hat. Dass dies so war, kann nicht bestritten werden, allerdings habe ich das Chinesisch Studium ohne einen einzigen Hintergedanken angefangen. Leichtlebig und naiv vielleicht.
Im ersten Semester saßen viele Wannabes, wie einer meiner Kommilitonen sie gern bezeichnete. Am ersten Tag wurden wir alle auf unseren bisherigen Lebenswandel, unsere erreichten Ziele und so weiter, man kann es sich vorstellen befragt. Da ich mir eigentlich nie viele Gedanken über das Studium gemacht hatte war ich natürlich auch nicht auf diesen Einstand vorbereitet. Die Wannabes hatten bereits mehrere Semester an anderen Hochschulen studiert, einige Zeit, manche sogar Jahre, im Ausland, gelebt und waren hoch, nein ich sollte eher schreiben höchstmotiviert. Dass ich 19 Jahre alt war und eine schulische Ausbildung abgebrochen habe um danach ein halbes Jahr bei H&M Kleider zu sortieren und einen guten Eindruck an der überfüllten Hauptkasse zu machen, hatte nach Jakarta, China und anderen grenzwertigen Berichten natürlich keinen mehr interessiert. Also habe ich mich auf das wesentliche konzentriert. Parties.
Ich hatte bereits im Hinterkopf die Aussage gespeichert, dass Studenten sehr gerne feiern, aber wie das in der Realität aussah hatte ich mir nicht vorzustellen gewagt.
Ich habe viele Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben. Am meisten haben mich Wei Hui, Autorin der Erzählung „Shanghai Baby“ und Hong Ying, auch Autorin chinesischer Skandalromane, fasziniert. Aber auch in Zeiten vor Wei Hui und Hong Ying hat mich ein Schriftsteller besonders angezogen. Stephen King. Auch heute noch mag ich seine einzigartige Erzählform. Puristisch, ein bisschen vulgär und detailgetreu. Im Alter von zehn habe ich seinen Bestseller „Es“ gelesen und mir schien es klar, ich würde eines Tages Schriftsteller werden.
Mit dreiunzwanzig, dachte ich als Kind immer, ist man verheiratet, hat zwei drei Kinder und macht für einen Mann den Haushalt, der pünktlich abends um fünf vom Arbeiten nach Hause kommt. Man fährt ein hübsches Auto und hat natürlich einen Garten für die Kinder. Sollte man aus der Kindheitsperspektive schließen, habe ich in dieser Hinsicht nichts erreicht.
Die letzte Beziehung, die ich geführt habe, ist nach einem Monat ausgelaufen, man könnte auch sagen abgelaufen. Einen weiteren Monat habe ich gebraucht, um dies zu realisieren und im dritten Monat den Verlust, so naiv es klingen mag, zu verschmerzen. Ein Monat, was ist das schon, werden meine Leser jetzt denken. Lasst es mich aus meiner Sicht der Dinge erklären. Eine langjährige Beziehung die in die Brüche geht hinterlässt eine Lücke und das Gefühl eines Verlustes. Hat man die Person noch geliebt, so sind es sicherlich Schmerzen, die man mit keinen Worten unserer Sprache erklären könnte. Geht man aus der Beziehung im gegenseitigen Einverständnis, ist es einfach das Gefühl, man würde seinen besten Freund verabschieden. Man hatte gute und schlechte, ja, beschissene Zeiten miteinander ausgestanden. Den Partner betrogen oder ist betrogen worden. Es hilft also in den meisten Fällen, sich hin und wieder an die schlechten Dinge, den ermüdenenden Alltag zu erinnern um Abstand zu gewinnen und nach Vorne blicken zu können.
In einer jungen Beziehung, meiner Letzten sozusagen, habe ich keine negativen Erinnerungen. Wir hatten keine Auseinandersetzung und haben uns ständig geliebt. Es war einfach noch zu früh als das der Alltag hätte anfangen können.
Wir mussten uns keinerlei Gedanken über den Tagesablauf machen, über Filme, die wir in der Videothek noch nicht ausgeliehen haben oder Bars die wir mit gemeinsamen Freunden noch nicht besucht haben um einen Tag auszufüllen.
Wir waren beide neu in der Stadt, hatten keine gemeinsamen Freunde, keine Stammvideothek und es genügte, wenn wir uns miteinander beschäftigten. Eine neue Liebe beginnt stets mit einem naiven Gefühl, aus dem Herzen. Du entscheidest nicht aus dem Kopf sondern aus dem Herzen heraus. Dies ist die Art mit der du die neue Beziehung angehst. Aus dem Herzen ohne Hintergedanken und Zweifel. Wird ein solches Gefühl im Anfangsstadium gebrochen, herrscht danach Chaos. So sehe ich das. Chaos in der Seele. Ein regelrechtes Durcheinander das stets durch neue wundervolle Bilder verstärkt wird und den Kummer unerträglich macht.
Weiß Gott, hätte ich es mir aussuchen können, würde ich mir wünschen, dass ich diesen Menschen nie kennengelernt hätte oder wenigstens ein paar negative Erinnerungen parat, um nach Vorne blicken zu können.
