Nachts wenn ich schlafe und tagsüber in der U-Bahn verhalte ich mich wie im Koma. Ich denke an gar nichts, ich schalte ab, auch mein Herz, es tut nichts mehr weh.
Davor, vor dem Einschlafen denke ich an meinen Liebsten und es tut weh, dass ich schreien will, ich bekomme keine Luft und heule, dann falle ich ins Koma.
Ich wache nachts auf und mein erster und einziger Gedanke ist wieder mein Liebster. Meistens kann ich die Tränen unterdrücken und mich wieder ins Koma besorgen, wie sein Mitbewohner es mit seinen Patienten im OP macht. Er sagt er sorgt für schöne Träume, aber die bleiben aus. Im Koma träumt man nicht.
Morgens, nach mehrmals aufschrecken in der Nacht, erwache ich vor dem Wecker und unterdrücke den Drang zu weinen und zu schreien. Ich drehe aus Gewohnheit den Laptop auf, aber keine Nachricht von meinem Liebsten und ich muss würgen und beinahe kotzen, aber ich darf nicht weinen, weil ich gleich zur Arbeit muss.
Auf dem Weg in die Arbeit versuche ich wieder komatös zu werden, es gelingt aber nicht. Ich konzentriere mich voll und ganz auf mein Buch und das rettet mich. Bücher lesen und schreiben haben mich schon immer gerettet. Ich frage mich, wie ich überleben konnte, bevor ich schreiben und lesen konnte.
Es war sicher nicht leicht.
In der Arbeit schreibe ich E-Mails, ich bin so froh, dass ich diese Woche nur E-Maildienste habe. Ab und an muss ich einen Kunden anrufen, das ist schwer, aber nicht unmöglich. Ich konzentriere mich. Nur die Pausen sind schlimm, auf dem Klo kämpfe ich mit den Tränen, die über mich kommen wollen und während der Arbeit immer wieder gegen Erinnerungen und den Impuls mir Details für meinen Liebsten zu merken, die ich ihm später erzählen will, mir vorzustellen was er dazu sagen würde. Mein Herz schnürt sich zusammen, aber ich arbeite weiter und es geht weiter. Es ist unglaublich, aber es ist so.
Die Heimfahrt dann ist echt schlimm. Alles in mir will weinen und meine Augen füllen sich mit Tränen, wenn mein Gehirn sich mit Erinnerungen füllt, mit Fragen auf die ich keine Antwort weiß.
Was macht er gerade? Denkt er auch an mich? Er hat Urlaub diese Woche, Nachmittags wird er bei seinem Sohn sein, oder mit seinem Sohn bei seiner besten Freundin? Oder sind die beiden zusammen weg gefahren mit den Kindern? Oder ohne? Ich weiß es nicht.
Ich will wissen ob es eine Chance gibt, ob ich sie verpasse wenn ich warte, oder wenn ich ihm zu früh schreibe? Ob ich versuchen soll für immer abzuschließen, aber der Gedanke, das Gefühl ist so entsetzlich und so unmöglich, dass er nicht weiter gedacht werden kann. Nicht akzeptiert werden kann. Manchmal denke ich auch, dass es vielleicht besser ist so. Aber mein Herz kreischt, mein Hirn sticht, meine Nerven versagen, mir ist wieder zum würgen und ich weiß, dass ich mir das nie einreden können werde. Eine Fernbeziehung ist hart, ich habe Fehler gemacht, aber ich will das nicht aufgeben, ich kann nicht. Ich liebe ihn. Und der einzige Grund es wirklich aufgeben zu müssen ist, wenn er wirklich keine Gefühle mehr für mich hat. Kann das sein?
Wenn es so ist, dann muss ich das akzeptieren, aber noch glaube ich das nicht.
Ich öffne die Wohnungstür und darf endlich weinen und schreien. Ein bisschen hier schreiben, mich wieder beruhigen. Ein bisschen Freunde damit belästigen, auch wenn sie meinen es sei ok.
Mir anhören, dass es noch andere Männer gibt, was mich nicht interessiert, mir anhören, dass er eine andere hat sicher, was keiner wissen kann, aber dann wäre das mit den Gefühlen auch geklärt.
Niemand kannte ihn so wie ich von meinen Freunden. Niemand kann das beurteilen. Ich kann es selbst nicht, wieso sollten sie es können.
Ich glaube an das Schicksal und ich bete, dass es unser Schicksal ist wieder zusammen zu finden und es besser zu machen. Weil es einzigartig und wunderschön war. Und wir hätten es fast verloren. Oder haben wir es tatsächlich verloren?
Bitte Schicksal, steh uns bei, ich denke wir haben es verdient.