Wozu braucht man eigentlich Männer?
Wozu braucht man eigentlich Männer? Tja, das frage ich mich manchmal. Gestern ist es mir wieder eingefallen.
Der Frühling hat sich entgültig gegen den Winter durchgesetzt. Zeit, sich mal wieder der Natur vor meiner Haustür zu widmen, dachte ich. Wie schon erwähnt, besitze ich nicht gerade einen "Grünen Daumen". Aber Aufräumen kann ich ganz gut. Und Entsorgen. Und Wegwerfen... Hmm, ich schweife vom Thema ab.
Der Baum (eine Eibe) vor meinem Wohnzimmerfenster hat ganz schöne Ausmaße angenommen. Eigentlich nicht schlecht, wenn man so einen natürlichen Sichtschutz vor dem Fenster hat. Aber wenn er mir die Sicht auf die Frühlingssonne nimmt, ist es an der Zeit, ihn wieder mal zu stutzen.
Mit der Heckenschere bewaffnet machte ich mich also daran, ihn zu beschneiden. Als mich mein Nachbar von gegenüber mit dem Monstrum hat herumfuchteln sehen, schrie er herüber: "Soll ich dir meine Motorsäge leihen?" "Nein, nein", rief ich zurück, "ich mach das lieber auf die altmodische Art. Aber danke."
In Wahrheit hatte ich mächtigen Respekt vor diesen Kettensägen. Ich sah mich mit der Motorsäge balancieren auf der Leiter, mit den rasselnden Klingen, rotierend vor meiner Nase, strauchelnd, das Gleichgewicht verlieren, hinabstürzen und... keine Arme keine Beine mehr. Nee, nee... lieber nicht.
Da nahm ich doch lieber die Heckenschere. Immerhin schon ein Fortschritt. Letztes Jahr hatte ich noch die Rosenschere genommen und jedes gewachsene Ästchen einzeln abgeschnitten. Doch mit der Heckenschere war es auch nicht viel einfacher. Die hatte wohl jemand vergessen zu schärfen. Mühselig bewegte ich die Scherenblätter vor mir auf und zusammen, immer mit gebührendem Abstand von meiner Nase.
Mann, das war ganz schön anstrengend. Aber ich wollte mir keine Blöße geben. Mein Nachbar stand immer noch gegenüber auf seinem Grundstück und schien sich zu fragen, wie lange ich für meine Arbeit wohl brauchen würde. Oh nein, Aufgeben kam überhaupt nicht infrage. Ich schnibbelte weiter. Weiter und weiter.... bis der letzte Zipfel entfernt war. Fertig.
Aber nicht nur der Baum war fertig. Ich auch. Alles tat mir weh. Jeder Knochen, jeder Muskel. Ich konnte mich kaum noch bewegen. Beim Unkrautzupfen spürte ich jede Faser meines Körpers. Jetzt ein heißes Bad.
Ich überlegte, dass ich eigentlich stolz darauf sein konnte. Trotz allen Zweifels hatte ich mein Vorhaben erfolgreich abschließen können. Das Beet sah jetzt wirklich wieder sehr schön aus.
Aber ich gebe zu, einen Mann, der diese Arbeit für mich hätte übernehmen können, wäre schon schön gewesen. Oder für das Umsetzen meines Schlafzimmerschranks letztens. Oder zum Wechseln der Winterreifen. Und, und, und... Sicher, mit ein bisschen Arschzusammenkneifen kriege ich all diese Dinge auch allein auf die Reihe. Ganz nach dem Motto "Selbst ist die Frau".
Bei der Baumbeschneidung ist es doch so ähnlich wie mit dem Sex. Mit ein bisschen Selbstinitiative schafft man es sehr gut auch alleine. Aber bequemer ist es doch, wenn einem einer die Arbeit abnehmen könnte.
Oh mein Gott! Jetzt vergleiche ich schon den sexuellen Akt mit einer Baumbeschneidung. Wo soll das, bitte schön, noch hinführen?
Da fällt mir allerdings ein. So absonderlich ist meine Behauptung eigentlich garnicht. Es ist noch nicht lange her, da hat mich Markus angerufen. Lange nach unserer nicht eindeutig geklärten Trennung. Irgendwann Anfang November. Gespannt hörte ich mir an, was er denn von mir wollte. Er fragte, und das ist jetzt kein Scherz, ob ich schon meine Winterreifen draufgezogen hätte. "Ja, das habe ich schon im Oktober erledigt", antwortete ich. "Ach so." Nach einer kurzen Pause hakte ich dann nochmal nach. "Ist das der Grund, warum du mich angerufen hast? Ob ich meine Winterreifen schon draufgezogen habe?" "Äh, ja. Ich dachte, das wird ja langsam Zeit."
Und das war tatsächlich alles. Er rief nicht an, um mir zu sagen, dass er gerne mal wieder mit mir Essen gehen würde oder Mountainbikefahren oder einen netten Film anschauen. Oder irgendeinen Ansatz dafür, dass er mich vermissen würde. Nein, er wollte meine Autoreifen wechseln. MEINE AUTOREIFEN!
Diese Erkenntnis veranlasst mich dazu, folgende Theorie aufzustellen. Die Männer wollen keine Frau kennenlernen, um mit ihr Hand in Hand in den Sonnenuntergang zu spazieren oder kuschelnd vor dem Fernseher zu liegen oder gemeinsam die neueste Köstlichkeit beim Italiener um die Ecke zu genießen. Wahrscheinlich geht es noch nicht einmal um Sex. Nein, sie wollen etwas für einen erledigen, wofür sie uns für zu unfähig halten. Und sie wollen dafür gelobt werden.
Ich habe sogar Beweise. U27 hat mir vorgeführt, wie man einen Fahrradreifen wechselt. Thomas hat mir bereitwillig meine Küche aufgebaut. Und Markus hat sich ganz der Reparatur meines damaligen uralten VW Golfs gewidmet. Und ich Dussel, ich Dussel habe es versäumt, mich dafür bei ihnen angemessen zu bedanken. Naja, bedankt hatte ich mich schon. Aber immer mit einem kleinen Wink darauf, dass ich das auch mit etwas Mühe selber hätte schaffen können. Böser Fehler.
Und mit dieser Erkenntnis... ich hatte sowieso vor, ins Fitnessstudio zu gehen (trotz mächtigen Muskelkaters von der gestrigen Anstrengung)... werde ich ganz unauffällig Ausschau halten nach einem kräftig gebauten Mann und meinen hilfebedürftigsten Blick aufsetzen, den ich habe. Denn irgendwas gibt es ja immer zu tun.
