Liebensabschnitte

18.03.2012 um 11:45 Uhr

Wozu braucht man eigentlich Männer?

Wozu braucht man eigentlich Männer? Tja, das frage ich mich manchmal. Gestern ist es mir wieder eingefallen.

Der Frühling hat sich entgültig gegen den Winter durchgesetzt. Zeit, sich mal wieder der Natur vor meiner Haustür zu widmen, dachte ich. Wie schon erwähnt, besitze ich nicht gerade einen "Grünen Daumen". Aber Aufräumen kann ich ganz gut. Und Entsorgen. Und Wegwerfen... Hmm, ich schweife vom Thema ab.

Der Baum (eine Eibe) vor meinem Wohnzimmerfenster hat ganz schöne Ausmaße angenommen. Eigentlich nicht schlecht, wenn man so einen natürlichen Sichtschutz vor dem Fenster hat. Aber wenn er mir die Sicht auf die Frühlingssonne nimmt, ist es an der Zeit, ihn wieder mal zu stutzen.

Mit der Heckenschere bewaffnet machte ich mich also daran, ihn zu beschneiden. Als mich mein Nachbar von gegenüber mit dem Monstrum hat herumfuchteln sehen, schrie er herüber: "Soll ich dir meine Motorsäge leihen?" "Nein, nein", rief ich zurück, "ich mach das lieber auf die altmodische Art. Aber danke."

In Wahrheit hatte ich mächtigen Respekt vor diesen Kettensägen. Ich sah mich mit der Motorsäge balancieren auf der Leiter, mit den rasselnden Klingen, rotierend vor meiner Nase, strauchelnd, das Gleichgewicht verlieren, hinabstürzen und... keine Arme keine Beine mehr. Nee, nee... lieber nicht.

Da nahm ich doch lieber die Heckenschere. Immerhin schon ein Fortschritt. Letztes Jahr hatte ich noch die Rosenschere genommen und jedes gewachsene Ästchen einzeln abgeschnitten. Doch mit der Heckenschere war es auch nicht viel einfacher. Die hatte wohl jemand vergessen zu schärfen. Mühselig bewegte ich die Scherenblätter vor mir auf und zusammen, immer mit gebührendem Abstand von meiner Nase.

Mann, das war ganz schön anstrengend. Aber ich wollte mir keine Blöße geben. Mein Nachbar stand immer noch gegenüber auf seinem Grundstück und schien sich zu fragen, wie lange ich für meine Arbeit wohl brauchen würde. Oh nein, Aufgeben kam überhaupt nicht infrage. Ich schnibbelte weiter. Weiter und weiter.... bis der letzte Zipfel entfernt war. Fertig.

Aber nicht nur der Baum war fertig. Ich auch. Alles tat mir weh. Jeder Knochen, jeder Muskel. Ich konnte mich kaum noch bewegen. Beim Unkrautzupfen spürte ich jede Faser meines Körpers. Jetzt ein heißes Bad.

Ich überlegte, dass ich eigentlich stolz darauf sein konnte. Trotz allen Zweifels hatte ich mein Vorhaben erfolgreich abschließen können. Das Beet sah jetzt wirklich wieder sehr schön aus.

Aber ich gebe zu, einen Mann, der diese Arbeit für mich hätte übernehmen können, wäre schon schön gewesen. Oder für das Umsetzen meines Schlafzimmerschranks letztens. Oder zum Wechseln der Winterreifen. Und, und, und... Sicher, mit ein bisschen Arschzusammenkneifen kriege ich all diese Dinge auch allein auf die Reihe. Ganz nach dem Motto "Selbst ist die Frau".

Bei der Baumbeschneidung ist es doch so ähnlich wie mit dem Sex. Mit ein bisschen Selbstinitiative schafft man es sehr gut auch alleine. Aber bequemer ist es doch, wenn einem einer die Arbeit abnehmen könnte.

Oh mein Gott! Jetzt vergleiche ich schon den sexuellen Akt mit einer Baumbeschneidung. Wo soll das, bitte schön, noch hinführen?

Da fällt mir allerdings ein. So absonderlich ist meine Behauptung eigentlich garnicht. Es ist noch nicht lange her, da hat mich Markus angerufen. Lange nach unserer nicht eindeutig geklärten Trennung. Irgendwann Anfang November. Gespannt hörte ich mir an, was er denn von mir wollte. Er fragte, und das ist jetzt kein Scherz, ob ich schon meine Winterreifen draufgezogen hätte. "Ja, das habe ich schon im Oktober erledigt", antwortete ich. "Ach so." Nach einer kurzen Pause hakte ich dann nochmal nach. "Ist das der Grund, warum du mich angerufen hast? Ob ich meine Winterreifen schon draufgezogen habe?" "Äh, ja. Ich dachte, das wird ja langsam Zeit."

Und das war tatsächlich alles. Er rief nicht an, um mir zu sagen, dass er gerne mal wieder mit mir Essen gehen würde oder Mountainbikefahren oder einen netten Film anschauen. Oder irgendeinen Ansatz dafür, dass er mich vermissen würde. Nein, er wollte meine Autoreifen wechseln. MEINE AUTOREIFEN!

Diese Erkenntnis veranlasst mich dazu, folgende Theorie aufzustellen. Die Männer wollen keine Frau kennenlernen, um mit ihr Hand in Hand in den Sonnenuntergang zu spazieren oder kuschelnd vor dem Fernseher zu liegen oder gemeinsam die neueste Köstlichkeit beim Italiener um die Ecke zu genießen. Wahrscheinlich geht es noch nicht einmal um Sex. Nein, sie wollen etwas für einen erledigen, wofür sie uns für zu unfähig halten. Und sie wollen dafür gelobt werden.

Ich habe sogar Beweise. U27 hat mir vorgeführt, wie man einen Fahrradreifen wechselt. Thomas hat mir bereitwillig meine Küche aufgebaut. Und Markus hat sich ganz der Reparatur meines damaligen uralten VW Golfs gewidmet. Und ich Dussel, ich Dussel habe es versäumt, mich dafür bei ihnen angemessen zu bedanken. Naja, bedankt hatte ich mich schon. Aber immer mit einem kleinen Wink darauf, dass ich das auch mit etwas Mühe selber hätte schaffen können. Böser Fehler.

Und mit dieser Erkenntnis... ich hatte sowieso vor, ins Fitnessstudio zu gehen (trotz mächtigen Muskelkaters von der gestrigen Anstrengung)... werde ich ganz unauffällig Ausschau halten nach einem kräftig gebauten Mann und meinen hilfebedürftigsten Blick aufsetzen, den ich habe. Denn irgendwas gibt es ja immer zu tun.

 

 

 

14.03.2012 um 21:12 Uhr

Entscheidungen

Mein Tag fing eigentlich ganz harmlos an. Ich bin wie immer morgens um vier aufgestanden und habe meinen lieben Mitmenschen die Zeitung bis vor die Haustür gebracht. Meine Tochter habe ich mit einem vollgepacktem Lunchpaket verabschiedet. Ich bin rechtzeitig losgefahren, um die Brücke zu meiner Arbeit zu überqueren bevor die Schranken runtergehen. Pünktlich um kurz vor sieben saß ich mit meinen Kolleginnen im Besprechungsraum, um die Vorgehensweise für den Tag zu besprechen. Ein ganz normaler Tag wie immer also.

Zu dritt sind wir heute rausgefahren, um eine Filiale mit sieben Fenstern zu dekorieren, ein Klacks. Wir waren pünktlich fertig und konnten frühzeitig den Weg zurück zum Lager antreten.

"Was haltet Ihr davon, wenn wir noch kurz zur Tankstelle fahren, um den Wagen vollzutanken?" fragte ich die anderen Beiden. Wir hatten noch genügend Zeit. Eine tolle Idee, dachte ich. Denn dann bräuchte am nächsten Tag niemand der anderen Mädels tanken. Eine Sorge weniger - für meine Kolleginnen, die diesen Firmenwagen als nächstes nutzen würden.

Ich weiß nicht, warum ich immer noch so nett zu meinen Kolleginnen war. Gehörte ich doch nicht zu denen, die mit besonderer Beliebtheit pralen konnten. Seit meines Arbeitsbeginns vor einem Jahr war ich einfach schon in zu viele Fettnäpfchen geraten. Einzelheiten würden an dieser Stelle den Rahmen sprengen, deshalb lasse ich es (für heute). Aber seither versuche ich es immer wieder, mich doch noch beliebt zu machen, ihnen zu zeigen, dass ich doch gar nicht so ein schlechter Mensch war. Leider bisher mit eher mäßigem Erfolg.

"Ach ja, das ist eine gute Idee", antwortete Alex. Tanja nickte stumm. Na dann, auf zu unserer Vertragstankstelle. Ein Fehler.

Ich fuhr also zu dieser Tankstelle und stellte den Wagen an einer der Zapfsäulen ab. Zum Bezahlen brauchten wir nur unsere Zahlkarte, mit der die Tankstelle direkt mit unserer Firma abrechnen konnte. Alex gab sie mir. Ich brauchte nur noch den Kilometerstand notieren und schon konnte ich mit dem Tankvorgang beginnen.

"Musst du dir den Kilometerstand aufschreiben?" fragte mich Tanja. "Kannst du dir den nicht merken?" Ich sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Ja", antwortete ich. Und - "Grinst nicht so, kommt Ihr ersteinmal in mein Alter", scherzte ich. Die meisten meiner Kolleginnen waren wesentlich jünger als ich. Um genau zu sein, die meisten könnten meine Töchter sein.

Noch mit den Gedanken bei dem Kilometerstand und dass sie nun wieder etwas hatten, womit sie mich aufziehen konnten, steckte ich den Zapfhahn in die Tanköffnung. Erst kurze Zeit später kam ich wieder zur Besinnung und wand mich dem neuen Thema zu - dem Tanken.

Ach du Schreck - was hatte ich getan? Ich sah auf den Tankstutzen und bemerkte, dass ich gerade "Super" tankte. Ich blickte zurück auf die Tanksäule. Der "Diesel"-Stutzen hing noch an der Säule. Zu dumm, denn bei unserem Firmenwagen handelte es sich um einen VW Bulli Diesel. DIESEL!!! Nicht SUPER!!! Nein, nein, nein. Doch, doch doch... ich war gerade dabei ein Diesefahrzeug mit "Super"-Benzin vollzupumpen. NEEEEIIIIIN!!!

Erschrocken zog ich den Hahn aus dem Tank. Zu spät. Es waren bereits sechs Liter hineingeflossen. Nur sechs Liter - mit fatalen Folgen. Bedröppelt öffnete ich die Wagentür. Tanja und Alex unterhielten sich gerade angeregt. "Äh, Mädels?" begann ich, "ich glaube, ich habe gerade Scheiße gebaut."

Und damit verwandelte sich der ganz normale Tag in einen Albtraum. Der Wagen war gerade erst ein paar Tage alt. Ein Ignorieren wären zwecklos gewesen (womit ich in der ersten Schrecksekunde gespielt hatte), denn das hätte einen späteren Totalausfall des Wagens verursacht. Das konnte ich nicht riskieren. Also blieb uns nichts anderes übrig, als die Vertragswerkstatt anzurufen. Und einen Anruf in die Zentrale zu tätigen. Und somit wussten binnen Sekunden all meine Mitarbeiterinnen von meinem dusseligen Verhalten.

Ich glaube, das war meine erste Sorge. Die zweite, und damit eigentlich die viel größere, war, dass ich den entstandenen Schaden selbst werde begleichen müssen. Na toll... ich hab´s ja. Immer schön her damit - mit der Rechnung. Ich gehe aus reinem Spaß an der Freud morgens Zeitung austragen. NUR SO ZUM SPASS.

Und da war sie wieder. Eine Fehlentscheidung mehr, die ich am liebsten hätte rückgängig machen wollen. Aber es half nichts. Auch diesen Fehler konnte ich nicht rückgängig machen. Genauso wenig wie den Schokoriegel, den ich dem Salat vorgezogen hatte, oder den falschen Mann, den ich geheiratet hatte, oder die Zigarette, die ich zuviel geraucht hatte und die mich garantiert ein paar Jahre eher ins Gras beißen lassen würde. Lauter Enrscheidungen, die ich anders hätte treffen können.

Der Abschleppwagen brachte den Bulli und uns zur Werkstatt. Sie würden den Tank absaugen, reinigen und, und und... ich sah nur noch Dollarzeichen in dem, was der KFZ-Meister von sich gab. Dollars, die ich eigentlich nicht übrig hatte.

Auf dem Weg nach Hause versuchte ich die Sache zu vergessen. Am Supermarkt hielt ich an, kaufte mir eine Tüte Chips, eine Tafel Schokolade und eine Flasche Bier. Vergessen, einfach nur vergessen... das wollte ich.

Mit Bauchschmerzen liege ich nun auf meiner Couch. Eine Wärmflasche lindert nur langsam den physischen Schmerz. Doch der psychische bleibt. Eine falsche Entscheidung und ich fühle mich wie DIE Versagerin des Jahres. Und das werden mir all meine Kolleginnen morgen unter die Nase reiben.

13.03.2012 um 22:12 Uhr

Nichts

Der Videofilm ist zu Ende, der Abspann längst abgelaufen, das DVD-Video-Logo wandert als Bildschirmschober über den Fernsehbildschirm. Ich liege auf meinem Sofa und lausche dem, ja was eigentlich?

Die Uhr über der Wohnzimmertür tickt im Sekundentakt. Ein Auto fährt auf der zu dieser abendlichen Zeit kaum befahrenen Straße an meinem Fenster vorbei. Die Scheinwerfer streifen meine Wände. Der Kanaldeckel klappert, während die Reifen ihn beim Überfahren berühren. Aus dem Keller höre ich die Waschmaschine der Nachbarn leise vor sich hinsurren.

Ich lehne den Kopf zurück. Wie ich das liebe. Dieses Nichts. Während ich den Geräuschen lausche, die fortwährend existieren, aber nie wirklich bewusst wahrgenommen werden, spüre ich, wie sich eine wohlige Leere in meinem Kopf freimacht. Nichts.

In den vergangenen Nächten habe ich viel zu oft wachgelegen. Meine Gedanken über unzählige Dinge haben mich in meinem Bett hin- und herwälzen lassen. Trotz meines neuen Nebenjobs, der mich dazu zwingt, viel zu früh aufzustehen, rauben mir meine Gedanken den Schlaf.

Da liegt es auf der Hand, dass ich diese Momente, in denen ich zur Abwechslung mal über garnichts nachdenke, so genieße und am liebsten gar nicht stoppen möchte.

Doch die Uhr tickt weiter, bleibt nicht stehen. Und dann klingelt es an der Tür. Ich schrecke hoch. Celine ist von ihrem Nachmittag mit ihrem Papa wieder zurück. Vorbei ist die Ruhe. Vorbei ist es mit dem Nichts. Schade.

26.02.2012 um 20:57 Uhr

Briefkastenfreundschaft

Wer hat sich eigentlich schonmal Gedanken darüber gemacht, wie die abonnierte Tageszeitung in den Briefschlitz gelangt? Sicher, irgendein Bote bringt sie vorbei. Aber was ist das für ein Mensch?

Zugegeben, ich habe mir nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht, wenn ich in mancher Nacht den Boten mit seinem Wagen vor unserem Haus hab halten hören, bevor er die Zeitung in den Briefschlitz schob. Obwohl - manchmal habe ich mich schon gefragt, was diesen Menschen dazu bewegt, nachts um vier um die Häuser zu schleichen.

Seit einigen Wochen kann ich zumindest eine der Fragen beantworten. Ich gehöre nämlich jetzt zu denen, die zu nächtlicher Stunde aufstehen, sich fertig machen, um in der Nachbarschaft die Tageszeitung zu verteilen. Und ich mache es des Geldes wegen.

Für mich ist es einfach eine Möglichkeit, etwas dazu zu verdienen, ohne dass sich mein täglicher Ablauf gravierend verändert. O.K., ich gehe dafür abends etwas früher ins Bett als andere. Dafür muss ich aber nicht noch nach meiner regulären Arbeit oder am Wochenende raus.

Es ist unglaublich, wie schnell sich der Mensch an neue Situationen anpasst. Anfangs, als ich mit meiner Vorgängerin probeweise mitgelaufen bin, dachte ich, ich würde mir nie merken, wo welche Zeitung eingeworfen wird und fragte mich oft, wie ich nur auf diese blöde Idee kommen konnte. Als sie mir ihr Zustellungsgebiet übergab, brauchte ich noch drei Stunden für diese Arbeit, weil ich ständig auf die Liste gucken musste. Ich habe ihr nicht geglaubt, dass ich innerhalb einer Woche die Liste auswendig lernen würde.

Doch sie hatte Recht. Heute brauche ich die Liste nicht mehr. Ich weiß genau, wer welche Zeitung bekommt. Auch die Wochenend-Abonnenten sind in meinem Oberstübchen gespeichert. Aber es sind nicht immer die Namen, die ich mir merke. Viel mehr sind es die unterschiedlichen Briefkästen, die Häuser, die Vorgärten oder die Katze, die ich aus ihrem Nachtquartier hochschrecke, wenn ich die Zeitung einwerfe.

Die Empfänger bekommen eigene Charaktere. Da gibt es z.B. den Herrn Dumm und seinen Nachbarn, zwei Briefkästen darunter, dessen Namen ebenfalls mit einem "D" anfängt. Ich nenne sie mittlerweile "Dumm und Dümmer". Der Herr Anders liest nicht die WAZ, wie die meisten anderen, sondern die NRZ. Und die Villa mit dem großen Zaun drumherum bekommt gleich "Die (ganze) Welt". Und so weiter und so weiter...

Schnell habe ich begriffen, dass ich mir nicht diesen Job ausgesucht habe, sondern er sich mich. Wie so oft wissen andere viel besser, was gut für mich ist. Diese Tätigkeit ist wie für mich gemacht. Ich bewege mich, bin an der frischen Luft, ich bestimme mein eigenes Tempo und - da ich mit zwischenmenschlichen Beziehungen schon so oft auf die Nase gefallen bin, habe ich mich mit den Briefkästen angefreundet. Meine Güte, soweit ist es nun mit mir.

Und so wie man mit guten Freunden umgeht, behandele ich auch diese neuen Freunde. Auch wenn ich mittlerweile möglichst schnell von einer Haustür zu anderen schreite, bin ich stets bemüht, den Briefschlitz behutsam zu öffnen und leise wieder zu schließen. Ich freue mich über das Breitmaul, den übergroßen Briefkasten, der mir das Einführen erleichtert. Die Zeitungsrolle ist mir noch lieber, denn das geht am schnellsten. Aber machmal bin ich auch wütend und schimpfe leise, wenn die Zeitung wieder mal zu dick ist für einen dieser Mini-Briefkästen. Und dann gibt es da noch den kleinen Bruder vom Briefkasten, den Türgriff. Für die ganz bequemen Mitmenschen.

Es ist ein sehr ruhiges Viertel, durch das ich nun morgens um vier schleiche. Die Häuser sind noch dunkel, alles schläft. Wie ein Geist bewege ich mich von Tür zu Tür. Nur manchmal begegnet mir ein Mensch. Doch wie der Butler, dessen Dienste man zwar in Anspruch nimmt, aber eigentlich gar nicht richtig wahrnimmt, verneige ich mich stumm und schreite leise weiter. Wer will schon früh morgens ein Schwätzchen halten? Also ich nicht. Sonst hätte ich mir einen Job im Callcenter gesucht.

Ich denke, die Abonnenten sind einfach froh, dass es sowas wie den Zusteller-Service gibt. Eine Aufgabe weniger, um die sich die Leute kümmern müssen. Und wer macht sich schon Gedanken darüber, wer dieser Mensch ist, der ihnen die Zeitung bringt?

 

20.02.2012 um 21:49 Uhr

Wenn das Alleinsein nervös macht

Eigentlich schon komisch, dass ich mich erst zum späten Abend hin dazu aufraffen kann, meinen Weblog um ein paar Zeilen zu bereichern. Den ganzen schönen Tag lang habe ich auf dem Sofa herumgelungert, etwas nervös, und überlegt, was ich mit so einem tollen sonnigen Tag anfangen soll. Und ehe ich mich versah, war dieser schöne Tag auch schon wieder vorbei. Die Sonne ist untergegangen, ohne dass ich auch nur einen Strahl an mich herangelassen habe. Und nun bin ich sauer. Weil es so ist wie es ist.

Man soll den Moment genießen, jede Minute nutzen, das Leben nicht einfach verstreichen lassen. So heißt es doch. Meinen freien Tag hätte ich besser nutzen können. Das ist nun mein einziger Gedanke. Obwohl ein freier Tag ansich schon ein bisschen Luxus ist.

Ein Tag mit mir allein zuhause (Celine ist bei ihrem Papa). Eigentlich ein Anlass mal wieder so richtig zu entspannen, neue Kraft zu tanken für das, was mich in der nächsten Arbeitswoche erwartet. Wieso fällt mir das nur so schwer?

Vielleicht liegt es daran, dass ich gestern an einem anderen Leben hatte teilnehmen dürfen. Arnd, der Mann meiner langjährigen Freundin und ehemaligen Arbeitskollegin, hatte gestern Geburtstag. Dieser wurde gestern ausgiebig gefeiert. Nichts wirklich besonderes, nur ein bisschen Essen, Trinken und Unterhalten.

Die beiden haben zwei Kinder und das dritte ist gerade unterwegs. Ihre Ehe ist eine der wenigen in meinem Bekanntenkreis, die ohne große Skandale schon eine Ewigkeit anhält. Ja, sowas soll eben auch noch geben. Erstaunlich aber wahr. Die beiden haben es wirklich geschafft. Und nicht nur die beiden. Auch ihre Freunde, die auch ich schon über zwanzig Jahre kenne, wie ich gestern wieder mal feststellen musste, sind jeweils mit ihren Partnern schon viele Jahre zusammen. Die meisten Hochzeiten habe ich miterlebt, ebenso wie die Geburten deren Kinder.

Das Haus war wirklich voll. Aber obwohl ich fast jedes Jahr dabei bin, wenn einer der beiden Geburtstag hat, habe ich übers Jahr gesehen nie wirklichen Kontakt zu deren Gästen, mit denen ich vor zwanzig Jahren wesentlich mehr zutun hatte. Aber es ist immer wieder schön, sie alle wiederzusehen. Und ich musste feststellen, dass die Frauen immer noch schlank sind, deren Männer hingegen wieder ein paar Pfund zugelegt haben und ihre Kinder gewachsen sind, sodass ich kaum noch erkennen kann, wer zu wem gehört.

Alles war wie immer. Nur bei mir war wieder mal alles anders. Denn ich kam im Gegensatz zu den letzten Jahren ohne Partner und ohne Kind. Das fiel natürlich auch den Gästen auf. Thomy fragte mich "Wo ist denn dein Freund?". "Och", antwortete ich beiläufig, "den gibt es nicht mehr". Er nahm mich in den Arm "Das tut mir leid." Und als er mich wieder los ließ "Welcher Kerl lässt denn so eine hübsche und liebe Frau freiwillig wieder gehen?" Ach ja, was für ein Charmeur. Hübsch und lieb reicht eben nicht immer.

Die letzten Jahre, nach der Trennung von meinem Mann, bin ich immer wieder in Begleitung gekommen. Meistens jedesmal mit einem anderen Partner. Und jedesmal hatte ich die Hoffnung, dass er der Partner für den Rest meines Lebens sein würde. Aber auch diesmal hatte es dafür nicht gereicht. Meine letzte Beziehung, zu Jürgen, hatte noch nicht einmal einen Geburtstag überlebt.

Vielleicht war ich deshalb heute so unruhig und nicht fähig, diesen freien Tag zu genießen. Weil ich nach dem Anblick der vielen glücklichen Paare in mein Singleleben zurückkehren musste. Während die Pärchen über ihr erfülltes gemeinsames Leben sprachen, in dem immer wieder etwas Spannendes passierte, hatte ich nur die Gewissheit, dass sich bei mir bald wieder die Karten neu mischen würden. Bei allen Freiheiten, die so ein Singleleben mit sich bringt, wäre es doch schön, wenn sich auch in meinem Leben etwas mehr Beständigkeit einfügen würde. Mit einem Partner, der etwas länger bliebe. Vielleicht für immer.

So gesehen ist es gar nicht so verwunderlich, dass man sich besonders nach so einem Tag mit so vielen Menschen, besonders einsam fühlt. Und in meinem Fall mich auch ein wenig nervös macht.