Kein Sex ist auch eine Lösung
Stimmung: frei
Musik: Frei und schwerelos (Wicked)
Endlich habe ich eine Entscheidung getroffen! Und bisher fühlt sie sich auch sehr richtig an.
Gestern Abend hatte ich noch spontanen Männerbesuch... Timo kam auf eigenen und insgeheim auch auf meinen Wunsch vorbei und wir legten uns ziemlich schnell schlafen, da wir beide total müde waren. Er hielt mich einfach nur im Arm und küsste hin und wieder meinen Nacken. Irgendwann schlief er ein. Und mich überkam Panik. Beklemmung. Das unbändige Verlangen, mich aus seinen Armen zu befreien und davon zu laufen. Zum ersten Mal wusste ich ganz klar, was ich wollte. Bzw was ich nicht wollte. Ich wand mich also aus seiner Umklammerung und rutschte in die andere Ecke des Bettes. Gott sei Dank fing er mich nicht wieder ein.
Gedanken an die erste Nacht neben Fiete stürmten auf mich ein und ich begann zu weinen vor Schmerz. Es hatte sich damals so richtig angefühlt, in seinen Armen zu liegen. Und plötzlich hatte ich noch eine Erleuchtung: Es ist nicht unbedingt Fiete, den ich so sehr vermisse. Es ist die Frau, die ich in den Monaten mit ihm war. Die überglückliche, mutige, tatkräftige und vorallem zu solch tiefen Gefühlen fähige Frau, die er aus mir gemacht hat.
Am Morgen stellte ich mich erst mal eine Weile schlafend, ließ mich dann aber irgendwann doch auf mehr ein, bis ich irgendwann die Notbremse zog, was für Timo offenbar ziemlich überraschend kam. Ich konnte ihn nicht mal anschauen. Von unten betrachtet, schien er mir alt und nicht sonderlich attraktiv. Ich begehrte ihn nicht. Nicht mal das. Von mehr ganz zu schweigen. Ich begehrte das, was er mir gab, konnte ihm dabei aber auf keinen Fall in die Augen sehen. Und so war ich ganz froh, meine Kontaktlinsen noch nicht eingesetzt zu haben und die Augen mit der Ausrede "ich bin noch total müde" einfach schließen zu können. Als er irgendwann einen letzten Schritt weiter gehen wollte, wies ich ihn sanft zurück, schaute auf die Uhr, zog mich an und ließ mir im Bad viiiiiel Zeit. Plötzlich überkam mich die Erkenntnis, die ich bereits einen Abend zuvor gehabt hatte: Ich muss hier raus, bevor alles noch schlimmer wird. Für ihn. Und für mich. Es war ein unglaublich befreiendes Gefühl, endlich eine Entscheidung getroffen zu haben. Aber wie sollte ich es ihm sagen?
Wenig später standen wir an der Bushaltestelle zusammen und er sprach bereits vom nächsten Treffen. Eigentlich wollte ich (feige Nuss!) ihn später anrufen, aber kurzentschlossen, fragte ich, ob wir kurz spazieren gehen könnten und redete dann Tacheles. Es tat mir sehr leid, da er sich schon auf einer gewissen Ebene, wenn auch nicht beziehungstechnisch, mehr erhofft hatte. Ich versuchte ihm zu erklären, was ich selber nicht ganz in Worte fassen konnte. Dass ich mich nicht binden wollte, auch nicht für eine Affäre. Dass ich mich unfrei fühlte und gleichzeitig nichts mehr wollte, als meinen Ex wiederzubekommen. Dass ich bei einem anderen vielleicht doch offen für eine Affäre gewesen wäre, darüber schwieg ich lieber, sowie über den grausigen Anblick den er aus der Vogelperspektive bot. Ich fühlte mich einfach körperlich nicht zu ihm hingezogen. Schon gar nicht bei Tageslicht. Hätte ich eine rosarote Brille getragen, wäre das völlig egal gewesen, aber dem war eben nicht so.
"Du hast im Grunde alles richtig gemacht!", versuchte ich ihn zu trösten (hatte er auch, er hatte sich bemüht, geworben, offensichtliches Interesse gezeigt, sich viel und lieb gemeldet und mir alles gegeben, was ich wollte)
"Das hilft mir auch nicht weiter!", sagte er geknickt.
Und da machte es Klick bei mir. Vor zwei Monaten hatte ich beinahe exakt dasselbe Gespräch schon einmal geführt- mit vertauschten Rollen.
"Ich weiß", sagte ich daher ehrlich, "Ich weiß genau, was du meinst..."
Auf den Fiete- Hoffnungs- Erhaltungs- Satz "Vielleicht vermisse und bereue ich es irgendwann", der mir bereits auf der Zunge lag, verzichtete ich daher vorsichtshalber.
