04.11.2008 um 13:59 Uhr
27.10.2008 um 14:00 Uhr
Wenn es wirklich Liebe ist!
Als ich mich in meinen Freund verliebt habe, war er - wie inzwischen bekannt sein dürfte - "nur" mein Mitbewohner. Ich habe alles getan, um diesen Mann zu erobern. Eigentlich war es die Hölle. Nach der Arbeit wollte ich nicht nach Hause fahren. Wie sehe ich denn aus? Schnell noch in einen Drogeriemarkt, einen Duft aufsprühen, etwas die Lippen nachziehen, Haare kämen. Oder morgens: Jetzt ins Bad gehen? So wie ich aussehe? Ungeschminkt, verstrupelt, und dieser peinliche Schlafanzug. Schnell die knappe Hotpants anziehen (in der kann doch kein Mensch schlafen, viel zu eng), Haare sexy verstrupeln, Maskara von gestern verrucht unter die Augen verreiben (oh Mann, harte Nacht hinter mir!).
Anstrengend, das kann ich versichern.
Am Wochenende konnte ich ihn ab und zu für gemeinsame Ausflüge begeistern. "Komm doch mit an den See". Er: "Okay. Können wir mit dem Fahrrad fahren?". Ich (oh scheiße): "Klar!". Da radle ich eineinhalb Stunden mit dem absoluten Schrottfahrrad durch ganz Berlin, über Zehlendorf hinaus an irgendeinen Weiher, schwimme durch den See und radle - inzwischen fast zwei Stunden, weil alle Kräfte schon aufgebraucht sind - wieder zurück. Ja, und es hat Spaß gemacht. Immerhin bin ich ein paar Stunden seinem süßen Popöchen hinterhergeradelt. Wenn das mal nichts ist!
Nach über einem halben Jahr, das wir inzwischen als Paar verbringen, ertappe ich mich dabei, wie ich fauler und fauler werde. Ich zeige ihm einen Vogel, wenn er an den See radeln will.
Tja, und heute morgen beim Aufwachen, da habe ich mich gefragt, ob ich ihm dann nicht eine Mogelpackung angedreht habe? Inzwischen weiß er zwar, dass ich nicht in Hotpants schlafe und mich einfach aus Faulheit nicht abschminke, aber bin ich es ihm nicht schuldig, mal wieder meinen Arsch für ihn zu bewegen? Tollkühn mache ich den Vorschlag, joggen zu gehen - vor dem Frühstück! Ich möchte mir im selben Moment die Zunge abbeißen (habe ich das eben laut gesagt?). Er: "Oh ja. Gute Idee".
Vor der Türe merke ich, das es regnet. In Strömen. Er lächelt mich an. Ich versuche, zurück zu lächeln, fange aber schon an, rumzumeckern. Er lächelt immer noch. ich halte endlich den Mund, beiße die Zähne zusammen, laufe los, sauge Wasser in meine Turnschuhe auf und denke mir, dass es wirklich Liebe ist.
Irgendwie hat es dann doch wieder Spaß gemacht.
Popöchen bleibt Popöchen!
26.10.2008 um 18:05 Uhr
Psychotherapie
Zweimal im Monat sitze ich einer knochigen Frau gegenüber, die mich mir ihrem praktischen Kurzhaarschnitt, der hochgeschlossenen Bluse und der randlosen Brille jedes Mal mit der gleichen Frage empfängt: „Und, wie geht es Ihnen heute?“ Ja, wie soll’s mir schon gehen, du blöde Pute? Genauso wie das letzte Mal als du vor mir gesessen hast, mich mit deinem vogelstraußartigen Kopfnicken mitleidig angesehen hast und pünktlich nach 50 Minuten die Sitzung beendet hast? Außer „Wie ihr Vater“ oder „Und was macht das mit Ihnen?“ gibt es noch den Notfall Satz „Wollen sie die mal schlucken?“. Da rollt endlich mal nach Monaten von Therapiesitzungen ein kleines Tränchen über meine Wangen, ohne Nordföhn weit und breit, und schon soll ich Antidepressiva schlucken? Nur weil Sie unfähig sind tiefenspychologisch fundierte Psychotheraphie anzuwenden? Ich lehne dankend ab und radle durch die fränkische Kleinstadt, in der ich seit Jahren wie im Exil leben muss. Verbannt aus der Welt, in der die Menschen glücklich sind und die Wahl zwischen zwei oder sogar noch mehr Ausgehmöglichkeiten haben. Auf dem Weg halte ich bei Jan im Bioladen. Früher habe ich mit Jan Brot gebacken. Wir haben uns in der Psychologie Vorlesung kennen gelernt. Ich war sofort von ihm beeindruckt, als ich gesehen habe, wie er seine Karotte in Öl eingetaucht hat. Ein gut aussehender Typ, der auch noch weiß, dass sich Karotin nur in Verbindung mit Öl entfalten kann. Wow! Beim Brotbacken kamen wir uns näher. Immerhin braucht so ein Laib fast zwei Stunden im Ofen. Ich habe ein wenig Interesse für die fünf Tibeter vorgetäuscht und aus dem vierten Tibeter wurde ein schöner one afternoon stand. Noch immer habe ich den Duft von frischem Brot in der Nase, wenn ich daran denke.
Heute lebt Jan nur noch von Brot und den Tibetern. Er ist viel alleine und sehr glücklich. Als ich verheult in seinem Bioladen stehe, mit einer Packung Antidepressiva in der Hand, weiß er sofort was ich jetzt brauche. Hafer! Der macht nämlich glücklich. Geschäftstüchtig wie er ist, verkauft er mir gleich ein ganzes Kilo fein geschroteten Hafer.
Die Pillen nimmt er an sich. Hoffentlich mischt er sie nicht in das nächste Brotbackrezept?
24.10.2008 um 10:16 Uhr
Ich wohne jetzt alleine
Eine Trennung ist eine Entscheidung, die zwei Leute betrifft, aber in den meisten Fällen nur von einer der beiden Personen getroffen wird. Ist das nicht unfair? Ich bin für mehrheitliche Abstimmungen in Punkto "Trennung ja oder nein". Ohne eindeutige Mehrheit, oder zumindest über 50%, kein Trennungsrecht nach meinem Gesetz.
Was ist schlimmer als die Angst davor, den wichtigsten Menschen in seinem Leben zu verlieren? Und: Ist die Angst davor schlimmer oder wenn es tatsächlich passiert?
Das frage ich mich...
Ich fürchte, ich werde es erleben.
24.10.2008 um 10:14 Uhr
Guten Morgen, Arbeitsamt
Ich muss mich beruhigen. Es ist ja keine wirkliche Verabredung. Mein Jobvermittler vom Amt für Arbeit wird das hoffentlich genauso sehen. Trotzdem, ich habe die Jogginghose und das Unterhemd gegen einen Rock und eine Bluse ausgetauscht. Immer wenn man nicht damit rechnet. Das ist wie mit Beine rasieren. Sind sie nicht rasiert, kann ich sicher sein, dass ich eine heiße Liebesnacht verbringen werde. Genauso wie es nie regnen wird, wenn ich einen Schirm dabei habe. Aber jetzt komme ich ins Grübeln. Dann hätte ich vielleicht doch die Jogginghose anlassen sollen? Scheiße noch mal, ich will doch einen Job und keinen Mann. Und vor allem will ich dieses fucking Arbeitslosengeld. Ich klopfe einfach schon mal und sage, dass ich da bin. Ein bisschen zu früh, aber ich bin ja auch verzweifelt und das ist normal auf Amt, oder?
Mich begrüßt ein riesiger Hintern. Der Hintern von Frau Maier, die mich keines Blickes würdigt. Damit hatte ich nicht gerechnet. „Wie war der Name?“. Ich buchstabiere, immer noch an der Türschwelle stehend. Der Hintern verändert seine Mimik und winkt mich herein. „Ach so. Ick dachte, sie sind der Termin von Neune und viel zu spät“. Aber nein, Frau Hintermayer, ick bin doch erst um Zehne dran aber viel zu früh. Eins zu null für mich, her mit der Kohle! Das Gespräch verläuft anders als gedacht. Es gibt nämlich keines. Der Hintern legt mir gleichbleibend unmotiviert vorgefertigte Bögen auf den Tisch, die ich mit Kreuzchen bestücken soll. Auf einer Skala von eins bis drei soll ich Eigenschaften bewerten, die ich von gar nicht bis hin zu sehr gut kann. Allerdings kann ich mit Fähigkeiten wie „Dokumentation“, „Entwicklung“ oder „Textilverarbeitung“ rein gar nichts anfangen. Entwicklung von was? Und Dokumentation? Der Hintern erklärt sachkundig „halt wat mit Dokumenten, nehm ick jetzte mal an.“ Ach so. Mein Blick bleibt an der Wand auf einem Artikel mit einer fetten Schlagzeile hängen: „Arbeitsämter arbeiten schlecht, sind faul und unfähig!“. Das hat den Hintern hier wohl sofort angesprochen. Wo ist überhaupt mein sexy Jobvermittler, der auf verzweifelte Frauen spezialisiert ist?
„Und was habe ich mit Textilverarbeitung zu tun?“„Na, Sie machen doch – wie heißt det – Stoffjentwicklung!“Ach du scheiße, ich verstehe. Auf Amt kann man nichts mit meiner Berufsbezeichnung anfangen. Aber das sind doch Filmstoffe, versuche ich zu erklären. Ideen, Geschichten, kein materieller Stoff, um dicke Hintern einzupacken. Die wollen mich hier tatsächlich an den Webstuhl vermitteln. Wieso nicht gleich an den Bahnhof Zoo, da jibt es auch jede Menge Stoff.Ich will dem Hintern meine Bewerbungsmappe zeigen, die ich unter einem Stapel verschiedener Mappen entdeckt habe und der gekrönt ist von einem angebissenen Donut. Aber Hintern überfliegt nur kurz meine Zeugnisse, Auszeichnungen, Bestätigungen und Lobeshymnen. Der Hintern meint, in meiner Bransche jibt es eh nichts. Det is alles so ein Geklüngel für sich, da kann mir det Amt och nich helfen. Und wegen der Kohle müsste ich eh in die Leistungsabteilung. Soll ick halt n` bisschen einen auf dramatisch machen. Noch gebe ich mich nicht geschlagen und frage nach der Möglichkeit, Fortbildungen finanziert zu bekommen. Aber ne, meint der Hintern, det soll ick lieber lassen. Wird mir ja nur von der Kohle abjezogen.
Haben Sie schon mal einen Hintern einen Donut essen sehen?
