Errmm! Kapitel 20
Kapitel 20 Ende
(...)
Als ich gerade meine Handschuhe anziehe, bemerke ich dass noch jemand in eines der Betten am Fenster liegt. Für einen Moment schaue ich rüber und überlege mir ob ich vielleicht etwas tun soll, entscheide mich aber dagegen.
Ist kein Thema, es wird sich schon gleich jemand um den Typen kümmern, denke ich mir und ziehe meinen zweiten Handschuh über meine Hand. Beim erneuten Hinsehen muss ich feststellen, dass sich bis jetzt noch niemand um den Jungen gekümmert hat, welcher sich gerade aufrichtet und sich die Hand vor die Augen hält damit er nicht von der Sonne geblendet wird.
Ich versuche meine Kameraden zu warnen, indem ich ihnen etwas zurufe. Doch nach dem zweiten Wort verliere ich die Stimme, da ich eine schreckliche Vorahnung habe, welche dann beim genaueren Hinsehen wahr wird.
Diese Person ist nicht irgendeine, sondern Elliot. Er scheint bis eben noch geschlafen zu haben, und ist nun durch die Geräusche aufgewacht.
„Was macht er hier“, flüstere ich in einem besorgten Ton.
Eigentlich hatte ich mehr oder weniger verdrängt, dass er existiert! Und nun steht er direkt vor mir, in Fleisch und Blut.
Wie versteinert stehe ich dort, meine Hände wollen sich nicht mehr bewegen so als wären sie nicht meine, doch ich muss etwas tun. Und zwar sofort!
Spontan aus dem Bauch heraus entscheide ich mich dann, zu ihm rüber zu rennen und mich auf ihn zu werfen. Dabei versuche ich ihn den Mund zu zuhalten damit er die Anderen nicht auf uns aufmerksam macht.
Alles passiert so schnell, ich habe kaum Zeit zu reagieren.
Wie ich hier auf ihm liege sieht sehr komisch aus und ist daher auffällig, also tue ich so als würde ich etwas hinter dem Bett suchen. Ein paar Minuten liege ich jetzt hier, und hoffe dass ihm nichts passiert, ich könnte mir nicht vorstellen was ich tun würde wenn ihm etwas zustößt.
Alle sind tot, und meine Gruppe ist bereit zum abziehen. Sie verschwinden langsam aus der Tür, nur einer dreht sich um und fragt mich was ich dort tue. Ich antworte „Ich suche etwas, diese Leute haben mir etwas wichtiges gestohlen“.
Nickend verschwindet er aus der Tür und sagt „Gut, wir gehen schon einmal zurück zum Quartier“.
Am ganzen Körper zitternd antworte ich ihm „O.K. Ich komme später nach“.
Dann knallt die Tür auch schon hinter uns zu. Noch nie war ich so erleichtert wie jetzt in diesem Moment.
Wenige Sekunden später nachdem die Tür zu ist, sage ich zu Elliot:
„Ich werde jetzt meine Hand von deinem Mund nehmen, aber du solltest lieber leise sein wenn du leben willst“.
Als ich dann die Hand langsam und vorsichtig von seinem Mund genommen habe, schaut er mich wütend an. Seine sonst blauen Augen strahlen durch das Licht der untergehenden Sonne welches durch das Fenster scheint in einem strahlenden rot-orange, genauso wie auch seine Haare. Von diesem Moment habe ich schon oft geträumt, doch dass es irgendeinmal dazu kommen würde hätte ich mir nicht erträumen gelassen.
Ich weiß nicht was wichtiger ist, seine umwerfende Schönheit, oder der Fakt dass mein Vater und meine Gruppe seine ganzen Freunde umgebracht hat, und er mich dafür verantwortlich machen wird. Was in Klartext heißt, dass er mir niemals verzeihen wird.
Das richtige wäre in einem Moment wie diesen einfach zu weinen und seinen Gefühlen freien lauf zu lassen, doch meine Gefühle sind wie betäubt, ich kann einfach nicht.
Leise flüstere ich zu mir „Wie konnte das nur passieren“, so leise, dass er es nicht hört. Er richtet sich wieder auf und schaut zur Seite, und sieht was geschehen ist. Im nächsten Moment schreit er mich an „Wieso hast du das getan!?“. Die Tränen die er versucht
zurück zu halten glitzern in seinen Augen. „Es tut mir leid“ sage ich ihm, doch das scheint ihn nicht zu interessieren. Er drückt meinen Unterarm so fest dass es schon fast weh tut und sagt „Verschwinde du Miststück! Geh runter von mir“.
Doch anstatt das zu tun was er von mir möchte, bleibe ich dort und schaue ihn einfach nur geschockt an, ich habe ihn noch nie so wütend gesehen. „Hast du mich nicht gehört?! Geh runter!“. Mit einem festen Ruck wirft er mich auf den Boden, und steht auf, um zu einer der Leichen zu gehen. Ich liege dort angelehnt am Bett und schaue ihn an wie er langsam zu einem Mädchen läuft, welches so aussieht als wäre es in unserem Alter gewesen.
Ist das seine Freundin? Waren die beiden zusammen?
Das sind die Sachen die mich in diesem Moment zerfressen, mein Gesicht wird rot. Ich spüre die pure Eifersucht wie sie durch mich fließt.
- Also hat er mich nie geliebt..
Elliot geht auf seine Knie,
dreht das Mädchen mit den langen schwarzen Haaren um und legt es auf
seinen Schoß.
Weil ich meine Eifersucht einfach nicht mehr
aushalte frage ich ihn „Wer ist das?“. Ein ziemlich unpassender
Moment, muss ich zugeben. „Was geht dich das an?“ ruft er.
Wie konnte ich nur erwarten dass er mir in solch einem Moment sagt überhaupt in der Lage ist mir eine Antwort zu geben.
Als dann auch die Schuld in mir hoch quillt entscheide ich dann auch die Schuld von mir abzuweisen, versuche ich ihm zu erklären was passiert ist. Dabei laufe ich ihm zu, aber er hört nicht zu. „Verdammt, Lena wach auf“ höre ich ihn leise sagen. Er drückt sie fester und sagt erneut „Verdammt, verdammt..“. Als ich das höre, höre ich auf ihm die Situation zu erklären weil das alles sowieso keinen Sinn mehr macht. Am besten wäre es wenn ich einfach verschwinde. Denn ihn dort so zu sehen, macht meine Beine ganz schwach, doch das Sonnenlicht wärmt mich, aber nicht mein Herz, welches gerade erfroren ist.
Vorsichtig legt er sie wieder hin, steht auf und geht zu mir, sein T-Shirt ist mit Blut verschmiert. Ich ahne nichts Gutes.
Blitzschnell greift er mich und wirft mich auf den Boden, tritt zu und schlägt mich. Doch ich fühle keinen Schmerz, kann nichts sagen. Aber ich versuche auch nicht mich zu wehren, denn ich weiß dass ich das verdiene, es ist alles meine Schuld. Die einzige Sache die mich aufmuntert ist seine Schönheit während er mich schlägt. Er wirft mich gegen die Wand, zurück auf den Boden und ruft „Steh auf du Stück Dreck! Ich bin noch nicht fertig mit dir“. Mit meiner letzten Kraft versuche ich aufzustehen.
Er greift mich am Kragen, zieht ein Messer aus seiner Tasche und es ist klar was er vor hat. Kräftig drückt er mich nach hinten gegen das Waschbecken sodass ich mich mit beiden Händen festhalten muss und starrt mir in die Augen. Sein Gesichtsausdruck ist unbeschreiblich, wie das eines Biestes welches nur darauf wartet seine Beute zu verschlingen.
Er kommt mir mit seinem Messer so nah dass ich es an meiner Haut spüren kann, langsam streift er mit dem Messer an meiner Backe entlang und schneidet mich ein wenig. Gleich geschieht es, denke ich mir, schließe meine Augen und sage in einem flüsternden Ton dass es mir Leid tut.
„Lüg' nicht“ sagt er und tritt mir in den Bauch.
Ich zucke zusammen und in diesem Moment merke ich dass Blut aus meinem Mund läuft. Meine Gedanken sind leer, ich fühle noch nicht einmal den Schmerz.
Als er dann eine Pause macht wundere ich mich und hebe meinen Kopf um zu sehen wieso er aufgehört hat. In schaue in seine Augen. „Wieso wehrst du nicht“, fragt er mich.
In diesem Moment war mir alles egal, also habe ich ihm die Wahrheit gesagt.
Aus dem Mund blutend antworte ich ihm in einer flüsternden Stimme:
„Elliot, ich liebe dich“.
Diese Antwort hatte er nicht von mir erwartet gehabt. Man kann das Staunen in seinem Gesicht sehen. Doch was passiert jetzt?
Er schaut sich um, sinkt auf den Boden und nun ist sein Kopf zum Boden gerichtet, sodass ich seine Augen wegen seiner Haare nicht sehen kann. Wenige Sekunden später sehe ich wie Tränen an seiner Nase und seinem Kinn runter rollen. Ich weiß das er nicht will dass ich ihn weinen sehe, aber die Situation scheint sogar für Elliot zu viel zu sein.
Wie gefesselt stehe ich dort und schaue ihn mir an, ich habe noch nie gesehen dass er weint, ich kenne ihn als eine emotionslose Person die es peinlich findet anderen Leuten Gefühle zu zeigen, trotzdem ist es so wundervoll. Ihn so zu sehen macht mich aber traurig, deshalb gehe ich zu ihm runter und umarme ihn vorsichtig, aus Angst er würde mir etwas tun. Auch nach all dem was passiert ist scheint er sich nicht zu wehren, vielleicht liegt es daran, dass er einfach keine Kraft mehr hat überhaupt noch etwas zu tun, denke ich mir. Es fühlt sich so gut an ihn in den Armen zu halten, er ist das einzige wichtige in meinem Leben, und ich konnte ihn retten.
Plötzlich drückt er mich fester und ich höre das Geräusch des Messers, welches auf die kalten Fließen fällt. Mein Herz schlägt schnell, meine Gefühle spielen verrückt.
Ich fasse unter sein Hemd an seinen Rücken um seine Haut anzufassen. Wieso ich das alles tue weiß ich nicht, aber ich möchte es tun.
Sein schniefen scheint aber nicht weniger zu werden, also gehe ich ein wenig nach hinten um ihn mir anzuschauen. Sein Gesicht und seine Augen sind rot und feucht von den Tränen, meines, zu seiner Verteidigung muss ich sagen, sieht dank ihm auch nicht besser aus.
Mit einer Hand nehme ich ein paar seiner Tränen auf die Hand und fasse mir ans Gesicht. In diesem Moment scheint alles so wundervoll zu sein, aber auch so schrecklich.
Seine Augen sind geschlossen, es ist ruhig.
Man könnte fast sagen es herrscht Totenstille.
Alles scheint ruhig zu sein, bis er mich dann los lässt um mir etwas zu sagen.
Schniefend sagt er „Kannst du dich noch an den Tag erinnern an dem deine Freundin gestorben ist an der Mauer?“.
Erstaunt antworte ich mit „Ja“.
Er fährt fort: „Ich bin der Grund wieso sie gestorben ist, eigentlich wärst du auch gestorben, aber ich wollte nicht dass du stirbst“. Er schaut mir immer noch in die Augen, als Zeichen dass er sich erkenntlich zeigt.
Mein Bauch macht einen Salto. Eigentlich hätte ich noch viele Fragen dazu wieso er es getan hat und wie alles geschehen ist, aber ich lasse es auf sich beruhen.
„Schon gut, du brauchst nicht zu weinen“, sage ich zu ihm und nehme ihn wieder in die Arme. Der Raum, welcher im warmen Licht des Sonnenunterganges getaucht ist, aber dennoch kühl ist, wird immer dunkler. Ich nehme an, dass Wolken die Sonne verdecken.
Eine Weile lang bleiben wir so und genießen den Moment.
Das Sonnenlicht erhellt das Zimmer erneut als er mich dann zurück drückt und mir mit seinen Fingern sanft über die Lippen streift. Seine Augen scheinen wieder in dem selben orange wie zu dem Zeitpunkt an dem ich auf ihm lag, und sein Gesichtsausdruck ist nun zu seinem üblichen kalten zurück gegangen.
Ich kann nicht aufhören auf seine Lippen zu schauen, und mein Herz kann einfach nicht aufhören zu schlagen wie verrückt. Mein Kopf gesunken versuche ich ein Thema anzufangen: „Ich wollte deine Freundin nicht um...“. Doch bevor ich fertig bin, fühle ich seine weichen Lippen auf meinen. Ich fühle seinen Atem wie er mein Gesicht kitzelt, und mein Herz welches gerade einen Sprung gemacht hat.
Leider kann dieser Moment nicht ewig andauern, dachte ich mir dann als er wieder zurück geht. „Sie ist nicht meine Freundin in dem Sinne“ sagt er.
Ich bin erleichtert dass er nicht mit ihr zusammen war und küsse ihn als Dank zurück. Weil wir einfach nicht widerstehen können, küssen wir uns immer wieder und wieder bis ich dann irgendwann seine Zunge in meinem Mund spüre. Zwischendurch mache ich kurz meine Augen auf um, schließe sie dann aber wieder um es genießen zu können.
Als wir uns dann wieder zurück lehnen und realisieren was wir gerade getan haben sind unsere Gesichter ernst, und zum Boden gerichtet. Wieder einmal versinken wir in Stille, bis mir dann ein Gedanke durch den Kopf strömt welcher mich zum lächeln bringt.
Als er mein Lächeln bemerkt fragt er mich wieso ich lächele.
„Es ist süß wenn du weinst“ sage ich zu ihm.
Verlegen schaut er weg und fasst sich mit seinen Fingerspitzen unter die Augen. „Es ist in Ordnung zu weinen Elliot, es ist ein guter Weg Schmerz loszulassen, und andererseits ein Zeichen dafür dass ein Mensch zu sich selbst gefunden hat.
Vorsichtig nehme ich seine Hand, lehne mich an seine Schulter und schließe die Augen. Wieso nur kann dieser Moment nicht ewig dauern?



