Majas_Geschichtenecke

05.01.2012 um 20:09 Uhr

~ Mia's Licht ~

 

Ihre Welt war wundervoll gewesen. Voller Licht und Wärme, kunterbunt und kuschelweich. So pflegte Mia es zu beschreiben, wenn jemand sie fragte, warum sie immer so glücklich strahlte. Es war kein Strahlen, das andere blendete – es war ein sanftes Licht, das sich in ihren Augen, ihrem Lächeln und ihrer Art, sich zu bewegen, zu sprechen und auf Menschen zuzugehen wiederspiegelte.

Für Mia war das Leben etwas Wundervolles, das es jeden Tag aufs Neue zu entdecken galt. Sie war nicht wie andere Menschen, sie machte sich eigentlich nie Gedanken darum, ob etwas schlimmes geschehen könnte oder ob sonstetwas ihre Welt bedrohen könnte.

Sie arbeitete auf der Neugeborenenstation eines Krankenhauses. Mia liebte ihre Arbeit, besonders die Frühchen lagen ihr am Herzen und sie kümmerte sich um jedes dieser Kinder so liebevoll, als wäre es ihr eigenes.

Als sie an diesem Morgen ihre Arbeit aufnahm, fühlte sich Mia nicht sonderlich gut. Irgendetwas saß ihr in den Knochen, ein Gefühl, das sie nicht näher beschreiben konnte, das ihr aber Angst bereitete aus irgendeinem Grund.

Alles schien wie immer zu sein und mit der alltäglichen Routine begann sie ihre Arbeit. Ihr Blick blieb auf einem kleinen Jungen heften. Er war acht Wochen zu früh geboren und kämpfte seit seiner Geburt vor zwei Wochen noch immer um sein Leben. Mia setzte sich für einen Moment neben den Brutkasten und sprach mit leiser Stimme auf den Kleinen ein. Sie erzählte ihm von all den Dingen, die noch auf ihn warteten und für die es sich lohnen würde, den Kampf um sein Leben zu gewinnen. Sie sprach mit warmer, liebevoller Stimme und der Kleine sah sie an, als würde er jedes ihrer Worte verstehen.

Mia blieb noch einen Moment sitzen, nachdem sie geendet hatte. Für einen Moment war die Welt in Ordnung auf eine Weise, die sie tief in ihrem Herzen berührte. Dieses Kind – es würde es schaffen, das spürte sie ganz genau. Sie vertraute darin, dass alles gut werden würde. Sie vertraute in die Macht, die soviele Menschen Gott nannten. Und sie vertraute auf die Magie.

Mia hatte die Magie kennengelernt als eine Macht, die Menschen inne wohnte und auf die sie immer zurückgreifen konnten, um sich und auch anderen zu helfen. Manche Menschen nannten es eine Gabe, andere wiederum bezweifelten, dass es sie gab. Aber Mia wusste es besser, denn sie erlebte jeden Tag die Wirkung ihrer Magie.

Leise stand sie auf und begab sich in das Schwesternzimmer. Sie war nur wenige Minunten dort gewesen, als sie es piepsen und klingeln hörte. Schnell rannte Mia los, doch so schnell sie auch rannte – den kleinen Jungen, dem sie kurz zuvor noch von seiner Zukunft berichtet hatte, konnte nichts mehr retten.

Die nächsten Stunden gingen unter in einem Meer aus Stimmen, Dingen die getan werden mussten und den Tränen, die Mia immer und immer wieder herunterschluckte. Plötzlich war die Welt kalt geworden und als sie der Mutter des Jungen begegnete, die sie wütend anbrüllte und Mia beschuldigte, nicht im entscheidenden Moment dagewesen zu sein und ihre Pflicht verletzt zu haben, breitete sich eine Dunkelheit in Mia aus, die sie nie zuvor gekannt hatte.

Die nächsten Tage verbrachte Mia in einer Art Kokon, nichts drang wirklich an sie heran. Ihr wurde zugesichert, dass man sie nicht verantwortlich machte und dass es absehbar gewesen wäre, dass der kleine Junge es nicht schaffen würde, doch Mia nahm all das nicht mehr zur Kenntnis. Immer und immer wieder wirbelten die Worte der Mutter des kleinen Jungen durch ihren Kopf. Gedanke für Gedanke türmte sich wie ein Berg vor ihr auf. Was war nur geschehen? Warum hatte sie nicht gespürt, dass es dem Jungen nicht gut ging? Warum nur hatte sie den Raum verlassen um etwas zu trinken? Wie hatte sie nur auf ein Gefühl vertrauen können, das ihr sagte, der Junge würde es schaffen? Wie konnte sie überhaupt auf etwas vertrauen, das sie nicht einmal sehen, für das sie nicht einmal einen Beweis hatte?

Tage und Wochen verstrichen, wurden zu Monaten. All das, was Mia ausgemacht hatte, all das Licht und die Wärme, waren verschwunden. An ihre Stelle waren Dunkelheit getreten, Misstrauen und Härte.

Manchmal, wenn sie für einen Moment all die Härte und die Verurteilung in ihrem Inneren vergass, flackerte das alte Licht auf. Doch Mia unterdrückte es gleich wieder, denn das Licht hatte sie unvorsichtig gemacht. Ein Kind hatte darunter leiden müssen und sie würde nie wieder zulassen, dass ihr soetwas geschah.

Einst hatten ihre Kollegen und auch die Vorgesetzten sie bewundert für die Art, mit der sie mit den Patienten umging. Ihre Stimme schenkte Hoffnung, ihre Berührung schien heilen zu können. Doch die traurige Gestalt, die nun durch die Gänge schlich und die mehr als alle anderen Geräte und Menschen kontrollierte, hatte so gar nichts mehr mit der Frau gemeinsam, die einst wie ein Engel über die Kinder ebenso wie über die Erwachsenen gewacht hatte. Nichts war mehr spürbar von der Liebe, die Mia immer inne gewohnt hatte.

Mia selber spürte die Veränderung am deutlichsten. Ihre Sucht nach Kontrolle war fast nicht mehr zu ertragen und sie spürte, dass die Menschen um sie herum sich nicht länger freuten, wenn sie ihr begegneten. Vielmehr suchten alle das Weite, weil sie sie herumkommandierte, ihr nichts gut genug zu sein schien und niemand etwas richtig machen konnte.

Ein Jahr verging und Mia wusste, dass es die alte Mia nicht mehr gab. Sie trauerte ihr manchmal hinterher, aber sie sah keinen Weg und keine Möglichkeit, je wieder die alte Mia zu werden. Wozu auch? Hatte die alte Mia nicht alles falsch gemacht? Hatte die alte Mia sich nicht einfach nur alles schön geredet? Wem nutzte Magie oder der Glaube an Magie etwas, wenn es einen unvorsichtig und dumm machte?

Doch ein kleiner Funken war nicht erloschen in ihrem Inneren und was zuerst nur ein Aufflackern gewesen war, wurde schon bald zu einer Flamme. Mia spürte diese Flamme in ihrem Inneren und sie hiess Sehnsucht. Sehnsucht nach sich selber, nach dem Menschen, der sie einst gewesen war. Doch daraus resultierte auch die Frage, welcher von diesen beiden Menschen sie nun wirklich war?

Es war ein sonniger Samstag, an dem sie frei hatte, der ihr Leben verändern sollte. Mia hatte sich entschlossen, im nahe gelegenen Park spazieren zu gehen. Der Park war eine kleine Attraktion mit den vielen bunten Blumen, den Künstlern, die dort ihre Kunststücke aufführten und dem Botanischen Garten durch den ein kleiner Fluss lief.

Schon lange war es her, seit sie sich einmal Zeit für sich genommen hatte. Sie genoss die Wärme des Frühlings, den sanften Windhauch, der ihre Haare streichelte und zum ersten mal seit damals spürte sie eine Leichtigkeit in ihrem Inneren, die sie schon längst vergessen hatte.

Wie hatte es nur so weit kommen können? Obwohl ihr versichert worden war, dass sie nichts hätte tun können, um den kleinen Jungen zu retten, so gab sie sich doch die Schuld. Die Worte der Mutter des Jungen hallten noch immer in ihren Ohren und auch wenn sie vom Verstand her wusste, dass Schmerz und Leid aus der Frau gesprochen hatten, so konnte Mia sich dennoch der Wirkung dieser Worte nicht entziehen. Aber wer könnte das schon?

„Du hast aufgehört zu vertrauen!“ erklang eine Stimme hinter ihr. Sie drehte sich herum und sah einen Mann, der vor einem bunten Blumenbeet kniete. Er hielt einen kleinen Rechen in der Hand, sein Blick verriet eine Liebe zu den Pflanzen, die ganz besonders prächtig zu gedeihen schienen.

„Wie bitte? Haben Sie etwas gesagt?“ fragte Mia überrascht. „Ich sagte, Du hast aufgehört zu vertrauen.“ wiederholte der Mann seine Worte. „Woher...?“ begann Mia zu fragen, brach dann jedoch abrupt ab. Was konnte dieser Mann schon über sie wissen? „Ich weiss, dass Du aufgehört hast zu vertrauen. Aber Du hast nicht nur aufgehört zu vertrauen, Du bist misstrauig geworden. Du hast das Licht kennengelernt – und den Schatten.“ Der Mann sah sie einen Moment mit einem intensiven Blick an, ehe er sich, als wäre nichts gewesen, wieder seinen Blumen widmete.

Mia hielt den Atem an. War es so? Hatte sie vom Licht in den Schatten gewechselt? Doch wo war das Licht hin? Soviele Fragen tauchten auf und sie alle wollten Antworten. Antworten, die Mia nicht hatte.

Der Mann lächelte ein wenig, schob sich die Brille die Nase hoch und sah sie noch einmal an. Er hatte dunkelbraune Augen, die sie anblickten, als könnte er bis auf den Grund ihrer Seele blicken.

„Das Licht, es ist in Dir. Du hast es nur vergessen, so wie Du vergessen hattest, dass Du als Mensch mit dem Schatten geboren wurdest. Du bist ein Engel Mia, ein Engel, der vergessen hat, dass er ein Mensch ist. Und der Mensch in Dir hat dem Engel den Schatten gezeigt.“

Die Worte des Mannes drangen tief in ihr Herz ein, auch wenn ihr Verstand nichts verstand, wovon der Mann sprach, ihr Herz wusste es und es weitete sich. Soviel Liebe floss durch ihre Adern, es strömte durch sie hindurch und Mia wusste, dass er Recht hatte.

Sie war als Engel in diese Welt geboren worden, der ein Menschenleben kennenlernen wollte. Wenn Engel geboren wurden, dann brachten sie das Licht mit auf diese Welt. Doch die Welt der Menschen war eine Welt der Dualität, in der Licht und Schatten nebeneinander existierten. Wenn sie das eine erfahren wollte, dann musste sie das andere auch kennenlernen. Und während die meisten Menschen zuerst den Schatten kennenlernten ehe sie das Licht fanden, so war es Mia's Aufgabe, das Licht zu sehen ehe der Schatten nach ihr griff und ihr die andere Seite zeigte.

Mia weinte. „Und nun? Heisst das, ich muss nun im Schatten leben als Preis dafür, dass ich das Licht sehen durfte?“ Über ein Jahr wandelte sie nun schon im Schatten, sie hatte die Leichtigkeit vergessen, mit der sie früer das Leben gelebt hatte. Nun lebte das Leben sie und die bleierne Schwere ihrer irdischen Existenz schien ihr jeden Schritt schwer zu machen.

Der Mann richtete sich auf, klopfte sich die Erde von der Jeans und reichte Mia die Hand.

„Bist Du bereit, mit mir auf eine kleine Reise zu gehen?“ fragte er und liess die Hand ausgestreckt. Mia schniefte. Hatte sie etwas zu verlieren? Nur diese Welt mit ihren Absurditäten, dachte sie betrübt und doch neugierig zugleich. Es gab nichts zu verlieren, beschloss sie und reichte dem Mann die Hand.

Einen Augenblick später standen sie wieder dort, wo sie bereits ein Jahr zuvor gewesen war. Nur konnte sie niemand hören und sehen, während sie alles um sich herum wahrnahm. „Meine Vergangenheit?“ fragte Mia erstaunt und der Mann nickte. „Ja, auch, aber nicht nur. Sieh hin!“ antwortete er und richtete den Blick auf die damalige Mia, die einem kleinen Jungen von seiner Zukunft erzählte.

Mia sah sich mit dem Kind reden, das ihr aufmerksam zuhörte. Er sah so friedlich aus, auch jetzt, wo sie wusste, dass er sterben würde. Ein verwegener Gedanke kam ihr. Möglicherweise bekam sie diese Chance, um die Vergangenheit zu verändern? Würde sie das Kind retten können? Würde sie ihr Leben noch einmal zum Guten wenden können?

Sie sah sich aufstehen und den Raum verlassen. „Nein, bleib da!“ rief sie sich selber zu, doch sie wusste auch, dass die Mia von damals sie nicht hören konnte. Sie versuchte den Klingelknopf zu betätigen, der den Alarm auslösen würde, doch es gelang ihr nicht.

Weinend und zitternd brüllte sie den Mann an. „Was soll das? Soll ich ihm noch einmal beim Sterben zusehen?“ All ihre Versuche, das Kind zu retten, misslangen ihr. In dieser Sekunde erkannte Mia, dass es nicht ihre Aufgabe war, den Jungen zu retten. Sie sah diesem kleinen Wesen in die Augen und es erwiderte ihren Blick, ehe es friedlich einschlummerte.

Schicksal... Mia erkannte, dass es das Schicksal dieses Jungen war, nicht lange zu leben. Sie wusste nicht, warum Gott zuliess, dass ein Kind geboren wurde um es dann doch zu sich zu nehmen. Sie hatte keinen Einblick in den kosmischen Plan, wenn es sowas überhaupt gab. Aber sie erkannte, dass sie nicht die Macht hatte und vorallem nicht das Recht, sich dem Schicksal eines anderen Menschen in den Weg zu stellen. Selbst dann nicht, wenn ihr eigenes dadurch mit verändert wurde.

„Wozu das alles? Wozu war das gut?“ fragte sie leise. Der Mann sah sie mit einem liebevollen Blick an. „Denk an den Schatten...“ erwiderte er, ehe er ihre Hand erneut ergriff und sie einen Moment später in ihrer eigenen Wohnung stand. Düster sah es dort drin nun aus. Ihr Ich vor einem Jahr saß in einem Sessel und weinte. Mia beugte sich zu der früheren Mia hinab um sie zu trösten, doch ihre Hand glitt ins Leere.

„Warum weinst Du so, Mia?“ fragte der Mann und Mia hob die Hände ohne zu wissen warum. „Weil ich dieses Kind nicht retten konnte. Weil ich damals dachte, es sei meine Schuld, dass dieser kleine Junge sterben musste. Weil seine Mutter mir die Schuld gab an seinem Tod.“

Der Mann legte den Kopf ein wenig schief und sah sie nachsichtig an, wie ein Vater sein übel gelauntes Kind. „Du weinst nur um Dich, Mia. Du kannst nicht um ein Kind weinen, das nur sein Schicksal erfüllt hat.“

Mia wurde wütend. Wie konnte dieser Mann nur so etwas sagen? Sie war kein Egoist, sie war nur verzweifelt, weil sie diesem Kind das Leben gewünscht hatte.

Doch mit jedem Schluchzer, der der alten Mia entrang, erkannte sie mehr und mehr, dass er Recht hatte. Sie weinte um sich, weil sie vermeintlich einen Fehler begangen hatte, weil sie sich scheinbar mit ihrem Gefühl, das Kind würde es schaffen, selbst belogen hatte. Sie weinte, weil sie sich schuldig fühlte.

„Der Tod ist nichts schlechtes. Er nimmt niemanden willkürlich mit, auch wenn es euch Menschen oft so erscheint. Doch immer kommt er dann, wenn er kommen soll. Auch er folgt nur einem Plan und immer gibt er den Menschen die Gelegenheit etwas wichtiges zu erkennen. Doch die meisten Menschen können das gar nicht sehen, weil sie in ihrem Schmerz zu gefangen sind.“ erklärte der Mann.

Mia schüttelte den Kopf. Wie konnte man jemandem sagen, dass der Tod nichts schlechtes war? Ständig starben Menschen zu früh, Menschen, die nicht sterben wollten, die eine Lücke hinterliessen. Niemand hatte das Recht zu behaupten, dass die Trauer egoistisch war.

 

„Wenn Du wüsstest, dass der Junge geboren wurde, um seine Eltern etwas bestimmtes zu lehren, das nur sein Tod sie lehren konnte und dass er sie so sehr liebt, dass er ihnen dieses Geschenk machen wollte – würdest Du dann noch um ihn trauern? Wenn Du wüsstest, dass es ihm gut geht und dass er noch viele Möglichkeiten haben wird, ein ganzes Menschenleben so zu verbringen, wie er es möchte?“

Mia atmete tief ein und stiess die Luft dann aus ihren Lungen hervor. Würde sie trauern, wenn sie sich sicher sein könnte, dass es so wäre, wie ihr gerade erzählt worden war? Es wunderte sie selber, aber sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich würde mich für ihn freuen.“ entgegnete Mia. „Aber es ist doch auch normal und menschlich, dass wir um Verstorbene trauern, oder?“ Mia war verwirrt. Der Mann sah sie nachdenklich an. „Ja, es ist wie Du sagst – für einen Menschen ist es normal so zu empfinden. Er hat nicht den Überblick über die kosmische Ordnung so wie ein Engel ihn hat. Deshalb ist es in seiner Welt normal so zu fühlen. Der Engel würde sich für die Eltern und den Jungen freuen, weil er weiss, wie wichtig diese Lektion für die beiden Menschen ist, die das Kind verloren haben. Er weiss, dass der Junge ihnen ein großes Geschenk gemacht hat und der Engel würde sich freuen, aber der Mensch kann das alles nicht sehen, er weiss es nicht und deshalb empfindet er einen Verlust und betrauert ihn.“

Diese Erklärung beruhigte Mia. Engel zu sein bedeutete also, die Dinge aus einer höheren Warte zu betrachten und sich deshalb nicht in das Leid zu verstricken, das den Menschen auf Schritt und Tritt folgte.

„Warum tue ich mir so leid?“ fragte Mia, schonungslos sich selbst gegenüber. Der Mann sah sie bewundernd an. Nur selten geschah es, dass jemand so früh auf dieser Reise bereit war, sich selbst gegenüber so offen und so schonungslos entgegen zu treten.

Er reichte ihr wieder die Hand und diesmal landeten sie in einem Kindergarten, den Mia erst auf den zweiten Blick erkannte. Hierher hatte ihre Mutter sie immer gebracht, als sie noch ein Kind gewesen war! Mia war in ihrer Kindheit gelandet.

Sie sah, wie ihre Mutter den Kindergarten verliess und ihr, der kleinen Mia, noch einmal zuwinkte, ehe sie ganz aus ihrem Blickfeld verschwand.

„Was wollen wir hier? Meine Kindheit war wunderbar!“ erklärte Mia. Sie verstand nicht so recht, was der Mann ihr zeigen wollte. Doch dieser gab ihr keine Antwort. Mia blieb nichts anderes übrig, als die kleine Mia wortlos zu beobachten, wie sie mit den anderen Kindern spielte. Schon damals war sie stets darauf bedacht gewesen, niemandem zu schaden. Sie war ein friedliebendes Kind, das sich nicht schmutzig machte, das ihr Pausenbrot mit anderen Kindern teilte und das stets... Mia sah das kleine Mädchen an, das sie einst gewesen war. Es stand allein an einer Schaukel und sah den anderen Kindern beim Spielen zu. Nur selten spielte jemand mit ihr, doch anstatt darüber traurig oder verärgert zu sein, lächelte sie. Und in diesem Lächeln war nicht die Spur von Traurigkeit zu erkennen.

„Ist das normal?“ fragte Mia den Mann, der an ihrer Seite stand und das kleine Mädchen aufmerksam betrachtete.

„Ich weiss nicht, was „normal“ sein soll, Mia. Es ist nicht meine Aufgabe zu entscheiden, was normal ist und was angeblich nicht. Doch schau genau hin – war es so nicht Dein Leben lang? Warst Du nicht immer diejenige, die aus vollem Herzen gab, aber nichts zurück bekam? Doch es hat Dich nie gestört, nicht wahr?“ Mia zuckte mit den Schultern. Nein, es hatte sie nie wirklich gestört, obgleich sie nicht wusste, warum eigentlich nicht.

„Ich sagte Dir, dass Du als Engel auf diese Welt kamst, doch im Gegensatz zu all den anderen Engeln die auf die Welt kommen, hast Du das Licht nicht nur bewahrt – Du hast es von Anfang an gelebt. Du warst immer ein wenig „nicht von dieser Welt“, wie Deine Kollegen sagen würden. Aber sag mir Mia, warum hast Du keine Freunde?“

Mia zuckte zusammen. Dies war eine Frage, die sie in den langen, endlos dunklen Stunden des vergangenen Jahres sich selbst oft gestellt hatte. Warum hatte sie keine Freunde? Warum hatte sie keinen Partner? Hatte sie wirklich geglaubt, all das nicht zu brauchen? Doch das Licht in ihr war so hell, dass sie nie etwas vermisst hatte.

Der Mann nickte. Schon längst hatte Mia begriffen, dass er ihre Gedanken hören konnte, als hätte sie sie laut ausgesprochen.

„Sag mir Mia, wie willst Du die Menschen verstehen und ihnen helfen, wenn Du den Schatten nicht kennst, wenn Du nicht weisst, wie schwierig es für sie ist, das Licht zu sehen? Du kannst ihnen vom Licht berichten, aber Du wirst ihnen nicht erklären können, wie sie ihre Augen für das Licht öffnen, wenn Du es selbst nicht erlebt hast, oder?“ Der Mann legte ihr die Hand auf die Schulter und sie verschwanden einmal mehr um kurz darauf wieder mitten im Garten aufzutauchen. Diesmal waren sie wieder im Hier und Jetzt.

Mia verstand nun, was der Mann ihr sagen wollte. Sie hatte ihr Leben lang nur das Licht gekannt und so schön es auch war, doch es hatte sie von den Menschen in einer Weise getrennt, die sie erst erkannt hatte, als der Schatten nach ihr gegriffen hatte.

„Werde ich das Licht jemals wiedefinden?“ fragte sie traurig.

„Ja, das wirst Du.“ antwortete der Mann. Mia straffte die Schultern. „Wo wird der Unterschied zu vorher sein?“ wollte sie wissen. Der Mann nahm seinen Rechen wieder in die Hand und kniete sich zwischen seine Blumen. „Du wirst einfach nur wissen, was der Schatten ist und Du wirst wissen, wie man ihn mit dem Licht vereint, so dass er selbst zu Licht wird.“ antwortete der Mann.

Mia verstand die Antwort nicht ganz, doch sie gab sich damit zufrieden. Sie wusste, dass es nun nichts mehr gab, was sie noch fragen konnte oder sollte und so verliess sie den Mann, der sich seinen Blumen gewidmet hatte, als sei nichts geschehen.

Von nun an suchte Mia nach den Lektionen, die in jeder dunklen Stunde versteckt waren. Und sie wurde besser und besser darin, Schmerz und Traurigkeit, Angst und Wut und all den anderen Gefühlen, die auf ihrer Seele lasteten, ihr Geheimnis zu entlocken. So wurde der Schatten ihr größter Lehrmeister.

Mit jedem Schritt, den Mia auf ihrem Weg tat, mit jeder Erkenntnis durch die sie den Schatten in Licht wandelte, kam die alte Mia zuvor. Doch die neue Mia verschwand nicht – so wie der Schatten sich mit dem Licht vereinte, so vereinte sich die alte Mia mit der neuen Mia.

Und so erfüllte sich eines Tages ihr größter Wunsch, als sie tief in sich all das wiederfand, was sie verloren glaubte – die Liebe, das Vertrauen, die Magie und noch etwas fand sie dort – das unerschütterliche Wissen, das den Engeln zu eigen war und das ihr half zu verstehen, warum sie damals so unerschütterlich glaubte zu wissen, dass der Junge es schaffen würde. Nun wurde ihr auch klar, dass sie damals Recht gehabt hatte, doch ihr Verstand konnte nicht nachvollziehen, was der Engel in ihr bereits gewusst hatte.

Nun war dieser Engel zum Mensch geworden und der Mensch zum Engel – Licht und Schatten hatten sich vereint und waren so zu einer Einheit verschmolzen.

Das Licht – es war wieder da und es leuchtete heller als je zuvor.

11.12.2011 um 23:39 Uhr

Ein Engel für Sarah

Sarah blickte in die Tiefe. Ein Sprung. Nur ein Schritt nach vorne und alles wäre vorbei.

Sie hatte die Arme ausgestreckt, damit sie die Balance halten konnte. Ihre Fussspitzen ragten über das Geländer hinaus, ihre Fersen wurden von dem Beton unter ihnen angezogen.

Nur ein Schritt...

Plötzlich erklang hinter ihr ein Geräusch und sie erschrak. Fast wäre sie gefallen, wenn... Ja, was hatte sie eigentlich festgehalten? Sie hatte nur einen leichten Ruck gespürt und damit gerechnet, es würde sie in die Tiefe reissen, doch stattdessen stolperte sie in die entgegengesetzte Richtung und landete auf ihren Knien.

"Ein paar Schürfwunden sind ja noch erträglich im Gegensatz zu dem, was Du vor hattest..."

Die Stimme kam ihr bekannt vor. Dort stand jemand, ein Mann. Sie konnte das Gesicht nicht erkennen, denn die Sonne blendete sie und machte es ihr unmöglich, ihr Gegenüber zu erkennen.

"Wer sind Sie?" fragte Sarah atemlos. Ihr Herz überschlug sich fast und ihre Knie waren mehr als weich.

Der Schreck, fast in die Tiefe gestürzt zu sein, saß ihr tief in den Gliedern. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, auf das Brückengeländer zu klettern?

"Nur der Rausch des Todes, der all jene in seinen Bann schlägt, die dem Leben die kalte Schulter zu zeigen beschlossen haben." Der Mann hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und lehnte sich lässig an die Brüstung.

Ehe sie begriff, dass er auf ihre unausgesprochene Frage geantwortet hatte, zog es sie in seine Richtung. Doch jeder Schritt den sie nach vorne ging, schien er weiter von ihr wegzurücken.

"Was geht hier vor?" wisperte Sarah panisch.

Der Mann lachte. "Was denkst Du denn, was hier vor sich geht?"

Sarah zog die Schultern hoch, was sie immer tat, wenn sie unsicher und ängstlich war.

Eigentlich kannte sie schon fast keine andere Haltung mehr, weil sie ständig Angst hatte und unsicher war.

"Ich weiss nicht... Bin ich tot?" Sie wollte schon hinter sich schauen auf die Autobahn, die sich unter ihr erstreckte. Vielleicht lag ihr Körper ja zerschmettert dort unten, während ihr - ja, was eigentlich? Ihr Geist, ihre Seele? Jedenfalls könnte es doch sein, dass sie doch abgestürzt war und jetzt...

Der Mann lachte laut und schüttelte den Kopf.

"Noch nicht meine liebe Sarah! Der Zeitpunkt wird kommen, doch noch wirst Du gebraucht hier auf Erden! Und das für eine sehr lange Zeit!" Der Mann machte immer noch keine Anstalten auf Sarah zuzugehen und sie hatte es aufgegeben, ihm näher kommen zu wollen.

"Wer sind Sie eigentlich? Was wollen Sie von mir?" Sarah spürte das altbekannte Misstrauen in sich aufsteigen, das immer in ihr aufstieg, wenn sie es mit anderen Menschen zu tun hatte. Ihre Mutter hatte ihr einmal gesagt, dass sie noch nie einen so jungen Menschen erlebt hatte, der so wenig Vertrauen in seine Mitmenschen hatte.

Sarah hatte nur einmal mehr die Schultern hochgezogen und ein leises "Na und?" von sich gegeben. Vertrauen war etwas für Looser, für alle jene, die nie erlebt hatten, wie schnell das Leben zu einem Spießrutenlauf werden konnte.

Doch nun stand sie hier, fast schon bereit den Schritt in die Tiefe zu machen, doch stattdessen wurde sie zurückgehalten von jemandem, den sie nicht einmal kannte. Jemand, der nicht zu erreichen war....

"Glaubst Du an Engel, Sarah?" fragte der Mann und seine Stimme klang vollkommen ernst.

Sarah zog die Schultern hoch. War der Mann verrückt? Ein Psychopath? Wohlmöglich entlaufen aus der nahe gelegenen Psychiatrie? Oder vielleicht sogar ein Vergewaltiger? Man las doch jeden Tag im Internet, dass kranke Menschen herum rannten, die anderen Leid antaten. Wobei sie nicht das Internet gebraucht hatte, um diese Erfahrung zu machen...

"Nein, ich glaube weder an Engel noch an sonst jemanden!" antwortete Sarah wahrheitsgetreu.

Der Mann schien sich ein wenig auf sie zuzubewegen, doch noch immer wurde sie von der Sonne geblendet, so dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Ein Hauch von Vanille umgab ihn und sie fragte sich unwillkürlich, welcher Mann nach Vanille duftete?

"Glaubst Du denn nicht einmal an Dich?" Die Frage klang so einfach, völlig harmlos. Doch Sarah fand sie alles andere als angenehm. Sie sprach nicht gerne über sich. Überhaupt fühlte sie sich viel wohler, wenn niemand sie beachtete. Nur dann war sie wirklich sicher.

"Wie heissen Sie?" fragte sie den Mann in der Hoffnung, ein wenig über ihn erfahren zu können.

"Nenn mich einfach Gabriel. Das ist mein irdischer Name." Der Mann klang geheimnisvoll und sie wollte sich schon mit einer Ausrede aus dem Staub machen, als er plötzlich vor ihr stand.

Er war wie aus dem Nichts aufgetaucht und nun stand er so nah vor ihr, dass sie ihm in die Augen sehen konnte. Sie hatte noch nie solche Augen gesehen. Sie schienen endlos zu sein, sie konnte die Farbe nicht definieren, sie schienen von allem ein bisschen was zu haben und gleichzeitig so endlos tief, dass man sich in ihnen verlieren konnte.

Sarah trat unmerklich einen Schritt zurück, denn diese Augen nahmen ihr den Atem.

Sie fand ihn nicht attraktiv, nicht einmal bedrohlich. Er war "nur ein Mann" doch sie wusste, dass dies so nicht stimmen konnte. Kein Mensch konnte einfach so von jetzt auf gleich auftauchen wo er wollte. Das konnten nur... Sie verwarf den Gedanken gleich wieder.

"Hören Sie, ich muss jetzt nach Hause gehen. Meine Mutter wird bestimmt wütend, wenn ich so lange wegbleibe!" log sie. Ihre Mutter arbeitete wie jeden Dienstag bis 22 Uhr im nahe gelegenen Supermarkt. Sarah war das, was man ein "Schlüsselkind" nannte und das schon seit ihrem 8 Lebensjahr. Sie hatte gelernt sich selber zu versorgen. Die Mutter musste für alles aufkommen, weil ihr Vater sie kurz nach ihrem 6. Geburtstag verlassen hatte.

"Deine Mom ist arbeiten, das weisst Du genauso wie ich, Sarah!" Der Mann blickte sie an mit seinen Augen die sie anfunkelten wie Diamanten. Sie nahm den Vanilleduft immer stärker wahr und plötzlich fühlte sie sich in die Zeit zurückversetzt, als sie noch klein gewesen war.

Sie sah sich in der Küche ihres ehemaligen Hauses, in dem ihre Eltern noch zusammengelebt hatten. Sie hatte mit Mom Kekse gebacken, es war kurz vor Weihnachten und sie hörten Weihnachtslieder, während ihr Dad die bereits fertigen Kekse mit Puderzucker bestäubte. Sie hatten alle gelacht und Sarah war niemals glücklicher gewesen.

"Was wollen Sie von mir?" Die Erinnerung schnürte ihr die Kehle zu und sie bedauerte ein kleines bisschen, dass sie nicht gesprungen war.

"Ich möchte Dir zeigen, wer Du in Wirklichkeit bist, wenn Du mich lässt."

Sarah schüttelte den Kopf. "Wie soll das gehen? Soll ich etwa mit Ihnen irgendwohin gehen? Das können Sie gleich vergessen!" Sie hatte all die Warnungen ihrer Mutter noch im Ohr und sie würde sicher niergendwohin gehen mit diesem Mann. Auch wenn sie schon 16 Jahre alt war, traute sie sich doch nicht, mit diesem Fremden mitzugehen, der so mysteriös daher kam.

"Es ist merkwürdig Sarah, vorhin hättest Du Dich beinahe von der Brücke gestürzt, es hätte nur noch ein kleiner Schritt gefehlt und jetzt hast Du Angst um Dein Leben?" Der Mann schaute sie aufmerksam an, dann lächelte er und sie fühlte sich merkwürdigerweise so glücklich wie lange nicht mehr.

"Trotzdem muss ich Dir sagen, dass ich stolz auf Dich bin. Du hast noch gut in Erinnerung, wie Deine Mutter Dich an Deinem 8. Geburtstag davor gewarnt hat, mit Fremden mitzugehen. Ich wünschte, alle Kinder würden das so beherzigen wie Du!"

Der Mann war wenige Schritte vor ihr stehen geblieben. Sarah wich einen Schritt zurück. Sie mochte es nicht, wenn ihr jemand zu nahe kam und schon gar nicht, wenn es jemand war, den sie nicht einmal kannte.

"Ich mache Dir einen Vorschlag. Ich lasse Dich jetzt gehen, wenn Du mir versprichst, direkt nach Hause zu gehen. Ich werde Dich in Deinen Träumen heute Nacht besuchen und Dir zeigen, wer Du bist. Du wirst danach nie wieder Angst haben müssen vor Sandy und ihrer Gang. Du wirst nie wieder Angst haben einen Jungen zu fragen, ob er mit Dir zu einem Abschlussball gehen möchte. Und Du wirst nie wieder gemobbt werden, man wird Dich nie wieder bedrohen oder schlagen. Niemand wird Dich mehr durch die Schulflure jagen und niemand wird von Dir verlangen für ihn die Hausaufgaben zu machen oder etwas zu stehlen."

Sarah bekam den Mund nicht mehr zu. "Woher wissen Sie das?" flüsterte sie erstaunt und ein wenig entsetzt. Sie hatte niemandem davon erzählt, wie sie in der Schule gemobbt wurde. Sie hatte es nicht einmal ihrer Mutter erzählt, weil sie Angst hatte, dass ihre Mutter in die Schule kommen und alles noch schlimmer machen würde.

"Ich werde es Dir erklären, wenn Du auf mein Angebot eingehst. Du gehst nach Hause und heute Nacht im Traum hole ich Dich ab, ok?" Der Mann lächelte leicht. Er wusste bereits, dass sie Ja sagen würde, noch bevor sie es selber wusste.

Sarah sah nachdenklich aus. Doch was konnte schon geschehen? Sie würde nach Hause gehen und nie wieder auf die Brücke zurückkehren. Es war eine dumme Idee von ihr gewesen, sich das Leben nehmen zu wollen. Ganz bestimmt gab es irgendeinen Ausweg, sie musste ihn nur finden. Sie fühlte sich schon viel besser, nicht mehr so verzweifelt wie vorhin.

"Ist in Ordnung, ich gehe dann jetzt nach Hause." sagte Sarah. Der Mann nickte und sie drehte sich herum und ging einige Schritte, ehe sie sich ihm noch einmal zuwandte und fragte: "Soll ich dann ganz einfach heute Nacht ins Bett gehen und Sie sorgen dafür, dass ich träume? So wie der Sandmann...?" Doch als sie sich umgedreht hatte, stand er nicht mehr dort und sie blickte auf eine leere Brücke, auf der weit und breit niemand mehr ausser ihr zu sehen war...



Zuhause angekommen machte sich Sarah eine Tasse Tee und setzte sich auf die Couch. Sie war ganz alleine und konnte den restlichen Nachmittag verbringen wie sie wollte. Am Abend würde sie sich Abendbrot machen und dann ins Bett gehen. An den Tagen, an denen ihre Mutter so lange arbeiten musste, sahen sie sich nur kurz am Morgen.

Sie dachte an den merkwürdigen Mann und daran, wie er sie angesehen hatte. Sie hatte ihn zuerst nicht ernst nehmen wollen, doch irgendetwas an ihm war nicht von dieser Welt. Sie glaubte nicht an Engel und auch nicht an einen Gott. Wenn es einen Gott oder Engel gäbe, würde Sandy sie nicht ständig niedermachen. Als sie letzten Monat den Tritt in die Rippen bekommen hatte, hatte sie ihrer Mom erzählt, sie sei im Sport unglücklich gestürzt. Eine Woche später hatte sie ein blaues Auge, was sie auf einen unbekannten Jungen schob, der ihr angeblich aufgelauert hatte und den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ihre Mom hatte "Anzeige gegen unbekannt" gestellt und die Polizie versicherte alle Schulen nach dem Jungen abzusuchen, doch Sarah wusste, dass sie den Jungen nie finden würden. Es war wieder einmal einer von Sandys Kumpels gewesen, die sie angestiftet hatte, sich Sarah "vorzuknöpfen" wie Sandy es nannte.

Sarah atmete tief durch und betrachtete ihre Arme, auf denen blasse Linien von einer Zeit zeugten, in der sie mit Glasscherben verletzt worden war. Damals war sie 14 gewesen und Sandy hatte ihr deutlich klar gemacht, dass sie der Boss war. Das war, nachdem Sarah sich bei der Lehrerin über Sandy beschwert hatte, dass diese ihr ein Bein gestellt hatte, woraufhin sie hingefallen war. Danach hatte Sarah nie wieder gepetzt, denn sie wusste, dass es schlimme Folgen haben würde.

Woher der Mann wohl von all den Dingen wusste? Hatte er sie beobachtet? Doch das konnte doch eigentlich nicht sein, oder?

Die Stunden vergingen und Sarah hatte das erste mal seit Jahren bei dem Gedanken an Sandy und die Hetzjagdt, die am nächsten Tag sicher wieder stattfinden würde, keine Bauchschmerzen. Zuversicht wuchs in ihr heran, obwohl sie nicht einmal wusste, woher sie diese Zuversicht nahm und was sie ihr eigentlich sagen wollte.

Sie konnte sich gar nicht erklären, warum ein Mädchen wie Sandy sie so hasste. Sandy war wunderschön, sie hatte lange blonde Haare, wunderschöne braune Augen und eine Figur, nach der sich jeder Junge umdrehte. Sie trug die teuersten Klamotten und besaß ein Handy, das mit Strasssteinen verziert war und dauernd funkelte. Sarah hätte auch gerne so eins gehabt, doch ihre Mom konnte es sich nicht leisten und sie würde erst gar nicht danach fragen.

Es war inzwischen dunkel geworden und Sarah hatte sich bereits umgezogen um ins Bett zu gehen. Wie jeden Abend, bevor sie ins Bett ging, vergewisserte sie sich, ob die Tür abgeschlossen und die Rolläden unten waren. Ihre Mutter legte großen Wert darauf, dass Sarah sicher ging, dass niemand die Wohnung betreten konnte, wenn sie nicht da war.

Als Sarah schliesslich im Bett lag, dauerte es nicht lange und ihr fielen die Augen zu.

Ein bunter Nebelschwaden zog vor ihrem inneren Auge auf. Alles war bunt und funkelte und als der Nebel sich teilte, kam der Mann, der sich Gabriel nannte, auf sie zugelaufen. Er lächelte sie an und begrüsste sie mit einer Umarmung. Sie dachte gar nicht darüber nach, ob es in Ordnung war, sich von ihm umarmen zu lassen. Es war doch ein Traum, da konnte er ihr ja nichts anhaben, oder doch?

"Komm mit Sarah, ich will Dir zeigen, wer Du wirklich bist!" sagte Gabriel und nahm sie an die Hand. Es fühlte sich an, als würden sie schweben. Bunte Nebelschwaden und weisse und blaue Wölkchen zogen an ihnen vorbei und Sarah kicherte plötzlich. Gabriel sah sie an und kicherte ebenfalls. "Die bunten Wolken sind niedlich, oder?" sagte er. "Es ist wie damals als wir in diesem Vergnügungspark waren - Mom, Dad und ich. Wir haben haufenweise bunte Zuckerwatte gegessen, sind Riesenrad gefahren und haben in einer Höhle mit einem Bären gesprochen. Es war natürlich kein richtiger Bär, sondern nur ein Mann in einem Bärenkostüm, aber es war lustig. Es fühlt sich gerade so an wie damals!" Sarah sah vergnügt aus.

Gabriel zog sie weiter mit sich. Ihre Mutter würde später behaupten, sie hätte ihre Tochter schon lange nicht mehr vergnügt gesehen.

Plötzlich teilte sich vor ihnen der Nebel und eine große Leinwand tauchte auf.

"Was ist das jetzt? Gehen wir ins Kino?" Sarah kicherte wieder. Sie konnte einfach nicht ernst bleiben, wo auch immer sie war, es brachte sie dazu, sich leicht und vergnügt zu fühlen.

Gabriel reichte ihr eine riesengroße Tüte Popcorn und ein überdimensionale Cola.

"Hier, für Dich!" sagte er und liess sich in einen der beiden großen, bequemen Sessel plumpsen, die plötzlich vor ihnen standen..

"Wo kommt das her? Ich darf keine Cola trinken und kein gezuckertes Popcorn essen, Mom sagt, davon nehme ich nur zu!" Sarah streckte beides weit von sich weg, doch Gabriel machte keine Anstalten das Popcorn und die Cola wieder an sich zu nehmen.

"Sag mal Sarah, sind wir nun in Deinem Traum oder nicht?" fragte er und steckte die Finger in seine eigene, riesengroße Tüte Popcorn.

"Ähm, ich denke schon. Was könnte es anderes sein als ein Traum?" antwortete Sarah und liess sich nun doch in den anderen Sessel fallen, stellte das Popcorn und die Cola aber auf die Erde vorsichtshalber. Es war ja nicht so, als wenn sie keine Lust auf das Popcorn, das verführerisch süss duftete und die Cola hatte. Sie hatte nur die mahnenden Worte ihrer Mutter im Kopf und sie trug Grösse 36 während alle anderen Mädchen Size Zero trugen...

"Es ist Dein Traum Sarah. Du kannst in diesem Traum alles machen was Du möchtest. Du kannst literweise Cola trinken und süsses Popcorn essen soviel Du magst. Alles ist möglich. Also zöger nicht länger und geniess Dein Popcorn!" forderte Gabriel sie auf.

Langsam griff sie nach der großen Tüte und als sie sich die erste handvoll Popcorn in den Mund steckte und den Zucker auf ihrer Zunge schmeckte, begann sie wieder zu kichern. Ehe Gabriel sich versah, streckte sie ihre linke Hand nach der Cola aus und nahm einen großen Schluck.

"Lecker!" schmatzte sie zwischen Popcorn und Cola und ihre Augen strahlten wie schon lange nicht mehr.

"Ok, welchen Film sehen wir? Eine Komödie? Eine Schnulze? Ein Musical? Ice Age? Pretty Woman? Dirty Dancing?" Sarah lachte und zählte nach und nach alle Filme auf, die sie kannte. Gabriel lachte mit ihr und freute sich, dass sie so aufgetaut war und fröhlich vor sich hin lachte und herumalberte. 

"Ich möchte Dir einen Film zeigen, in dem Du die Hauptrolle spielst. Manchmal wirst Du Dich wundern, manchmal wirst Du Dich  nicht wiedererkennen und manchmal wirst Du weinen. Doch am Ende wirst Du verstehen, was ich meinte, als ich sagte, ich zeige Dir, wer Du wirklich bist!" Gabriel zog eine riesengroße Fernbedienung aus der Seite des Sessels und drückte auf einen weissen Knopf. 

"Wenn Du etwas nicht verstehst, dann merk Dir die Frage oder schreib sie Dir auf und wir klären es hinterher, ok?" Gabriel machte es sich bequem und der Film ratterte los.

Sarah fragte sich, woher sie etwas zu schreiben hernehmen sollte, doch im nächsten Moment lag ein Block mit einem Stift auf ihrem Schoss. Sie wunderte sich nicht mehr, denn es war ja alles möglich wie Gabriel gesagt hatte.

Der Film begann bei ihrer Geburt und sie blickte auf ihre Eltern, die stolz auf ihre kleine Tochter hinabsahen. Die Freude über ihre Geburt stand in ihren Gesichtern geschrieben und Sarah schniefte leiste vor sich hin. Sie hatten sich doch so geliebt, wie hatten sie sich nur trennen können? 

Sie sah nocheinmal alle für sie bedeutsamen Situationen, sogar jene in der Küche, als sie Weihnachtskekse gebacken und gesungen und gelacht hatten alle zusammen.

Nun begann ihre Schulzeit. In der Grundschule war sie ein aufgewecktes kleines Mädchen mit rotbraunen Zöpfen und ein paar Sommersprossen auf der Stupsnase gewesen. Kurz nachdem sie eingeschult worden war, hatte ihre Mutter ihr erklärt, dass ihr Dad ausziehen würde. Niemand hatte ihr gesagt, warum er ging und als sie ihn weinend bat, sie nicht zu verlassen, hatte er sie einfach stehen lassen und war gegangen. Sie hatte ihn nie wieder gesehen.

 

Mit 12 kam sie dann in die Realschule. Hier herrschten andere Anforderungen und Sarah begann regelmässig zu lernen. Sie hatte Freude am Lernen und so schrieb sie auch hier gute Noten. 

Bis zu jenem Tag vor zwei Jahren, als Sandy sie das erste mal geschlagen hatte, schien alles in Ordnung gewesen zu sein. Sie hatte sich zwar ein wenig zurückgezogen und versuchte nicht aufzufallen zwischen all den anderen Kindern, doch sie war noch immer recht beliebt und hatte Spaß an der Schule.

Das änderte sich an jenem Sommertag, als Sandy das erste mal zuschlug. Sie hatte sich eine Woche vorher beim Lehrer über Sandy beschwert. Sie hatte Sarah ein Bein gestellt und Sarah war hingefallen und hatte sich nicht nur die Jeanshose zerrissen sondern auch das Knie blutig geschlagen.

Sarah war gerade dabei ihr Fahrradschloss aufzuschliessen und ihre Schultasche über den Lenker zu hängen, als sie an den Haaren zurückgerissen wurde. Nur wenige Kinder waren auf dem Schulhof, die Lehrer saßen noch in den Klassenräumen oder im Lehrerzimmer. Sarah schrie, als sie brutal zurückgerissen wurde, doch bereits für den ersten Schrei bekam sie einen Schlag auf den Mund. Es war Marco, ein Freund von Sandy, der bereits mit 14 Jahren fast 1,80 m gross war. Sarah war nicht sonderlich gross für ihr Alter, gerade mal 1,60 m und schlank. 

"Was wollt ihr von mir?" weinte Sarah, während Marco sie festhielt.

"Du wirst jetzt merken was es bedeutet, sich mit Sandy anzulegen! Marco, schleif sie dort hinten in die Ecke und dann zeigen wir der Miss Petze hier, wo es in dieser Schule lang geht!" sagte Sandy und lief voraus in die Ecke hinter der Turnhalle, die  niemand einsehen konnte.

Marco hielt Sarah den Mund zu und schleppte sie hinter sich her. Sarah weinte, ihr Herz pochte schmerzhaft in ihrer Brust und ihre Knie zitterten vor Angst. Sie hatte Todesangst und Marco und Sandy freuten sich sogar darüber.

In der Ecke angekommen drückte Marco Sarah an die Wand, hielt ihr weiter den Mund zu, während Sandy eine Bierflasche zerschlug und eine besonders große Scherbe vor Sarah Augen herumschwenkte.

"Na, meinst Du die ist große genug für Dich?" fragte Sandy und starrte Sarah eiskalt an. In Sandys Augen war kein Gefühl zu erkennen, nur kalter, blanker Hass. Abgrundtief.

"Bitte nicht..." stammelte Sarah hinter Marcos Hand und Tränen liefen über ihre Wangen hinab.

Sandy lachte und ergriff Sarahs Arm und kratzte mit der ersten Glasscherbe darüber. Sarah wollte schreien, doch Marco liess sie nicht. Der Schnitt tat höllisch weh und sie fühlte das Blut, das warm ihren Arm herunter lief.

"Na, wie fühlt es sich an? Tut's weh?" Sandy lachte. Es war ein diabolisches Lachen.

Sie schnitt noch einmal und noch einmal. Schliesslich hatte Sarah fünf tiefe Schnitte an ihrem rechten Arm.

"Nun hör mir zu und zwar ganz genau! begann Sandy. "Du wirst niemandem hiervon berichten oder ich bringe Dich um! Und Du wirst in Zukunft tun was ich möchte oder Du wirst leiden. Ist das klar?"

Sarah starrte das blonde Mädchen vor ihr entsetzt an. Das meinte Sandy doch nicht ernst... Oder doch?

Doch Sandy sah nicht aus wie jemand, der scherzte.

Und so stimmte Sarah zu und rannte nach Hause, als Marco sie losliess. Während Sarah ohne ihre Schultasche einfach vom Schulhof rannte, lachten Sandy und Marco hinter ihr.

Zuhause angekommen versteckte Sarah ihre Schnitte. Sie hoffte, dass die Schnitte nicht so tief waren, dass sie genäht werden müssten. Ihre Mutter hatte eine Tinktur im Bad stehen, die angeblich blutstillend war und Sarah schüttete sich fast die halbe Flasche über den Arm, ehe sie ihn verband. Die nächsten Wochen trug sie, obwohl es heiss war, nur noch langärmlige Shirts. Ihre Mutter dachte, es sei nur eine Phase eines pubertierenden Mädchens und während niemand etwas davon merkte, was wirklich los war, nahm Sarahs Schicksal seinen lauf...

Sarah hatte sich tief in den Sessel gedrückt. Sie konnte noch immer die Schmerzen in ihrem Arm fühlen. Manchmal hatte sie sogar das Gefühl, als wären die Schnitte gerade frisch entstanden. Dann weinte sie, aber der Schmerz hörte nicht auf. Sie schluckte den Schmerz hinuntern, damit sie nicht weinte. Das hatte sie lernen müssen, damit niemand etwas bemerkte. Doch diesmal schien es nicht zu gelingen, denn Gabriel drückte ihre Hand und wo er sie berührte, fühlte sie wohltuende Wärme über ihre Hand in den geschundenen Arm strahlen.

Der Film lief weiter und zählte jede einzelne Sekunde auf, in der Sarah geschlagen, getreten, geschunden und misshandelt wurde von Sandy und ihrer Gang.

Nachdem Marco von der Schule geflogen war, weil er den Klassenlehrer geschlagen hatte, hatte Sarah gehofft, ihr Märtyrium würde aufhören. Doch sie hatte falsch gelegen, denn Sandy hatte schnell Ersatz für Marco gefunden. Der Junge hiess Holger und war noch größer als Marco und viel breiter gebaut. Sarah hatte Angst vor ihm. Noch mehr als vor Marco. Marco hatte sie manchmal ins Gesicht geschlagen, meistens hielt er sie jedoch nur fest, damit Sandy zuschlagen konnte. Doch Holger scheute sich auch nicht davor, ihr zwischen die Beine zu fassen oder an den Busen, der sich langsam entwickelte.

Manchmal sah er sie mit einem Blick an, der ihr das Grauen bescherte. Sie wusste tief in ihrem Inneren, dass er irgendwann etwas Fürchterliches tun würde. Etwas noch viel grausameres und abscheulicheres als alles was sie bisher erlebt hatte. Doch sie verdrängte den Gedanken, weil er zu schrecklich war. Zu grausam.

Sie war inzwischen 15 und ihre Mutter begann auch noch abends zu arbeiten. Sie bemühte sich, ihrer Mutter nicht zur Last zu fallen, weil diese so  hart arbeitete, damit sie sich ein Dach über dem Kopf leisten konnten. Die Mutter kümmerte sich um Sarah, doch manchmal weinte sie und schimpfte auf ihren Ex-Mann, Sarahs Dad. Dann sagte sie Sarah, sie müsste ein braves Mädchen sein, damit sie mit ihr nicht auch noch Probleme hätte. Sie würde es nicht verkraften, wenn Sarah auch noch aus der Rolle fallen würde. Und so schwieg Sarah weiter, beschwerte sich nie und erduldete alles, was man ihr zumutete.

Holger war noch immer ihr Schrecken und Sandy liess sich immer neue Abscheulichkeiten einfallen. Einmal musste Sarah ihr die Hausaufgaben machen und weil sie in Deutsch anstatt einer Eins nur eine Eins Minus bekommen hatte, trat sie Sarah in die Rippen.

Egal wie sehr Sarah sich bemühte Sandy zufrieden zu stellen um keine Schläge mehr zu bekommen - diese fand immer irgendetwas, an dem sie etwas auszusetzen hatte. Mal waren die Punkte über dem i zu gross, dann wieder war die Schrift nicht der von Sandy ähnlich genug. Einmal hatte sie sie mitten ins Gesicht geboxt, weil Sarah eine bessere Note als Sandy bekommen hatte. Sarah trug fortan nicht nur ein blaues Auge nach Hause sondern auch schlechte Noten. Der Mutter versprach sie noch mehr zu lernen, damit diese keinen Ärger mit ihr hatte. Sie saß stundenlang in ihrem Zimmer und tat so, als würde sie lernen. Doch sie sah nicht einmal in die Bücher, denn der Lernstoff war nicht das Problem. Doch das konnte sie Mom nicht sagen - die konnte schliesslich keinen Ärger gebrauchen.

Als ihre Noten immer schlechter wurden und alles Lernen nichts half, beschuldigte die Mutter sie, einfach nur faul und dumm zu sein. Doch auch das schmerzte Sarah nicht mehr. Sie hatte gelernt den Schmerz zu verleugnen. Niemand konnte ihr mehr weh tun, ausser vielleicht Holger, wenn er tat, was sie befürchtete...

Es war kurz bevor sie auf die Brücke gegangen war. Sie  hatte Pause und musste dringend auf Toilette, also betrat sie das große Gebäude und lief auf die Toilette zu, als Holger sie abfing.

"Hallo, da bist Du ja! Komm mal mit, ich muss Dir was zeigen!" sagte er und packte sie am Arm. Sie schlug um sich, doch er war soviel größer und stärker als sie und als er sie ins Gesicht schlug, sah sie nur noch Sterne. Er schleppte sie hinter sich her auf die Mädchentoilette und drängte sie in den kleinen Raum, in dem die Toilette stand. Sarah wurde übel. Sie spürte seine Finger, die überall waren, über ihren Körper krochen und seinen Atem, der stoßweise kam. Er nestelte an ihrem Reissverschluss, schob ihr das Shirt hoch und den BH runter, um ihre Brüste zu umfassen. "Wenn Du schreist, bring ich Dich hierdrin um!" zischte er und öffnete seine Hose. Gerade als er sie gegen die Kabinentür drückte kam Frau Schmidt herein. "Wer ist da auf der Toilette?" fragte sie und Holger bedeutete ihr zu antworten, aber bloss ruhig zu halten. "Ich bin es, Sarah." sagte Sarah mit fester Stimme. Sie wusste nicht, woher sie die Kraft nahm, nicht loszuschreien. "Sarah, Du sollst Dich während der Pausenzeiten nicht auf den Toiletten im Gebäude aufhalten! Ich warte vorne auf Dich, in einer Minute bist Du draussen, verstanden?" sagte Frau Schmidt und verliess den Raum. "Scheisse!" zischte Holger erneut und zog sich an. "Geh vor und wehe Du sagst irgendjemandem was, dann bist Du fällig!" Sarah rückte ihre Kleidung zurecht und verliess die Kabine. "Wir sind noch nicht fertig, ist das klar?" sagte Holger hinter ihr und sie fröstelte, als sie durch die Schwingtür nach draussen schritt.

Sarah verbrachte die nächste Schulstunde wie in Trance. Sie wusste nur, wenn Holger sie nach der Schule zu fassen bekäme, würde er sein Vorhaben in die Tat umsetzen. Und Sandy würde sicher gerne dabei zusehen. Sie wusste sich nicht mehr zu helfen, als dieser Gedanke in ihr aufflammte. Es war ihre einzige Möglichkeit, diesem schrecklichen Vorhaben zu entgehen. Sie würde sich jetzt entschuldigen mit Bauchschmerzen und nach Hause gehen. Holger konnte ihr nicht folgen, er war eine Klasse über ihr und bekam nicht mit, wenn sie früher ging. Sie sagte Bescheid, dass sie es vor Bauchschmerzen nicht mehr aushielte und verliess die Schule.

Wie ferngesteuert rannte Sarah zu der Brücke, wo sie auf das Geländer stieg...

Der Film hielt an.

Sarah weinte.

Sie schluchzte so heftig, dass sie am ganzen Körper zitterte. Sie hatte nie wieder daran denken wollen, was Holger ihr fast angetan hatte. Sie wollte nur noch weg. Sie wollte sich verstecken. Oder am besten doch von der Brücke springen.

Gabriel streichte ihr über den Kopf. Er wusste, dass wirklicher Trost kaum möglich war. Sarah hatte unendlich viel Leid ertragen müssen. Und ihr Leid würde nicht enden, wenn sie den Film bis zum Schluss sah.

Gabriel wusste was kommen würde, als sie aufsprang und dabei die Cola verschüttete und das Popcorn sich über den Sessel und den Boden verstreute.

"Was soll das? Warum quälst Du mich so? Was soll mir das sagen? Dass ich ein Versager bin, ein Looser? Jemand der sich nicht wehren kann? Na Danke, das wusste ich schon vorher!" schrie Sarah und ihr Gesicht war ganz rot vor Wut.

"Setz Dich Sarah, ich weiss Du verstehst es noch  nicht, doch Du wirst Dir den Film weiter ansehen. Das wichtigste fehlt doch noch. Das wirklich Gute..." Gabriels Worte strömten beruhigend durch ihre Adern. Sie fühlte, wie die Wut verebbte. Was konnte schon noch kommen? Sie saß hier, Holger war weit weg. Sie sammelte die Popcorntüte auf und den Colabecher, die beide seltsamerweise wieder gefüllt waren. Niergendwo war ein Fleck zu sehen, kein Popcorn, nichts.

Der Film ratterte weiter und Sarah sah sich am nächsten Tag, wie sie die Schule wieder betrat. Sie hatte Bauchschmerzen vor Angst. Einige Mädchen versuchten sie heranzuwinken, doch sie ging allen aus dem Weg. Sandy hatte ihr verboten Freunde zu haben und sie hielt sich besser daran. Niemand durfte beliebter sein als Sandy.

Ein Mädchen lächelte sie freundlich an und Sarah sah sich schnell um, ob Holger oder Sandy in der Nähe waren, ehe sie das Lächeln erwiderte. Sie musste aufpassen.

Von Sandy und Holger war jedoch keine Spur zu sehen. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt. Auch am nächsten Tag war keine Sandy da und kein Holger. Die Tage vergingen und dann Wochen, Monate. Keine Sandy. Kein Holger. Sarah fühlte sich das erste mal sicher. Zumindest ein wenig. Sie ging noch immer den anderen Mitschülern aus dem Weg, doch inzwischen hatte sie eine Freundin gefunden. Sie hiess Clara und war in ihrem Alter. Sie war ein lustiges, aufgewecktes Mädchen. Clara war schlau und fragte Sandy, warum sie ihr solange aus dem Weg gegangen war? Da erzählte Sarah ihr von Sandy und Holger. Sie erzählte die ganze Geschichte bis zu jenem Tag, als Holger sie in die Toilette geschleppt und fast vergewaltigt hätte. Sie verschwieg Gabriel und das Kino, weil es ihr inzwischen irreal vorkam und sie es für einen Traum oder eine Phantasie hielt.

Clara hatte ihr aufmerksam zugehört und ihre Hände zu Fäusten geballt. Als sie wütend aufsprang, wich Sarah sofort zurück.

"Wer sind diese Monster? Wir müssen zum Schulleiter gehen. Vielleicht hat jemand sie angeschwärzt und sie sind von der Schule geflogen? Auf alle Fälle musst Du es Deiner Mom sagen und den Lehrern. Nur so kannst Du sicher gehen, dass Du geschützt bist in Zukunft und dass diese zwei ihre gerechte Strafe erhalten!" Clara stampfte nochmal mit dem Fuss auf, um ihre Aussage zu unterstreichen.

Doch Sarah weigerte sich irgendetwas von dem zu erzählen, was ihr widerfahren war. Sie schähmte sich für das, was Holger mit ihr gemacht hatte und Sandys Schläge und Angriffe waren ihr noch gut genug im Gedächtnis um sich nicht zu weit vorzutrauen. Sie wusste nicht, wo die beiden abgeblieben waren, niemand hatte etwas von ihnen erzählt, wo sie waren, warum sie nicht mehr da waren. Es hatte nur geheissen, dass es Gründe gäbe, warum Sandy und ihr Kumpane nicht mehr zur Schule kamen. Trotzdem bestand die Gefahr, dass sie ihr vor der Haustür auflauern würden, wenn sie ersteinmal wegen ihr Ärger bekamen!

Clara ärgerte sich furchtbar und nannte Sarah "feige" die daraufhin ihre Freundin fluchtartig verliess. Sollte Clara sie doch für feige halten! Sie hatte nicht die Schläge, die Demütigungen und Erniedrigungen erlebt! Sie war nicht in dauernder Gefahr gewesen. Und jetzt wo die beiden nicht mehr da waren, fühlte es sich fast paradiesisch an. Sicher, sie hatte noch immer Angst und sie duckte sich, sobald jemand sie nur ansprach, doch sie  hoffte, dass die Angst irgendwann vergehen würde. Andererseits konnte die Angst auch nützlich sein - sie hatte Sarah vorsichtig gemacht. Sie vertraute niemandem und das war gut so. So würde sie nie wieder Gefahr laufen, noch einmal so verletzt zu werden. Oder?

Tagelang sprachen Sarah und Clara nicht miteinander. Sarah fehlte ihre Freundin, doch diese verstand sie nicht und so wollte Sarah auch nichts mehr mit Clara zu tun haben. Was war das für eine Freundin, die ihre Not nicht verstand? 

Drei Tage nach dem Streit mit Sarah hörte Clara, wie ein Mitschüler davon sprach, dass Holger und Sandys Ausschluss vom Schulunterricht ja nun bald endete und dass sie bereits verlautet hatten lassen, dass sie diejenige, die sie verpetzt hatte, umbringen würden. 

Clara stockte der Atem. Sie wusste sofort, dass die beiden Sarah meinten. Dabei hatte sie - Clara - die beiden verpetzt bei den Lehrern. Sie hatte die beiden mehrmals dabei beobachtet, wie sie Drogen in der Schule genommen und sogar verkauft hatten. Clara war daraufhin zur Schulleitung gegangen und hatte diese darauf aufmerksam gemacht, was Holger und Sandy so trieben. Man hatte tatsächlich bei beiden eine kleine Menge "Gras" gefunden, so dass sie eine 6monatige Sperre vom Schulunterricht bekommen hatten. 

Clara rannte so schnell sie konnte zu Sarah um ihr die Neuigkeiten zu erzählen. Doch Sarah hielt sich nur die Ohren zu. Ihr Magen verkrampfte sich vor Angst. Sandy und Holger kamen zurück. Nun würde sie für ihre Dummheit, zu glauben, sie wäre sicher, leiden. Sie war  niergendwo sicher. Die beiden würden sie überall finden!

Völlig panisch rannte Sarah heim und täuschte die nächsten Tage eine Magen-Darm-Grippe vor, damit sie nicht in die Schule musste.

Einige Tage nachdem Sarah sich krankgemeldet hatte, war Clara gerade dabei, ihre Schultasche über die Schulter zu nehmen und die Treppen herunterzugehen, um die Schule zu verlassen, als hinter ihr eine Stimme erklang.

"Wir haben erfahren, dass Du uns verpfiffen hast, Clara. Jetzt bist Du dran!" Ehe Clara sich versah, hatte Holger sie bereits gepackt und zerrte sie brutal hinter sich her. Sandy lachte und rannte hinter ihm her. Kein Lehrer war in Sicht. Kein Mitschüler. Clara war allein und sie war hilflos. Niemand konnte diese beiden Monster aufhalten. Und so tat Holger das, was er bei Sarah  nicht vollenden konnte, während Sandy zusah und sich an Claras Schreien erfreute...

Wieder stoppte der Film und Sarah schrie ihren Schmerz heraus.

"Warum? Warum lässt Du das zu, wenn Du doch ein Engel bist?" schrie sie und sah Gabriel zornig an. Engel? Was für ein Unsinn! Sie war alleine gewesen, genauso wie Clara. Clara. Sie kannte das Mädchen vom Sehen her. Sie mochte das freundliche Gesicht, doch sie hatte sich nicht getraut mit Clara zu reden, weil Sandy und Holger immer in der Nähe waren.

"Nicht ich bin derjenige, der Clara nicht schützt, Sarah. Die Geschichte hätte auch anders ausgehen können." sagte Gabriel.

"Wie?" fragte Sarah und entspannte sich ein wenig.

"Nun, schau hin!" Der Film begann fortzufahren wie von selbst.

Sarah war wieder in der Schule an jenem Tag, als sie Clara alles erzählt hatte. Clara hatte ihr gerade einen Vortrag gehalten darüber, dass Sarah zum Schulleiter musste und mit ihrer Mutter sprechen musste. Und Sarah stimmte zu. Sie sträubte sich nicht. Sie hatte zwar Angst, doch sie vertraute Clara. Vielleicht zum allersten mal seit sehr langer Zeit, vertraute sie wieder jemandem und das war ein guter Anfang.

Gemeinsam gingen sie zur Schulleitung, wo Sarah ihre ganze Geschichte erzählte. Sie zeigte ihre zahlreichen Narben, wegen denen sie nicht mal mehr zum Arzt ging, damit sie niemandem auffielen. 

Der Schulleiter hatte die Vertrauenslehrerin hinzugezogen und gemeinsam hörten sie die ganze schreckliche Geschichte. Jede Einzelheit. Als Sarah geendet hatte, weinten die beiden Erwachsenen.

"Sarah, warum bist Du nicht schon früher zu uns gekommen? Soviele Jahre... Sarah..." Frau Kling schüttelte den Kopf. Herr Meyer fand kaum Worte für das Gehörte.

"Wir wussten schon lange, dass Holger und Sandy Problemfälle sind. Aber durch Dich können wir die beiden von der Schule werfen und dafür sorgen, dass sie in eine Therapie müssen. Ich danke Dir für Deinen Mut, Sarah. Du hast uns sehr geholfen. Wir werden nun Deine Mutter anrufen, damit sie Dich abholt. Wir werden mit ihr reden und ihr sagen, dass sie einiges verändern muss in Zukunft!"

Sarah fühlte eine große Erleichterung. Endlich hatte sie all die Last der vergangenen Jahre ablegen können. Endlich musste sie keine Angst mehr vor Holger und Sandy haben. Alles würde gut werden.

Als Sarahs Mutter in die Schule kam und diese schon fast beschimpfen wollte, weil sie dachte, Sarah hätte "Ärger" gemacht, nahm Herr Meyer sie zur Seite und hielt ihr einen Vortrag darüber was Verantwortung war und was Sarah erdulden musste, weil sie kein Vertrauen in die Erwachsenen mehr hatte. Als er geendet hatte, bat ihre Mutter sie unter Tränen um Verzeihung.

Herr Meyer blickte Sarah liebevoll an und streichelte ihr übers Haar. Sie hätte schwören können, dass seine Augen wie Diamanten blitzten...

Der Film endete.

Sarah sah Gabriel an. "Das heisst, ich muss endlich mutig sein, damit Clara nicht auch noch leiden muss?" flüsterte sie.

Gabriel nahm ihre kleine Hand in seine und sandte weitere warme Wellen über ihre Hand in ihren Arm.

"Weisst Du Sarah, manchmal ist es notwendig die eigene Angst zu überwinden und den Mut zu  haben aufzustehen und all jene anzuklagen, die einem weh getan haben. Nur wenn Du aufstehst und sagst, was sie Dir angetan haben, wenn Du erkennst, wieviel Unrecht Dir getan wurde und wenn Du für Dich einstehst, dann kannst Du auch andere retten. Du hast eine Wahl Sarah. Du kannst Dich für das Schweigen und die Schmerzen entscheiden und noch ewig so weitermachen oder Du stehst auf und vertraust Dich Deinen Lehrern an. Sie werden Dich schützen, wenn Du ihnen vertraust. Niemand hat das Recht Dich zu verletzen. Weder seelisch  noch körperlich. Verstehst Du was ich meine?" fragte Gabriel.

Sarah nickte. "Ja, ich glaube schon. Ich habe die Wahl, ob ich den Weg so weitergehe wie bisher und dann ständig in Angst und mit Gewalt lebe oder ob ich einen neuen Weg einschlage und dabei mich und auch andere beschütze? Richtig?"

Gabriel lächelte. Sie war schlau, seine kleine Sarah.

"Richtig! Und soll ich Dir was sagen? Du schützt nicht nur eine Clara und nicht nur Dich selber. Du schützt damit sogar eine Sandy und Holger!"

Sarah zog die Augenbrauen zusammen und die Nase kraus.

"Wieso das denn? Warum sollte ich die beschützen? Die haben mir doch weh getan!" sagte sie verständnislos. Das fehlte ihr noch. Diese zwei Kriminellen zu schützen...

"Ja, auch die, Sarah. Glaubst Du, die sind so geworden, weil sie in einem schönen Elternhaus aufgewachsen sind wo alles in Ordnung ist? Sandys Mom hat nie Zeit und anders als Deine Mom kommt sie manchmal nicht mal nachts heim. Sandys Dad hat sich schon lange einen Ersatz für die Dienste seiner Frau gesucht - nämlich seine eigene Tochter. Und Holger... Ja, Holger, der wird regelmässig von seinen großen Brüdern verprügelt. Er muss für sie stehlen und Drogen verkaufen. Wenn Du nun dafür sorgst, dass die beiden auffliegen, dann gibst Du ihnen die Chance ihr Leben zu verändern. Sie werden therapeutische Hilfe erhalten, sie werden von Zuhause wegkommen, weg von den Menschen, die ihnen all dies antaten. Und so können auch sie wählen, ob sie ein neues Leben beginnen möchten oder ob nicht. Sie haben dann wenigstens eine Wahl!" sagte Gabriel und Sarah verstand. 

"Aber wieso wurden die beiden dann ebenfalls so böse? Ich meine, ich würde niemals jemandem weh tun, nur weil mir weh getan wurde!" sagte Sarah.

Gabriel sah sie lange an ohne ein Wort zu sagen.

"Weisst Du Sarah, manchmal werden Menschen schon sehr stark geboren. Sie wissen was Recht und was Unrecht ist und sie weigern sich standhaft andere zu verletzen. Egal was sie selbst erleiden müssen, sie würden das Erlebte niemals in Form von Gewalt und Ungerechtigkeit weitergeben. Das sind die wirklichen Helden. Menschen die Nächstenliebe leben, obwohl sie selbst von ihren Nächsten nie geliebt wurden. Es sind starke Menschen wie Du, die auf die Welt kommen um den Menschen beizubringen, was wahrhaftige Liebe ist. Und so wirst Du später ganze Kampagnen starten gegen Gewalt. Du wirst in Schulen aufklären und mit missbrauchten Kindern und Jugendlichen arbeiten. Du wirst es tun, weil das was wir den Gottesfunken nennen in Dir brennt. Die Liebe zu allen Menschen. Doch zuerst musst Du lernen Dich selbst zu lieben, Dich als wertvolles Geschöpf zu sehen. Nur so kannst Du später für andere einstehen. Und das meinte ich, als ich Dir sagte, ich zeige Dir, wer Du wirklich bist." Sarah hatte den Atem angehalten, während Gabriel sprach.

Sie und mutig? Wie konnte das sein, wo sie sich so oft weinend zuhause verkrochen hatte, wenn sie wieder einmal geschlagen worden war?

"Ja, Du bist mutig Sarah. Du bist eine Kämpferin. Du trägst ein Licht in Dir und es scheint größer als Du es Dir vorstellen kannst. Du bist tapfer. Wenn Du nicht tapfer wärst, dann wärst Du gesprungen. Auch ich hätte Dich nicht wirklich aufhälten können. Die Brücke war nur ein kleines Hindernis für Dich. Doch Du hast Dich entschieden heim zu gehen und Dich auf den Traum einzulassen, den ich Dir anbot. Und das tun nur wirklich mutige Menschen die sich nicht unterkriegen lassen."

Sarah weinte. Doch diesmal weinte sie vor Freude. Weil sie wusste, dass all ihr Leid endete und wenn sie wirklich später für misshandelte Kinder und Jugendliche da sein würde, dann hatte all das Leid wenigstens einen Sinn.

Sarah umarmte Gabriel und fragte dann: "Sehe ich Dich wieder?" Gabriel zwinkerte ihr zu.

"Ich bin immer bei Dir, auch dann, wenn Du mich nicht sehen kannst. Vergiss das niemals!"

Dann flog Sarah wieder durch die bunten Nebelschwaden und landete sanft in ihrem Bett, kurz bevor der Wecker klingelte.

Sie wusste nicht, ob sie geträumt hatte und was sie geträumt hatte. Sie ging wie jeden Morgen zur Schule, doch diesmal verspürte sie keine Bauchschmerzen. Sie freute sich sogar, ganz so, als würde sie heute jemanden treffen, den sie mochte. Dabei konnten Holger und Sandy wirklich nicht als Freunde bezeichnet werden. Aber irgendwie würde sie das schon alles hinkriegen...

Sarah wunderte sich über ihren eigenen Mut und als sie das Haus verliess, war sie sogar ein wenig fröhlich.

Als die Schule begann, fehlten Sandy und Holger. Und sie kehrten auch am nächsten Tag nicht wieder. Das kam Sarah bekannt vor. Sehr sogar.

Als Clara auf sie zukam, lächelte sie sie freundlich an und unterhielt sich mit ihr. Auch das kam ihr bekannt vor, ganz so, als wäre das alles schonmal geschehen.

Einige Zeit später erzählte sie Clara von Sandy und Holger und als Clara sich aufregte, wusste Sarah genau, was sie tun hatte.

Gemeinsam gingen sie zum Schulleiter...

Diese Geschichte möchte ich allen Kindern und Jugendlichen widmen, die in ihren Schulen, Vereinen oder auch ihren Elternhäusern misshandelt und missbraucht werden. Viele von Euch tragen ihren Schmerz ein Leben lang mit sich herum, einige verzweifeln so sehr, dass sie andere mit in den Tod reissen, wie einige Vorfälle bereits gezeigt haben. Es gibt immer einen Ausweg, ihr habt immer die Wahl. Auch wenn es sich nicht so anfühlt, doch es gibt Anlaufstellen, Ansprechpartner. Wählt Sarahs Weg - den Weg des Mutes und der Eigenliebe. Nur so könnt ihr euch und andere beschützen. Mein Appell gilt auch allen Erwachsenen ob Eltern, Lehrer, Ärzte, Geistliche usw. - nehmen Sie die Belange unserer Kinder und Jugendlichen ernst, schicken Sie niemanden weg, weil es Ihnen nicht "wichtig genug" erscheint. Die Vergangenheit und auch jüngste Ereignisse zeigen, was Verzweiflung und ein "nicht gehört werden" anrichten können.

10.12.2011 um 23:46 Uhr

Ein starkes Weihnachtsmenü...

Jasmin Wagner stand in ihrer geräumigen Küche und wurde fast wahnsinnig. Sie hatte sich mit ihrem Eine-Frau-Partyservice verpflichtet, ein Weihnachtsessen für 150 Personen zu zaubern. Das Essen sollte am 18. Dezember stattfinden und dieser rückte näher, doch kein Gericht, kein Menü das sie zusammenstellte, war Herrn Schiefer - ihrem Auftragggeber und dem Chef der Schiefer & Co.KG - gut genug. Der alte Patriarch beherrschte nicht nur sein Firmenimperium, sondern inzwischen auch Jasmins Küche. Jeden Abend kam er vorbei um ihre neuesten Ideen abzufragen und Proben der Gerichte zu kosten. Doch egal was sie in ihrer Küche zauberte - es war nie gut genug.

Sie buk Schokoladenkuchen mit Pfefferminzsahne - Herr Schiefer probierte und befand, das gäbs ja schon in Form von kleinen Schokotäfelchen. Sie machte Pasta mit Krebsfleisch in einer Knoblauch-Whiskey-Sahnesauce - das war ihm zu langweilig. Sie stellte Pralinen her mit 70%er Schokolade und feinem Orangenlikör in der Füllung - man schmeckte den Orangenlikör zu sehr heraus. Inzwischen befand sie sich Tag und Nacht in der Küche und hatte so verrückte Ideen wie Marzipancreme mit Pfifferlingen oder Karamell-Sahne-Pudding mit Erdbeeren. Jasmin war verzweifelt. Sie war beliebt bei ihren Kunden und selbst wenn sie einfache Gerichte "zauberte" bekam sie großes Lob - weil sie mit der Liebe zum Kochen und Backen gesegnet war, die man auch in den Menüs herausschmecken konnte. Doch Herrn Schiefer war das egal. Er probierte ihre Gerichte nur kurz und schüttelte dann den Kopf.

Es war fast Mitte Dezember, sie saß vollkommen entnervt in ihrer Küche zwischen Mehl, Eiern und Nudeln, als sie ein leises Wimmern hörte. Sie hatte es vorgezogen in Depressionen zu versinken und wollte nicht gestört werden. Wenn sie bedachte, dass sie wegen diesem einen Auftrag alle anderen Aufträge abgelehnt hatte, wurde ihr ganz übel. Doch alles jammern half nichts. Es musste doch irgendein Rezept geben, das Herrn Schiefer überzeugen konnte! Sie hatte Kochbücher, ihre eigenen zahlreichen Rezepte und die Koch-Tagebücher ihrer Großmutter durchforstet - doch nirgendwo stand etwas, das sie noch nicht ausprobiert hatte.Vielleicht war es die Nachbarskatze, die sich schon einmal in ihre Küche verirrt hatte und wegen der sie alles hatte desinfizieren müssen? Oder es war eine Maus? Jasmin sprang von dem Gedanken an eine Maus hastig auf, vergessen ware ihre Depressionen. Wenn sie eine Maus in ihrer Küche hätte oder sogar mehrere, dann würde sie das Geschäft schliessen müssen. An die Folgen durfte sie gar nicht denken, also sah sie sich in ihrer Küche um, räumte alles auf Seite, was nicht niet- und nagelfest war, doch eine Maus hatte sie niergendwo entdecken können. Ein wenig erschöpft und ratlos stand sie da und schüttelte den Kopf, Verzweiflung stand in ihren Augen geschrieben.

Wieder erklang ein leises Wimmern. "Wo kommt das nur her?" fragte Jasmin sich ärgerlich. Sie beugte sich über die große Arbeitsplatte, auf der Mehl, Sahne, Eier und weitere Zutaten verteilt waren. "Hallo?" flüsterte ein leises, quietischiges Stimmchen. Jasmin sah sich um, doch niemand stand hinter ihr. Wieder ein "Hallo" - diesmal etwas lauter. Sie sah sich noch einmal um. "Hallo!" Die Stimme klang verärgert.

Jasmin lief zum Küchenfenster in der Hoffnung, irgendwer stünde davor. Doch niemand war da. Vielleicht spielte man ihr ja einen Streich? Als sie sich umdrehte um sich wieder der Arbeitsplatte zuzuwenden, schoss ein Schwall Sahne aus dem Kännchen und landete direkt auf ihrem Shirt. "Was soll das denn?" sagte Jasmin verägert und wischte sich die Sahne mit einem Küchentuch weg.

"Warum ignorierst Du uns? Ich dachte, Du liebst uns!" Das Stimmchen klang nun beleidigt. Jasmin blickte auf eine Pfütze Sahne, die auf der Arbeitsplatte lag. "Ja, sieh mich ruhig an! Ich spreche mit Dir!" Erschrocken wich Jasmin einen Schritt zurück. "Komm, stell Dich nicht so an! Ich will Dir nur helfen! Wir alle wollen Dir helfen!" Jasmin schüttelte den Kopf. "Wer spricht mit mir? Werde ich schon wahnsinnig?" "Du arbeitest seit Jahren mit uns, Du isst uns, Du sprichst sogar mit uns - aber Du beschwerst Dich, dass Du uns jetzt hören kannst?" Diese Stimme war viel dunkler und Jamsin hätte schwören können, dass sie aus der Dose mit dem Kakaopulver kam. 85%iger Kakao wohlgemerkt. "Hör zu, wenn Du auf uns hörst, sorgen wir dafür, dass Du das harmonischste Menü Deines Lebens zauberst. Aber Du musst uns vertrauen!" Das war die Butter. "Genau, genau!" erklangen die Eier im Chor mit den Chilis. Jasmin traute ihren Ohren nicht. Da lagen sie alle vor ihr - fein säuberlich aufgereiht auf der Küchentheke und sprachen mit ihr. Ein Spritzer Sahne schoss ihr entgegen, das Kakaopulver flog hinterher, legte sich über die Sahne und gemeinsam machten sie eine Drehung, schossen in die Höhe wo sie sich zu einem köstlichen Tropfen Kakao verbanden. Jasmin streckte die Zunge aus und fing den Tropfen auf. Die Chilis riefen: "Zerhack uns, los, wir gehören auch dazu!" Jasmin lachte so laut, wie sie noch nie gelacht hatte. Was war das nur für ein Zauber? Ihre Großmutter hatte immer vom Küchenzauber gesprochen, doch das hier war mehr - es war magisch!


"Also gut Jungs - und Mädels! Wir brauchen ein Abendmenü für 150 Personen mit 5 Gängen. Fangen wir mit der Vorspeise an - wer hat einen Vorschlag?" Jasmin krempelte die Ärmel auf und stellte sich vor die Zutaten, die in laute Jubelrufe ausbrachen. "Jippie, sie hat's endlich kapiert!" hauchte der Salat und schüttelte sich mit einem "brrr". Die Sahne und der Kakao versuchten schon wieder mit einem lauten Seufzer zueinander zu gelangen und lenkten mit einem "Na, endlich!" ab. Doch Jasmin hatte schon längst bemerkt, dass die beiden kaum die "Finger" voneinander lassen konnten. Die Kartoffeln rollten über die Fläche und vollführten eine Drehung bevor sie in Reih und Glied liegen blieben. "Wenn ihr zwei so weitermacht, haben wir später für die Nachspeise nichts mehr von euch übrig!" rügte Jasmin Kakao und Sahne die sich sofort zurückzogen mit einem bedauernden Schluchzen. "Es war ja nicht böse gemeint..." maulte die Sahne und der Kakao liess die Muskeln spielen. "Na, na, sei doch nicht so streng mit uns! Wir sind eben ein starkes Team!" Jasmin verdrehte die Augen. Auf diese Beiden musste sie wohl ganz besonders aufpassen!

"Gut, was für Vorschläge habt ihr für die Vorspeise? Denkt daran - es ist ein Weihnachtsmenü und Herr Schiefer möchte es ganz besonders "harmonisch" haben!"

Der Schinken sprang ihr förmlich aus dem Kühlschrank entgegen, den sie kurz zuvor geöffnet hatte, um weitere Zutaten herauszunehmen.

"Wenn ich etwas vorschlagen darf - ich würde mich für eine Vorspeise anbieten!" sagte er und hüpfte aus der Verpackung. "Hmm... Womit könnte ich Dich nur kombinieren?" überlegte Jasmin laut und hörte ein aufgeregtes Tuscheln aus der Nussschale. Die Walnüsse blickten über den Rand und zwei ganz besonders vorwitzige Exemplare hüpften aus der Schale direkt auf den Tisch.

"Wir hätten da eine Idee... Wir wären sooo ein perfektes Duett, wenn Du uns mit Datteln verarbeiten würdest..."

Jasmin zog die Augenbrauen hoch. Datteln und Walnüsse und Schinken. Das klang sehr gut, aber würde es auch Herrn Schiefer schmecken? Und wie sollte sie das Ganze zusammenbringen? Der Salat begann zu brummen. "Was ist?" fragte Jasmin leicht genervt.

"Wie wäre es, wenn Du mich mit diesen unglaublich gelben und roten Paprika vereinen würdest? Ein paar Champignons, etwas Gurke und ein Spritzer Olivenöl und dazu diesen unglaublich dunklen, gefährlich gutaussehenden Balsamico-Essig." Der Vorschlag des Salates klang sehr gut, ein grüner Salat als Vorspeise und dazu Schinken, Datteln und Walnüsse. "Ach Gott, sie hat keine Ahnung, was sie mit uns machen soll!" maulten die Datteln. Die Walnüsse seufzten und der Schinken gab ein kleines "tsss" von sich. "Was wollt ihr von mir? Ich muss mir halt noch überlegen, wie ich euch zubereite!" "Wie wäre es, wenn Du uns einfach fragen würdest? Vielleicht wissen wir ja nur zu genau, wie wir am besten gemeinsam harmonieren?"

"Gut, ich gebs auf! Legt los, sagt mir, wie ihr zubereitet werden wollt!" Jasmin gab entnervt auf. Sollten doch die Zutaten ihre Küche regieren - sie hatte sowieso nichts zu verlieren.

Die Datteln tanzten auf der Arbeitsplatte hin- und her. "Du musst uns entkernen und mit Walnüssen füllen." Die Walnüsse rannten aufeinander zu, sprangen in die Luft, knallten zusammen und fielen geöffnet herunter. Jasmin begann die Datteln zu entkernen und die Walnüsse hineinzudrücken.

"Jetzt leg mich um die Datteln herum, ich werde sie mit meiner Fettschicht schützen!" Das kam vom Schinken, der es nicht erwarten konnte, die Datteln zu ummanteln. Jasmin folgte seiner Anweisung und als sie die Datteln sämtlich fertig gemacht hatte, hüpften sie mit ihrem Speckmantel in die Pfanne.

"Ja!" brüllte der Speck nach dem Sprung in die Pfanne. "Brate mich, los!" schrie er und entlockte Jasmin ein Lachen. Die Margarine vibrierte. "Mach schon, lass mich in die Pfanne gleiten zu meinem liebsten Speck." "Ist ja schon gut, ich bin ja schon dabei!" antwortete Jasmin und liess einen großen Löffel voll Margarine in die Pfanne gleiten. Während die Datteln brutzelten, wandte sie sich den anderen Zutaten zu.

"Los, macht mir Vorschläge. Wer möchte sich hier noch mit wem vereinen?" Jasmin konnte sich kaum ein Grinsen verkneifen. Sie hätte nie gedacht, dass die Zutaten so frivol-komisch ihre Vorlieben zum Besten geben würden. Offenbar war Essen doch sinnlicher als so manch einer überhaupt erahnen konnte!

Das Mehl flog ihr quer entgegen. "Mach Lachs-Crepe-Pralinenröllchen aus mir! Los, hol den Lachs aus dem Kühlschrank, der friert dort doch nur unnötig vor sich hin!"

Als nächstes tanzten die Steinpilze vor ihr auf und ab. "Wir lieeeben Sahne! Wie wärs mit Steinpilzessenz mit Sherrysahne?" Der Kakao brummte missmutig vor sich hin. "Halt Du Dich da raus, Du hast heute schon genug Sahne gehabt!" rügte Jasmin den Kakao. Die Sahne schien beleidigt. "Der Typ gefällt mir halt, ist das so schlimm? Aber Steinpilze mag ich auch, vorallem wenn ich in Sherry baden darf!" quietschte sie plötzlich und schien wieder fröhlich zu sein.

Die Kartoffeln gesellten sich als Hauptspeise nun dazu. "Wir würden uns gerne zu Wildschweinrücken gesellen, am liebsten zu Knödel verarbeitet in einem Rotkohl-Preiselbeermantel!" Der Vorschlag liess Jasmin das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Sie hatte selbst schon an Wild zum Hauptgang gedacht und so holte sie den Wildschweinrücken aus dem Kühler hervor. "Vergiss ja nicht die Adventsgewürze, die machen mich erst so richtig zum Knüller auf dem Weihnachtsteller!" Offenbar hatte auch der Wildschweinrücken ganz genaue Vorstellungen von seiner Verarbeitung, der sie dankbar folgte.

Schliesslich stand sie vor einem 4 Gänge Menü, das besser duftete als alles, was sie je gekocht hatte. Sie legte den Finger über die Lippen und dachte angestrengt nach.

Da rollten die Orangen auf sie zu. "Los, hol die Kuvertüre, hol die Sahne, die Eier, den Honig und lass uns die beste Nachspeise Deines Lebens werden! Und vergiss die Gewürze nicht - Kardamon, Gewürznelken, Vanille und Anis - und der Grand Marnier. Wir sind das beste Team im ganzen Haus!" "Vergesst ja nicht die Gelatine und mich!" brüllte das Öl. Die Orangen liessen kleine Spritzer ihres Aromas los. "Man nennt uns dann, wenn wir fertig sind Grand - Manier - Parfait mit Gewürzorangen. "Aha!" gab Jasmin zurück und begann mit dem letzten Gang ihres Menüs.

Sie war gerade fertig, als es an der Tür klingelte. Herr Schiefer stand in der Tür. Jasmin begrüsste ihn, führte ihn in die Küche und sah dort zu, wie er ein Gericht nach dem anderen probierte. Als er fertig war, war nichts mehr übrig von dem Gekochten.

"Ich habe noch nie so ein harmonisches Menü probiert! Wenn Sie das bei unserem Weihnachtsessen genauso hinbekommen, dann gibt es eine zusätzliche Belohnung für Sie!" sagte Herr Schiefer, der zum ersten mal zufrieden und glücklich aussah.

Jasmin lächelte zuversichtlich. Immerhin wusste sie ja nun, welch starke Teams sie in ihrer Küche zur Hilfe hatte...

08.12.2011 um 18:32 Uhr

Welcome to my new blog!

Es ist soweit - mein neuer Blog "Majas Geschichtenecke" ist ab sofort eröffnet! Hier werdet ihr alle möglichen Geschichten, die mir so einfallen, finden.

Ich hoffe, meine Geschichten gefallen euch und ihr habt viel Spaß beim Lesen!

Lg
Maja