Sarah
blickte in die Tiefe. Ein Sprung. Nur ein Schritt nach vorne und
alles wäre vorbei.
Sie
hatte die Arme ausgestreckt, damit sie die Balance halten konnte.
Ihre Fussspitzen ragten über das Geländer hinaus, ihre Fersen
wurden von dem Beton unter ihnen angezogen.
Nur
ein Schritt...
Plötzlich
erklang hinter ihr ein Geräusch und sie erschrak. Fast wäre sie
gefallen, wenn... Ja, was hatte sie eigentlich festgehalten? Sie
hatte nur einen leichten Ruck gespürt und damit gerechnet, es würde
sie in die Tiefe reissen, doch stattdessen stolperte sie in die
entgegengesetzte Richtung und landete auf ihren Knien.
"Ein
paar Schürfwunden sind ja noch erträglich im Gegensatz zu dem,
was Du vor hattest..."
Die
Stimme kam ihr bekannt vor. Dort stand jemand, ein Mann. Sie
konnte das Gesicht nicht erkennen, denn die Sonne blendete sie und
machte es ihr unmöglich, ihr Gegenüber zu erkennen.
"Wer
sind Sie?" fragte Sarah atemlos. Ihr Herz überschlug sich
fast und ihre Knie waren mehr als weich.
Der
Schreck, fast in die Tiefe gestürzt zu sein, saß ihr tief in den
Gliedern. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, auf das
Brückengeländer zu klettern?
"Nur
der Rausch des Todes, der all jene in seinen Bann schlägt, die
dem Leben die kalte Schulter zu zeigen beschlossen haben." Der
Mann hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und lehnte sich
lässig an die Brüstung.
Ehe
sie begriff, dass er auf ihre unausgesprochene Frage geantwortet
hatte, zog es sie in seine Richtung. Doch jeder Schritt den sie nach
vorne ging, schien er weiter von ihr wegzurücken.
"Was
geht hier vor?" wisperte Sarah panisch.
Der
Mann lachte. "Was denkst Du denn, was hier vor sich geht?"
Sarah
zog die Schultern hoch, was sie immer tat, wenn sie unsicher und
ängstlich war.
Eigentlich
kannte sie schon fast keine andere Haltung mehr, weil sie ständig
Angst hatte und unsicher war.
"Ich
weiss nicht... Bin ich tot?" Sie wollte schon hinter sich
schauen auf die Autobahn, die sich unter ihr erstreckte. Vielleicht
lag ihr Körper ja zerschmettert dort unten, während ihr - ja, was
eigentlich? Ihr Geist, ihre Seele? Jedenfalls könnte es
doch sein, dass sie doch abgestürzt war und jetzt...
Der
Mann lachte laut und schüttelte den Kopf.
"Noch
nicht meine liebe Sarah! Der Zeitpunkt wird kommen, doch noch wirst
Du gebraucht hier auf Erden! Und das für eine sehr lange Zeit!"
Der Mann machte immer noch keine Anstalten auf Sarah zuzugehen und
sie hatte es aufgegeben, ihm näher kommen zu wollen.
"Wer
sind Sie eigentlich? Was wollen Sie von mir?" Sarah spürte
das altbekannte Misstrauen in sich aufsteigen, das immer in ihr
aufstieg, wenn sie es mit anderen Menschen zu tun hatte. Ihre Mutter
hatte ihr einmal gesagt, dass sie noch nie einen so jungen Menschen
erlebt hatte, der so wenig Vertrauen in seine Mitmenschen hatte.
Sarah
hatte nur einmal mehr die Schultern hochgezogen und ein leises "Na
und?" von sich gegeben. Vertrauen war etwas für Looser, für
alle jene, die nie erlebt hatten, wie schnell das Leben zu einem
Spießrutenlauf werden konnte.
Doch
nun stand sie hier, fast schon bereit den Schritt in die Tiefe zu
machen, doch stattdessen wurde sie zurückgehalten von jemandem, den
sie nicht einmal kannte. Jemand, der nicht zu erreichen war....
"Glaubst
Du an Engel, Sarah?" fragte der Mann und seine Stimme klang
vollkommen ernst.
Sarah
zog die Schultern hoch. War der Mann verrückt? Ein Psychopath?
Wohlmöglich entlaufen aus der nahe gelegenen Psychiatrie? Oder
vielleicht sogar ein Vergewaltiger? Man las doch jeden Tag im
Internet, dass kranke Menschen herum rannten, die anderen Leid
antaten. Wobei sie nicht das Internet gebraucht hatte, um diese
Erfahrung zu machen...
"Nein,
ich glaube weder an Engel noch an sonst jemanden!" antwortete
Sarah wahrheitsgetreu.
Der
Mann schien sich ein wenig auf sie zuzubewegen, doch noch immer wurde
sie von der Sonne geblendet, so dass sie sein Gesicht nicht sehen
konnte. Ein Hauch von Vanille umgab ihn und sie fragte sich
unwillkürlich, welcher Mann nach Vanille duftete?
"Glaubst
Du denn nicht einmal an Dich?" Die Frage klang so einfach,
völlig harmlos. Doch Sarah fand sie alles andere als angenehm. Sie
sprach nicht gerne über sich. Überhaupt fühlte sie sich viel wohler, wenn niemand sie beachtete. Nur dann war sie wirklich
sicher.
"Wie
heissen Sie?" fragte sie den Mann in der Hoffnung, ein wenig
über ihn erfahren zu können.
"Nenn
mich einfach Gabriel. Das ist mein irdischer Name." Der Mann
klang geheimnisvoll und sie wollte sich schon mit einer Ausrede aus
dem Staub machen, als er plötzlich vor ihr stand.
Er
war wie aus dem Nichts aufgetaucht und nun stand er so nah vor ihr,
dass sie ihm in die Augen sehen konnte. Sie hatte noch nie solche
Augen gesehen. Sie schienen endlos zu sein, sie konnte die Farbe
nicht definieren, sie schienen von allem ein bisschen was zu haben
und gleichzeitig so endlos tief, dass man sich in ihnen verlieren
konnte.
Sarah
trat unmerklich einen Schritt zurück, denn diese Augen nahmen ihr
den Atem.
Sie
fand ihn nicht attraktiv, nicht einmal bedrohlich. Er war "nur
ein Mann" doch sie wusste, dass dies so nicht stimmen konnte.
Kein Mensch konnte einfach so von jetzt auf gleich auftauchen wo er
wollte. Das konnten nur... Sie verwarf den Gedanken gleich wieder.
"Hören
Sie, ich muss jetzt nach Hause gehen. Meine Mutter wird bestimmt
wütend, wenn ich so lange wegbleibe!" log sie. Ihre Mutter
arbeitete wie jeden Dienstag bis 22 Uhr im nahe gelegenen Supermarkt.
Sarah war das, was man ein "Schlüsselkind" nannte und das
schon seit ihrem 8 Lebensjahr. Sie hatte gelernt sich selber zu
versorgen. Die Mutter musste für alles aufkommen, weil ihr Vater sie
kurz nach ihrem 6. Geburtstag verlassen hatte.
"Deine
Mom ist arbeiten, das weisst Du genauso wie ich, Sarah!" Der
Mann blickte sie an mit seinen Augen die sie anfunkelten wie
Diamanten. Sie nahm den Vanilleduft immer stärker wahr und plötzlich
fühlte sie sich in die Zeit zurückversetzt, als sie noch klein
gewesen war.
Sie
sah sich in der Küche ihres ehemaligen Hauses, in dem ihre Eltern
noch zusammengelebt hatten. Sie hatte mit Mom Kekse gebacken, es war
kurz vor Weihnachten und sie hörten Weihnachtslieder, während ihr
Dad die bereits fertigen Kekse mit Puderzucker bestäubte. Sie hatten
alle gelacht und Sarah war niemals glücklicher gewesen.
"Was
wollen Sie von mir?" Die Erinnerung schnürte ihr die Kehle zu
und sie bedauerte ein kleines bisschen, dass sie nicht gesprungen
war.
"Ich
möchte Dir zeigen, wer Du in Wirklichkeit bist, wenn Du mich lässt."
Sarah
schüttelte den Kopf. "Wie soll das gehen? Soll ich etwa mit
Ihnen irgendwohin gehen? Das können Sie gleich vergessen!" Sie
hatte all die Warnungen ihrer Mutter noch im Ohr und sie würde
sicher niergendwohin gehen mit diesem Mann. Auch wenn sie schon 16
Jahre alt war, traute sie sich doch nicht, mit diesem Fremden
mitzugehen, der so mysteriös daher kam.
"Es
ist merkwürdig Sarah, vorhin hättest Du Dich beinahe von der Brücke
gestürzt, es hätte nur noch ein kleiner Schritt gefehlt und jetzt
hast Du Angst um Dein Leben?" Der Mann schaute sie aufmerksam
an, dann lächelte er und sie fühlte sich merkwürdigerweise so
glücklich wie lange nicht mehr.
"Trotzdem
muss ich Dir sagen, dass ich stolz auf Dich bin. Du hast noch gut in
Erinnerung, wie Deine Mutter Dich an Deinem 8. Geburtstag davor
gewarnt hat, mit Fremden mitzugehen. Ich wünschte, alle Kinder
würden das so beherzigen wie Du!"
Der
Mann war wenige Schritte vor ihr stehen geblieben.
Sarah wich einen Schritt zurück. Sie mochte es nicht, wenn ihr
jemand zu nahe kam und schon gar nicht, wenn es jemand war, den sie
nicht einmal kannte.
"Ich
mache Dir einen Vorschlag. Ich lasse Dich jetzt gehen, wenn Du mir
versprichst, direkt nach Hause zu gehen. Ich werde Dich in Deinen
Träumen heute Nacht besuchen und Dir zeigen, wer Du bist. Du wirst
danach nie wieder Angst haben müssen vor Sandy und ihrer Gang. Du
wirst nie wieder Angst haben einen Jungen zu fragen, ob er mit Dir zu
einem Abschlussball gehen möchte. Und Du wirst nie wieder gemobbt
werden, man wird Dich nie wieder bedrohen oder schlagen. Niemand wird
Dich mehr durch die Schulflure jagen und niemand wird von Dir
verlangen für ihn die Hausaufgaben zu machen oder etwas zu stehlen."
Sarah
bekam den Mund nicht mehr zu. "Woher wissen Sie das?"
flüsterte sie erstaunt und ein wenig entsetzt. Sie hatte niemandem
davon erzählt, wie sie in der Schule gemobbt wurde. Sie hatte es
nicht einmal ihrer Mutter erzählt, weil sie Angst hatte, dass ihre
Mutter in die Schule kommen und alles noch schlimmer machen würde.
"Ich
werde es Dir erklären, wenn Du auf mein Angebot eingehst. Du gehst
nach Hause und heute Nacht im Traum hole ich Dich ab, ok?" Der
Mann lächelte leicht. Er wusste bereits, dass sie Ja sagen würde,
noch bevor sie es selber wusste.
Sarah
sah nachdenklich aus. Doch was konnte schon geschehen? Sie würde
nach Hause gehen und nie wieder auf die Brücke zurückkehren. Es war
eine dumme Idee von ihr gewesen, sich das Leben nehmen zu wollen.
Ganz bestimmt gab es irgendeinen Ausweg, sie musste ihn nur finden.
Sie fühlte sich schon viel besser, nicht mehr so verzweifelt wie
vorhin.
"Ist
in Ordnung, ich gehe dann jetzt nach Hause." sagte Sarah. Der
Mann nickte und sie drehte sich herum und ging einige Schritte, ehe
sie sich ihm noch einmal zuwandte und fragte: "Soll ich dann
ganz einfach heute Nacht ins Bett gehen und Sie sorgen dafür, dass
ich träume? So wie der Sandmann...?" Doch als sie sich
umgedreht hatte, stand er nicht mehr dort und sie blickte auf eine
leere Brücke, auf der weit und breit niemand mehr ausser ihr zu
sehen war...
Zuhause
angekommen machte sich Sarah eine Tasse Tee und setzte sich auf die
Couch. Sie war ganz alleine und konnte den restlichen Nachmittag
verbringen wie sie wollte. Am Abend würde sie sich Abendbrot machen
und dann ins Bett gehen. An den Tagen, an denen ihre Mutter so lange
arbeiten musste, sahen sie sich nur kurz am Morgen.
Sie
dachte an den merkwürdigen Mann und daran, wie er sie angesehen
hatte. Sie hatte ihn zuerst nicht ernst nehmen wollen, doch
irgendetwas an ihm war nicht von dieser Welt. Sie glaubte nicht an
Engel und auch nicht an einen Gott. Wenn es einen Gott oder Engel
gäbe, würde Sandy sie nicht ständig niedermachen. Als sie letzten
Monat den Tritt in die Rippen bekommen hatte, hatte sie ihrer Mom
erzählt, sie sei im Sport unglücklich gestürzt. Eine Woche später
hatte sie ein blaues Auge, was sie auf einen unbekannten Jungen
schob, der ihr angeblich aufgelauert hatte und den sie noch nie zuvor
gesehen hatte. Ihre Mom hatte "Anzeige gegen unbekannt"
gestellt und die Polizie versicherte alle Schulen nach dem Jungen
abzusuchen, doch Sarah wusste, dass sie den Jungen nie finden würden.
Es war wieder einmal einer von Sandys Kumpels gewesen, die sie
angestiftet hatte, sich Sarah "vorzuknöpfen" wie Sandy es
nannte.
Sarah
atmete tief durch und betrachtete ihre Arme, auf denen blasse Linien
von einer Zeit zeugten, in der sie mit Glasscherben verletzt worden
war. Damals war sie 14 gewesen und Sandy hatte ihr deutlich klar
gemacht, dass sie der Boss war. Das war, nachdem Sarah sich bei der
Lehrerin über Sandy beschwert hatte, dass diese ihr ein Bein
gestellt hatte, woraufhin sie hingefallen war. Danach hatte Sarah nie
wieder gepetzt, denn sie wusste, dass es schlimme Folgen haben würde.
Woher
der Mann wohl von all den Dingen wusste? Hatte er sie beobachtet?
Doch das konnte doch eigentlich nicht sein, oder?
Die
Stunden vergingen und Sarah hatte das erste mal seit Jahren bei dem
Gedanken an Sandy und die Hetzjagdt, die am nächsten Tag sicher
wieder stattfinden würde, keine Bauchschmerzen. Zuversicht wuchs in
ihr heran, obwohl sie nicht einmal wusste, woher sie diese Zuversicht
nahm und was sie ihr eigentlich sagen wollte.
Sie
konnte sich gar nicht erklären, warum ein Mädchen wie Sandy sie so
hasste. Sandy war wunderschön, sie hatte lange blonde Haare,
wunderschöne braune Augen und eine Figur, nach der sich jeder Junge
umdrehte. Sie trug die teuersten Klamotten und besaß ein Handy, das
mit Strasssteinen verziert war und dauernd funkelte. Sarah hätte
auch gerne so eins gehabt, doch ihre Mom konnte es sich nicht leisten
und sie würde erst gar nicht danach fragen.
Es
war inzwischen dunkel geworden und Sarah hatte sich bereits umgezogen
um ins Bett zu gehen. Wie jeden Abend, bevor sie ins Bett ging,
vergewisserte sie sich, ob die Tür abgeschlossen und die Rolläden
unten waren. Ihre Mutter legte großen Wert darauf, dass Sarah sicher
ging, dass niemand die Wohnung betreten konnte, wenn sie nicht da
war.
Als
Sarah schliesslich im Bett lag, dauerte es nicht lange und ihr fielen
die Augen zu.
Ein
bunter Nebelschwaden zog vor ihrem inneren Auge auf. Alles war bunt
und funkelte und als der Nebel sich teilte, kam der Mann, der sich
Gabriel nannte, auf sie zugelaufen. Er lächelte sie an und begrüsste
sie mit einer Umarmung. Sie dachte gar nicht darüber nach, ob es in
Ordnung war, sich von ihm umarmen zu lassen. Es war doch ein Traum,
da konnte er ihr ja nichts anhaben, oder doch?
"Komm
mit Sarah, ich will Dir zeigen, wer Du wirklich bist!" sagte
Gabriel und nahm sie an die Hand. Es fühlte sich an, als würden sie
schweben. Bunte Nebelschwaden und weisse und blaue Wölkchen zogen an
ihnen vorbei und Sarah kicherte plötzlich. Gabriel sah sie an und
kicherte ebenfalls. "Die bunten Wolken sind niedlich, oder?"
sagte er. "Es ist wie damals als wir in diesem Vergnügungspark
waren - Mom, Dad und ich. Wir haben haufenweise bunte Zuckerwatte
gegessen, sind Riesenrad gefahren und haben in einer Höhle mit einem
Bären gesprochen. Es war natürlich kein richtiger Bär, sondern nur
ein Mann in einem Bärenkostüm, aber es war lustig. Es fühlt sich
gerade so an wie damals!" Sarah sah vergnügt aus.
Gabriel
zog sie weiter mit sich. Ihre Mutter würde später behaupten, sie
hätte ihre Tochter schon lange nicht mehr vergnügt gesehen.
Plötzlich
teilte sich vor ihnen der Nebel und eine große Leinwand tauchte auf.
"Was
ist das jetzt? Gehen wir ins Kino?" Sarah kicherte wieder. Sie
konnte einfach nicht ernst bleiben, wo auch immer sie war, es brachte
sie dazu, sich leicht und vergnügt zu fühlen.
Gabriel
reichte ihr eine riesengroße Tüte Popcorn und ein überdimensionale
Cola.
"Hier,
für Dich!" sagte er und liess sich in einen der beiden großen,
bequemen Sessel plumpsen, die plötzlich vor ihnen standen..
"Wo
kommt das her? Ich darf keine Cola trinken und kein gezuckertes
Popcorn essen, Mom sagt, davon nehme ich nur zu!" Sarah streckte
beides weit von sich weg, doch Gabriel machte keine Anstalten das
Popcorn und die Cola wieder an sich zu nehmen.
"Sag
mal Sarah, sind wir nun in Deinem Traum oder nicht?" fragte er
und steckte die Finger in seine eigene, riesengroße Tüte Popcorn.
"Ähm,
ich denke schon. Was könnte es anderes sein als ein Traum?"
antwortete Sarah und liess sich nun doch in den anderen Sessel
fallen, stellte das Popcorn und die Cola aber auf die Erde
vorsichtshalber. Es war ja nicht so, als wenn sie keine Lust auf das
Popcorn, das verführerisch süss duftete und die Cola hatte. Sie
hatte nur die mahnenden Worte ihrer Mutter im Kopf und sie trug
Grösse 36 während alle anderen Mädchen Size Zero trugen...
"Es
ist Dein Traum Sarah. Du kannst in diesem Traum alles machen was Du
möchtest. Du kannst literweise Cola trinken und süsses Popcorn
essen soviel Du magst. Alles ist möglich. Also zöger nicht länger
und geniess Dein Popcorn!" forderte Gabriel sie auf.
Langsam
griff sie nach der großen Tüte und als sie sich die erste handvoll
Popcorn in den Mund steckte und den Zucker auf ihrer Zunge schmeckte,
begann sie wieder zu kichern. Ehe Gabriel sich versah, streckte sie
ihre linke Hand nach der Cola aus und nahm einen großen Schluck.
"Lecker!"
schmatzte sie zwischen Popcorn und Cola und ihre Augen strahlten wie
schon lange nicht mehr.
"Ok,
welchen Film sehen wir? Eine Komödie? Eine Schnulze? Ein
Musical? Ice Age? Pretty Woman? Dirty Dancing?" Sarah
lachte und zählte nach und nach alle Filme auf, die sie kannte.
Gabriel lachte mit ihr und freute sich, dass sie so aufgetaut war und
fröhlich vor sich hin lachte und herumalberte.
"Ich
möchte Dir einen Film zeigen, in dem Du die Hauptrolle spielst.
Manchmal wirst Du Dich wundern, manchmal wirst Du Dich nicht
wiedererkennen und manchmal wirst Du weinen. Doch am Ende wirst Du
verstehen, was ich meinte, als ich sagte, ich zeige Dir, wer Du
wirklich bist!" Gabriel zog eine riesengroße Fernbedienung aus
der Seite des Sessels und drückte auf einen weissen Knopf.
"Wenn
Du etwas nicht verstehst, dann merk Dir die Frage oder schreib sie
Dir auf und wir klären es hinterher, ok?" Gabriel machte es
sich bequem und der Film ratterte los.
Sarah
fragte sich, woher sie etwas zu schreiben hernehmen sollte, doch im
nächsten Moment lag ein Block mit einem Stift auf ihrem Schoss. Sie
wunderte sich nicht mehr, denn es war ja alles möglich wie Gabriel
gesagt hatte.
Der
Film begann bei ihrer Geburt und sie blickte auf ihre Eltern, die
stolz auf ihre kleine Tochter hinabsahen. Die Freude über ihre
Geburt stand in ihren Gesichtern geschrieben und Sarah schniefte
leiste vor sich hin. Sie hatten sich doch so geliebt, wie hatten sie
sich nur trennen können?
Sie
sah nocheinmal alle für sie bedeutsamen Situationen, sogar jene in
der Küche, als sie Weihnachtskekse gebacken und gesungen und gelacht
hatten alle zusammen.
Nun
begann ihre Schulzeit. In der Grundschule war sie ein aufgewecktes
kleines Mädchen mit rotbraunen Zöpfen und ein paar Sommersprossen
auf der Stupsnase gewesen. Kurz nachdem sie eingeschult worden war,
hatte ihre Mutter ihr erklärt, dass ihr Dad ausziehen würde.
Niemand hatte ihr gesagt, warum er ging und als sie ihn weinend bat,
sie nicht zu verlassen, hatte er sie einfach stehen lassen und war
gegangen. Sie hatte ihn nie wieder gesehen.
Mit
12 kam sie dann in die Realschule. Hier herrschten andere
Anforderungen und Sarah begann regelmässig zu lernen. Sie hatte
Freude am Lernen und so schrieb sie auch hier gute Noten.
Bis
zu jenem Tag vor zwei Jahren, als Sandy sie das erste mal geschlagen
hatte, schien alles in Ordnung gewesen zu sein. Sie hatte sich zwar
ein wenig zurückgezogen und versuchte nicht aufzufallen zwischen all
den anderen Kindern, doch sie war noch immer recht beliebt und hatte
Spaß an der Schule.
Das
änderte sich an jenem Sommertag, als Sandy das erste mal zuschlug.
Sie hatte sich eine Woche vorher beim Lehrer über Sandy beschwert.
Sie hatte Sarah ein Bein gestellt und Sarah war hingefallen und hatte
sich nicht nur die Jeanshose zerrissen sondern auch das Knie blutig
geschlagen.
Sarah
war gerade dabei ihr Fahrradschloss aufzuschliessen und ihre
Schultasche über den Lenker zu hängen, als sie an den Haaren
zurückgerissen wurde. Nur wenige Kinder waren auf dem Schulhof,
die Lehrer saßen noch in den Klassenräumen oder im Lehrerzimmer.
Sarah schrie, als sie brutal zurückgerissen wurde, doch bereits für
den ersten Schrei bekam sie einen Schlag auf den Mund. Es war Marco,
ein Freund von Sandy, der bereits mit 14 Jahren fast 1,80 m gross
war. Sarah war nicht sonderlich gross für ihr Alter, gerade mal 1,60
m und schlank.
"Was
wollt ihr von mir?" weinte Sarah, während Marco sie festhielt.
"Du
wirst jetzt merken was es bedeutet, sich mit Sandy anzulegen! Marco,
schleif sie dort hinten in die Ecke und dann zeigen wir der Miss
Petze hier, wo es in dieser Schule lang geht!" sagte Sandy und
lief voraus in die Ecke hinter der Turnhalle, die niemand
einsehen konnte.
Marco
hielt Sarah den Mund zu und schleppte sie hinter sich her. Sarah
weinte, ihr Herz pochte schmerzhaft in ihrer Brust und ihre Knie
zitterten vor Angst. Sie hatte Todesangst und Marco und Sandy freuten
sich sogar darüber.
In
der Ecke angekommen drückte Marco Sarah an die Wand, hielt ihr
weiter den Mund zu, während Sandy eine Bierflasche zerschlug und
eine besonders große Scherbe vor Sarah Augen herumschwenkte.
"Na,
meinst Du die ist große genug für Dich?" fragte Sandy und
starrte Sarah eiskalt an. In Sandys Augen war kein Gefühl zu
erkennen, nur kalter, blanker Hass. Abgrundtief.
"Bitte
nicht..." stammelte Sarah hinter Marcos Hand und Tränen liefen
über ihre Wangen hinab.
Sandy
lachte und ergriff Sarahs Arm und kratzte mit der ersten Glasscherbe
darüber. Sarah wollte schreien, doch Marco liess sie nicht. Der
Schnitt tat höllisch weh und sie fühlte das Blut, das warm ihren
Arm herunter lief.
"Na,
wie fühlt es sich an? Tut's weh?" Sandy lachte. Es war ein
diabolisches Lachen.
Sie
schnitt noch einmal und noch einmal. Schliesslich hatte Sarah fünf
tiefe Schnitte an ihrem rechten Arm.
"Nun
hör mir zu und zwar ganz genau! begann Sandy. "Du wirst
niemandem hiervon berichten oder ich bringe Dich um! Und Du wirst in
Zukunft tun was ich möchte oder Du wirst leiden. Ist das klar?"
Sarah
starrte das blonde Mädchen vor ihr entsetzt an. Das meinte Sandy
doch nicht ernst... Oder doch?
Doch
Sandy sah nicht aus wie jemand, der scherzte.
Und
so stimmte Sarah zu und rannte nach Hause, als Marco sie losliess.
Während Sarah ohne ihre Schultasche einfach vom Schulhof rannte,
lachten Sandy und Marco hinter ihr.
Zuhause
angekommen versteckte Sarah ihre Schnitte. Sie hoffte, dass die
Schnitte nicht so tief waren, dass sie genäht werden müssten. Ihre
Mutter hatte eine Tinktur im Bad stehen, die angeblich blutstillend
war und Sarah schüttete sich fast die halbe Flasche über den Arm,
ehe sie ihn verband. Die nächsten Wochen trug sie, obwohl es heiss
war, nur noch langärmlige Shirts. Ihre Mutter dachte, es sei nur
eine Phase eines pubertierenden Mädchens und während niemand etwas
davon merkte, was wirklich los war, nahm Sarahs Schicksal seinen
lauf...
Sarah
hatte sich tief in den Sessel gedrückt. Sie konnte noch immer die
Schmerzen in ihrem Arm fühlen. Manchmal hatte sie sogar das Gefühl,
als wären die Schnitte gerade frisch entstanden. Dann weinte sie,
aber der Schmerz hörte nicht auf. Sie schluckte den Schmerz
hinuntern, damit sie nicht weinte. Das hatte sie lernen müssen,
damit niemand etwas bemerkte. Doch diesmal schien es nicht zu
gelingen, denn Gabriel drückte ihre Hand und wo er sie berührte,
fühlte sie wohltuende Wärme über ihre Hand in den geschundenen Arm
strahlen.
Der
Film lief weiter und zählte jede einzelne Sekunde auf, in der Sarah
geschlagen, getreten, geschunden und misshandelt wurde von Sandy und
ihrer Gang.
Nachdem
Marco von der Schule geflogen war, weil er den Klassenlehrer
geschlagen hatte, hatte Sarah gehofft, ihr Märtyrium würde
aufhören. Doch sie hatte falsch gelegen, denn Sandy hatte schnell
Ersatz für Marco gefunden. Der Junge hiess Holger und war noch
größer als Marco und viel breiter gebaut. Sarah hatte Angst vor
ihm. Noch mehr als vor Marco. Marco hatte sie manchmal ins Gesicht
geschlagen, meistens hielt er sie jedoch nur fest, damit Sandy
zuschlagen konnte. Doch Holger scheute sich auch nicht davor, ihr
zwischen die Beine zu fassen oder an den Busen, der sich langsam
entwickelte.
Manchmal
sah er sie mit einem Blick an, der ihr das Grauen bescherte. Sie
wusste tief in ihrem Inneren, dass er irgendwann etwas Fürchterliches
tun würde. Etwas noch viel grausameres und abscheulicheres als alles
was sie bisher erlebt hatte. Doch sie verdrängte den Gedanken, weil
er zu schrecklich war. Zu grausam.
Sie
war inzwischen 15 und ihre Mutter begann auch noch abends zu
arbeiten. Sie bemühte sich, ihrer Mutter nicht zur Last zu
fallen, weil diese so hart arbeitete, damit sie sich ein Dach
über dem Kopf leisten konnten. Die Mutter kümmerte sich um
Sarah, doch manchmal weinte sie und schimpfte auf ihren Ex-Mann,
Sarahs Dad. Dann sagte sie Sarah, sie müsste ein braves Mädchen
sein, damit sie mit ihr nicht auch noch Probleme hätte. Sie würde
es nicht verkraften, wenn Sarah auch noch aus der Rolle fallen würde.
Und so schwieg Sarah weiter, beschwerte sich nie und erduldete alles,
was man ihr zumutete.
Holger
war noch immer ihr Schrecken und Sandy liess sich immer neue
Abscheulichkeiten einfallen. Einmal musste Sarah ihr die Hausaufgaben
machen und weil sie in Deutsch anstatt einer Eins nur eine Eins Minus
bekommen hatte, trat sie Sarah in die Rippen.
Egal
wie sehr Sarah sich bemühte Sandy zufrieden zu stellen um keine
Schläge mehr zu bekommen - diese fand immer irgendetwas, an dem sie
etwas auszusetzen hatte. Mal waren die Punkte über dem i zu gross,
dann wieder war die Schrift nicht der von Sandy ähnlich genug.
Einmal hatte sie sie mitten ins Gesicht geboxt, weil Sarah eine
bessere Note als Sandy bekommen hatte. Sarah trug fortan nicht nur
ein blaues Auge nach Hause sondern auch schlechte Noten. Der Mutter
versprach sie noch mehr zu lernen, damit diese keinen Ärger mit ihr
hatte. Sie saß stundenlang in ihrem Zimmer und tat so, als würde
sie lernen. Doch sie sah nicht einmal in die Bücher, denn der
Lernstoff war nicht das Problem. Doch das konnte sie Mom nicht sagen
- die konnte schliesslich keinen Ärger gebrauchen.
Als
ihre Noten immer schlechter wurden und alles Lernen nichts half,
beschuldigte die Mutter sie, einfach nur faul und dumm zu sein. Doch
auch das schmerzte Sarah nicht mehr. Sie hatte gelernt den Schmerz zu
verleugnen. Niemand konnte ihr mehr weh tun, ausser vielleicht
Holger, wenn er tat, was sie befürchtete...
Es
war kurz bevor sie auf die Brücke gegangen war. Sie hatte
Pause und musste dringend auf Toilette, also betrat sie das große
Gebäude und lief auf die Toilette zu, als Holger sie abfing.
"Hallo,
da bist Du ja! Komm mal mit, ich muss Dir was zeigen!" sagte er
und packte sie am Arm. Sie schlug um sich, doch er war soviel größer
und stärker als sie und als er sie ins Gesicht schlug, sah sie nur
noch Sterne. Er schleppte sie hinter sich her auf die Mädchentoilette
und drängte sie in den kleinen Raum, in dem die Toilette stand.
Sarah wurde übel. Sie spürte seine Finger, die überall waren, über
ihren Körper krochen und seinen Atem, der stoßweise kam. Er
nestelte an ihrem
Reissverschluss,
schob ihr das Shirt hoch und den BH runter, um ihre Brüste zu
umfassen. "Wenn Du schreist, bring ich Dich hierdrin um!"
zischte er und öffnete seine Hose. Gerade als er sie gegen die
Kabinentür drückte kam Frau Schmidt herein. "Wer ist da auf
der Toilette?" fragte sie und Holger bedeutete ihr zu antworten,
aber bloss ruhig zu halten. "Ich bin es, Sarah." sagte
Sarah mit fester Stimme. Sie wusste nicht, woher sie die Kraft nahm,
nicht loszuschreien. "Sarah, Du sollst Dich während der
Pausenzeiten nicht auf den Toiletten im Gebäude aufhalten! Ich warte
vorne auf Dich, in einer Minute bist Du draussen, verstanden?"
sagte Frau Schmidt und verliess den Raum. "Scheisse!"
zischte Holger erneut und zog sich an. "Geh vor und wehe Du
sagst irgendjemandem was, dann bist Du fällig!" Sarah rückte
ihre Kleidung zurecht und verliess die Kabine. "Wir sind noch
nicht fertig, ist das klar?" sagte Holger hinter ihr und sie
fröstelte, als sie durch die Schwingtür nach draussen schritt.
Sarah
verbrachte die nächste Schulstunde wie in Trance. Sie wusste nur,
wenn Holger sie nach der Schule zu fassen bekäme, würde er sein
Vorhaben in die Tat umsetzen. Und Sandy würde sicher gerne dabei
zusehen. Sie wusste sich nicht mehr zu helfen, als dieser Gedanke in
ihr aufflammte. Es war ihre einzige Möglichkeit, diesem
schrecklichen Vorhaben zu entgehen. Sie würde sich jetzt
entschuldigen mit Bauchschmerzen und nach Hause gehen. Holger konnte
ihr nicht folgen, er war eine Klasse über ihr und bekam nicht mit,
wenn sie früher ging. Sie sagte Bescheid, dass sie es vor
Bauchschmerzen nicht mehr aushielte und verliess die Schule.
Wie
ferngesteuert rannte Sarah zu der Brücke, wo sie auf das Geländer
stieg...
Der
Film hielt an.
Sarah
weinte.
Sie
schluchzte so heftig, dass sie am ganzen Körper zitterte. Sie hatte
nie wieder daran denken wollen, was Holger ihr fast angetan hatte.
Sie wollte nur noch weg. Sie wollte sich verstecken. Oder am besten
doch von der Brücke springen.
Gabriel
streichte ihr über den Kopf. Er wusste, dass wirklicher Trost kaum
möglich war. Sarah hatte unendlich viel Leid ertragen müssen. Und
ihr Leid würde nicht enden, wenn sie den Film bis zum Schluss sah.
Gabriel
wusste was kommen würde, als sie aufsprang und dabei die Cola
verschüttete und das Popcorn sich über den Sessel und den Boden
verstreute.
"Was
soll das? Warum quälst Du mich so? Was soll mir das
sagen? Dass ich ein Versager bin, ein Looser? Jemand der
sich nicht wehren kann? Na Danke, das wusste ich schon vorher!"
schrie Sarah und ihr Gesicht war ganz rot vor Wut.
"Setz
Dich Sarah, ich weiss Du verstehst es noch nicht, doch Du wirst
Dir den Film weiter ansehen. Das wichtigste fehlt doch noch. Das
wirklich Gute..." Gabriels Worte strömten beruhigend durch ihre
Adern. Sie fühlte, wie die Wut verebbte. Was konnte schon noch
kommen? Sie saß hier, Holger war weit weg. Sie sammelte die
Popcorntüte auf und den Colabecher, die beide seltsamerweise wieder
gefüllt waren. Niergendwo war ein Fleck zu sehen, kein Popcorn,
nichts.
Der
Film ratterte weiter und Sarah sah sich am nächsten Tag, wie sie die
Schule wieder betrat. Sie hatte Bauchschmerzen vor Angst. Einige
Mädchen versuchten sie heranzuwinken, doch sie ging allen aus dem
Weg. Sandy hatte ihr verboten Freunde zu haben und sie hielt sich
besser daran. Niemand durfte beliebter sein als Sandy.
Ein
Mädchen lächelte sie freundlich an und Sarah sah sich schnell um,
ob Holger oder Sandy in der Nähe waren, ehe sie das Lächeln
erwiderte. Sie musste aufpassen.
Von
Sandy und Holger war jedoch keine Spur zu sehen. Sie waren wie vom
Erdboden verschluckt. Auch am nächsten Tag war keine Sandy da und
kein Holger. Die Tage vergingen und dann Wochen, Monate. Keine Sandy.
Kein Holger. Sarah fühlte sich das erste mal sicher. Zumindest ein
wenig. Sie ging noch immer den anderen Mitschülern aus dem Weg, doch
inzwischen hatte sie eine Freundin gefunden. Sie hiess Clara und war
in ihrem Alter. Sie war ein lustiges, aufgewecktes Mädchen. Clara
war schlau und fragte Sandy, warum sie ihr solange aus dem Weg
gegangen war? Da erzählte Sarah ihr von Sandy und Holger. Sie
erzählte die ganze Geschichte bis zu jenem Tag, als Holger sie in
die Toilette geschleppt und fast vergewaltigt hätte. Sie verschwieg
Gabriel und das Kino, weil es ihr inzwischen irreal vorkam und sie es
für einen Traum oder eine Phantasie hielt.
Clara
hatte ihr aufmerksam zugehört und ihre Hände zu Fäusten geballt.
Als sie wütend aufsprang, wich Sarah sofort zurück.
"Wer
sind diese Monster? Wir müssen zum Schulleiter gehen. Vielleicht hat
jemand sie angeschwärzt und sie sind von der Schule geflogen? Auf
alle Fälle musst Du es Deiner Mom sagen und den Lehrern. Nur so
kannst Du sicher gehen, dass Du geschützt bist in Zukunft und dass
diese zwei ihre gerechte Strafe erhalten!" Clara stampfte
nochmal mit dem Fuss auf, um ihre Aussage zu unterstreichen.
Doch
Sarah weigerte sich irgendetwas von dem zu erzählen, was ihr
widerfahren war. Sie schähmte sich für das, was Holger mit ihr
gemacht hatte und Sandys Schläge und Angriffe waren ihr noch
gut genug im Gedächtnis um sich nicht zu weit vorzutrauen. Sie
wusste nicht, wo die beiden abgeblieben waren, niemand hatte etwas
von ihnen erzählt, wo sie waren, warum sie nicht mehr da waren. Es
hatte nur geheissen, dass es Gründe gäbe, warum Sandy und ihr
Kumpane nicht mehr zur Schule kamen. Trotzdem bestand die Gefahr,
dass sie ihr vor der Haustür auflauern würden, wenn sie ersteinmal
wegen ihr Ärger bekamen!
Clara
ärgerte sich furchtbar und nannte Sarah "feige" die
daraufhin ihre Freundin fluchtartig verliess. Sollte Clara sie doch
für feige halten! Sie hatte nicht die Schläge, die Demütigungen
und Erniedrigungen erlebt! Sie war nicht in dauernder Gefahr gewesen.
Und jetzt wo die beiden nicht mehr da waren, fühlte es sich fast
paradiesisch an. Sicher, sie hatte noch immer Angst und sie duckte
sich, sobald jemand sie nur ansprach, doch sie hoffte, dass die
Angst irgendwann vergehen würde. Andererseits konnte die Angst auch
nützlich sein - sie hatte Sarah vorsichtig gemacht. Sie vertraute
niemandem und das war gut so. So würde sie nie wieder Gefahr laufen,
noch einmal so verletzt zu werden. Oder?
Tagelang
sprachen Sarah und Clara nicht miteinander. Sarah fehlte ihre
Freundin, doch diese verstand sie nicht und so wollte Sarah auch
nichts mehr mit Clara zu tun haben. Was war das für eine Freundin,
die ihre Not nicht verstand?
Drei
Tage nach dem Streit mit Sarah hörte Clara, wie ein Mitschüler
davon sprach, dass Holger und Sandys Ausschluss vom Schulunterricht
ja nun bald endete und dass sie bereits verlautet hatten lassen, dass
sie diejenige, die sie verpetzt hatte, umbringen würden.
Clara
stockte der Atem. Sie wusste sofort, dass die beiden Sarah meinten.
Dabei hatte sie - Clara - die beiden verpetzt bei den Lehrern. Sie
hatte die beiden mehrmals dabei beobachtet, wie sie Drogen in der
Schule genommen und sogar verkauft hatten. Clara war daraufhin zur
Schulleitung gegangen und hatte diese darauf aufmerksam gemacht, was
Holger und Sandy so trieben. Man hatte tatsächlich bei beiden eine
kleine Menge "Gras" gefunden, so dass sie eine 6monatige
Sperre vom Schulunterricht bekommen hatten.
Clara
rannte so schnell sie konnte zu Sarah um ihr die Neuigkeiten zu
erzählen. Doch Sarah hielt sich nur die Ohren zu. Ihr Magen
verkrampfte sich vor Angst. Sandy und Holger kamen zurück. Nun würde
sie für ihre Dummheit, zu glauben, sie wäre sicher, leiden. Sie
war niergendwo sicher. Die beiden würden sie überall finden!
Völlig
panisch rannte Sarah heim und täuschte die nächsten Tage eine
Magen-Darm-Grippe vor, damit sie nicht in die Schule musste.
Einige
Tage nachdem Sarah sich krankgemeldet hatte, war Clara gerade dabei,
ihre Schultasche über die Schulter zu nehmen und die Treppen
herunterzugehen, um die Schule zu verlassen, als hinter ihr eine
Stimme erklang.
"Wir
haben erfahren, dass Du uns verpfiffen hast, Clara. Jetzt bist Du
dran!" Ehe Clara sich versah, hatte Holger sie bereits gepackt
und zerrte sie brutal hinter sich her. Sandy lachte und rannte hinter
ihm her. Kein Lehrer war in Sicht. Kein Mitschüler. Clara war allein
und sie war hilflos. Niemand konnte diese beiden Monster aufhalten.
Und so tat Holger das, was er bei Sarah nicht vollenden konnte,
während Sandy zusah und sich an Claras Schreien erfreute...
Wieder
stoppte der Film und Sarah schrie ihren Schmerz heraus.
"Warum?
Warum lässt Du das zu, wenn Du doch ein Engel bist?" schrie sie
und sah Gabriel zornig an. Engel? Was für ein Unsinn! Sie war
alleine gewesen, genauso wie Clara. Clara. Sie kannte das Mädchen
vom Sehen her. Sie mochte das freundliche Gesicht, doch sie hatte
sich nicht getraut mit Clara zu reden, weil Sandy und Holger immer in
der Nähe waren.
"Nicht
ich bin derjenige, der Clara nicht schützt, Sarah. Die Geschichte
hätte auch anders ausgehen können." sagte Gabriel.
"Wie?"
fragte Sarah und entspannte sich ein wenig.
"Nun,
schau hin!" Der Film begann fortzufahren wie von selbst.
Sarah
war wieder in der Schule an jenem Tag, als sie Clara alles erzählt
hatte. Clara hatte ihr gerade einen Vortrag gehalten darüber,
dass Sarah zum Schulleiter musste und mit ihrer Mutter sprechen
musste. Und Sarah stimmte zu. Sie sträubte sich nicht. Sie hatte
zwar Angst, doch sie vertraute Clara. Vielleicht zum allersten mal
seit sehr langer Zeit, vertraute sie wieder jemandem und das war ein
guter Anfang.
Gemeinsam
gingen sie zur Schulleitung, wo Sarah ihre ganze Geschichte erzählte.
Sie zeigte ihre zahlreichen Narben, wegen denen sie nicht mal mehr
zum Arzt ging, damit sie niemandem auffielen.
Der
Schulleiter hatte die Vertrauenslehrerin hinzugezogen und gemeinsam
hörten sie die ganze schreckliche Geschichte. Jede Einzelheit. Als
Sarah geendet hatte, weinten die beiden Erwachsenen.
"Sarah,
warum bist Du nicht schon früher zu uns gekommen? Soviele
Jahre... Sarah..." Frau Kling schüttelte den Kopf. Herr Meyer
fand kaum Worte für das Gehörte.
"Wir
wussten schon lange, dass Holger und Sandy Problemfälle sind. Aber
durch Dich können wir die beiden von der Schule werfen und dafür
sorgen, dass sie in eine Therapie müssen. Ich danke Dir für Deinen
Mut, Sarah. Du hast uns sehr geholfen. Wir werden nun Deine Mutter
anrufen, damit sie Dich abholt. Wir werden mit ihr reden und ihr
sagen, dass sie einiges verändern muss in Zukunft!"
Sarah
fühlte eine große Erleichterung. Endlich hatte sie all die Last der
vergangenen Jahre ablegen können. Endlich musste sie keine Angst
mehr vor Holger und Sandy haben. Alles würde gut werden.
Als
Sarahs Mutter in die Schule kam und diese schon fast beschimpfen
wollte, weil sie dachte, Sarah hätte "Ärger" gemacht,
nahm Herr Meyer sie zur Seite und hielt ihr einen Vortrag darüber
was Verantwortung war und was Sarah erdulden musste, weil sie kein
Vertrauen in die Erwachsenen mehr hatte. Als er geendet hatte, bat
ihre Mutter sie unter Tränen um Verzeihung.
Herr
Meyer blickte Sarah liebevoll an und streichelte ihr übers Haar. Sie
hätte schwören können, dass seine Augen wie Diamanten blitzten...
Der
Film endete.
Sarah
sah Gabriel an. "Das heisst, ich muss endlich mutig sein, damit
Clara nicht auch noch leiden muss?" flüsterte sie.
Gabriel
nahm ihre kleine Hand in seine und sandte weitere warme Wellen über
ihre Hand in ihren Arm.
"Weisst
Du Sarah, manchmal ist es notwendig die eigene Angst zu überwinden
und den Mut zu haben aufzustehen und all jene anzuklagen, die
einem weh getan haben. Nur wenn Du aufstehst und sagst, was sie Dir
angetan haben, wenn Du erkennst, wieviel Unrecht Dir getan wurde und
wenn Du für Dich einstehst, dann kannst Du auch andere retten. Du
hast eine Wahl Sarah. Du kannst Dich für das Schweigen und die
Schmerzen entscheiden und noch ewig so weitermachen oder Du stehst
auf und vertraust Dich Deinen Lehrern an. Sie werden Dich schützen,
wenn Du ihnen vertraust. Niemand hat das Recht Dich zu verletzen.
Weder seelisch noch körperlich. Verstehst Du was ich meine?"
fragte Gabriel.
Sarah
nickte. "Ja, ich glaube schon. Ich habe die Wahl, ob ich den Weg
so weitergehe wie bisher und dann ständig in Angst und mit Gewalt
lebe oder ob ich einen neuen Weg einschlage und dabei mich und auch
andere beschütze? Richtig?"
Gabriel
lächelte. Sie war schlau, seine kleine Sarah.
"Richtig!
Und soll ich Dir was sagen? Du schützt nicht nur eine Clara und
nicht nur Dich selber. Du schützt damit sogar eine Sandy und
Holger!"
Sarah
zog die Augenbrauen zusammen und die Nase kraus.
"Wieso
das denn? Warum sollte ich die beschützen? Die haben mir
doch weh getan!" sagte sie verständnislos. Das fehlte ihr noch.
Diese zwei Kriminellen zu schützen...
"Ja,
auch die, Sarah. Glaubst Du, die sind so geworden, weil sie in einem
schönen Elternhaus aufgewachsen sind wo alles in Ordnung ist? Sandys
Mom hat nie Zeit und anders als Deine Mom kommt sie manchmal nicht
mal nachts heim. Sandys Dad hat sich schon lange einen Ersatz für
die Dienste seiner Frau gesucht - nämlich seine eigene Tochter. Und
Holger... Ja, Holger, der wird regelmässig von seinen großen Brüdern
verprügelt. Er muss für sie stehlen und Drogen verkaufen. Wenn Du
nun dafür sorgst, dass die beiden auffliegen, dann gibst Du ihnen
die Chance ihr Leben zu verändern. Sie werden therapeutische Hilfe
erhalten, sie werden von Zuhause wegkommen, weg von den Menschen, die
ihnen all dies antaten. Und so können auch sie wählen, ob sie ein
neues Leben beginnen möchten oder ob nicht. Sie haben dann
wenigstens eine Wahl!" sagte Gabriel und Sarah verstand.
"Aber
wieso wurden die beiden dann ebenfalls so böse? Ich meine, ich
würde niemals jemandem weh tun, nur weil mir weh getan wurde!"
sagte Sarah.
Gabriel
sah sie lange an ohne ein Wort zu sagen.
"Weisst
Du Sarah, manchmal werden Menschen schon sehr stark geboren. Sie
wissen was Recht und was Unrecht ist und sie weigern sich standhaft
andere zu verletzen. Egal was sie selbst erleiden müssen, sie würden
das Erlebte niemals in Form von Gewalt und Ungerechtigkeit
weitergeben. Das sind die wirklichen Helden. Menschen die
Nächstenliebe leben, obwohl sie selbst von ihren Nächsten nie
geliebt wurden. Es sind starke Menschen wie Du, die auf die Welt
kommen um den Menschen beizubringen, was wahrhaftige Liebe ist. Und
so wirst Du später ganze Kampagnen starten gegen Gewalt. Du wirst in
Schulen aufklären und mit missbrauchten Kindern und Jugendlichen
arbeiten. Du wirst es tun, weil das was wir den Gottesfunken nennen
in Dir brennt. Die Liebe zu allen Menschen. Doch zuerst musst Du
lernen Dich selbst zu lieben, Dich als wertvolles Geschöpf zu sehen.
Nur so kannst Du später für andere einstehen. Und das meinte ich,
als ich Dir sagte, ich zeige Dir, wer Du wirklich bist." Sarah
hatte den Atem angehalten, während Gabriel sprach.
Sie
und mutig? Wie konnte das sein, wo sie sich so oft weinend
zuhause verkrochen hatte, wenn sie wieder einmal geschlagen worden
war?
"Ja,
Du bist mutig Sarah. Du bist eine Kämpferin. Du trägst ein Licht in
Dir und es scheint größer als Du es Dir vorstellen kannst. Du bist
tapfer. Wenn Du nicht tapfer wärst, dann wärst Du gesprungen. Auch
ich hätte Dich nicht wirklich aufhälten können. Die Brücke war
nur ein kleines Hindernis für Dich. Doch Du hast Dich entschieden
heim zu gehen und Dich auf den Traum einzulassen, den ich Dir anbot.
Und das tun nur wirklich mutige Menschen die sich nicht unterkriegen
lassen."
Sarah
weinte. Doch diesmal weinte sie vor Freude. Weil sie wusste, dass all
ihr Leid endete und wenn sie wirklich später für misshandelte
Kinder und Jugendliche da sein würde, dann hatte all das Leid
wenigstens einen Sinn.
Sarah
umarmte Gabriel und fragte dann: "Sehe ich Dich wieder?"
Gabriel zwinkerte ihr zu.
"Ich
bin immer bei Dir, auch dann, wenn Du mich nicht sehen kannst.
Vergiss das niemals!"
Dann
flog Sarah wieder durch die bunten Nebelschwaden und landete sanft in
ihrem Bett, kurz bevor der Wecker klingelte.
Sie
wusste nicht, ob sie geträumt hatte und was sie geträumt hatte. Sie
ging wie jeden Morgen zur Schule, doch diesmal verspürte sie keine
Bauchschmerzen. Sie freute sich sogar, ganz so, als würde sie heute
jemanden treffen, den sie mochte. Dabei konnten Holger und Sandy
wirklich nicht als Freunde bezeichnet werden. Aber irgendwie würde
sie das schon alles hinkriegen...
Sarah
wunderte sich über ihren eigenen Mut und als sie das Haus verliess,
war sie sogar ein wenig fröhlich.
Als
die Schule begann, fehlten Sandy und Holger. Und sie kehrten auch am
nächsten Tag nicht wieder. Das kam Sarah bekannt vor. Sehr sogar.
Als
Clara auf sie zukam, lächelte sie sie freundlich an und unterhielt
sich mit ihr. Auch das kam ihr bekannt vor, ganz so, als wäre das
alles schonmal geschehen.
Einige
Zeit später erzählte sie Clara von Sandy und Holger und als Clara
sich aufregte, wusste Sarah genau, was sie tun hatte.
Gemeinsam
gingen sie zum Schulleiter...
Diese
Geschichte möchte ich allen Kindern und Jugendlichen widmen, die in
ihren Schulen, Vereinen oder auch ihren Elternhäusern misshandelt
und missbraucht werden. Viele von Euch tragen ihren Schmerz ein Leben
lang mit sich herum, einige verzweifeln so sehr, dass sie andere mit
in den Tod reissen, wie einige Vorfälle bereits gezeigt haben. Es
gibt immer einen Ausweg, ihr habt immer die Wahl. Auch wenn es sich
nicht so anfühlt, doch es gibt Anlaufstellen, Ansprechpartner. Wählt
Sarahs Weg - den Weg des Mutes und der Eigenliebe. Nur so könnt ihr
euch und andere beschützen. Mein Appell gilt auch allen Erwachsenen
ob Eltern, Lehrer, Ärzte, Geistliche usw. - nehmen Sie die Belange
unserer Kinder und Jugendlichen ernst, schicken Sie niemanden weg,
weil es Ihnen nicht "wichtig genug" erscheint. Die
Vergangenheit und auch jüngste Ereignisse zeigen, was Verzweiflung
und ein "nicht gehört werden" anrichten können.