Merlin, Tagebuch eines Blindenführhundes
Hallo und guten Tag, ich bin neu hier und möchte mich erst einmal vorstellen.
Mein Name ist Merlin.
Mein Beruf, Blindenführhund
Ich bin ein Beauceron, (französischer Hütehund) zwei Jahre jung (eigentlich wollte ich mein Alter geheim halten), von Beruf Blindenführhund, habe den vierten Besitzer (was für ein schreckliches Wort) und den dritten Namen.
Puh, das war ein langer Satz, habe ihn gerade noch so hingekriegt.
Aber von Anfang an.
Geboren wurde ich im April 2006. Als meine Mama der Meinung war, ich sei jetzt groß genug auf eigenen Pfoten zu stehen, bekam ich ein neues zu Hause.
Ich kam zu einer Familie, die sich aber kurz nach meinem Einzug trennte. Mein Frauchen nahm mich mit (obwohl ich viel lieber bei Herrchen geblieben wäre – aber wer fragt schon ein Scheidungskind… seufz). Mein Frauchen ging den ganzen Tag arbeiten und mir war langweilig. Kann das einer verstehen? Na ja, ich war zu diesem Zeitpunkt noch sehr jung und wollte mich austoben. Aber mit wem soll man toben, wenn man oft alleine ist. Meine Spielkameraden waren Schuhe, Socken, Tischbeine und diverses. Leider waren sie mir im Spiel immer unterlegen, komisch. Jedenfalls sahen sie danach nicht mehr so gut aus. Meinem Frauchen gefiel das alles gar nicht, auch nicht, dass ich nicht so gehorsam war. Aber, wer kommt schon als fertiger Hund auf die Welt?. Ich jedenfalls nicht. Und so entschloss sich mein Frauchen mit mir eine Hundeschule zu besuchen. Das gefiel mir gar nicht und so beschloss ich, einfach nicht hin zuhören. oder besser gesagt, weg zu hören. Das ist nämlich genau das, was wir Männer am besten könnenJ)
Weil ich also schwer erziehbar war, entschied man, mich meiner Männlichkeit zu berauben. Ob man das mit meinem Herrchen auch getan hätte, wage ich zu bezweifeln. Wehren war zwecklos. Frauchen verknüpfte eben: „Eier weg“ mit: „jetzt höre ich aufs Wort und bin nicht mehr unerzogen. Was ein Quatsch! Schließlich sitzen die Dinger ganz woanders und nicht in meinen Ohren. Was das mit Gehorsam und brav sein zu tun hat weiß ich immer noch nicht. Frauchen fand auch einen Arzt der mich im Alter von nur 7 Monaten kastrierte. Dieser Rohling!! Ich verzeihe ihm das nie!! Gemeiner Kerl!! So, dem hab ich es jetzt aber gegeben. Leider war ich nach der Narkose nicht in der Lage ihn zu beißen – schade eigentlich. Aber – genau das was ich vorher schon wusste trat ein. Die Dinger hatten nichts mit meinen Ohren zu tun. Gehorcht hab ich trotzdem nicht. Jetzt erst recht nicht! Wo man mir doch das Kostbarste genommen hatte. Weitere Hundeschul-Stunden machten meinen Gehörgang auch nicht freier und so dachte mein Frauchen dass es besser für ihre Nerven sei, mich wieder zur Stätte meiner Geburt zu verfrachten. Gut, sie meinte, es täte ihr leid, schließlich müsse sie den ganzen Tag arbeiten und hätte wenig zeit für mich. Was konnte ich dafür. Sie war schon traurig als sie mich „des Hauses verwies“. Aber mal unter Hundekumpeln, das war mir vollkommen Banane. Erst nahm sie mir mein Herrchen, dann meine Männlichkeit und jetzt noch mein zu Hause. Da tröstete es mich auch nicht das sie mich so oft gestreichelt hatte. Soll sie doch traurig sein, das bin ich auch! Da fragt kein Mensch nach. Sie brachte mich noch nicht einmal selbst zu dem Treffpunkt, wo mich meine Züchterin in Empfang nahm.
Da stand ich nun.
Wieder angekommen an meinem Geburtsort, hatte ich es nur mit Weibern und deren Gören zu tun. Das muss man sich mal vorstellen. Ich und ein Harem. Aber ich hatte von Menschen gehört, die waren das gleiche wie ich und mussten auch einen Harem bewachen. Die nannte man Eunuchen. Ich gab mein Bestes. Allerdings passte ich wohl zu gut auf. Das gefiel meiner Züchterin auch nicht so richtig. War ich etwa zu unnachgiebig mit den Damen? Fand ich nicht, sie waren auch ganz schön gemein zu mir. Weiber eben!
Schließlich und endlich war ich ein paar Monate am Ort meiner Herkunft. Langsam bekam ich Komplexe. Keiner wollte mich! Ich habe öfter mal heimlich in den Spiegel gesehen – so hässlich fand ich mich gar nicht. Warum wollte man mich denn nicht? Heute weiß ich das es gut war das mich keiner wollte. Zu dem Zeitpunkt war ich einfach nur traurig darüber.
Zu der gleichen Zeit suchte eine „blinde“ Frau einen Blindenführhund. Ich habe das Blind in Anführungsstriche gesetzt, weil sie noch einen Sehrest hat. Also, diese Frau wollte nicht die üblichen Blindenführhunde, sondern genau einen meines Schlages. Allerdings kein Männchen, sondern ein Weibchen. Wo bleibt da die Gleichberechtigung für Kastraten – oder sollte ich besser Eunuchen sagen?
Eines Tages rief die Blindenführhundschule bei meiner Züchterin an und fragte nach, ob ein Weibchen zur Verfügung sei. Nein, kein Weibchen, sondern nur einen ca. 19 Monate alten Kastraten hätte man zurzeit. Nach Rücksprache mit der Betroffenen (das Wort hab ich von den Menschen übernommen), willigt die ein. Meine Züchterin hatte schwerste Bedenken ob das mit dem „Blindenführhund“ wohl für mich das richtige sei und ob meine neue Besitzerin (schon wieder dieses Wort) denn auch für mich geeignet sei.
Eines Tages rollte ein Auto auf den Hof und es entstieg die Blindenführhundschuleneigentümerin. (schreibt man das so?) Kaum war sie angekommen, machten wir alle einen schönen langen Spaziergang. Dabei entschied sich meine Züchterin, dass es besser für mich sei, einen anständigen Beruf zu erlernen.
Ich war Kummer gewohnt und wechselte abermals mein zu Hause.Wobei das Wort zu Hause nicht das richtige ist. Eigentlich war ich nur zwischen geparkt. Obwohl meine Züchterin extrem nett war, fehlte mir etwas. Also stieg ich gottergeben ins Auto und kam direkt zu meiner Ausbilderin. Hätte ich gewusst was man für meinen Beruf alles lernen muss, ich glaube, ich hätte mich anders entschieden. Ich musste in den kommenden Monaten Dinge lernen, von denen ich bis zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal wusste, dass es sie gab. So z.B. „Schalter“ oder „Ampel“. Noch besser, „Zebra“ . Damit ist nicht das Tier gemeint, sondern ein popeliger Zebrastreifen. Liebe Schwestern und Brüder. ich frage euch allen ernstes, was soll ein Hund mit einem Schalter oder einem Brief? Bin ich etwa Bankangestellter oder Postbeamter? Nein. Ich bin Hund. Und dann das allergrößße, „Führ vorbei“ und „Lift“. Welcher Hund fährt schon freiwillig Lift?? Ich kenne keinen. Und dann das Wort... Warum nicht Aufzug? Vielleicht weil wir ein wenig vornehmer sind als die anderen? Ich meine die Hunde ohne Beruf. Wie dem auch sei, ich tat mein Bestes. Lernte jeden Tag etwas dazu, spitzte meine Ohren damit mir auch nichts entging und bemühte mich alles richtig zu machen. Wenn ich Freizeit hatte durfte ich mit den anderen Hunden von meiner Ausbilderin spielen. Die war übrigens super nett, aber eben kein Frauchen. Das heißt, sie war schon ein Frauchen, aber nicht meins. Wir machten Spaziergänge und ich durfte auch einfach nur Hund sein.
Die folgenden Monate waren schon ganz schön stressig. Ich musste sooooo viel Dinge lernen, eine Kenndecke und ein Führgeschirr tragen lernen und durfte erlerntes nicht wieder vergessen. Ich wollte zeigen was in mir steckt. Ich lernte Treppen anständig rauf und runter zu laufen. Das bedeutet langsam. Lernte, nicht alle Menschen zu beschnuppern und brav an der leine zu laufen. Im Führgeschirr musste ich doppelt so viel aufpassen. Schließlich sollte meine neue Besitzerin nirgendwo gegen laufen und sich auch nicht den Kopf anstoßen. Bis dato war mir egal, ob da eine Stange raus ragte oder nicht. Ich ging einfach darunter her. Das darf ich nun auch nicht mehr.
Manchmal überlegte ich. ob dieser Beruf wirklich für mich der richtige sei. Aber irgendwo hatte mich schon ein gewisser Ehrgeiz gepackt. Und mal ganz ehrlich – Eigennutz war natürlich auch dabei. Ich wollte endlich ein richtiges zu Hause. Ein zu Hause das den Namen auch verdient hat und nicht mehr eine Besitzerin, sondern ein Frauchen. Ich wollte endlich zeigen dass ich lieben kann ohne Ende und ich wollte wiedergeliebt werden. Natürlich haben mich meine Züchterin und meine Ausbilderin geliebt, aber anders. Also entschloss ich mich, so schnell wie möglich mit meinen Lehrmonaten fertig zu werden.
Am 15. Februar führen wir dann in mein neues zu Hause. Allerdings nur zu Besuch.
Ich fand meine „Neue“ ganz schön Klasse.Nachdem die Menschen gut gespeist hatten (ich kriegte nichts – wo ich doch so gerne esse) ging es in den Park. Ich hatte gerade noch Zeit zur Toilette zu gehen und musste dann beweisen wie ich im Führgeschirr mit der „Neuen“ umherlaufe.
Liebe Mithunde, stellt euch das bloß mal vor. Ein fremder Park, ein fremder Mensch und das alles ohne ausgiebig schnüffeln zu dürfen. Ja meine Freunde, das war ganz schön hart. Da ich aber beschlossen hatte aus der „Neuen“ auf jeden Fall Mein Frauchen zu machen, zeigte ich mich von meiner besten Seite.
Ein wenig Mitspracherecht hab ich schließlich auch!
Meine Ausbilderin war von mir begeistert und mein neues Frauchen auch. Aber die war schon vor dem Spaziergang begeistert.
Wieder in der Wohnung angekommen, wich ich meinem neuen Frauchen nicht mehr von der Seite. Man wird ja wohl mal Schleimen dürfen, oder? Damit die Wirkung auch perfekt war, guckte ich sie ununterbrochen an. Ich weiß was Frauen wünschen! Schließlich bin ich mit Frauen aufgewachsen. Als wir gingen, hatte ich mein neues Frauchen erobert.
Ich hatte sie um die Pfote gewickelt.
Beseelt führ ich zurück in meine Schule und lernte jetzt noch schneller. Ich wollte endlich in mein neues zu Hause, zu einem Frauchen das nur mir gehörte und dem ich meine ganze Hundeliebe schenken konnte.
Am 17. März 2008 war es dann endlich soweit...
Jetzt habe ich vor lauter Schreiben eine wunde Pfote.
Fortsetzung folgt…
Da bin ich wieder, hab meine Pfote geleckt – nun ist sie wieder schreibtauglich.
Also, am 17. kam ich mit meiner Ausbilderin und meiner Freundin (eine Malinoi Rettungshündin) bei meinem Frauchen an. Meine Freundin musste in der Box bleiben, ich durfte in die Wohnung.
Was jetzt und in den nächsten ca. zwei Wochen folgte, nennt man Einschulung. Was für ein blödes Wort – fehlt nur noch die Schultüte.
Die Begrüßung war so lala. Schließlich hatten wir uns erst einmal gesehen. Und als Mann will man ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Oder?
Es musste erst mal Papierkram erledigt werden und dann ging es ab in den Park. Meine Freundin durfte mit und so wurde es ein schöner Spaziergang.
Danach wurde es ernst. Mir wurde das Führgeschirr angelegt und mein Frauchen wollte mit mir ihre „Rennstrecke“ gehen. Allerdings war ich etwas anderer Meinung. Mich verließ ein wenig die Konzentration. Aber ich bin ja schließlich auch nur ein Hund und keine Maschine. Da wird man ja wohl mal schwächeln dürfen. Meine Ausbilderin und mein Frauchen entschieden sich, nicht weiter zu gehen, sondern den Heimweg anzutreten. Das war total in meinem Sinn. So eine weite Reise, all die neuen Eindrücke und dann noch arbeiten? Mitnichten!
Mein Frauchen musste aber arbeiten, Theorie heißt das. Da lernte sie in Trockenübungen alles was ich schon konnte.
Ich bekam mein Futter. (Wer nicht arbeitet soll wenigstens gut essen) Danach legte ich mich aufs Ohr. Schließlich stand es mir zu, müde zu sein.Nach einer Weile ging auch meine Ausbilderin.
Jetzt wurde es Ernst. Es gab nur noch uns zwei, die "Neue"und mich.
Ein wenig Angst beschlich mich schon.
Hoffentlich mag sie mich wirklich. Hoffentlich schnarche ich heute Nacht nicht und hoffentlich habe ich nicht zu dolle Schweißfüsse oder muss möglicherweise sogar pupsen. Nicht auszudenken. Ich muss wenigstens in der ersten Nacht einen guten Eindruck machen. I
ch nahm mir vor nicht zu tief, und vor allen Dingen nicht ununterbrochen zu schlafen. So hatte ich mich unter Kontrolle. Und Hunde die nicht schlafen; können auch nicht schnarchen. Weil ich öfter mal von einem Zimmer ins andere ging, genau gesagt dreimal, viel Frauchen nicht auf, dass ich Schweißfüsse habe. Das Pupsen habe ich mir ganz verkniffen – noch. Das kommt schon noch, bin schließlich ein richtiger Mann. Na ja, wenigstens fühle ich mich so.
Jetzt geht mein Frauchen mit mir in den Park, ich schreibe morgen weiter tschöö…..
Hallo, da bin ich wieder.Habe gerade Zeit und möchte vom zweiten Tag in meinem neuen zu Hause berichten. Na ja, nachdem ich dann am ersten Tag etwas geschwächelt habe, musste ich am zweiten Tag aber zeigen das ich ein Führhund bin. Morgens ging es in den Park, natürlich an der Leine. Flexi heißt das Teil. Find ich furchtbar, aber ich glaube mein Frauchen auch. Ich weiß nie wann diese leine zu Ende ist und mein Frauchen kann es nicht sehen. Hoffentlich geht das auf Dauer gut. Mache mir schon meine Gedanken. Mal sehen, vielleicht, wenn ich ganz brav bin und immer aufs Wort höre, lässt mich mein Frauchen ja frei laufen.Nach dem Parkt war Arbeit angesagt. Ich bekam mein Führgeschirr an, das Kommando "Voran" und trabte los. Was bin ich froh das Frauchen noch gut zu Fuß ist. Denn wenn ich führe, bin ich der Herr im Ring. und langsam gehen finde ich total blöd.Auch diesmal ging es wieder auf ihre "Rennstrecke". Nur heute kamen wir auch an, ich schwächelte nicht.Nach manchen rechts, zeig Ampel, links und gerade; standen wir vor einem Bistro. Ich zeigte Frauchen die Tür und wir gingen rein. Das hätten wir besser nicht gemacht. Kaum in dem Laden, schon flogen die Stühle. Was kann ich dafür, dass ich so groß bin. Als ich mich legte, schob ich den Tisch in eine andere Richtung und den Sessel gleich mit. Tja, ich bin eben kein Dackel. Mir war das schon peinlich, ich glaube meinem Frauchen war das egal.
Es setzte sich dann ein Mann zu uns an den Tisch. Aus den Augenwinkeln habe ich gesehen dass er mich toll fand. Er war ganz nett und roch auch nicht schlecht. Blöd fand ich nur dass er geglaubt hat ich sei eine Promenadenmischung. Unverschämtheit!! Aber das kommt daher weil ich kein Deutscher bin. Habe eben einen Migrations Hintergrund. Und da kann es schon mal vorkommen dass man mich nicht kennt.Anschließen ging Frauchen noch in ein Schreibwarengeschäft (da hab ich nichts umgeworfen). Danach traten wir den Heimweg an. Sie gab mir den Befehl "nach Hause" und ich bemüht mich aus Leibeskräften sie auch dahin zu bringen. Vor lauter Eifer habe ich dann zwei- oder vielleicht sogar dreimal nicht richtig aufgepasst. Meine Trainerin hat es sofort gemerkt und ich musste den Fehler korrigieren. Man kann es ja mal versuchenZu Hause angekommen musste Frauchen wieder Theorie machen. Ich bekam mein Futter und hatte für bis Nachmittags frei. dann musste ich noch einmal ran. Aber nur eine Mini Strcke.Jetzt hab ich keine Lust mehr zu schreiben. Vielleicht melde ich mich heute noch mal, sonst morgen.
