Monrovia/LB 2007

19.09.2007 um 10:39 Uhr

@Home

Wieder zu Haus. Meinen liberianischen Arztausweis habe ich mitgenommen. Seit diesem Jahr sind die dortigen Behörden etwas pingeliger, haben alle Mercyships-Ärzte registriert und mit einem vorläufigen Arztausweis ausgestattet, mit pompösem Stempel und Signatur, wie es sich gehört. Dr. Toni, Plastiker, mit dem ich im vergangenen Jahr so gern gearbeitet habe, ist am vergangenen Wochenende auch wieder an Bord eingetroffen. Er leidet allerdings unter der Situation auf dem neuen Schiff, ohne Fenster in Kajüte und OP. Möglicherweise wird er versuchen, in Zukunft eher an Landeinsätzen für Mercyships teilzunehmen, die es hier und da einmal gibt.

Am Sonntag habe ich mich nicht mehr getraut, morgens von Bord zu gehen, um in der Stadt einen Gottesdienst zu besuchen. Das Risiko, zur Abfahrt des Landrovers nicht pünktlich zurück zu sein, war mir zu hoch. Stattdessen habe ich den Gottesdienst für die Patienten auf der Station besucht. Auch hier gab es afrikanische Stimmung und Rhythmen. Die Ansprache hat ein Crewmitglied gehalten, ein Lehrer von den Färöer-Inseln, auf Englisch. Damit die Einheimischen ihn verstehen, wurde in „Liberian English“ übersetzt. Das ist ein Pidgeon-Englisch, also ein afrikanisch verballhorntes Englisch, das vor allem sehr verfremdet und vernuschelt ausgesprochen wird. Wenn ich weiß, worum es geht, kann ich einen Großteil verstehen. Interessant war nun die Tätigkeit der einheimischen Übersetzerin, sie redete nämlich im Schnitt doppelt so lang wie der trockene Skandinavier, schmückte aus und unterlegte ihre Rede mit viel Gestik. Gelegentlich überholte sie ihn und nahm mit ihren Ausschmückungen vorweg, was er erst im nächsten Abschnitt sagen wollte. Oder sie erzählte in eine falsche Richtung und er musste sie korrigieren. Ein sehr amüsanter Gottesdienst, allemal.

Fazit von Monrovia/Liberia 2007: Natürlich war vieles für mich nicht mehr so aufregend wie beim ersten Mal. Sicherlich hört man aus dem Weblog auch heraus, dass ich nicht so enthusiastisch bin wie 2006. Es gab ja auch in diesen zwei Wochen keine dramatischen Krankheitsverläufe wie im vergangenen Jahr, sondern es war „nur“ Africa Mercy-Routinebetrieb. Es hat sich aber gelohnt, wieder die Tour nach Afrika zu machen. Die Dankbarkeit einiger Patienten hat mich stark beeindruckt. Der Einzelne zählt, nicht die Tatsache, dass ein paar hundert Operationen im Jahr keine afrikanische Verhältnisse umkrempeln. Ich denke, dass Mercyships dort eine wichtige und gute Arbeit macht, die man unterstützen sollte. Und nebenher macht diese Arbeit viel Freude und hat einen Hauch von Abenteuer auf dem fernen Kontinent. Sollte mich nicht wundern, wenn ich in den nächsten Jahren noch einmal aus Westafrika zu berichten hätte...


15.09.2007 um 13:20 Uhr

Qualitaet zum Abschied

   

Da fuehlt man sich wie zu Hause: Quality-Meeting im CDS-Konferenzraum. Eine regelmaessige Veranstaltung, mit der wir um 7.00 h meinen letzten Arbeitstag am Freitag beginnen. Sein Fruehstueck bringt jeder mit. Das Treffen sichert das Niveau der medizinischen Versorgung, man bekommt Gelegenheit, Standards und Ablaeufe oder Einzelfaelle zu besprechen. Ich rege an, die Patienten praeoperativ mit Benzodiazepinen zu sedieren, wie es bei uns ueblich ist. Die Angloamerikaner kennen das garnicht. Deshalb braucht man oft groessere Einleitungsdosen und drueckt den Patienten den Blutdruck in den Keller.

   

Die Kombuese kaempft zur Zeit gegen Ruesselkaefer und bittet die Crew um Hilfe. Gluecklicherweise sind die Viecher harmlos, sie fuehlen sich naemlich in den Mueslis richtig wohl und besiedeln die angebrochenen Packungen. Der Chief Steward hat seine Leute bereits den gesamten Vorrat einfrieren lassen, um die Kaefer auszurotten. Und nun wandert mit tatkraeftiger Hilfe alles zurueck in die Vorratsbunker. Wenigstens gibt es auf dem Schiff eine Gefrieranlage, sonst muesste man sich in diesem Klima wohl auf Jahre hinaus auf solche Mitbewohner einstellen. Guten Appetit!

 

Das Anaesthesiegespraech findet hier auf der Station am Krankenbett statt. Zumeist gibt es auch keine vertraulichen Dinge zu besprechen, so dass das niemanden stoeren muss. Auf diese Art treffe ich beim Praemedizieren gelegentlich "meine" Patienten, bei denen ich in der vergangenen Woche die Anaesthesie gemacht habe. Ein schoenes Erlebnis, denn sie strahlen mich gluecklich an, viele fuehlen sich sichtbar befreit und zufrieden erfolgreicher Operation. Sie winken, gruessen, wechseln ein paar Worte und stellen mir ihre Familie vor. Heute, Samstag, bin ich im Dienst und werde noch so eine Abschiedsrunde ueber die Station machen.

 

Beim Rueckblick auf das OP-Programm der letzten zwei Wochen stelle ich mit Erschrecken fest, wie "unnoetig" diese Arbeit in vielen Faellen eigentlich ist. Zu uns kommen viele Patienten, die jahrelang unter Geschwuelsten leiden, die nicht nur koerperlich sondern auch seelisch eine schwere Last tragen, wegen ihres erschreckenden Aussehens ausgegrenzt sind. Wer in Europa einen solchen Tumor bekommt, wird innerhalb der ersten Monate operiert, es gibt keinen grossen Eingriff, kein grosses Risiko. Aber die Menschen hier koennen sich selbst das nicht leisten und kommen erst nach langer Zeit, wenn das Leiden unertraeglich und der Aufwand ungleich groesser ist.

 

Aus dem Dental Team habe ich von einem jungen Mann gehoert, der vor einigen Wochen einen Abszess des Unterkiefers bekommen hat. In Deutschland eine Sache von 10 Tagen Antibiotika, im schlimmsten Fall folgt eine operative Eroeffnung. Dieser Mann ist erst zur Behandlung gekommen, als schon alle Zaehne wackelten, weil die Entzuendung auf den gesamten Unterkieferknochen uebergegriffen hat. Er hatte bisher ein makelloses Gebiss, eine Raritaet in Liberia, jetzt hat er alle unteren Zaehne verloren und kann froh sein, wenn die Knochenentzuendung ueberhaupt ausheilt. Der Patientin mit dem Neurofibrom, die so schrecklich entstellt ausgesehen hat, wird es nach der Operation deutlich besser gehen. Aber ein wirklich schoenes Gesicht wird sie auch nach mehreren Revisionen noch nicht haben. Im europaeischen Gesundheitssystem haette sie sich das Fibrom schon im Fruehstadium entfernen lassen und nie wieder daran gedacht.

 

Die Klimaanlage ist seit Tagen auf mehreren Decks ausgefallen. Da machen sich 27°C Aussentemperatur hier beim Schreiben im Internet Café unangenehm bemerkbar. Fuer den Abend ist ein  Gitarrenkonzert im Starbuck's Café angekuendigt. Kultur am Kai. Morgen Mittag geht es zurueck, anderthalb Stunden Fahrt ueber die Schuettelpiste zum Airport, dann ueber Nacht der Flug nach Bruessel. Am Montag gegen Mittag werde ich wohl zu Hause sein.

 

13.09.2007 um 18:23 Uhr

This is a fire drill

Feuer an Bord, der Schrecken fuer jede Crew. Aber keine Angst, der Kaept'n "will nur spielen". Gerade vor einer Stunde gibt es einen Probealarm, einen fire drill. Durchsagen ueber Bordlautsprecher. Es gebe einen Brand im Generatorraum, alle muessen von Bord, sammeln sich am Dock und werden durchgezaehlt. Entwarnung am Ende jeder Durchsage: "This is a fire drill."

Die Crew wird am Treffpunkt auf Vollstaendigkeit ueberprueft, alle Personen, die sich laut Liste an Bord befinden sollten, werden durchgezaehlt. Fuer OP-Mannschaft und Pflegestation gilt beim Probealarm der Arbeitsplatz als Treffpunkt, das erspart uns das Stehen im Regen. Und die laufende Arbeit geht einfach weiter. Im OP lernen wir bei der Gelegenheit aber, dass auch fuer die Evakuierung waehrend laufender OPs gesorgt ist. Es gibt eine gruene Tasche mit dem allernoetigsten Anaesthesiezubehoer und eine tragbare Sauerstoffflasche, damit laesst sich ein Patienten draussen auf dem Dock weiter in Narkose halten.

 

12.09.2007 um 22:16 Uhr

Weder Weihnachtsmaenner noch Elefanten

In diesen Tagen stehen sicherlich in deutschen Supermaerkten die ersten Weihnachtsmaenner. Die wuerden hier dahinschmelzen. Monrovia hat uebers ganze Jahr hinweg konstant eine Temperatur um die 26 Grad Celsius. Nur die Feuchtigkeit aendert sich. Die Regenzeit verabschiedet sich aber ganz offensichtlich, wir haben jetzt gehaeuft sonnige Tage. Trotzdem haben es die Mercyshipper nicht so mit dem Draussensitzen. Auf dem Dock sind Nachmittags viele unterwegs, die ihren Spaziergang machen - Dock rauf, Dock runter, ca. 250 m, und das etliche Male hintereinander - oder joggen, oder ihre Kinder mit dem Rad fahren lassen. Mich treibt es abends regelmaessig auf Deck 7, zum Lesen oder mp3 hoeren, es sind dort aber immer nur wenige Frischluftfanatiker. Die meisten Crewmitglieder halten sich auf dem Schiff nur im klimatisierten Bereich auf.

 

Dieses Schiff ist ein Universum fuer sich. Nicht nur, dass es eben ein vollwertiges Krankenhaus ist, die Zahl der Betten wird im Endausbau nur unwesentlich geringer sein als derzeit im John-F-Kennedy-Hospital, der groessten Klinik Monrovias. Fuers Leben der Crew gibt es Friseursalon und Musizierzimmer, Waescherei mit Selbstbedienung, eine Selbstbenutzerkueche. Ausserdem verschiedene Gruppenraeume (Lounges) fuer Treffen aller Art. Darunter auch die "Queen`s Lounge", die angeblich frueher bei der Fahrt ueber die Nordsee der Koenigin zustand, wohl nach Wahl der daenischen oder der englischen. Aktivitaeten gibt es wie im Ferienlager: Siedler-von-Catan-Turnier, Volleyball, Fahrradausflug, Scottish Dance-Abend, Running Club fuer Familien, Aerobics, Tanzkurs, Filmvorfuehrung.

 

Die Crew ist ab dieser Woche aufgerufen, aus Anlass des Ramadan fuer die islamische Welt zu beten. Da kommt dann das Weltverstaendnis der amerikanischen Evangelikalen durch: "Beten wir fuer die Muslime, weil sie die Wahrheit nicht erkannt haben." Dass es mehrere Perspektiven auf eine Wahrheit geben koennte, dass meine Wahrheit anderen als unwahr erscheint, dass sich vielleicht sogar die Wahrheit eines anderen nachher als "wahrer" herausstellen koennte, ist diesem Denken fremd. Etwas mehr Respekt vor gutwilligen Muslimen wuerde ich mir da schon wuenschen. Die Geschichte mit dem Elefanten sollte sich jeder zu Herzen nehmen:

 

Drei Blinde sollten einen Elefanten beschreiben. Der erste, der nur den Rüssel untersucht hat, ist ganz sicher, dass der Elefant sich so ähnlich wie eine Schlange verhält. Der zweite, der die Ohren untersucht hat, weiß genau, dass der Elefant so ähnlich wie ein hängender Teppich ist. Und der dritte, der ein Elefantenbein umklammert hat, findet an diesem Bein eine große Ähnlichkeit mit einer Säule. Sicher ist jeder von seiner eigenen Wahrheit ganz ueberzeugt. Bei einem Check-out-Treffen gestern Abend habe ich das Thema mal angesprochen, allerdings gab es vom Chaplain eine eher ausweichende Antwort. 

11.09.2007 um 23:14 Uhr

Monrovia Harbour

Da hat es sich gerade alles eingespielt und fast ist es schon wieder am End. So kommt es mir im Moment vor. Es laeuft rund, ich bin diese Woche wieder im Saal des Plastikers. Von der Anaesthesie aus koennten wir auch gerne noch mehr Faelle abdecken, aber leider fehlt es ja an OP-Schwestern.

   

Diese Woche gibt es in der plastischen Chirurgie ein paar Operationen, die etwas aus dem gewoehnlichen Rahmen fallen. Meine franzoesischsprachige Patientin heute wurde als 10jaehrige von einer Schlange ins Bein gebissen, bekam davon eine schwere Entzuendung, das Bein war maechtig geschwollen. Es blieb ihr ein nach oben verkruemmter und voellig hochgedrehter Fuss. Der ist heute, sie ist 23, wieder in seine alte Position zurueckgekommen, und der nun offene Zwischenraum ist mit einer Hautverpflanzung vom Oberschenkel gedeckt. Ein 7jaehriges Kind hat den Arm an einer Friteuse verbrueht, ihm wurde die verwachsene Haut geloest und auch mit einem Transplantat gedeckt. Einem 9 Monate alten Baby hat eine umfallende Kerze die Matratze in Brand gesteckt, es hat durch die Brandwunden einige Finger zum Teil verloren. Die Hand war durch die Schrumpfhaut unnatuerlich nach oben verdreht, wenigstens das konnten wir heute beheben.

   

Eine Patientin, gerade Anfang 20, steht fuer morgen auf dem Plan, die einen weiten Weg von Nigeria bis hier hinter sich hat. Sie leidet an der Wucherung eines Gesichtsnerven. Der Tumor, eine weiche Glibbermasse unter der Haut, liegt fast wie ein Kissen in einer Gesichtshaelfte und haengt uebers Kinn bis zum Hals hinunter. Da bekommt man gleich beim Ansehen Mitleid mit dieser Frau. Was muss es bedeuten, so gezeichnet in der Gesellschaft bestehen zu muessen? Der Leidensdruck hat sie ueber tausende Kilometer bis zu uns aufs Schiff getrieben, allein unterwegs durch vier oder fuenf fremde Laender. Die OP morgen entscheidet darueber, wie ihr ganzes weiteres Leben ablaufen wird, man muss sich das vorstellen...

   

Dank unserer liberianischen Anaesthesie-Praktikanten kann ich auch mit Einheimischen gelegentlich ein laengeres Gespraech fuehren. Alex und Arkoi haben ihre Fortbildung zum Anaesthesiepfleger fast hinter sich, bekommen Ende des Jahres ihr Diplom und duerfen/ muessen dann allein Anaesthesie betreiben. Sie geben mir ein wenig Einblick, wie es um Liberia politisch und gesellschaftlich steht. Die Gefahr eines wieder aufflammenden Krieges sehen sie beispielsweise nicht. Internationale Investoren und auslaendische Beobachter sind da moeglicherweise kritischer. 14 Jahre Verrohung haben die Bevoelkerung gepraegt, viele sind damit gross geworden, Gewalt liegt immer noch schnell in der Luft. Hitler - auf den kommt das Gespraech mit einem Deutschen ja irgendwann - finden sie irgendwie gut. Wissen aber auch nichts ueber ihn und sind ganz ueberrascht, dass Schwarze unter den Nazis wirklich nichts zu lachen hatten.

   

 

Zu dem alten Kran auf dem benachbarten Dock, steuerbords der Africa Mercy, wissen sie noch etwas zu sagen: Hier kamen frueher die Erztransporte aus der Bong Mine an und wurden aufs Schiff verladen. Ach, und auf der Backbordseite liegt unveraendert der alte Frachter, der im Krieg Schlagseite bekommen hat und seitdem im Hafen von Monrovia liegt.