Er lag auf seiner Matratze, in Dunkelheit gehüllt, und starrte an die
Decke. Neben ihm – oder besser, halb auf ihm – lag Julia. Er spürte
ihren regelmäßigen Atem, ihr Gewicht auf seinem Körper und ihr Haar auf
seinem Gesicht – sie schlief, tief und friedlich.
Sie hatten sich mal wieder geliebt, und nach dem anschließenden
unausweichlichen Gespräch war Julia in ihren Schlaf gefallen, während
er wach dalag und die Gedanken nicht anhalten konnte. Alle Frauen, mit
denen er geschlafen hatte, schienen die Gespräche direkt nach dem Akt
besonders zu genießen, während ihm diese Minuten besonders zuwider
waren. So kurz nach dem Orgasmus hatte er Probleme damit, die Kontrolle
über sich zurück zu gewinnen; so verfiel er oft ins Plappern und
offenbarte Geheimnisse, die er lieber für sich behalten hätte. Er nahm
an, dass dies der Grund war, warum Frauen diese Momente so sehr
schätzen. Wahrscheinlich war es für sie eine Art Spiel, oder genauer,
eine Art Rache: Ich unterwerfe mich Dir, körperlich, danach unterwerfe
ich Dich, geistig, und nutze den Augenblick aus, in dem Du die
Zugbrücke zu Deinem Inneren noch nicht hochgezogen hast. In solchen
Momenten überfiel ihn eine tiefe Wut auf das weibliche Wesen, doch im
selben Moment wurde ihm klar, wie töricht seine Gedankengänge waren,
und er schämte sich. Oder vielleicht waren die Gedankengänge gar nicht
töricht, vielleicht war es nur die letzte Rache des Weibes, die ihm
ihre Werte und ihr Gewissen eingepflanzt hatte, die ultimative Rache
und Kontrolle – er wusste es nicht.
Er lag immer noch wach und fragte sich, wieso. Für gewöhnlich überfiel
ihm nach dem Sex eine bleierne Müdigkeit, als wäre seine Lebensenergie
zusammen mit seinem Sperma verspritzt worden; er ertrug die Gespräche
dann nicht lange, die letzten Sätze murmelte er im Halbschlaf, dann war
es besonders gefährlich. Er hatte noch keine Frau im Bett gehabt, bei
der er sich gerne offenbart hätte, auch Julia war es nicht. Heute
jedoch fand er keine Ruhe; nicht nur, dass ihm die Gedanken durch den
Kopf rasten, er empfand die angeschmiegte Julia zunehmend als Last,
ihre Umarmung als Umklammerung. Tat sie das jedes Mal, wenn er
eingeschlafen war? Schlief sie immer so, halb auf der Matte, halb
auf ihm? Und wenn ja, wie hatte er dann bisher friedlich weiterschlafen
können? Seine Seite schmerzte schon, der Arm, auf dem sie ruhte, war
eingeschlafen, und er verspürte einen Schmerz in seinem Rücken. Er
wollte nichts mehr, als sich aus dieser ungemütlichen Pose zu befreien,
diese alberne, groteske Situation zu beenden, doch er wusste nicht,
wie. Er konnte sich nicht bewegen. Wenn er es wollte, fiel sein Blick
auf das schlafende Gesicht Julias, und er gab sein Vorhaben auf. Dieses
schlafende Gesicht strahlte eine Ruhe aus, die er unmöglich stören
konnte, und so verharrte er in seiner Position. Wie wütend war er auf
diese Zartheit Julias, die ihn immer wieder gefangen nahm!
Es war ein merkwürdiger Liebesakt gewesen. Schon seit Wochen hatte sich
Julias Verhalten beim Geschlechtsverkehr geändert, zunächst so subtil,
dass es ihm gar nicht aufgefallen war, doch heute hatten sich die
kleinen Subtilitäten zu einem Gesamtbild verdichtet, das er nicht mehr
ignorieren konnte. Sie war irgendwie leidenschaftslos geworden, nahezu
hölzern; ihre Bewegungen waren routiniert, eingeübt gewesen, strahlten
nicht mehr die lustvolle Spontaneität von früher aus. Fast war es, als
ob es eine Pflichtübung gewesen sei.
Auch ihr sonstiges Verhalten hatte sich geändert. Das hatte es freilich
während ihrer gesamten gemeinsamen Zeit getan; als sie sich kennen
lernten, hatte ihn ihre komplette Andersartigkeit fasziniert, sie
schien das genaue Gegenstück zu ihm darzustellen. Im Laufe ihrer
Beziehung (so musste man es wohl nennen) hatte sie sich ihm dann immer
mehr angenähert, bis er es irgendwann genoss, sie umzuformen. Er hatte
sich dann eingebildet, dass ihre frühere Existenz ein Gefängnis gewesen
sei, aus dem sie entkommen wollte, und sich als den Schlüssel, der ihr
die Flucht ermöglichte. Jetzt fiel ihm auf, wie sehr er die Versuche
ihrerseits, ihn zu verwandeln, unterschätzt hatte; sie waren ihm nur
hin und wieder aufgefallen, und er hatte sich ihnen mit einem gleichsam
heroischen Bewusstsein seinerseits widersetzt. War er für sie
irgendwann ein ähnliches Projekt geworden wie sie für ihn? Und die
Veränderung ihres Verhaltens, die er ausgelöst zu haben glaubte, nur
eine Art Köder gewesen?
Wie dem auch sei, erst jetzt bemerkte er, dass sie in letzter Zeit
aufgehört hatte, zu ihm zu streben, genauso wie sie die Versuche
eingestellt hatte, ihn zu sich zu ziehen. Stattdessen begegnete sie ihm
mit einer Art kühler Ignoranz, als sei ihr alles gleichgültig.
Unterschwellig zwar, doch nicht so unterschwellig, dass es ihm jetzt
nicht auffallen würde. Sie schien sich in eine andere Richtung zu
entwickeln als die, die ihr durch ihn vorgeschrieben gewesen wäre. War
da ein anderer Mann? Entweder das, oder sie war dabei, „sich
selbst zu finden“, doch war das möglich? Dazu erschien sie ihm zu
substanzlos, ihre Persönlichkeit zu leer, als dass sie der Führung
eines Mannes entbehren könnte. Und in diesem Moment wurde ihm klar,
dass er sie verloren hatte, dass er sein Projekt verloren hatte und
einen anderen Architekten weiterarbeiten lassen musste, der es in eine
völlig andere Richtung führen würde. Still weinte er um sein verlorenes
Werk.
Am besten wäre gewesen, wenn er es selbst in die Hände des anderen
gelegt hätte, doch dazu fühlte er sich nicht in der Lage. So lag er da,
ärgerte sich über seine Schwäche und spürte das Gewicht von Julias
Körper, diese erdrückende Last. Morgen würde er aufstehen, sie
mit einem flüchtigen Kuss begrüßen und darauf warten, dass der andere
sich seines unvollendeten Werkes bemächtigen würde und sie ihm
wegnehmen würde. Warten, dass die Ahnung sich in Gewissheit
verfestigte. Lange konnte es nicht mehr dauern.
Arthur