Morgenröthe

07.05.2007 um 01:34 Uhr

Das letzte, das ich hebe

von: Edmolch

Dein Name liegt mir als Gedicht
auf den vertrockneten Lippen.
Im Hirn brennt mir dein Angesicht...

Noch einmal mich im Kreise drehn-
noch einmal haschen nach den Geistern
und glauben an ein Wiedersehn...

Und wieder klar und nüchtern wie ich war.
Still, Kreisel, bleibe stumm! Und schaue!
Was ist, was war? Das ewig gleiche!
Der unerreichte Glanz in deinem Haar...

Ich habe auf den ersten Blick
dich ganz verkannt. Was nützt eine Welt?
Wenn außer ihr das Außen alles zählt?

Denn der bin ich für dich,
der ich dir scheine.
Und wenn du mit mir sprichst,
verstellst du dich.

Ich trage dich zu Grabe nun.
Es ist das letzte, das ich hebe.
Es kostet nichts. Nur meine Liebe,
die ich mit dir in feuchte Erde lege.

 

Faust 

16.12.2006 um 04:01 Uhr

Mensch zu sein

von: Edmolch

Zum Denken verdammt
mit tierischen Gefühlen
im Jenseits will ich sein
weit fern der bittren Menschlichkeit
um Gottes Hauch zu spüren

Ich sinke in das Nichts hinein
mein Kopf zeigt mir den Weg
was es heißt Mensch zu sein
doch in der Wirklichkeit
bin ich allein

Und wieder treibt das Hirn
den Keil in mein bewußtes Sein
sei Erde! sei Gestalt! und Geist!
im Hoden wächst kein Himmelreich
musst ewig, ewig, ewig sein!

So währt der Schrei nach Geist-
und ticken tausend Uhren gleich
niemals werd ich das Rasen missen
das meiner Seele einverleibt
im Wahnsinn zu ersticken

Niemals ins Große mich verbeißen
noch in den Schoß der Lust
nur Götter werd' ich niederreißen
häretisch bis zum Selbstgenuss
auf Lebenszeit verdammt

Im Letzten Fleisch der Erde schenken
Nicht ewig währt mein Hirn
denn einmal hört es auf zu denken-
was ist dann Welt was Stirn und Gott
im Nichts wird es versinken

Und wenn mir Glieder wegverfaulen
und wenn mein Hirn erinnerungsgebläht
in all einsamen Stunden niedergeht
erst dann werd' ich begreifen
was es heißt Mensch zu sein

 

Faust

27.09.2006 um 02:17 Uhr

Tanzlied

von: Edmolch

Wann immer ich trinke, glasaus glasein
solls immer noch mehr sein, noch mehr
sein. Springt auf, ihr Brüste, schwarz
ist das Sein! So springet noch einmal
ins Dunkle hinein!

Im Kreis herum, tanzt! Das Leben ist
klein! Im Weine ersauft! Die Nacht
ist noch lang!

Voll Schwermut das Lied. Vergangene Nacht.
Das schwarze Haar flattert ungreifbar,
hab Acht! Um Wangen, um Lippen,
um Hüfte, im Grab! Um Schenkel und Backen,
verlassene Pracht!

Lass einmal mich fassen dich, heilig
die Tat! Im Schwunge erblasst auch die
finsterste Saat!

Unnahbar, und doch! So schwarz wie
das Licht! Umfasse das Männlichste mit
deinem Schritt! Um Brüste, um Hüfte,
so still wie ein Grab! In leiblicher Fülle
so klar diese Nacht!

 

Faust 

22.09.2006 um 16:22 Uhr

Schöner Abend

von: Edmolch

Aus dieser Sicht sieht alles so einfach aus. Dieser Stuhl aus altem Holz, auf dem ich sitze. Der Tisch vor mir, ebenfalls altes Holz. Die Ecke in dieser Kneipe lädt ein zum sitzen, nicht zum stehen, nicht zum tanzen. Mein halbgetrunknes Bier steht vor mir. Der weisse Rauch meiner Zigarette zieht in drehenden Bewegungen in Richtung Decke, dann durch den Raum. Fast wie ein Tanz. Es sind weitere Menschen in dieser Kneipe. Manche sitzen an diesem Tisch wie ich. Es sind nicht meine Freunde, aber ich kenne die Namen der meisten von ihnen. Einige haben Brüste. Andere nicht. Aber alle tragen dieses Lächeln und manchmal lachen sie auch. Ein Lachen, das heisst: ich bin fröhlich, mit mir kann man Spass haben, es ist ein lustiger Abend. Ich lache nicht, nur aus Zorn. Aus den Boxen erklingt fröhliche Musik, die zum lachen auffordert, die zum vergessen auffordert. Aber die Menschen um ich müssen nicht vergessen, die wissen gar nicht. Auf einmal spricht mich der Typ an, der rechts neben mir sitzt. Ob ich das Lied kenne, das sei cool. Ich verneine. Jetzt käme eine krasse Stelle. Der Beat wird schneller, eine Backgroundsängerin fiepst etwas auf englisch, dann setzt der Refrain ein. Der Typ wippt dem Kopf und hebt die Hände unterstützend zum Takt. Ich lächle gezwungen, dann wendet er sich wieder an das Dekolleté ihm gegenüber. Sie scheint das Lied zu mögen, denn sie wippt jetzt auch mit dem Kopf. Ich trinke noch einen Schluck Bier. Jetzt wendet sie sich an mich, fragt, ob ich noch eine Zigarette für sie habe. Ich halte ihr die Packung hin, ein Feuerzeug hat sie selber. Als sie sich die Zigarette anzündet, schaue ich auf den nackten Ansatz ihrer Brüste. Sie fragt mich, ob ich Fluch der Karibik 2 schon gesehen hätte. Ich verneine, frage sie aber, wann die Amerikaner sich endlich die Iraner als Feindbild in ihren Filmen aussuchen würden. Immerhin wären dann wieder spannende Actionfilme mit der Bedrohung aus dem Osten machbar. Sie lächelt schief und kommt dann wieder auf Fluch der Karibik 2 zu sprechen. Politische Themen sind nicht machbar, das durchbricht den Kreis. Sie erläutert mir einige besonders sehenswerte Szenen, dann erwähnt sie, dass der Film jetzt schon über 300 Millionen Dollar eingespielt hätte. Ich denke zwar nicht im Traum daran, versichere ihr aber, ich müsste ihn mir auch mal ansehen. Dann entschuldigt sie sich, sieht ihre Freundin an, die neben ihr sitzt und verschwindet mit ihr auf der Toilette. Anscheinend brauchen Frauen nur einen Blickkontakt, um das zu verstehen. Ich schaue ihnen hinterher, das Dekolleté hat einen schönen, runden Hintern. Ihre Freundin ist schlanker, mit einem schlanken Arsch. Auch sehr schön. Ich versuche es nochmal, dabei rede ich meinen Nachbarn an, und spreche über unsere Marinesoldaten, die jetzt die Küste vor dem Libanon bewachen sollen. Zu friedlichen Zwecken, so meint er, würde er dem Einsatz zustimmen. Die Deutschen dürften sich nicht vor der Krise im Nahen Osten verstecken. Ich frage ihn, ob die Verhinderung von Waffenschmuggel in das Krisengebiet ein friedlicher Zweck sei. Natürlich, sagt er. Auf die Frage, warum wir dann nicht auch die Amerikaner kontrollieren würden, weiss er keine Antwort. Ich beantworte die Frage selber, die schmuggeln ja nicht, die machen das ganz legal. Als endlich das Dekoletté wieder an ihren Platz kommt, zünde ich mir noch eine Zigarette an und puste den Rauch an die Decke. Dabei beobachte ich, wie ein Pärchen an einem entfernten Tisch zur Sache kommt. Der Typ befummelt ihre Brüste ohne Scham. Als sie die Hand in seine Hose schiebt schaue ich weg, wieder zurück in das Dekoletté. Ich trinke mein Bier aus und bestelle ein neues. Ich übe zu lächeln. Erst klein, dann wird mein Lächeln größer. Fröhlich werde ich trotzdem nicht. Zum Fröhlichsein gehört eine gewisse Portion Selbstvergessenheit. Das Pärchen am entfernten Tisch steht auf und geht. An einem anderen Tisch fangen drei Mädchen an zu singen. Anscheinend singen sie mit dem Lied aus den Boxen. Eine von denen, mit der ich heute hier bin, hält ihr Bierglas hoch und prostet ihnen zu. Sie scheint das Lied ebenfalls zu mögen. Irgendwann verabschiedet sich das Dekoletté links von mir mit ihrer Freundin. Ich gebe ihnen die Hand. Mein Nachbar rechts steht auf und küsst ihnen links und rechts auf die Wange. Dabei hängen die Brüste meiner Nachbarin dicht an meinem Gesicht. Dann verabschiedet sie sich von den anderen in ähnlicher Weise und geht. Ich rücke zwei Plätze auf und gewinne eine neue Perspektive. Der Typ, der vorher mein Nachbar war, sitzt mir nun schräg gegenüber. Hinter ihm, am anderen Tisch, sitzt eine Blondine, die sich über den Tisch lehnt, um besser mit einem anderen Typen reden zu können. Dabei schaut ihr der Tanga aus der Hose. Ich möchte ein Gespräch mit den Brüsten anfangen, die nun links neben mir sitzen und zu dem Mädchen gehören, die eben zu dem anderen Tisch geprostet hat, aber mir fällt nichts ein. Ich biete ihr eine Zigarette an, dann fragt sie mich etwas über mein Studium. Ich antworte, zusammen mit dem Lächeln, das ich eben geübt habe. Es scheint zu funktionieren, denn sie lächelt jetzt auch. Ich frage mich, was man tun muss, um sie zum lachen zu bringen. Sie berichtet von ihrem Studium, vergisst aber nicht, ihren Freund ins Gespräch zu bringen, der im Moment für sein Examen in Volkswirtschaft lernt. Dann verabschiedet sich auch mein ehemaliger Nachbar. Ich gebe ihm die Hand, dann küsst er jedem, der mit am Tisch sitzt, links und rechts auf die Wange, auch dem anderen Typen. Den Mädchen scheint das zu gefallen. An meinem Tisch bleibt noch das Mädchen mit dem VWL-Freund und ein Pärchen übrig. Das Mädchen mit dem VWLer erwähnt, dass es auch bald gehen und nach ihrem Freund sehen müsse. Ich antworte, ich müsse auch bald los, aber auf mich wartet niemand zuhause. Sie lacht. So funktioniert das also. Wir verabschieden uns von dem Pärchen und gehen zusammen los. Direkt vor der Kneipe trennen sich allerdings schon unsere Wege, weil sie in der entgegengesetzten Richtung wohnt. Ich deute einen Kuss auf die Wange an und sie lässt ihn über sich ergehen. Dann küsse ich auch die andere Wange. Ich zünde mir eine Zigarette an und mache mich auf den Heimweg. Sie wird ihrem Freund zuhause erzählen, es sei ein schöner Abend gewesen.

 

Faust

02.09.2006 um 03:06 Uhr

Du

von: Edmolch

So weit die Zeit im Nichts vereist,
so weit auch Tag und Stunden fort im leeren Raum verhallen,
so weit verrinnt die Menschlichkeit und trüber Wahnsinn
stillt das Wort Verlangen.

Ich sehe dich im schwarzen Kleid und blass ist das Gesicht
und schwarzes Haar Unendlichkeit über die beiden Wangen.

Wenn doch der Glaube schon erstorben wär in dir
und Zeit und Raum sich über uns entfaltet,
wie zwei Verlorene im Weltenmeer
mit einem Kuss besiegelt.

Weg Widerstand hinfort der Abgrund abgetaucht belangloses Verweilen
im Jetzt, was zählt ist nicht die Zeit, die Einsamkeit
erspürt im Drang uns zu vereinen.

Die Blicke teilen einen Schmerz und schwarz der Anblick deiner Lippen
und schwarz erfüllt von Sehnsucht einem Beben.

Die klare Nacht erfüllt von einsamen Verlangen,
der Schenkel birgt das schwarze Reich voll hemmungslosem Leben,
der Busen still, das Herz entzwei,
das unermessliche Begehren.

Wie Kinder in der Dunkelheit, wie Narren im Verlauf der Zeit.
Das Bersten meiner Liebe. Und so auch wir im Traum vereint.
Zusammensein der Triebe.

Du.

Ich bin gewiss und sterbe bald. Unendlichkeit der Liebe.
So sehr das Dunkel diese Nacht befreit,
so weit verrinnt die Menschlichkeit und trüber Wahnsinn
erstillt. Das Wort Verlangen.

 

Faust

27.08.2006 um 03:54 Uhr

Nachruf an den Menschen

von: Edmolch

Jetzt, wo es vorbei ist, sehe ich die Jahrhunderte hinweg
in den Sturm der Kultur getrieben, in das Wagnis
der Welt. Es ist vollbracht! Die Sippe überwuchert
den Planeten mit selbstgeschaffnem Schmerz und treibt

die Isolation so weit bis nichts mehr ausser ihr noch übrig bleibt.
Mit stolzer Überheblichkeit dem Tier entrückt den Trieb
entzückt mit seelenhafter Grausamkeit. Wenn du jetzt stirbst,
ich trachte nicht nach Ewigkeit! Ich bin bereit! Ich schäme mich

auch nicht, denn ein paartausend Jahre sind nicht viel im Glanz
der Wirklichkeit. Und wenn ich manchmal strebe nach dem Nichts, so
weiß ich doch gewiss, bald ists soweit. Ach die Vernunft! Ach Traum
der Großen! Kultur erschafft den Denkern! Den Narren!

Jetzt, wo es vorbei ist mit unserem Streben. Denkt ihr denn nicht,
auch das musste es geben? Wir mussten es versuchen, denn wer auch
sonst, wenn nicht der Mensch? Nun gibt es keine Hoffnung mehr, kein Forschen
nach den Göttern, kein Sehnen nach der andern Welt! Nur ein Lachen

noch, nicht mehr! Ironisches Gelächter über unser aller Wesen!
Ich will auch nicht von Freundschaft lügen unter Unsresgleichen. Ich
will die Zukunft nicht verderben. Ich will das Chaos nicht erschweren.
Auch nicht von Liebe, was ein Wort! Welch Illusion im Sterben! Ich

möchte dir nur danken, Mensch! Für alles, was du schufst! Für diese
Welt auf Erden! Dafür, dass du trotz allem, was du schufst, den Mut
behieltst, zu werden! Jetzt, wo dein Ende nahe, unabwendbar ist,
rege dich nicht mehr im Grab! Ich weine keine Träne nach!

 

Faust 

24.08.2006 um 04:29 Uhr

Das neue alte Lied

von: Edmolch

von Überwachung, Kontrolle und Staat!
Seht nur den Mörder-Möchtegern!
Schaut Euch die Bänder an! Sie sind ja alle archiviert
und werden ausgestrahlt auf jedem Programm.

Ist das nicht dein Gesicht? Dort in der Menge
der Demonstranten? Oder versteckst du dich?

Die Hetzjagd beginnt! Denn das bringt Quote
und verkauft die Tagesblätter!
50.000 auf einen Hinweis zur Ergreifung dieses Schwerbrechers ausgesetzt.
Und Millionen investiert in Augen. In das Netz, an jede Wand!

Auf welcher Seite stehst du? Und sag nicht, es ist dir gleich.
Die Fronten wachsen! Da bleibt jetzt niemand außen vor!
Religiöser Fanatismus? Liberaler Faschismus?
Daneben gibt es keine Wahl! Mach mit!

Mit jedem Anschlag und mit den versuchten
wird die Furcht entfacht. Und Schritt um Schritt
schürt Angst das Wachen über die Verfassung!
Und während unser Widerstand noch nichts begriffen hat,
da überrollt uns die Maschine und erkennt bald jeden.
Da gibt es kein Alleinsein mehr!
Wir gehen Seit an Seite mit dem Staat!

Ist es zu spät? Sind wir längst dumm-
gemacht? Zu fördern den Konsum von Drogen
der freien Marktwirtschaft?

Es stimmen ein: Parteien, Institutionen, Kirche und Sekten,
Zeitungen, Radio, Tv-Kanäle
und alle Waffen der Demokratie!
Ein in das alte neue Lied
von Überwachung, Kontrolle und Staat!

 

Faust

30.07.2006 um 01:44 Uhr

Rausch

von: Edmolch

fern erweht schmerzensrast
schwarzes haar mitternacht

wortwortworte ausgetauscht
du mein darling
in das ewige ewige

wer? du bist mein wer
wertverkommen

zugang sprechen

beieinandersein
miteinander mit dem andern

ich habe mit dir gesprochen
in dieser nacht dem tag zu mittag hab ich
das mit dir besprochen

was unaussprechbar galt

und bitter schmeckt das wort im munde
bettgebettelhaft gewalt

da hängt dies bild an
hängt in meinem walde
in meinem walde hängt dies bild
und ewig ist es

zwei sind da viel
wenn ewig schallt das
vielzuviel

vielzuviel

hoffnung? keine
anstalten macht das hoffen
und der wille hilft da auch nicht viel

schwarz
lächeln ohne augen
das ironie verspricht doch keinen glauben
mein ganzes herz ist wild ist wild nach dir

wenn jetzt mal angenommen
wenn die sucht nach sehnen giert
und du wärst hier

und du wärst hier
was schadete dem leben
nichts zukunft tod nichts
paar jahre noch und tot
im nichts im leben

im nichts im leben

und dann so tot
wir können leben meine liebe nichts
nichts fesselt uns und mühsames bestreben
ist klanglos im nieendenwollend raum

ist klanglos wie ein traum
zu zweit und ist bar
jeder wirklichkeit

ist wie ein holly wie
ein hollywoodgespielter
wie ein wunsch und sturzbetrunken
wie ein rausch
ist wie ein rausch

Faust

29.07.2006 um 23:50 Uhr

Morgenröthe

von: Edmolch

Still sind alle Nächte
klar und rein
Gedankenleise Magensäfte
fallen mir ein

Einmal noch auf die Seite drehn
im Fegefeuer glühn
einmal im Rausch vernichten
was mir am Tage will entfliehn

Wer will am Rad der Zeit vorübergehn
ohn auch am Rande nur zu fühln
das Ich- der lebgewordne Traum
das Nichts- gemeinschaftliches Ruhn

Und wieder Welt-
du garstig böse Spiegelung
der innersten Empfindung!
ist mein! mein! mein!

Doch du! schmerzvoll Erinnerung!
an einen schwarzen schönen Schein
Machs Mündchen auf, lass Zunge spieln!
lass einen Wunsch sich mir erfülln!

Im Liebesrausch! Den Donner spürn!
Den Halm im Bauche ferner Tage
bis still im Atem Ich verglüht
rasender Abende Tage

Zu spät! Der dichte Wahnsinn ist erblasst
Nur Schein! im Lebenswahn erfasst
Die Silbe haucht! der Äther tot!
gefällter Stein! Das Morgenroth!

Faust

13.01.2006 um 08:23 Uhr

Nachtgedanken

von: Edmolch

Er lag auf seiner Matratze, in Dunkelheit gehüllt, und starrte an die Decke. Neben ihm – oder besser, halb auf ihm – lag Julia. Er spürte ihren regelmäßigen Atem, ihr Gewicht auf seinem Körper und ihr Haar auf seinem Gesicht – sie schlief, tief und friedlich.
Sie hatten sich mal wieder geliebt, und nach dem anschließenden unausweichlichen Gespräch war Julia in ihren Schlaf gefallen, während er wach dalag und die Gedanken nicht anhalten konnte. Alle Frauen, mit denen er geschlafen hatte, schienen die Gespräche direkt nach dem Akt besonders zu genießen, während ihm diese Minuten besonders zuwider waren. So kurz nach dem Orgasmus hatte er Probleme damit, die Kontrolle über sich zurück zu gewinnen; so verfiel er oft ins Plappern und offenbarte Geheimnisse, die er lieber für sich behalten hätte. Er nahm an, dass dies der Grund war, warum Frauen diese Momente so sehr schätzen. Wahrscheinlich war es für sie eine Art Spiel, oder genauer, eine Art Rache: Ich unterwerfe mich Dir, körperlich, danach unterwerfe ich Dich, geistig, und nutze den Augenblick aus, in dem Du die Zugbrücke zu Deinem Inneren noch nicht hochgezogen hast. In solchen Momenten überfiel ihn eine tiefe Wut auf das weibliche Wesen, doch im selben Moment wurde ihm klar, wie töricht seine Gedankengänge waren, und er schämte sich. Oder vielleicht waren die Gedankengänge gar nicht töricht, vielleicht war es nur die letzte Rache des Weibes, die ihm ihre Werte und ihr Gewissen eingepflanzt hatte, die ultimative Rache und Kontrolle – er wusste es nicht.
Er lag immer noch wach und fragte sich, wieso. Für gewöhnlich überfiel ihm nach dem Sex eine bleierne Müdigkeit, als wäre seine Lebensenergie zusammen mit seinem Sperma verspritzt worden; er ertrug die Gespräche dann nicht lange, die letzten Sätze murmelte er im Halbschlaf, dann war es besonders gefährlich. Er hatte noch keine Frau im Bett gehabt, bei der er sich gerne offenbart hätte, auch Julia war es nicht. Heute jedoch fand er keine Ruhe; nicht nur, dass ihm die Gedanken durch den Kopf rasten, er empfand die angeschmiegte Julia zunehmend als Last, ihre Umarmung als Umklammerung. Tat sie das jedes Mal, wenn er eingeschlafen war?  Schlief sie immer so, halb auf der Matte, halb auf ihm? Und wenn ja, wie hatte er dann bisher friedlich weiterschlafen können? Seine Seite schmerzte schon, der Arm, auf dem sie ruhte, war eingeschlafen, und er verspürte einen Schmerz in seinem Rücken. Er wollte nichts mehr, als sich aus dieser ungemütlichen Pose zu befreien, diese alberne, groteske Situation zu beenden, doch er wusste nicht, wie. Er konnte sich nicht bewegen. Wenn er es wollte, fiel sein Blick auf das schlafende Gesicht Julias, und er gab sein Vorhaben auf. Dieses schlafende Gesicht strahlte eine Ruhe aus, die er unmöglich stören konnte, und so verharrte er in seiner Position. Wie wütend war er auf diese Zartheit Julias, die ihn immer wieder gefangen nahm!
Es war ein merkwürdiger Liebesakt gewesen. Schon seit Wochen hatte sich Julias Verhalten beim Geschlechtsverkehr geändert, zunächst so subtil, dass es ihm gar nicht aufgefallen war, doch heute hatten sich die kleinen Subtilitäten zu einem Gesamtbild verdichtet, das er nicht mehr ignorieren konnte. Sie war irgendwie leidenschaftslos geworden, nahezu hölzern; ihre Bewegungen waren routiniert, eingeübt gewesen, strahlten nicht mehr die lustvolle Spontaneität von früher aus. Fast war es, als ob es eine Pflichtübung gewesen sei.
Auch ihr sonstiges Verhalten hatte sich geändert. Das hatte es freilich während ihrer gesamten gemeinsamen Zeit getan; als sie sich kennen lernten, hatte ihn ihre komplette Andersartigkeit fasziniert, sie schien das genaue Gegenstück zu ihm darzustellen. Im Laufe ihrer Beziehung (so musste man es wohl nennen) hatte sie sich ihm dann immer mehr angenähert, bis er es irgendwann genoss, sie umzuformen. Er hatte sich dann eingebildet, dass ihre frühere Existenz ein Gefängnis gewesen sei, aus dem sie entkommen wollte, und sich als den Schlüssel, der ihr die Flucht ermöglichte. Jetzt fiel ihm auf, wie sehr er die Versuche ihrerseits, ihn zu verwandeln, unterschätzt hatte; sie waren ihm nur hin und wieder aufgefallen, und er hatte sich ihnen mit einem gleichsam heroischen Bewusstsein seinerseits widersetzt. War er für sie irgendwann ein ähnliches Projekt geworden wie sie für ihn? Und die Veränderung ihres Verhaltens, die er ausgelöst zu haben glaubte, nur eine Art Köder gewesen?
Wie dem auch sei, erst jetzt bemerkte er, dass sie in letzter Zeit aufgehört hatte, zu ihm zu streben, genauso wie sie die Versuche eingestellt hatte, ihn zu sich zu ziehen. Stattdessen begegnete sie ihm mit einer Art kühler Ignoranz, als sei ihr alles gleichgültig. Unterschwellig zwar, doch nicht so unterschwellig, dass es ihm jetzt nicht auffallen würde. Sie schien sich in eine andere Richtung zu entwickeln als die, die ihr durch ihn vorgeschrieben gewesen wäre. War da ein anderer Mann?  Entweder das, oder sie war dabei, „sich selbst zu finden“, doch war das möglich? Dazu erschien sie ihm zu substanzlos, ihre Persönlichkeit zu leer, als dass sie der Führung eines Mannes entbehren könnte. Und in diesem Moment wurde ihm klar, dass er sie verloren hatte, dass er sein Projekt verloren hatte und einen anderen Architekten weiterarbeiten lassen musste, der es in eine völlig andere Richtung führen würde. Still weinte er um sein verlorenes Werk.
Am besten wäre gewesen, wenn er es selbst in die Hände des anderen gelegt hätte, doch dazu fühlte er sich nicht in der Lage. So lag er da, ärgerte sich über seine Schwäche und spürte das Gewicht von Julias Körper, diese erdrückende Last.  Morgen würde er aufstehen, sie mit einem flüchtigen Kuss begrüßen und darauf warten, dass der andere sich seines unvollendeten Werkes bemächtigen würde und sie ihm wegnehmen würde. Warten, dass die Ahnung sich in Gewissheit verfestigte. Lange konnte es nicht mehr dauern.

Arthur