Morlocks.

09.11.2011 um 16:56 Uhr

Der neue Spielejournalismus im Vergleich.

von: Morlock

Im September gab es eine größere Debatte darüber, wie über Computerspiele berichtet werden sollte. Ein ehemaliger Spieleredakteur fordert, dass Journalisten sich mehr zur Tatsache bekennen, dass Spiele Kunst seien und nicht bloß ein technisches Produkt. Mein Beitrag dazu, einschließlich des Vergleichs zwischen zwei Texten zum gleichen Thema, ist im Mitmach-Spielemagazin Gamersglobal erschienen.

16.02.2011 um 23:34 Uhr

Der Akademiker zu Guttenberg.

von: Morlock

Auf zu Guttenbergs Facebookseite findet man die Hardcorefans. Neben "bester Minister seit langem"-Lobhudeleien finden sich seit heute auch angestrengte Verteidigungsreden für den Freiherrn. Die neuen Angriffe auf ihn seien eine miese Verschwörung von linken Akademikern und der linken Presse, oder gar ein Dolchstoß aus den eigenen Reihen. Wer sich die Auschnitte von zu Guttenbergs Dissertation und die Originalquellen ansieht, merkt jedoch sofort, dass der Minister faktisch wegen Plagiats überführt wurde. Auf einer akademischen Ebene ist dies eine Schweinerei, entwertet ein solches Plagiat doch die akademischen Titel, die durch echte Eigenleistungen erarbeitet wurden.

Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass die echten Eigenleistungen eines Politikers nicht akademischer Natur sind. Dreiste Copy&Pasterei ändert nicht die Wertigkeit von Entscheidungen zur Wehrpflicht, oder seiner wackelig dahingeholperten Beschreibung des Afghanistaneinsatzes als ein "kriegsähnlicher Zustand" Hier ist ein Beispiel aus Geschichte angebracht: Es gibt Anzeichen dafür, dass Dr. Martin Luther King des Plagiats schuldig war. Selbst wenn dem so wäre, würde ihm keiner seine Leistung in Sachen Bürgerrechte abstreiten.

Auch wenn zu Guttenbergs politische Leistungen unangetastet bleiben, die Person könnte großen Schaden nehmen. So wie ich es verstehe ist der Minister beliebt, weil die Menschen ihn als jemanden sehen, der endlich mal ehrlich ist und unangenehme Dinge offen ausspricht (Opel, "Kriegszustand"). Der Schwindel, für den er mit summa cum laude ausgezeichnet wurde, könnte dieses Bild zerstören.

Fürs erste sind das natürlich Vermutungen. Ich weiß nämlich nicht, welchen Stellenwert die akademische Arbeit, die zur Promotion führt, in der deutschen Gesellschaft hat. Die Reaktionen auf Guttenbergs Plagiat werden in dieser Hinsicht interessant. Kommt der Minister leicht davon, bedeutet es nichts Gutes für das Ansehen von promovierten Akademikern. Es sollte in einer Gesellschaft einen Unterschied machen, ob ein "Dr." hart erarbeitet wurde oder nicht.

Ein echtes Rätsel ist auch der Entstehungsprozess der Promotionsarbeit. Hat der Abgeordnete selbst abgeschrieben, oder hat er abschreiben lassen? Und wenn es jemand anderes für ihn getan hat, warum legte zu Guttenberg nicht mehr Wert auf Qualitätskontrolle? Natürlich ist der Doktortitel für ihn kaum mehr als karriereförderliches Schmuckwerk. Trotzdem wundert es mich, wie er so unvorsichtig sein konnte.

14.09.2010 um 16:52 Uhr

Sarrazin und Parteien rechts von der CDU.

von: Morlock

Zur Thilo-Sarrazin-Debatte kann ich nur wenig sagen, was nicht schon etliche Male anderswo geschrieben wurde. Zudem habe ich das Buch noch nicht gelesen, was mein Urteil doch sehr entwertet. Ich würde mir das Buch gerne anschauen, weiß aber nicht, ob ich Sarrazin Geld zustecken möchte. Im Zeitalter des Breitbandinternets ist das natürlich kein Problem.

Meine derzeitigte Meinung geht in Richtung dessen, was Sheila Mysorekar bewusst polemisch in der taz schrieb: Sarrazin sei ein rassistisches Arschloch mit geringem volkswirtschaftlichen Wert. Aber wie schon gesagt basiert meine Meinung nicht auf dem Buch. Ich habe nur Interviews mit Sarrazin gesehen bzw. gelesen.

Mich stört sehr, wie die öffentliche Diskussion um ihn geführt wird. Gibt sich Sarrazin als jemand, der über die Wissenschaft zu seiner Meinung gekommen ist, ist die Debatte fast vollständig politisch, und so gut wie gar nicht wissenschaftlich. Ich möchte viel mehr von Biologen und Soziologen hören. Es kann natürlich sein, dass es für ernsthafte Forscher zu billig ist, Sarrazin auseinanderzunehmen. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es interessantere Dinge, als darauf hinzuweisen, dass die Aussage "alle Juden teilen ein Gen, und alle Basken teilen ein Gen" vollkommen unsinnig ist. Alle Menschen teilen nahezu alle Gene (nämlich 99,8%). Die Gene, die zwischen Menschen variieren, variieren aber auch zwischen einzelnen Volksgruppen. So platt Sarrazin argumentiert, es gehört zur Aufgabe von Wissenschaft und Presse, mit populärem Stumpfsinn aufzuräumen.

Spannend ist die Diskussion um eine Partei "rechts" von der CDU/CSU. Ich bin schon seit langem der Meinung, dass die deutsche Pateienlandschaft diese Lücke füllen muss. Es kann nicht sein, dass man schnell bei der NPD und anderen Volksgenossen landet, nur weil man einen Einwanderungsstopp will, nach der Todesstrafe verlangt, oder die Bombardierung Dresdens und anderer deutscher Städte für ein scheußliches Verbrechen hält. Die Parteien, die diese Gedanken offen propagieren, sind leider oft diejenigen, deren Führung zumindest mit viel Romantik auf die NS-Zeit zurückblickt. So überrascht es nicht, dass lediglich die NPD Sarrazin die Mitgliedschaft anbietet. Das darf nicht sein. Je mehr Menschen Sarrazins Ansichten teilen, desto mehr profitieren Parteien wie die NPD von dieser Lücke in der Repräsentation von Meinungen.

Nun sind die Chancen für eine Partei rechts von Schwarz nicht besonders groß, wie der Parteienforscher Frank Bösch überzeugend argumentiert. Einen Grund möchte ich zu seinen ergänzen: Dieser rechten Partei fehlte ein Pendant zu Oskar Lafontaine. Sie hätte also keine Person, die auch als Politiker bei der Zielgruppe beliebt ist. Menschen wie Sarrazin, Erika Steinbach, oder die intellektuell überforderte Eva Herrmann haben zwar ein populistisches Gewicht, aber nicht genug politische Glaubwürdigkeit.

 

P.S.: Aus vertrauten Quellen weiß ich, dass es weniger Zeit braucht, Sarrazins gesamtes Buch herunterzuladen, als man braucht, um einen solchen Blogeintrag zu verfassen. Bis zum nächsten Mal!

07.05.2010 um 17:06 Uhr

Dürfen wir Neandertaler klonen?

von: Morlock

Eine neue Studie beschreibt die Sequenzierung des Neandertalergenoms. Die DNA-Information wurde aus drei Knochenproben gewonnen. Sie ist unvollständig, und teilweise "beschmutzt" mit der DNA von anderen Organismen, die sich auf die Fossilien niedergelassen haben. Aber schon jetzt kann man sehr viel von ihr lernen. So kam es sehr wahrscheinlich zu Kreunzungen zwischen Neandertalern und den Menschen, die aus Afrika nach Europa und Asien migrierten. Die meisten heute lebenden Menschen tragen Neandertal-DNA in sich, vermutlich etwa 1-4% der Gene, die uns ursprünglich von unseren evolutionären Geschwistern unterschieden. Insgesamt gleichen sich die beiden Genome zu etwa 99,98%.

Hinweise zum Zusammenleben von Menschen und Neandertalern gibt es schon seit sehr langem. Es ist ein faszinierendes Thema. Haben die beiden Spezies miteinander kommuniziert, und wenn ja, worüber? War das Verhältnis friedfertig? War der Sex zwischen ihnen freiwillig, oder waren es Vergewaltigungen?

Im Science-Magazin, in dem die neuen Studien veröffentlicht wurden, fragten sich Wissenschaftler auch, wieweit man davon entfernt ist, Neandertaler zu klonen. Noch sei es Science Fiction, fasst ein Artikel zusammen. Nicht nur ist die vorhandene Sequenz lückenhaft - man weiß auch zu wenig über die Zellkerne der Neandertaler, und damit ebenfalls nur wenig darüber, wie eine geeignete Eizelle auszusehen hat. Auch muss man sich fragen, weche Spezies als Wirt für das befruchtete Ei dienen soll. Der Mensch bietet sich an, doch es ist nicht klar, ob eine menschliche Mutter einen reinen Neandertalembryo (im Gegensatz zu einer Kreuzung) annehmen würde.

Bei dem Tempo, in dem sich die Forschung entwickelt, wäre es fast eine Enttäuschung, wenn man diese technischen Hürden nicht irgendwann überwinden könnte. Bleibt die Frage, ob man Neandertaler überhaupt klonen soll. Selbst erfolgreiches Klonen ist mit sehr vielen Fehlversuchen verbunden. Das muss man einem Wesen nicht antun, das Werkzeuge herstellte, wahrscheinlich eine Sprache hatte, und damit auch eine Kultur. Die Forschung an Neandertalern könnte mit weiteren moralischen Problemen verbunden sein. Welchen Platz hat ein Neandertaler in unserer Welt? Will man ihn, kann man ihn integrieren? Und wenn nicht, wie soll man ihn halten? In einem Labor? In einem Nationalpark?

Persönlich denke ich, dass man einen Neandertaler klonen wird, sobald man es kann. Sehr viele Dinge würde man dadurch lernen können, über sie, aber auch über uns. Wieder würden diese zwei Spezies zusammentreffen. Diese Vorstellung ist ebenso spannend wie unbehaglich.

20.04.2010 um 00:45 Uhr

Sterben die Soldaten vergebens?

von: Morlock

Etwa 70 Prozent der Deutschen sind gegen den Einsatz in Afghanistan. Es ist ein leichter Anstieg verglichen zum Herbst 2009, der sicherlich etwas mit den toten deutschen Soldaten zu hat. Man sollte allerdings nicht die Bombardierung der Tanklastzüge im September vergessen, also die so genannte "Kunduz-Affäre", deren Ausmaß auch dank der Bundesregierung erst spät bekannt wurde. Man kann hoffen, dass der Tod von mehr als 100 Zivilisten auch bei der deutschen Bevölkerung schwerer wiegt als der von wenigen Soldaten, auch wenn alle Opfer des Einsatzes sind.

Sonntagabend wurde bei Anne Will viel und wie zu erwarten wenig aufschlussreich über den Einsatz diskutiert. Entwicklungsminister Dirk Niebel, der laut FAZ am Sonntag vom  11.4. gesagt hatte, dass der zivile Schutz nicht auf Kosten der Soldaten gehen sollte, verteidigte natürlich den Einsatz, an seiner Seite die außenpolitische Sprecherin der Grünen Kerstin Müller. Auf der Gegenseite saßen vor allem Roger Willemsen, der sich an zivilen Aufbauprojekten in Afghanistan beteiligt, und Gregor Gysi. Beide kritisierten den Einsatz deutlich, patzten jedoch bei einer Frage: "Sind die deutschen Soldaten vergebens gestorben?" Sie wichen der Frage komplett aus.

Es ist eine schwierige Frage, und im Rahmen einer solchen Sendung ein wenig gemein. Die Antwort ist komplex, denn sie hängt davon ab, in welchen Rahmen man den Tod einordnet. Sind die Soldaten für ihre Einheit, für ihren Befehl, für ihren Einsatz, für ihren Beruf gestorben? Sicherlich. Ist der Einsatz unsinnig, und sogar schädlich, wie Willemsen, Gysi und 70% der Deutschen sagen, sterben die Soldaten jedoch umsonst. Und es brauchte jemanden mit dem Mut von Mike Gravel, der auf die gleiche Frage im Bezug auf den Irak sagte: "Schlimmer als ein Soldat, der vergebens stirbt, sind mehr Soldaten, die vergebens sterben." Soldaten und Zivilisten, sollte man ergänzen.

Für die, die es noch nicht gesehen haben. Wikileaks veröffentliche die Apache-Hubschrauber-Aufnahmen vom Angriff auf Zivilisten 2007 in Baghdad. Es ist ein schreckliches Video, das mich traurig und wütend gemacht hat. Ich gehe davon aus, dass das einzige wirklich Besondere an diesem Angriff der Tod der beiden Reuters-Journalisten war. Die sarkastisch-routinierte Vorgehensweise der amerikanischen Kräfte wird wohl alltäglich sein. Dass es häufig zu solchen "Unfällen" kommt, wissen wir aus den Nachrichten.