Zur Thilo-Sarrazin-Debatte kann ich nur wenig sagen, was nicht schon etliche Male anderswo geschrieben wurde. Zudem habe ich das Buch noch nicht gelesen, was mein Urteil doch sehr entwertet. Ich würde mir das Buch gerne anschauen, weiß aber nicht, ob ich Sarrazin Geld zustecken möchte. Im Zeitalter des Breitbandinternets ist das natürlich kein Problem.
Meine derzeitigte Meinung geht in Richtung dessen, was Sheila Mysorekar bewusst polemisch in der taz schrieb: Sarrazin sei ein rassistisches Arschloch mit geringem volkswirtschaftlichen Wert. Aber wie schon gesagt basiert meine Meinung nicht auf dem Buch. Ich habe nur Interviews mit Sarrazin gesehen bzw. gelesen.
Mich stört sehr, wie die öffentliche Diskussion um ihn geführt wird. Gibt sich Sarrazin als jemand, der über die Wissenschaft zu seiner Meinung gekommen ist, ist die Debatte fast vollständig politisch, und so gut wie gar nicht wissenschaftlich. Ich möchte viel mehr von Biologen und Soziologen hören. Es kann natürlich sein, dass es für ernsthafte Forscher zu billig ist, Sarrazin auseinanderzunehmen. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es interessantere Dinge, als darauf hinzuweisen, dass die Aussage "alle Juden teilen ein Gen, und alle Basken teilen ein Gen" vollkommen unsinnig ist. Alle Menschen teilen nahezu alle Gene (nämlich 99,8%). Die Gene, die zwischen Menschen variieren, variieren aber auch zwischen einzelnen Volksgruppen. So platt Sarrazin argumentiert, es gehört zur Aufgabe von Wissenschaft und Presse, mit populärem Stumpfsinn aufzuräumen.
Spannend ist die Diskussion um eine Partei "rechts" von der CDU/CSU. Ich bin schon seit langem der Meinung, dass die deutsche Pateienlandschaft diese Lücke füllen muss. Es kann nicht sein, dass man schnell bei der NPD und anderen Volksgenossen landet, nur weil man einen Einwanderungsstopp will, nach der Todesstrafe verlangt, oder die Bombardierung Dresdens und anderer deutscher Städte für ein scheußliches Verbrechen hält. Die Parteien, die diese Gedanken offen propagieren, sind leider oft diejenigen, deren Führung zumindest mit viel Romantik auf die NS-Zeit zurückblickt. So überrascht es nicht, dass lediglich die NPD Sarrazin die Mitgliedschaft anbietet. Das darf nicht sein. Je mehr Menschen Sarrazins Ansichten teilen, desto mehr profitieren Parteien wie die NPD von dieser Lücke in der Repräsentation von Meinungen.
Nun sind die Chancen für eine Partei rechts von Schwarz nicht besonders groß, wie der Parteienforscher Frank Bösch überzeugend argumentiert. Einen Grund möchte ich zu seinen ergänzen: Dieser rechten Partei fehlte ein Pendant zu Oskar Lafontaine. Sie hätte also keine Person, die auch als Politiker bei der Zielgruppe beliebt ist. Menschen wie Sarrazin, Erika Steinbach, oder die intellektuell überforderte Eva Herrmann haben zwar ein populistisches Gewicht, aber nicht genug politische Glaubwürdigkeit.
P.S.: Aus vertrauten Quellen weiß ich, dass es weniger Zeit braucht, Sarrazins gesamtes Buch herunterzuladen, als man braucht, um einen solchen Blogeintrag zu verfassen. Bis zum nächsten Mal!