Prozess geht weiter..
Leipzig. Der mutmaßliche Mörder der kleinen Michelle aus Leipzig soll nach Ansicht der Sachverständigen nach Jugendstrafrecht verurteilt werden. Der 19-jährige Daniel V. sei voll schuldfähig, sagte der Kinder- und Jugendpsychiater von der Universität Tübingen, Michael Günter, am Dienstag im Landgericht Leipzig. Er sei in seiner Entwicklung aber deutlich zurückgeblieben und aus diesem Grund nicht mit einem Erwachsenen gleichzusetzen. Günter betonte aber, dass seine Einschätzung auf wackligen Füßen stehe. Er habe nicht mit dem Angeklagten länger sprechen oder ihn untersuchen können. Das habe Daniel V. auf Anraten seines Anwalts abgelehnt.
Als zurückgebliebenen Außenseiter hatte Karin Würden von der Jugendgerichtshilfe den 19 Jahre alten mutmaßlichen Mörder am Dienstag im Gerichtssaal beschrieben. Dem jungen Mann fehle es an Empathie und Einfühlungsvermögen. Befindlichkeiten seiner Gesprächspartner verstehe er nicht. Er sei kindlich naiv und könne nicht eigenständig handeln oder auf spontane Veränderungen reagieren. Der Teenager hatte nach Auskunft von Würden zuvor keine sexuellen Erfahrungen mit Gleichaltrigen gesammelt. "Das war ein Tabu-Thema in der Familie", sagte sie. Selbst Gespräche über Sexualität seien Daniel V. peinlich und unangenehm gewesen.
Die offensichtliche Sexualstörung und die sozialen Störungen des 19-Jährigen müssten dringend behandelt werden, sagte Psychiater Günter. "Ganz ungefährlich ist Daniel sicher nicht. Ich habe schon Bedenken, dass er wieder eine Sexualstraftat begeht." Daniel V. sei während seiner gesamten Schul- und Ausbildungszeit von anderen Kindern gehänselt und gemobbt worden.
Der Junge wuchs bei seiner allein erziehenden Mutter auf. Die habe ein deutliches Alkoholproblem, sagte Würden. Das bestätigte Daniel V. im Prozess auf Nachfrage seines Anwalts. Trotzdem sei der 19-Jährige in stabilen Verhältnissen aufgewachsen, die Mutter habe sich aufopferungsvoll um ihn gekümmert, erklärte Würden. Sie habe ihn als behindert angesehen und als "gutmütigen tapsigen Teddy" bezeichnet. Die Frau habe immer versucht, ihn von anderen abzuschirmen, weil sie ihn selbst als anstrengend empfunden habe.
Drei Tage vor der Urteilsverkündung im Mordfall Michelle sagte außerdem Ermittler vor dem Landgericht Leipzig aus. Demnach haben die Kriminalisten die Versuche des mutmaßlichen Mörders der kleinen Michelle aus Leipzig, seine Tat durch falsche Angaben zu verschleiern, von Anfang an durchschaut.
Der 19-Jährige hatte sich zwar gestellt, zunächst aber behauptet, nur die Leiche entsorgt, das Kind aber nicht getötet zu haben. Der mutmaßliche Täter habe bei der mehrstündigen Vernehmung im März zunächst gefasst und ruhig gewirkt, berichtete der Beamte. Erst nach dem Geständnis sei er in Tränen ausgebrochen.
Ebenfalls geladen wurden eine Polizeibeamtin, die mit den Eltern Michelles gesprochen hatte, und eine Vertreterin des Weißen Ringes. Die Opferschutzorganisation betreute über Monate hinweg die Familie des Mädchens, die inzwischen an einem streng geheim gehaltenen Ort lebt. Wie berichtet, hatten Mutter und Vater von vornherein erklärt, auf keinen Fall an der Gerichtsverhandlung teilnehmen zu wollen, um eine direkte Konfrontation mit dem Angeklagten zu verhindern.
Wie eine Mitarbeiterin des Weißen Rings während der Verhandlung mitteilte, habe die Familie Leipzig verlassen und halte sich derzeit an einem geheimen Ort auf. Vater und Mutter gehe es sehr schlecht, beide seien ohne Arbeit. Die Brüder von Michelle lebten völlig isoliert und hätten noch keinen Anschluss zu Gleichaltrigen gefunden.
Der Prozess hatte am 17. August vor der 3. Strafkammer begonnen. Daniel V. (19) wird beschuldigt, Michelle am 18. August 2008 in seine Wohnung in der Lipsiusstraße gelockt, sich an ihr vergangen und sie dann erwürgt zu haben. Zum Auftakt des Prozesses hatte er sich bei den Eltern des Opfers entschuldigt. Von Verteidiger Malte Heise war in nicht öffentlicher Verhandlung ein Geständnis verlesen worden. Mit Plädoyers und Urteil wird am 2. Oktober gerechnet, heißt es am Gericht.
S. K./dpa


