Stimmung: Begeistert
Musik: Barbra Streisand - All In Love Is Fair
"Zwischen Zellulitis und leidenschaftlichem Sex besteht ein enger statistischer Zusammenhang."
Das zumindest behauptet der Paar- und Sexualtherapeut David Schnarch in seinem Buch "Die Psychologie sexueller Leidenschaft". Gestern erst habe ich es mir aus der Bibliothek geholt und heute schon stellt es meine Sicht der Dinge völlig auf den Kopf. Was ich bislang gelesen habe, hat in hohem Maße mein Interesse geweckt und mich zum Nachdenken angeregt. Der Grundgedanke des Autors ist der, dass sexuelle Intimität die Fähigkeit voraussetzt, sich dem Partner so zu zeigen (und sich ihm so zuzumuten), wie man wirklich ist, ohne damit den Anspruch zu verbinden, dass der andere darauf positiv reagieren muss. Dies, so Schnarch, erfordert Mut und persönliche Reife, weshalb die wahre sexuelle Erfüllung den älteren Semestern vorbehalten bleibt. Dem "Frischfleisch-Modell" der Sexualität hält er das Konzept der Differenzierung entgegen. Darunter versteht er die Fähigkeit, im engen Kontakt zu einem anderen Menschen ein stabiles Selbstgefühl zu wahren und damit sich selbst treu zu bleiben. Erst diese versetzt uns in die Lage, anstelle der üblicherweise angestrebten emotionalen Verschmelzung, die auf dem Hunger nach Akzeptanz und Bestätigung beruht, eine sehr viel tiefergehende selbst-bestätigte Intimität zu erleben.
"Selbst-bestätigte Intimität bedeutet, uns dem Partner zu öffnen, ohne zu erwarten, dass er unsere Äußerungen akzeptiert oder sich seinerseits öffnet, und dass Sie Ihr Identitätsempfinden und Ihr Selbstwertgefühl nicht von ihm und seiner Reaktion abhängig machen. Inwieweit Sie zu selbst-bestätigter Intimität fähig sind, hängt unmittelbar damit zusammen, wie weit Sie in Ihrer Differenzierung fortgeschritten sind und ob Sie bei sich bleiben können, wenn geliebte Menschen darauf drängen, dass Sie sich ihren Wünschen und Vorstellungen angleichen. Die selbst-bestätigte Intimität ist greifbarer Ausdruck einer tragfähigen 'Beziehung zu sich selbst'." (alle Zitate a.a.O.)
Das Konzept der selbst-bestätigten Intimität hat mich im Innersten angerührt. Es ist mir nicht völlig neu, denn Safi Nidiaye schreibt in ihrem Buch "Die Schönheit der Liebe" etwas ganz Ähnliches. Dennoch beeindruckt mich die Darstellung David Schnarch in ihrer Klarheit und Deutlichkeit - gerade weil sie sich so deutlich vom Mainstream der Paar- und Sexualtherapie unterscheidet. Schnarch hat übrigens auch eine Antwort auf die Statistik verheirateter Paare, die keine zehn Minuten am Tag mehr miteinander reden:
"'Warum reden die Ehepaare nicht miteinander?' (...) Wenn ich die Frage ein zweites Mal stelle, finden sich in jedem Publikum einige, die die bittere Wahrheit aussprechen: 'Sie wollen nicht hören, was der Partner zu sagen hat!' Jetzt kommt die Eine-Million-Euro-Frage: 'Wie kommt es, dass Sie das, was Ihr Partner zu sagen hat, nicht hören wollen?' Die Antwort ist: 'Ich weiß es schon!' Oft wird ein 'Versagen der Kommunikation' diagnostiziert, wo in Wirklichkeit das Gegenteil zutrifft. Denn wenn die Kommunikation wirklich 'gestört' wäre, würden Sie ja nicht wissen, dass Sie das, was der Partner zu sagen hat, nicht hören wollen. Das Schweigen von Ehepaaren bezeugt, wie gut ihre Kommunikation funktioniert: Sie wissen beide, dass der andere nicht hören will, was sie denken! (...) Ich will auf Folgendes hinaus: Kommunikation ist keine Gewähr für Intimität, wenn Ihnen die Botschaft nicht passt. Wenn die Kommunikation gut funktioniert, heißt das nicht unbedingt, dass Ihr Partner Sie so sieht, wie Sie gern gesehen werden möchten. 'Die Kommunikation zwischen uns klappt nicht' lässt sich meist übersetzen mit 'Ich weigere mich, diese Botschaft zu akzeptieren - schick mir eine andere! Wie kannst du es wagen, mich (oder diesen bestimmten Sachverhalt) so zu sehen!'"
An dieser Stelle habe ich mich regelrecht ertappt gefühlt. Mein Liebster und ich reden zwar noch immer oft und ausgiebig miteinander. Aber die Tendenz, dass ich Aussagen seinerseits, mit denen ich nicht einverstanden bin oder durch die ich mich verletzt fühle, als Scheitern unserer Kommunikation deute, kenne ich sehr gut. Bei mir klingt das dann so: "Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt" oder "Offenbar ist es mir noch nicht wirklich gelungen, dir deutlich zu machen, worauf es mir ankommt" oder ganz schlicht "Du verstehst mich nicht!". Dabei, so David Schnarch, liegt das Problem meist darin, dass der Partner die Botschaft zwar sehr wohl versteht, aber nicht akzeptiert oder billigt. Von daher helfen auch Ich-Botschaften oder aktives Zuhören, beliebte Techniken der klassischen Paartherapie, in solchen Situationen nicht weiter. "Intimität scheint vielmehr durch Konflikt, Selbst-Bestätigung und einseitige Preisgabe zu entstehen", schreibt Schnarch. Und: "Niemand ist zu Beginn einer Paarbeziehung beziehungsfähig - das werden wir erst in der Beziehung selbst."
Weiter als bis zu Seite 130 bin ich mit meiner Lektüre bislang noch nicht gekommen. Aber gemessen daran, wie sehr schon die ersten Seiten meine liebgewonnenen Ansichten und Überzeugungen durcheinandergewirbelt haben, dürften die restlichen 347 Seiten noch sehr spannend werden.