Stimmung: Berührt und bewegt
Musik: The Verve - Bitter Sweet Symphony
(c) bildpixel/pixelio.de
Ich war noch in der Pubertät, als mir der oben genannte Satz zum ersten Mal begegnete, und seither hat er mich nicht wieder losgelassen. Bis zum heutigen Tag fällt es mir schwer, seinen Rat konsequent zu befolgen, und doch weiß ich, dass er eine tiefe Weisheit zum Ausdruck bringt: Erkenne dich selbst! Was auch immer in meinem Leben geschah, was auch immer mir widerfuhr, was auch immer ich erlebte, ich war niemals nur passives Opfer, sondern immer auch Urheberin des Geschehens. Meine individuelle Wahrnehmung des Geschehens, meine Neigung, bestimmte Informationen auszublenden und andere besonders hervorzuheben, meine tief verwurzelten Grundüberzeugungen, meine Vermutungen und Schlussfolgerungen, die Geschichte meines Körpers und meine Verhaltensgewohnheiten trugen stets zum weiteren Verlauf der Ereignisse bei. Kein Konflikt, an dem ich nicht meinen Anteil hatte, keine Verletzung, die mir nicht auch etwas über mich selbst verraten hätte, kein Schicksalsschlag, der mir nicht den Spiegel vorhielt. Ich glaube nicht, dass wir unser Schicksal voll und ganz selbst zu verantworten haben. Ich glaube nicht an diese Form von Karma. Aber da, wo ich selbst an den Geschehnissen beteiligt bin, sei es durch meine Wahrnehmung und Interpretation der Dinge oder durch meine Reaktion darauf, da bin ich in der Tat verantwortlich.
(c) bildpixel/pixelio.de
In dem Wort Verantwortung steckt das Wort "Antwort". Jedes Ereignis meines Lebens ist Teil eines fortwährenden Kommunikationsprozesses zwischen mir und meiner Umwelt. Was auch immer mir widerfährt, es bedarf meiner Antwort. Natürlich bin ich auch in der Wahl meiner Möglichkeiten nicht völlig frei, sondern geprägt durch die bisherigen Erfahrungen meines Lebens. Doch innerhalb der mir gesteckten Grenzen habe ich tatsächlich eine gewisse Wahlfreiheit. Wenn mir etwas missfällt, mich verletzt oder kränkt, kann ich mich zurückziehen, weglaufen, protestieren, zum Gegenangriff übergehen, losheulen, mich lächelnd über die Dinge erheben, weiteratmen, innerlich erstarren, die Faust zum Himmel erheben, eine Unterschriftenaktion starten oder einen lauten Schrei loslassen. Jede der genannten Reaktionen ist eine Antwort auf das Geschehen, die wiederum andere Antworten nach sich ziehen wird.
Es ist so einfach, diese Einsicht zu missachten und mit dem Finger auf andere zu zeigen: auf meine Mitmenschen, das soziale und politische System, meine Eltern, meinen Partner, die Gene oder Gott. Es ist so verführerisch, weil es erst einmal eine Entlastung bedeutet. Wenn ich nicht schuld an der Misere bin, dann ist es schließlich auch nicht an mir, eine Lösung zu finden. Sollen sich doch die anderen ändern/anstrengen/was einfallen lassen! Doch selbst wenn ich mit meiner Annahme richtig liege und ich den wahren Urheber des Geschehens identifiziert habe (eine angesichts der Komplexität der meisten Ereignisse höchst unwahrscheinliche Variante), enthebt mich das noch nicht der Notwendigkeit einer Antwort. Denn ich bin nach wie vor gefordert, in irgendeiner Weise auf die Ereignisse zu reagieren - und selbst die Verweigerung jeglicher aktiven Auseinandersetzung ist eine Reaktion, für die ich geradezustehen habe.
(c) bildpixel/pixelio.de
Der erste und wichtigste Schritt bei der Übernahme von Verantwortung aber ist für mich die Selbsterkenntnis. Denn wie will ich verantwortlich handeln, wie eine klare und deutliche Antwort geben, wenn ich mir selbst in die Tasche lüge, mir nicht die Augen schaue und mir nicht über meine Gefühle und Beweggründe klar werde? Dieser Blick nach innen ist der allerschwierigste, denn das, was er zutage liefert, ist oft weit entfernt von dem Idealbild, das ich von mir habe. Da sitzen Neid, Geiz und Gehässigkeit, alte Kränkungen und Verletzungen, eine zermürbende Bitterkeit und allerlei Ängste. Diese wahrzunehmen, als eine Wahrheit des gegenwärtigen Augenblicks anzunehmen, ohne sie zu bewerten oder mich dafür zu verurteilen, ist eine schwierige Übung - und gleichzeitig eine der heilsamsten. Denn kaum etwas wirkt befreiender als der Schlüsselsatz der Selbsterkenntnis und Selbstakzeptanz: "Ja, so bin ich jetzt!".