Sternentanz

20.02.2009 um 10:21 Uhr

Heilung aus weiblicher Sicht

von: Nimien   Kategorie: Heilsames

Stimmung: Inspiriert
Musik: Stille, weil mein Liebster noch schläft

 (c) SueSchi/pixelio.de

Bis vor kurzem war ich Mitglied in einem Verein, der aus einem Frauenprojekt geboren wurde und sich diesen Sommer wegen mangelnder Motivation aller Beteiligten aufgelöst hat. Vor rund einem Jahr verfasste ich im Rahmen einer Diskussion um unsere Satzung den folgenden Beitrag:

"Verein zur Förderung von Gesundheit und Heilung aus weiblicher Sicht" heißt es in der Satzung unseres Vereins. Doch was ist das eigentlich, diese "weibliche Sicht"? Ist sie an ein Geschlecht gebunden? Meint die "weibliche Sicht" den Blick der Frauen auf die Welt bzw. auf Gesundheit und Heilung? Schauen denn alle Frauen gleich? Oder ist die "weibliche Sicht" etwas anderes? Können auch Männer die Welt auf diese Weise betrachten?

Für mich steht die Frage nach der "weiblichen Sicht" in engem Zusammenhang mit meiner Definition von Weiblichkeit. Die allerdings ist alles andere als simpel, denn sie hat sehr viele Schichten. Da wäre zum einen die körperliche Ebene. Zwei X-Chromosomen tanzen in jeder Zelle meines Körpers und lassen das weibliche Programm in ihm lebendig werden. Doch inwieweit beeinflusst das tatsächlich meine körperliche und seelische Wirklichkeit? Mein Körper ist weiblich, ohne jeden Zweifel. Zwei sich wölbende Brüste, runde Hüften, schmalere Taille, zwischen meinen Beinen die Vulva und in den Tiefen meines Bauchkessels die Gebärmutter mit ihren Eierstöcken. Doch schon hier beginnt die wunderbare Vielfalt: Klein und rund, groß und schmal, winzig oder üppig, zart oder muskulös, weich oder knochig - Frauenkörper sind nie einheitlich genormt, sondern immer einzigartig. Was genau bedeutet denn weiblich, wenn es sich schon auf körperlicher Ebene so wenig festlegen lässt?

 (c) Ginover/pixelio.de

Dann gibt es auch noch jene Frauen, die sich in ihren Körpern nicht heimisch fühlen, die vielleicht sogar überzeugt davon sind, als Mann in einen Frauenkörper hineingeboren worden zu sein oder umgekehrt. Ist Weiblichkeit etwas, das völlig losgelöst von unseren Körpern existiert? Oder bedarf es der Verbindung zum Körper? Bezeichnet Weiblichkeit die Fähigkeit, mich ganz in meinem weiblichen Körper geborgen und zu Hause zu fühlen? Was aber ist dann mit den Frauen, die ihrem Körper wenig Aufmerksamkeit schenken und wenig Bedeutung beimessen, weil sie sich beispielsweise vorwiegend in abstrakten, gedanklichen Welten bewegen? Sind die weniger weiblich? 

Noch schwieriger wird es, wenn ich versuche, Weiblichkeit losgelöst von der körperlichen Wirklichkeit zu definieren. Zyklisch, spiralig, magisch, ganzheitlich - es gibt Frauen, die würden mir ganz gewaltig aufs Dach steigen, würde ich es wagen, sie unter solchen Etiketten zu subsumieren. Und es gibt Männer, die sich mit Begriffen dieser Art pudelwohl fühlen.

Am ehesten lande ich dann noch bei der gesellschaftlichen Prägung. Frauen sind von Geburt an anderen Umwelteinflüssen ausgesetzt als Männer. Sie werden schon von früher Kindheit an anders behandelt, stoßen an andere Grenzen und werden anders gefördert als Männer - zumindest die meisten von ihnen. Auch später finden sie sich in vielerleich Hinsicht in anderen Lebenswirklichkeiten wieder. Die Frage "Kinder oder Karriere" stellt sich für sie auf ganz andere Weise als Männern, sie arbeiten in finanziell weniger lukrativen Berufen und werden für die gleiche Arbeit oft auch noch schlechter bezahlt.

 (c) Gitti Moser/pixelio.de

Auf welche dieser Sichtweisen berufen wir uns, wenn wir von der "weiblichen Sicht" sprechen? Ist es der Ansatz des "Gender Mainstreamings", der gesellschaftliche Benachteiligungen auszugleichen versucht? Ist es der Blick der gynozentrischen und magischen Feministinnen á la Luisa Francia, der den Frauen ein Potential zuschreibt, über das Männer nicht verfügen? Ist es der Universalismus einer Alice Schwarzer, der Männer und Frauen in erster Linie als Menschen versteht, die sich ihrem Wesen nach im Grunde sehr ähnlich sind, sich durch die Ideologie der Geschlechterrollen und die damit verbundene gesellschaftlichen Rahmenbedingungen jedoch unterschiedlichen Erfahrungswelten ausgesetzt sehen? Oder ist es eine ganz andere Sichtweise? Wie aber wollen wir die definieren und in Worte fassen?

Ich persönliche verbinde mit dieser "weiblichen Sicht" am ehesten das, was Susun Weed in ihrem Buch "HeilWeise" als "Tradition der Weisen Frau" beschreibt. Für all jene, die dieses Buch nicht kennen, möchte ich kurz zusammenfassen, was diese Tradition auszeichnet (ich zitiere dabei aus dem angegebenen Werk):

In der Tradition der Weisen Frau ist Gesundheit gleichgedeutend mit Beweglichkeit, Offenheit für Veränderung, Anpassungsfähigkeit und Bereitschaft zur Verwandlung. Probleme, Schmerzen, Krankheit und Leiden gelten als Tore, durch die Verbündete treten können, die Verwandlung mit sich bringen, die uns schützen und uns reich beschenken können, weil sie uns fehlende Teile zu unserem Ganzen liefern.

Heilung und Gesundheit hängen somit davon ab, dass das Problem seinen Sinn enthüllt, dass wir das Geschenk finden, das in einem Problem oder einer Krankheit verborgen ist. Ziel eines jeden Heilungsprozesses ist es, das Ganz-/Heil-/Heilig-Sein in jedem Individuum zu nähren. Dabei geht es vor allem um die Öffnung des Herzens uns selbst gegenüber. Selbstliebe, Sich-selbst-Vergeben und ein tiefes Mitgefühl für das eigene Mensch-Sein nähren das Herz. Wir lernen, den Überfluss des Universums anzunehmen, den immer neuen Fluss von Leben und Tod, Krankheit und Gesundheit, Wohlsein und Schwachsein zu respektieren und uns daran zu freuen.

  (c) Marika/pixelio.de

In der ganzheitlichen Sicht der Weisen Frau ist klar, dass alles, was wir denken und tun, immer auch das Ganze betrifft: uns selbst, unsere Familien, unsere Gemeinschaften, die Erde als Ganzes und sogar das weite Universum. Heilung heißt damit auch, das Universum zu nähren, die Erde zu heilen, Gemeinschaft zu schaffen und die Familie zu stärken. Heilung hat immer sowohl körperliche, als auch emotionale und spirituelle Aspekte.

Die Weise Frau fragt nie "warum", denn die Antwort auf diese Frage führt zu Schuldgefühl und Beschuldigung. Die Weise Frau fragt: "Wie?" Wie kann dieses Problem zu meinem Verbündeten werden? Wie kann dieser Zustand mir gut tun? und sie fragt: "Was?" Was soll das Problem oder Schmerz verhindern? Was für Nahrung beziehe ich aus meinem Schmerz/Problem? Was für einen Teil meiner selbst enthülle ich hier? Was für Nahrung brauche ich da? Und wieder fragt sie: "Wie?" Wie kann ich mich öffnen, um das Geschenk aus dieser Situation annehmen zu können? Wie kann ich meine Ganzheit nähren? Was stärkt mich, meine Gemeinschaft und Mutter Erde in dieser Situation?

Für mich transportiert die "weibliche Sicht" also konkrete Inhalte, ein spezielles Verständnis von Gesundheit und Heilung, das nicht an Geschlechterfragen gebunden ist - auch wenn mehr Frauen als Männer sich in dieser Tradition heimisch fühlen mögen. Es ist eine Sichtweise, die sich deutlich von der Schulmedizin, aber auch von so manchen alternativmedizinischen Strömungen abhebt und die mein eigenes therapeutisches Verständnis und Handeln sehr inspiriert hat.

17.02.2009 um 10:55 Uhr

Autorität im Matriarchat

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Wohlig

 (c) erwinfurger/pixelio.de

Beim Durchsehen meiner Dateien habe ich eben den folgenden Text entdeckt, den ich vor vielen Jahren (2003) während meiner Zeit in einer ökofeministisch-heidnischen Gemeinschaft verfasst habe. Da mir einzelne seiner Passagen noch immer erstaunlich aktuell erscheinen und ich ihn gerne vor dem erneuten Vergessen bewahren würde, habe ich mich entschlossen, ihn zu bloggen.

Seit vielen Jahren beschäftigt mich das Thema Frau-Sein, für sich genommen und in der Beziehung zu Männern. Immer wieder merke ich, dass dieses Thema mich tief berührt, aufwühlt, umtreibt. Eine wichtige Informationsquelle sind dabei für mich die Aufsätze von Heide Göttner-Abendroth über das Matriarchat. Manches davon stärkt und inspiriert mich sehr. Allerdings habe ich ein großes Problem damit, dass viele ihrer Aussagen stark ideologisch eingefärbt sind. Sie behauptet, Ideologie sei nur eine Sache der patriarchal orientierten Geschichtsforschung, doch ihre eigene Wortwahl und ihr Tonfall klingen oft genug ideologisch, wertend und mitunter sogar aggressiv. Zudem bin ich skeptisch, was ihre Behauptung angeht, dass es in matriarchalen Gesellschaften keine "Macht-über", also hierarchische Macht, gab.

Heide Göttner-Abendroth beschreibt anhand von Beispielen, wie die Sippenältesten ihre Entscheidung durchsetzten, und führt die Akzeptanz der anderen auf die "natürliche Autorität" der Sippenältesten zurück. Dabei verschweigt sie meiner Ansicht nach das Phänomen der sehr subtil wirkenden psychologischen Macht und des sozialen Gruppendrucks. Was zum Beispiel geschieht, wenn jemand tatsächlich die Entscheidung der Sippenältesten nicht anerkennen will und sich beharrlich dagegen sträubt? Was geschieht, wenn jemand ihre "natürliche Autorität" in Frage stellt? Gab es in den Matriarchaten keine Pubertät, kein Bestreben der Jugend, neue, andere Wege zu gehen, anstatt der Tradition zu folgen?

 (c) Barbara Frolik/pixelio.de

Alter allein ist für mich noch lange kein Argument für Autorität. Die Begriffe, mit denen Heide Göttner-Abendroth die natürliche Autorität definiert, erkenne ich an, bezweifle aber, dass sich alle Sippenältesten automatisch durch diese hehren Qualitäten ausgezeichnet haben. Warum sollten die Menschen damals weniger fehlbar gewesen sein als heute? Selbst eine Sippenmutter sieht die Welt immer nur durch ihre eigenen Augen. Und die Wirklichkeit, die sich ihrer Tochter darbietet, mag ganz anders aussehen. Gerade als Astrologin weiß ich, wie verschieden die Menschen sind, wie verschieden auch das ist, was sie brauchen und was ihnen gut tut. Es ist schwer genug, den Blickwinkel eines anderen Menschen einzunehmen und die Welt aus seinen Augen zu betrachten.

Ich liebe die Idee des Konsensprinzips, die Würdigung der Vielfalt, aber ich glaube, dass es auch in Matriarchaten nicht so leicht war, es umzusetzen. Was machten eine Tochter oder ein Sohn, wenn sie das Gefühl hatten, ein "hässliches junges Entlein" zu sein und so gar nicht in ihre Sippe zu passen? Wenn es sie zu völlig anderen Ufern hinzog, als dies in der Sippe üblich war? Die heutige Möglichkeit, dann eine neue Wahlfamilie zu suchen, gab es offensichtlich nicht. Die existentielle Abhängigkeit von der Sippe muss damals extrem hoch gewesen sei. Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass alle Konflikte und Schwierigkeiten, die heutzutage in den menschlichen Beziehungen entstehen, allein eine Folge patriarchaler Prägungen sind - auch wenn ich deren Bedeutung gar nicht leugne. Es ist wichtig und notwendig, diese patrarchalen Prägungen zu verstehen, aber ich halte nichts davon, das Matriarchat zu idealisieren und alle Schwierigkeiten des menschlichen Daseins dem Patriarchat in die Schuhe zu schieben. Das aber tut Heide Göttner-Abendroth.

 (c) doro52/pixelio.de

Für mich ist eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema unter anderem deshalb wichtig, weil ich die beschriebenen Tendenzen durchaus auch in unserer Gemeinschaft bemerke. Mich stört die Art und Weise, wie hier manchmal abfällig über Männer geredet wird oder Witze über sie gemacht werden - auch dann, wenn die Männer selbst darüber lachen. Mich stört die Art und Weise, wie Menschen, die sich für eine andere Art zu leben, zu denken und zu handeln entschieden haben, mit psychopathologischen Begriffen belegt werden, auch wenn mir diese Leute bisweilen genauso auf die Nerven gehen.

Mich stört es, dass es in unserer Gemeinschaft für meinen Geschmack zu viele fertige Antworten gibt und zu wenige Fragen. Die Suche scheint mir an zu vielen Punkten bereits abgeschlossen zu sein. Mich aber fasziniert der Wandel, das immer wieder neue Suchen und Fragen, Annehmen und Verwerfen. Jede Wahrheit hat ihre Zeit, jede Weisheit hat ihre Grenzen. Wenn ich eine Frage stelle, dann finde ich es am schönsten, wenn diese Frage Blüten treibt, wenn ihre Äste sich verzweigen, neue Gedanken und Gefühle hinzukommen und aus diesem Prozess des Suchens und Fragens plötzlich ein Bild entsteht. Kein fertiges Bild natürlich, aber eines, das mein Leben eine Zeitlang bereichert. Wenn ich in unserer Gemeinschaft eine Frage stelle (vor allem wenn es eine spirituelle oder psychologische Frage ist), dann bekomme ich in der Regel eine Antwort. Punkt. Fertig. Alles schon geklärt. Wie langweilig! Außerdem glaube ich nicht an Wahrheiten, die immer und für alle Menschen gleichermaßen gelten. Dazu ist das Leben viel zu komplex, zu bunt und zu vielfältig.

 (c) Dieter Schütz/pixelio.de

Ich merke, dass ich große Angst habe, meine Gedanken jemandem aus der Gemeinschaft mitzuteilen. Mich beunruhigen all die Erzählungen gescheiterter Zusammenarbeit sehr, die ich im Laufe der Zeit schon gehört habe. In diesen Erzählungen waren immer die anderen schuld daran, dass es nicht klappte. Wenn jemand mit der "Grande Dame" der Community Probleme hatte, dann hatte er oder sie garantiert eine "negative Mutterübertragung". Wenn jemand den Menschen aus der Gemeinschaft aggressiv oder feindselig begegnete, hatte er bestimmt eine pathologische Grundstruktur. Das ermutigt mich nicht gerade, einen Konflikt vom Zaun zu brechen. Diese Übertragung psychotherapeutischer Begriffe auf Alltagsbeziehungen finde ich sowieso fatal. Mir wird hier zu oft mit "Einsern", "Sechsern" und "Dreiern" herumgeworfen. (Anm. d. Verf.: Diese Zahlen beziehen sich auf die Charakterstrukturen nach Alexander Lowen.)

Epilog: Nur wenige Monate später brach ich tatsächlich einen Konflikt vom Zaun, der mir allerlei Pathologisierungen einbrachte und zum endgültigen Bruch mit der Gemeinschaft führte.

15.02.2009 um 10:18 Uhr

Feng Shui - Wind und Wasser

von: Nimien   Kategorie: Heilsames

Stimmung: Wohlig, entspannt, sonntäglich
Musik: Stille (nebenan schläft mein Liebster)

 (c) dumman/pixelio.de

Es war meine Schwester, die mich ganz plötzlich und überraschend für Feng Shui begeistert hat. Ich war damals unzufrieden mit meinem neuen Büro und fühlte mich insbesondere mit meiner Position am Schreibtisch - zwischen Tür und Fenster mit dem Rücken zur Fensterfront - nicht besonders wohl. Als meine Schwester nun zu mir kam und mir die Problematik meines Büros aus Sicht des Feng Shui erklärte, erschienen mir ihre Ausführungen überraschend plausibel. Mich erstaunte das vielfältige Wissen, das sie sich bei der Einrichtung ihrer eigenen Wohnung nach Feng-Shui-Kriterien erworben hatte, und ich wollte mehr darüber erfahren. Also lieh ich mir eines ihrer Bücher und kaufte mir auch bald selbst Literatur zu diesem Thema.

Die Chinesen betrachten Chi als die allumfassende, universelle Energie, die alles durchdringt und umgibt und die alle Dinge lebendig macht. Im Idealfall kann das Chi frei fließen und tanzt dann in wogenden, wiegenden Bewegungen durch unsere Adern, unsere Organe, unsere Wohnung und das Land, auf dem wir leben. Je mehr es sich auf seine natürliche Weise ausbreiten kann, umso wohltuender ist seine Wirkung. Problematisch wird es erst dann, wenn das Chi sich nicht mehr in sanften Wellen dahinschlängelt, sondern schnurgerade voranschießt und dabei ein hohes Tempo entwickelt. Dann verliert es seine hilfreiche, lebenspendende Wirkung und entfaltete eine scharfe, zerstörerische Kraft. Dies geschieht laut Feng Shui etwa in langen, geraden Fluren oder wenn in einem Raum Tür und Fenster direkt gegenüber liegen. Auch begradigte Gewässer oder Schnellstraßen entfalten eine derartige Wirkung. Umgekehrt gibt es auch Konstellationen, durch die das Chi seine Bewegungsenergie einbüßt, stagniert und ins Stocken gerät. Es entfaltet dann eine modrige, träge, lähmende und morbide Energie, wie sie bisweilen in fensterlosen Räumen, Abstellkammern voller Gerümpel oder an dunklen Tümpeln zu finden ist. Während im ersten Fall die Yang-Energie überhandnimmt, überwiegt im zweiten die Yin-Energie.

 (c) Cornerstone/pixelio.de

Dies führt uns zu einem ersten Grundsatz des Feng Shui: Damit das Chi frei fließen kann, sollten Yin und Yang sich in einem harmonischen Gleichgewicht befinden. Das setzt nicht immer ein völlig ausgeglichenes Verhältnis voraus, doch keines der beiden Prinzipien sollte eindeutig die Oberhand gewinnen. Stets ist es wichtig, dass beide noch miteinander in Beziehung treten können, sich gegenseitig befruchten und beleben. Dieser Grundannahme kann ich wunderbar folgen. Sie berührt mich, erscheint mir natürlich und vertraut und leuchtet mir ohne weiteres ein. Auch das Grundprinzip des Feng Shui gefällt mir ungemein: den Blick für den Fluss der Lebensenergie zu schärfen und den wiegenden Tanz dieser Energie nach Kräften zu unterstützen.

Gewiss, wissenschaftlich ist das Chi nicht nachweisbar und die Lehre des Feng Shui von daher nicht objektivierbar. Doch auf rein subjektiver Ebene ist diese Energie für mich erfahrbare Realität. Es entspricht meiner unmittelbaren Erfahrung, dass es Lebensräume gibt, in denen ich mich spontan wohl fühle, die mich stärken, erfrischen, zuversichtlich und fröhlich stimmen, und andere, die mich lähmen und ermüden, in denen meine Energie stagniert und die mir Kraft rauben. Der Fluss der Lebensenergie in diesen Räumen ist für mich ein angemessenes Bild, um diese Erfahrung zu fassen. Allerdings könnte ich mir durchaus vorstellen, dass das, was einzelne Menschen als nährend oder zehrend empfinden, individuell sehr verschieden ist. So kenne ich Menschen, die die Farbe Schwarz als ausgesprochen stärkend und inspirierend empfinden, während sie mir eher Kraft raubt und mich auslaugt. Auch das klassische Feng Shui weiß um diese individuellen Herangehensweise und berücksichtigt bei seinen Berechnungen jeweils die Geburtsdaten eines Menschen.

 (c) Carina Döring/pixelio.de

Es mag auch einige allgemeingültige Faktoren geben, denn die wenigsten Menschen wohnen gerne an vielbefahrenen Straßen oder sitzen im Restaurant am liebsten mit dem Rücken zur Tür. Dennoch gefällt mir der Ansatz, dass das Chi auch unseren Blicken folgt oder in seinem Lauf von unseren Gedanken und Gefühlen beeinflusst wird. Das lässt mir den nötigen Handlungsspielraum und gibt mir nicht das Gefühl, strengen, unabänderlichen Regeln unterworfen zu sein, deren Missachtung mich ins Unglück stürzen würde. Das nämlich ist ein Aspekt, der mir am Feng Shui nicht gefällt: die Vorstellung, dass überall Unheil lauern könnte, vor dem ich mich dringend schützen muss.

Sehr gut nachvollziehen kann ich hingegen, dass es Ecken und Räume gibt, in denen die Energie stagniert, und andere, durch die sie geradezu hindurch zischt, ohne wie sonst kreisend, wogend und wiegend zu verweilen. An diesen Stellen mit der Energie in Beziehung zu treten, sie entweder aufzuwecken und in Bewegung zu bringen oder aber abzumildern und zu besänftigen, erscheint mir ein lohnendes Unterfangen. Das Wechselspiel der Polaritäten, die Harmonie von Yin und Yang ist mir als Konzept so grundvertraut, dass ich nicht lange zweifelnd und prüfend darüber nachdenken muss.

 (c) tc/pixelio.de

Weniger vertraut und von daher zunächst irritierend war für mich das Konzept der fünf Elemente, das in seiner Symbolik und Eigenart stark von der westlichen Elementelehre abweicht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte ich jedoch auch diesem Ansatz ohne weiteres folgen. Besonders schön finde ich, dass hier, wie so oft in der chinesischen Philosophie, die Wechselbeziehungen und Wandlungsprozesse der jeweiligen Elemente untereinander im Vordergrund stehen. Die einzelnen Elemente sind nicht voneinander getrennt, sondern mit den anderen in einem fortwährenden Zyklus des Werdens und Vergehens verbunden. Sie nähren und unterstützen sich gegenseitig oder begrenzen und vermindern die Kraft des jeweils anderen, so dass im Idealfall keines von ihnen überhandnimmt oder das Gleichgewicht stört. Etwaige Unausgewogenheiten können laut Feng Shui durch die geeignete Verwendung von Formen, Farben, Materialien und Symbolen ausgeglichen werden.

 (c) Dieter Wendelken/pixelio.de

Beim Ausbalancieren der Elemente spielen auch die Himmelsrichtungen eine Rolle, die auch in einigen Ausprägungen des Bagua-Systems zur Anwendung kommen. Das Bagua weist jeder Lebens- und Erfahrungswelt einen ganz konkreten Platz in einer Wohnung, einem Büro oder einem Garten zu. Dieser Teil des Feng Shui, mag er auch der einfachste und dadurch der beliebteste sein, weckt bei mir Skepsis. Die damit verbundenen Orakelspiele und magischen Interventionen, die ein grundsätzliches Lebensproblem durch eine Veränderung der Wohnumgebung zu lösen versuchen, erscheint mir suspekt. Auch das klassische Feng Shui, das die moderne Bagua-Theorie als "McFengShui" verachtet, hat mir diesbezüglich nichts Besseres anzubieten, im Gegenteil: Hier gibt es gar unheilvolle Richtungen, in die der Eingang, das Schlafzimmer oder das Bett auf gar keinen Fall ausgerichtet sein dürfen. Es widerstrebt mir, meiner Wohnumgebung derart viel Macht und Einfluss auf meine allgemeine Lebensführung und Lebensgestaltung zuzugestehen.

Auf der anderen Seite gefällt mir der Gedanke, mich einem bestimmten Lebensthema ganz bewusst widmen zu können, indem ich darüber nachdenke, welche konkreten Veränderungen meines Lebensraumes die ersehnte Vision, den erwünschten Zustand am besten widerspiegeln können. Es ist schön, auf diese Weise meinen Lebensthemen durch die bewusste Gestaltung bestimmter Plätze in meiner Wohnung oder in meinem Garten Ausdruck zu verleihen. So nutze ich die kreativen, anregenden und inspirierenden Aspekte des Feng Shui und lasse all jene Inhalte unbeachtet, die mir Unbehagen bereiten oder mich nicht überzeugen. Auf diese Weise ist Feng Shui eine wahre Quelle der Inspiration für mich. Es schärft meine Sinne und verfeinert meine Wahrnehmung und konfrontiert mich immer wieder aufs neue mit der Frage, was ich wirklich will. Nebenbei entstehen schöne, ästhetisch ansprechende Gestaltungsideen, mit denen ich mich rundum wohl fühle.