Heilung aus weiblicher Sicht
Stimmung: Inspiriert
Musik: Stille, weil mein Liebster noch schläft
(c) SueSchi/pixelio.de
Bis vor kurzem war ich Mitglied in einem Verein, der aus einem Frauenprojekt geboren wurde und sich diesen Sommer wegen mangelnder Motivation aller Beteiligten aufgelöst hat. Vor rund einem Jahr verfasste ich im Rahmen einer Diskussion um unsere Satzung den folgenden Beitrag:
"Verein zur Förderung von Gesundheit und Heilung aus weiblicher Sicht" heißt es in der Satzung unseres Vereins. Doch was ist das eigentlich, diese "weibliche Sicht"? Ist sie an ein Geschlecht gebunden? Meint die "weibliche Sicht" den Blick der Frauen auf die Welt bzw. auf Gesundheit und Heilung? Schauen denn alle Frauen gleich? Oder ist die "weibliche Sicht" etwas anderes? Können auch Männer die Welt auf diese Weise betrachten?
Für mich steht die Frage nach der "weiblichen Sicht" in engem Zusammenhang mit meiner Definition von Weiblichkeit. Die allerdings ist alles andere als simpel, denn sie hat sehr viele Schichten. Da wäre zum einen die körperliche Ebene. Zwei X-Chromosomen tanzen in jeder Zelle meines Körpers und lassen das weibliche Programm in ihm lebendig werden. Doch inwieweit beeinflusst das tatsächlich meine körperliche und seelische Wirklichkeit? Mein Körper ist weiblich, ohne jeden Zweifel. Zwei sich wölbende Brüste, runde Hüften, schmalere Taille, zwischen meinen Beinen die Vulva und in den Tiefen meines Bauchkessels die Gebärmutter mit ihren Eierstöcken. Doch schon hier beginnt die wunderbare Vielfalt: Klein und rund, groß und schmal, winzig oder üppig, zart oder muskulös, weich oder knochig - Frauenkörper sind nie einheitlich genormt, sondern immer einzigartig. Was genau bedeutet denn weiblich, wenn es sich schon auf körperlicher Ebene so wenig festlegen lässt?
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Dann gibt es auch noch jene Frauen, die sich in ihren Körpern nicht heimisch fühlen, die vielleicht sogar überzeugt davon sind, als Mann in einen Frauenkörper hineingeboren worden zu sein oder umgekehrt. Ist Weiblichkeit etwas, das völlig losgelöst von unseren Körpern existiert? Oder bedarf es der Verbindung zum Körper? Bezeichnet Weiblichkeit die Fähigkeit, mich ganz in meinem weiblichen Körper geborgen und zu Hause zu fühlen? Was aber ist dann mit den Frauen, die ihrem Körper wenig Aufmerksamkeit schenken und wenig Bedeutung beimessen, weil sie sich beispielsweise vorwiegend in abstrakten, gedanklichen Welten bewegen? Sind die weniger weiblich?
Noch schwieriger wird es, wenn ich versuche, Weiblichkeit losgelöst von der körperlichen Wirklichkeit zu definieren. Zyklisch, spiralig, magisch, ganzheitlich - es gibt Frauen, die würden mir ganz gewaltig aufs Dach steigen, würde ich es wagen, sie unter solchen Etiketten zu subsumieren. Und es gibt Männer, die sich mit Begriffen dieser Art pudelwohl fühlen.
Am ehesten lande ich dann noch bei der gesellschaftlichen Prägung. Frauen sind von Geburt an anderen Umwelteinflüssen ausgesetzt als Männer. Sie werden schon von früher Kindheit an anders behandelt, stoßen an andere Grenzen und werden anders gefördert als Männer - zumindest die meisten von ihnen. Auch später finden sie sich in vielerleich Hinsicht in anderen Lebenswirklichkeiten wieder. Die Frage "Kinder oder Karriere" stellt sich für sie auf ganz andere Weise als Männern, sie arbeiten in finanziell weniger lukrativen Berufen und werden für die gleiche Arbeit oft auch noch schlechter bezahlt.
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Auf welche dieser Sichtweisen berufen wir uns, wenn wir von der "weiblichen Sicht" sprechen? Ist es der Ansatz des "Gender Mainstreamings", der gesellschaftliche Benachteiligungen auszugleichen versucht? Ist es der Blick der gynozentrischen und magischen Feministinnen á la Luisa Francia, der den Frauen ein Potential zuschreibt, über das Männer nicht verfügen? Ist es der Universalismus einer Alice Schwarzer, der Männer und Frauen in erster Linie als Menschen versteht, die sich ihrem Wesen nach im Grunde sehr ähnlich sind, sich durch die Ideologie der Geschlechterrollen und die damit verbundene gesellschaftlichen Rahmenbedingungen jedoch unterschiedlichen Erfahrungswelten ausgesetzt sehen? Oder ist es eine ganz andere Sichtweise? Wie aber wollen wir die definieren und in Worte fassen?
Ich persönliche verbinde mit dieser "weiblichen Sicht" am ehesten das, was Susun Weed in ihrem Buch "HeilWeise" als "Tradition der Weisen Frau" beschreibt. Für all jene, die dieses Buch nicht kennen, möchte ich kurz zusammenfassen, was diese Tradition auszeichnet (ich zitiere dabei aus dem angegebenen Werk):
In der Tradition der Weisen Frau ist Gesundheit gleichgedeutend mit Beweglichkeit, Offenheit für Veränderung, Anpassungsfähigkeit und Bereitschaft zur Verwandlung. Probleme, Schmerzen, Krankheit und Leiden gelten als Tore, durch die Verbündete treten können, die Verwandlung mit sich bringen, die uns schützen und uns reich beschenken können, weil sie uns fehlende Teile zu unserem Ganzen liefern.
Heilung und Gesundheit hängen somit davon ab, dass das Problem seinen Sinn enthüllt, dass wir das Geschenk finden, das in einem Problem oder einer Krankheit verborgen ist. Ziel eines jeden Heilungsprozesses ist es, das Ganz-/Heil-/Heilig-Sein in jedem Individuum zu nähren. Dabei geht es vor allem um die Öffnung des Herzens uns selbst gegenüber. Selbstliebe, Sich-selbst-Vergeben und ein tiefes Mitgefühl für das eigene Mensch-Sein nähren das Herz. Wir lernen, den Überfluss des Universums anzunehmen, den immer neuen Fluss von Leben und Tod, Krankheit und Gesundheit, Wohlsein und Schwachsein zu respektieren und uns daran zu freuen.
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In der ganzheitlichen Sicht der Weisen Frau ist klar, dass alles, was wir denken und tun, immer auch das Ganze betrifft: uns selbst, unsere Familien, unsere Gemeinschaften, die Erde als Ganzes und sogar das weite Universum. Heilung heißt damit auch, das Universum zu nähren, die Erde zu heilen, Gemeinschaft zu schaffen und die Familie zu stärken. Heilung hat immer sowohl körperliche, als auch emotionale und spirituelle Aspekte.
Die Weise Frau fragt nie "warum", denn die Antwort auf diese Frage führt zu Schuldgefühl und Beschuldigung. Die Weise Frau fragt: "Wie?" Wie kann dieses Problem zu meinem Verbündeten werden? Wie kann dieser Zustand mir gut tun? und sie fragt: "Was?" Was soll das Problem oder Schmerz verhindern? Was für Nahrung beziehe ich aus meinem Schmerz/Problem? Was für einen Teil meiner selbst enthülle ich hier? Was für Nahrung brauche ich da? Und wieder fragt sie: "Wie?" Wie kann ich mich öffnen, um das Geschenk aus dieser Situation annehmen zu können? Wie kann ich meine Ganzheit nähren? Was stärkt mich, meine Gemeinschaft und Mutter Erde in dieser Situation?
Für mich transportiert die "weibliche Sicht" also konkrete Inhalte, ein spezielles Verständnis von Gesundheit und Heilung, das nicht an Geschlechterfragen gebunden ist - auch wenn mehr Frauen als Männer sich in dieser Tradition heimisch fühlen mögen. Es ist eine Sichtweise, die sich deutlich von der Schulmedizin, aber auch von so manchen alternativmedizinischen Strömungen abhebt und die mein eigenes therapeutisches Verständnis und Handeln sehr inspiriert hat.
