Tollwood-Einsiedelei
Stimmung: Sehnsüchtig-verträumt
Musik: Aretha Franklin - Call Me
Foto: Wikipedia
Zweimal im Jahr eröffnet in München das Tollwood-Festival seine Pforten, im Winter jeweils auf der Theresienwiese, im Sommer auf dem Olympiagelände. Neben kulturellen Veranstaltungen hat das Festival zahlreiche Stände und Multikulti-Impressionen zu bieten. In diesem Jahr finden sich dort unter anderem der asiatisch anmutende "Garten des friedvollen Drachens" und ein üppig ausgestattetes orientalisches Bazarzelt. Alle Performances und Theatervorführungen finden open-air und bei freiem Eintritt statt. Lediglich für die Veranstaltungen in der Musik-Arena sind die Karten käuflich zu erwerben. Dazwischen erstreckt sich der "Markt der Ideen": Zahlreiche Stände mit flirrenden Windspielen, indischen Göttinnenskulpturen, buntem Glasschmuck, extravaganten kulinarischen Kreationen und farbenfroher Hippie-Mode verlocken zum Geldausgeben. Die gastronomischen Betriebe verkaufen ausschließlich Lebensmittel aus kontrolliert biologischem Anbau, und neuerdings versuchen sogar die Stadtwerke, den Tollwood-Besuchern ihren M-Natur-Tarif als Ökostrom zu verkaufen. Es ist jedes Mal ein buntes Treiben auf dem Tollwood-Gelände, in das ich gerne eintauche.
Doch in diesem Jahr entdeckten wir inmitten all des Trubels ein ganz besonderes Kleinod, das wohl schon lange zu den Markenzeichen Münchens gehört, von dessen Existenz ich aber bis gestern nichts wusste: Mitten auf dem Oberwiesenfeld liegt die Eremitage des 2004 in einem Münchner Altersheim verstorbenen "Väterchen Timofej". Die Erscheinung der Muttergottes hatte ihn aus seiner russischen Heimat nach München gerufen, wo er zunächst unter Isarbrücken lebte und später mit seiner langjährigen Lebensgefährtin aus dem Bauschutt des zweiten Weltkriegs eine Kapelle, eine Basilika und einige Hütten auf ehemaligem Militärgelände errichtete. Ende der Sechziger Jahre sollten die Schwarzbauten dem geplanten Olympiapark weichen, doch Proteste der Münchner Bürger und der Presse bewirkten, dass das Olympiagelände weiter nördlich angelegt wurde. Väterchen Timofej und seine Natascha konnten weiterhin in ihrer mit Staniolpapier ausgekleideten Ost-West-Friedenskirche zur Muttergottes beten.
Wer durch das Gartentor geht, lässt das laute Treiben des Festivals hinter sich und betritt eine verwunschene, stille Welt. Kleine Häuschen mit weiß gekalkten Wänden, hölzernen Fensterläden und grün gedeckten Dächern stehen inmitten alter Obstbäume und verwilderter Gemüsebeete, zwischen denen schmale, mit Kies bedeckte Gartenwege entlangführen. Die Kirche und die Kapelle sind nach russisch-orthodoxem Vorbild üppig geschmückt und in den Bäumen hängen Christbaumkugeln. Welch ein Glück, dass die Stadt diesen zauberhaften Ort erhalten will und seine Pflege einem Verein anvertraut hat! Hier muss ich unbedingt noch einmal mit meinem Liebsten herkommen.
