Sternentanz

28.06.2009 um 13:49 Uhr

Tollwood-Einsiedelei

von: Nimien   Kategorie: Meine Stadt

Stimmung: Sehnsüchtig-verträumt
Musik: Aretha Franklin - Call Me

 Foto: Wikipedia

Zweimal im Jahr eröffnet in München das Tollwood-Festival seine Pforten, im Winter jeweils auf der Theresienwiese, im Sommer auf dem Olympiagelände. Neben kulturellen Veranstaltungen hat das Festival zahlreiche Stände und Multikulti-Impressionen zu bieten. In diesem Jahr finden sich dort unter anderem der asiatisch anmutende "Garten des friedvollen Drachens" und ein üppig ausgestattetes orientalisches Bazarzelt. Alle Performances und Theatervorführungen finden open-air und bei freiem Eintritt statt. Lediglich für die Veranstaltungen in der Musik-Arena sind die Karten käuflich zu erwerben. Dazwischen erstreckt sich der "Markt der Ideen": Zahlreiche Stände mit flirrenden Windspielen, indischen Göttinnenskulpturen, buntem Glasschmuck, extravaganten kulinarischen Kreationen und farbenfroher Hippie-Mode verlocken zum Geldausgeben. Die gastronomischen Betriebe verkaufen ausschließlich Lebensmittel aus kontrolliert biologischem Anbau, und neuerdings versuchen sogar die Stadtwerke, den Tollwood-Besuchern ihren M-Natur-Tarif als Ökostrom zu verkaufen. Es ist jedes Mal ein buntes Treiben auf dem Tollwood-Gelände, in das ich gerne eintauche.

Doch in diesem Jahr entdeckten wir inmitten all des Trubels ein ganz besonderes Kleinod, das wohl schon lange zu den Markenzeichen Münchens gehört, von dessen Existenz ich aber bis gestern nichts wusste: Mitten auf dem Oberwiesenfeld liegt die Eremitage des 2004 in einem Münchner Altersheim verstorbenen "Väterchen Timofej". Die Erscheinung der Muttergottes hatte ihn aus seiner russischen Heimat nach München gerufen, wo er zunächst unter Isarbrücken lebte und später mit seiner langjährigen Lebensgefährtin aus dem Bauschutt des zweiten Weltkriegs eine Kapelle, eine Basilika und einige Hütten auf ehemaligem Militärgelände errichtete. Ende der Sechziger Jahre sollten die Schwarzbauten dem geplanten Olympiapark weichen, doch Proteste der Münchner Bürger und der Presse bewirkten, dass das Olympiagelände weiter nördlich angelegt wurde. Väterchen Timofej und seine Natascha konnten weiterhin in ihrer mit Staniolpapier ausgekleideten Ost-West-Friedenskirche zur Muttergottes beten.

Wer durch das Gartentor geht, lässt das laute Treiben des Festivals hinter sich und betritt eine verwunschene, stille Welt. Kleine Häuschen mit weiß gekalkten Wänden, hölzernen Fensterläden und grün gedeckten Dächern stehen inmitten alter Obstbäume und verwilderter Gemüsebeete, zwischen denen schmale, mit Kies bedeckte Gartenwege entlangführen. Die Kirche und die Kapelle sind nach russisch-orthodoxem Vorbild üppig geschmückt und in den Bäumen hängen Christbaumkugeln. Welch ein Glück, dass die Stadt diesen zauberhaften Ort erhalten will und seine Pflege einem Verein anvertraut hat! Hier muss ich unbedingt noch einmal mit meinem Liebsten herkommen.

26.06.2009 um 21:05 Uhr

Urlaubsreif

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Verhalten
Musik: Frances Black - The Weakness In Me


(C) Stephanie Hofschlaeger/pixelio

Ich bin müde. Es war ein anstrengender Tag und ich habe zu wenig geschlafen. So beglückend und erfüllend mein Beruf auch ist, brauche ich doch dringend mal eine Auszeit. 14 Tage sind es noch bis zu meinem Urlaub. Drei Wochen lang ausschlafen, in den Tag hinein leben, die Seele baumeln lassen. Drei Wochen Zeit für meinen Garten, meine Wohnung, meine Tagebücher, meine Stadt - und für meinen Liebsten. Seit Ostern haben wir uns nicht mehr gesehen. Die Durststrecke war lang diesmal und allein die Aussicht, dass diese Fernbeziehung nun bald ein Ende haben wird, hat mich geduldig ausharren lassen. Ich hoffe so sehr, dass er diesmal den Absprung schafft. Ich hoffe es von ganzem Herzen.

24.06.2009 um 07:17 Uhr

Ausgerechnet

von: Nimien   Kategorie: Naturbetrachtungen

Stimmung: Seufzend
Musik: Liza Minelli - The Day After That

(c) Annamartha/pixelio

Ausgerechnet jetzt, da die Rosen blühen,
kommt dieser nicht enden wollende Regen
und verwandelt alles in Matsch!

22.06.2009 um 21:23 Uhr

Die kleinen Freuden des Lebens

von: Nimien   Kategorie: Listenspielereien

Stimmung: Feierabendlich
Musik: Robbie Williams - Road To Mandalay


(c) onkel jo/pixelio

  • Meine aufgeräumte Wohnung
  • Seit langem mal wieder für mich selbst kochen
  • Zu diesem Zweck frische Kräuter auf meinem Balkon ernten
  • Ciabatta mit Schafskäse und Grillgemüse
  • Die neue EMMA (u.a. mit einem Dossier über "Frauen und ihre Gärten") 
  • Der Blick in meinen Garten mit seinen Rosen, Glockenblumen und Clematis
  • Die Lavendelbüsche an meinem Arbeitsplatz
  • Die Stimme meines Liebsten am Telefon
  • Der leere Schreibtisch in meinem Büro, wenn ich dasselbe verlasse
  • Der unerwartete Anruf einer lieben Freundin
  • Das Rauschen des Regens in den Bäumen
  • Mein minimalistisches Schlafzimmer
  • Die Pfingstrose auf meinem Nachttisch
  • Kaisers Klassik-Kunde auf sueddeutsche.de
  • Die blaue Leinenhose von Miguel Adrover
  • Das dunkle Türkisgrün, das mir so gut steht

21.06.2009 um 22:07 Uhr

Alle anderen

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Sehnsüchtig
Musik: Cat Stevens - How Can I Tell You

Gestern Abend war ich seit längerer Zeit mal wieder im "City" - jenem Kino, in dem ich auch schon "Billy Elliot" und "Wie im Himmel" sah. Es scheint ein Garant für großartige Filme zu sein, denn auch diesmal wurde ich nicht enttäuscht. "Alle anderen" hat auf der Berlinale den Silbernen Bären (Großer Preis der Jury) gewonnen und auch die Hauptdarstellerin, Birgit Minichmayr, wurde als beste Darstellerin geehrt. Der Film erzählt die Geschichte von Gitty und Chris, beide Anfang Dreißig, die ihren Sommerurlaub im Ferienhaus von Chris' Eltern auf Sardinien verbringen. Gitti ist PR-Managerin bei einem Musikverlag, Chris arbeitet - bislang noch wenig erfolgreich - als Architekt. In ihrem Umgang miteinander wirken sie zunächst spielerisch und ausgelassen, doch schon bald werden auf beiden Seiten Unsicherheiten spürbar. Gitti, die Lautere und Temperamentvollere von beiden, hat mit Verlustängsten zu kämpfen. Manchmal befallen sie Zweifel an der Zuneigung ihres Freundes. Dann wünscht sie sich, anders zu sein, um ihn glücklicher machen zu können. Chris hingegen hadert mit seinem beruflichen Misserfolg und den daraus resultierenden Minderwertigkeitsgefühlen. Er ist stiller und nachdenklicher, im Kontakt auch distanzierter und verschlossener als Gitti. So verschweigt er ihr zunächst, dass der Beitrag, den er bei einem wichtigen Wettbewerb eingereicht hat, bei der Jury durchgefallen ist. Als die beiden im Urlaub auf ein anderes Paar treffen, bringt diese Begegnung die leise schwelende Krise zum Eskalieren...

Was in der Zusammenfassung klingt wie eine weitere Variante des "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus"-Themas ist in Wirklichkeit eine zarte, feinsinnige und aufmerksame Studie zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Geschichte erzählt, was geschieht, wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Wesenszügen, Zielen und Eigenarten sich aufeinander einlassen und eine Partnerschaft eingehen. Dass es sich dabei um einen Mann und eine Frau handelt, ist keineswegs bedeutungslos, dominiert aber nicht das Geschehen. Mit sicherer Hand umschifft die Regisseurin die drohenden Klischees und zeichnet zwei facettenreiche Charaktere nach, die es verstehen, das Publikum zu berühren. Das liegt sicher auch am hervorragenden Spiel der beiden Hauptdarsteller. Es sind die kleinen, fast alltäglichen Szenen, die diesen Film so eindringlich machen: Als Gitti ihrem Freund sagt, dass sie ihn liebt, und dieser ihre Liebeserklärung lediglich mit einem intensiven Blick und einem zärtlichen Kuss beantwortet, schiebt sie ihn entschlossen von sich weg und sagt: "Nicht so antworten!" Später fragt er in einer ähnlichen Situation: "Was möchtest du denn hören? Ich liebe dich? Ich würde alles für dich tun? Ich werde dich nie verlassen?" Ihre Antwort: "Ja."

Nichts davon wirkt je konstruiert oder überzogen, sondern im Gegenteil so alltäglich, als hätten die Darsteller ihre Texte spontan improvisiert. Es geht auch nicht darum, wer am Ende recht hat, sondern schlicht um die Schwierigkeit, diese Liebesbeziehung zu leben. In einer Review las ich, dass die Regisseurin Gitti und Chris während des gesamten Films bewusst als Paar inszeniert hat, und genau diese Beobachtung trifft den Kern der Geschichte sehr gut. Selbst als Chris versucht, sein angeschlagenes Selbstwertgefühl auf Kosten seiner Freundin zu kitten, gelingt es der Regisseurin, das Geschehen ohne erhobenen Zeigefinger in Szene zu setzen. "Alle anderen" erzählt auch von den Verletzungen, die entstehen, wenn Menschen versuchen, sich selbst oder einander in gesellschaftlich vorgegebene Rollenmuster zu pressen. Doch es ist kein "frauenbewegter", sondern vielmehr ein "menschenbewegter" Film im besten Sinne des Wortes. Gerade das macht ihn so großartig.

21.06.2009 um 17:54 Uhr

Soll ich meine Doktorarbeit publizieren?

von: Nimien   Kategorie: Pflicht und Berufung

Stimmung: Unentschlossen
Musik: Robbie Williams - Sexed Up

 (c) viocat/pixelio

Vor einiger Zeit hat mich ein Verlag angeschrieben, der - für die Autoren kostenfrei - Dissertationen und Habilitationsschriften verlegt. Sie boten mir an, meine Doktorarbeit zu veröffentlichen. Ich müsste lediglich meine Arbeit ihren Druckvorgaben anpassen und sie dann per PDF auf der Internetseite des Verlags hochladen. Die Bücher werden per Print-to-Order oder als e-books vertrieben. Eigentlich keine schlechte Sache und mein erster Gedanke war: "Wieso nicht?" Doch nun sitze ich vor den allgemeinen Geschäftsbedingungen und die bloße Aussicht, mich noch einmal gedanklich mit meiner Doktorarbeit zu beschäftigen - und sei es auch nur, um die Schriftgröße den gewünschten Vorgaben anzupassen -, lässt mir die Haare zu Berge zu stehen. Außerdem glaube ich nicht, dass irgendjemand sich auch nur im geringsten für das interessieren könnte, was ich da produziert habe. Es war geeignet, mir den gewünschten Titel zu verschaffen, glänzt aber ansonsten durch phänomenale Bedeutungslosigkeit. Falls doch einmal jemand Auszüge daraus nachlesen möchte, ist die Arbeit sowieso schon im Internet zu finden. Warum also sollte ich mir die Mühe machen, mich nun um eine Veröffentlichung zu bemühen? Fällt euch irgendein vernünftiger Grund dafür ein?

16.06.2009 um 23:19 Uhr

Was ich sonst noch so mache

von: Nimien   Kategorie: Listenspielereien

Stimmung: Vergnügt
Musik: Nicolai Gedda - In fernem Land (Lohengrin)

 (c) sunpic/pixelio

Damit ihr mal seht, warum ich nicht zum Bloggen komme:

  • Den neuen Star-Trek-Film anschauen und ganz nostalgisch werden (obwohl der Film doof ist und Captain Picard sowieso niemand das Wasser reichen kann)
  • Mit meinem Neffen ins Deutsche Museum gehen und feststellen, dass sich dort seit zwanzig Jahren nichts verändert hat
  • Am nächsten Tag mit ihm im Schwimmbad herumtoben, Frisbee spielen, versteckte Tiere suchen und Süßigkeiten futtern
  • Meine Nichte am Telefon trösten, weil die krank war und nicht mitkommen konnte
  • Rasen mähen, Unkraut jäten, Rosen von Blattläusen befreien, Ranken hochbinden und Verblühtes abschneiden
  • Meine Wohnung putzen und aufräumen
  • Mir immer wieder vornehmen, regelmäßiger laufen zu gehen, und es dann doch nicht tun (soviel zu meinen Erfolgen vom vergangenen Jahr)
  • Mit meiner Schwester über feministisches Gedankengut diskutieren
  • Auf Google den Link zu einer Diskussion über Alice Schwarzer in einem Sadomaso-Forum entdecken und über das dummdreiste Machotum der Möchtegern-Doms den Kopf schütteln
  • You-Tube-Clips durchsehen und feststellen, dass ich Peter Hofmann im "Beauty and the Beast" -Duett mit Jana Werner ganz schrecklich, als Lohengrin jedoch großartig finde
  • Alle E-Mails in meinem Postfach beantworten
  • Einträge in drei verschiedenen Tagebüchern verfassen
  • Beim Durchzappen in den Südstaaten hängen bleiben und bis halb ein Uhr in der Nacht "Vom Winde verweht" auf arte gucken
  • Mir wohltuende, biodynamische Massagen gönnen
  • Mit Feuereifer meine To-Do-Listen in der Arbeit abarbeiten - nur um für jeden erledigten Punkt drei neue auf die Liste zu setzen
  • Fast schon die Koffer packen, um nach Graz zu fahren, und dann doch hier bleiben
  • Zum Trost drei Stunden lang mit meinem Liebsten telefonieren
  • Mich in erotischen Phantasien verlieren
  • Einer Freundin Zuflucht in der Not gewähren
  • Online Zeitung lesen und in anderen Blogs schmökern
  • Auf der Bank in meinem Garten sitzen und schreiben oder in die Gegend schauen
  • Mein Leben so geschickt organisieren, dass ich irgendwann mal wieder Zeit zum Bloggen habe

16.06.2009 um 22:06 Uhr

Man lernt doch immer dazu

von: Nimien   Kategorie: Heim und Herd

Stimmung: Wohlig
Musik: Peter Hofmann - In fernem Land (Lohengrin)

Hecken schneidet man spätestens im Februar und dann erst wieder nach Johanni oder besser noch Ende Juli, weil vorher die Vögel in den Hecken nisten. So jedenfalls steht es in meinen schlauen Büchern. Allerdings dachte ich nicht, dass das auch für meine Hecke gelten könnte. Ich wohne mitten in der Stadt, ständig herrscht Trubel, die Katzen streunern herum und die Hecke ist auch nicht besonders hoch - welcher Vogel sollte sich da schon wohl fühlen? Doch heute wurde ich eines Besseren belehrt. Direkt neben meinem Gartentor, gleich hinter dem Kompost, entdeckte ich ein leeres Vogelnest, kunstvoll geflochten aus Zweigen, Gräsern und Plastikbändern. (Das Foto oben ist leider ziemlich dunkel, weil der Himmel bedeckt war.) Ich werde also künftig das dichte Grün sorgfältig absuchen, ehe ich das nächste Mal die Heckenschere ansetze.

Was ich außerdem noch gelernt habe? Wenn du Erdbeeren ernten willst, anstatt sie den Schnecken zum Fraß vorzuwerfen, pflanze sie in Blumenampeln auf dem Balkon. Und wenn die Pfingstrosen blühen, solltest du sie möglichst bald für die Vase schneiden. Der erste stärkere Regenguss verwandelt sie nämlich in Spinat.

04.06.2009 um 22:02 Uhr

... und Chaos ist die andere Hälfte

von: Nimien   Kategorie: Anders leben

Stimmung: Rastlos
Musik: Annie Lennox - Into The West

 (c) Bernd Wachtmeister/pixelio

Constanzes Kommentar hat mich inspiriert, noch ein paar Gedanken zum Thema "Organisation und Produktivität" auszuformulieren. Ich glaube nämlich, dass "Zen to Done" nur die eine Seite der Medaille und sicher nicht für alle Menschen gleichermaßen geeignet ist. Mir persönlich tut Struktur unglaublich gut. Ich mag es klar, ordentlich und überschaubar, folge einem bewährten System und behalte gerne den Überblick. Generell kann ich gut strukturieren und organisieren. Ich plane und stecke mir Ziele, die ich dann konsequent verfolge und meistens auch erreiche, so dass mein Leben stetig und geradlinig verläuft. Gleichzeitig neige ich aber auch zum Perfektionismus und vergesse vor lauter Organisieren mitunter die Pausen zum Durchschnaufen.

Mein Liebster hingegen lässt sich lieber treiben. Er lebt vergnügt in den Tag hinein, feiert die Feste, wie sie fallen, und beschäftigt sich mit der Zukunft erst dann, wenn sie ihm freundlich auf die Schulter klopft. Er hat keinerlei Schwierigkeiten damit, Fünfe gerade sein zu lassen und den Augenblick zu genießen. Neulich klagte ich am Telefon darüber, dass ich mich heute so gar nicht aufraffen könne, die Wohnung zu putzen, diese es aber dringend nötig hätte. Ich hatte mir einen kleinen Ansporn erhofft, so etwas wie: "Schau mal, wenn du dich jetzt noch ein, zwei Stunden ranhältst, hast du danach eine schön geputzte Wohnung und kannst dich zufrieden all den anderen Dingen widmen, die noch auf dich warten." Pustekuchen! Seine Antwort war so einfach wie schlüssig: "Dann lass es doch sein! Du arbeitest so viel und bist immer so fleißig. Du darfst auch mal faul sein und den Staub links liegen lassen." Und mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: "Gewöhn dich schon mal dran, dass es nicht so perfekt aussieht. Schließlich ziehe ich bald bei dir ein."

Ich denke, ein gut durchorganisiertes Leben ist hilfreich, wenn man bestimmte Ziele erreichen möchte. Der Nachteil ist jedoch, dass man in den meisten Fällen wirklich nur dort ankommt, wo man hin wollte. All die ungeahnten Träume, Impulse und Möglichkeiten, die abseits der Struktur am Wegrand liegen, bleiben womöglich unbeachtet und finden nie den Raum, sich zu verwirklichen. Wenn ich einkaufen gehe, dann mache ich mir eine Liste und klappere auf dem kürzesten Weg die drei Läden ab, in denen ich das Gewünschte bekomme. Meist dauert das nicht länger als eine halbe oder dreiviertel Stunde. Wenn mein Liebster mit mir in die Stadt geht, dann bummeln wir herum, nehmen unbekannte Seitenstraßen, schauen in Läden, an denen ich sonst achtlos vorbei gehe, und entdecken Plätze, die ich sonst vielleicht nie gesehen hätte. Dafür dauert das Ganze dann aber auch schnell mal vier oder fünf Stunden.

Klar könnte man jetzt sagen: Gemessen an meinen Zielen (z.B. mir einen schönen Garten zu gestalten) ist so ein fünfstündiger Einkaufsbummel vergeudete Zeit. Anfangs habe ich das tatsächlich so gesehen und es geht mir auch heute noch manchmal so. Und doch habe ich an einige unserer ausgedehnten Einkaufsbummel wunderschöne Erinnerungen, weil sie nicht nur angefüllt waren mit Liebe und Zärtlichkeit, sondern mir auch die Möglichkeit gaben, ausgetretene Pfade zu verlassen, mein Tempo zu verlangsamen und die Routine des Alltags zu durchbrechen. Die Kunst besteht wohl wie so oft in der rechten Balance. Nur wenn ich in meinem wohlorganisierten Alltag immer wieder Freiräume schaffe für das Überraschende, das Ungeplante, das Spontane, bleibt meine Seele  wach und lebendig. Und umgekehrt brauchen die Impulse, die mir aus dem kreativen Chaos zufliegen, einen stabilen, verlässlichen Nährboden, um sich in greifbare Wirklichkeit zu verwandeln.

03.06.2009 um 23:15 Uhr

Ordnung ist das halbe Leben

von: Nimien   Kategorie: Anders leben

Stimmung: Zufrieden
Musik: Howard Shore - Minas Tirith

 (c) Günter Havlena/pixelio

Leo Babauta beschreibt in seinem e-book "Zen To Done" (deutsche Übersetzung auf ingriff.com), zehn Methoden, die dabei helfen, das Leben zu vereinfachen und produktiver zu werden. Kurz gefasst handelt es sich um die folgenden Strategien:

  1. Sammeln: Sammle alle Informationen, Dokumente, Aufgaben und Ideen in einer geringen Zahl von Eingansfächern bzw. in einem kleinen Notizbuch.
  2. Durcharbeiten: Arbeite deine Eingangsorte mindestens einmal täglich bis zum Ende durch und überführe die sich daraus ergebenden Aufgaben in To-Do-Listen.
  3. Planen: Liste jede Woche die "großen Brocken" auf, die du unbedingt erledigen willst, und reserviere dir im Kalender Zeit dafür (möglichst früh am Morgen). Erstelle jeden Tag eine Liste mit bis zu drei der wichtigsten Aufgaben für diesen Tag.
  4. Handeln: Bearbeite nacheinander deine großen Brocken, bis sie erledigt sind oder eine vorher festgesetzte Zeitspanne abgelaufen ist. Wenn du mit einer Aufgabe fertig bist, belohne dich 10 Minuten lang mit angenehmen Aktivitäten.
  5. Das einfache, vertrauenswürdige System: Benutze kontextbezogene To-Do-Listen, Notizbücher, einen Kalender und eine einfache Ablage (alphabetisch geordnete Hängeregistraturen).
  6. Organisieren: Habe für jeden Gegenstand einen festen Ort und lege alles möglichst umgehend an seinem Ort ab.
  7. Der Wochenrückblick: Überprüfe regelmäßig deine Wochenziele, deine Notizen, deinen Kalender und deine To-Do-Listen, setze dir ein Ziel für die kommenden Woche und plane die wichtigsten Aufgaben.
  8. Vereinfachen: Vereinfache deine To-Do-Listen radikal, reduziere sie auf die wesentlichen Punkte. Streiche alle Aufgaben, die nicht wirklich essentiell sind.
  9. Routinen: Sammle alle Aufgaben, die du in der Arbeit oder in deinem Privatleben erledigen musst. Entwirf eine tägliche Routine und eine Wochenroutine. Übe diese mindestens 30 Tage lang ein.
  10. Finde deine Leidenschaft: Suche dir eine Tätigkeit, die du wirklich liebst und für die du dich begeistern kannst.

Derzeit bin ich dabei, mich sowohl in meiner Arbeit als auch bei der Gestaltung meines privaten Alltags mit diesem System zu befassen. Nicht alle Punkte sind gleichermaßen wichtig für mich. So habe ich meine Leidenschaft längst gefunden und seit der Abgabe meiner Doktorarbeit vor drei Jahren auch keine Probleme mehr, beim Handeln eine einmal begonnene Tätigkeit konsequent zu Ende zu führen. Doch die meisten anderen Aspekte interessieren mich sehr. In den letzten Wochen habe ich eine Reihe der genannten Strategien ausprobiert und bin höchst zufrieden damit.


(c) Paul-Georg Meister/pixelio

Den Anfang machte das kleine, rosa Moleskine-Notizbuch, das ich mir zugelegt habe und in dem ich seitdem alles notiere, was ich nicht vergessen möchte. Laut Leo Babauta sollte man dieses Büchlein immer und überall bei sich tragen (auch auf dem Klo). Daran hapert es bei mir noch gewaltig, vor allem weil ich selten über geeignete Hosentaschen verfüge. Aber zum Glück ist mein Gedächtnis noch nicht so überlastet, das eine Information nicht warten könnte, bis ich den Weg zu meinem Schreibtisch oder zu meiner Handtasche zurückgelegt habe.

In der Arbeit habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, mein Notizbuch und meine Eingangskörbe täglich durchzusehen, alles Unwichtige wegzuwerfen, alle Aufgaben in To-Do-Listen zu übertragen und alles andere abzuheften. Zum Durcharbeiten der Eingangskörbe gehört es auch, den elektronischen Posteingang täglich zu leeren. Das war mir bislang noch nicht gelungen, doch in den letzten Tagen habe ich es geschafft: Ich habe alle noch offenen Mails beantwortet und den Rest archiviert, sodass mein Maileingang jetzt einen geradezu jungfräulichen Eindruck macht. Das ist ein unglaublich gutes, befreiendes Gefühl!

Das Planen werde ich mir als nächstes vornehmen. Momentan bin ich noch dabei, mir ein einfaches, vertrauenswürdiges System aufzubauen. Insbesondere die Ablage von A bis Z hat mich überzeugt, nachdem meine bisherigen Ablagevarianten sich nicht bewährt haben. Immer kam etwas Neues hinzu, von dem ich nicht wusste, unter welchem Oberbegriff ich es einsortieren sollte. Dann landete es oft nur auf dem Stapel mit der Aufschrift "Einordnen" und setzte dort Staub an. Einen Anfangsbuchstaben hat hingegen alles, sodass ich nun nicht mehr lange überlegen muss, wohin damit. Eine ebenso simple wie praktische Idee!

Auch mit dem Organisieren bin ich schon gut vorangekommen. Ich finde es jedes Mal störend und irritierend, wenn irgendetwas herumliegt, von dem ich nicht weiß, wo ich es am besten hinräumen soll. Von daher ist es ausgesprochen hilfreich, für jedes Ding einen eigenen Platz zu haben. Trotzdem gibt es sowohl im Büro als auch in meiner Wohnung noch allerlei Dinge, die noch heimatlos herumirren.

Der Wochenrückblick und die Entwicklung von Routinen stehen nach dem Planen als nächstes auf meiner Liste, während ich um den Punkt Vereinfachen herumschleiche wie die Katze um den heißen Brei. Dabei ist gerade der für mich von besonderem Interesse. Mich zu reduzieren, Aufgaben auch mal bleiben zu lassen oder sie zu delegieren ist eine Kunst, die ich noch nicht beherrsche. Also warte ich mal ab, ob ich mit Hilfe der anderen Tipps mein Leben so perfekt organisiert bekomme, dass ich auf das Vereinfachen am Ende verzichten kann. ;-)