Sternentanz

12.03.2010 um 18:15 Uhr

Lesen

von: Nimien   Kategorie: Wortwebereien

Stimmung: Wochenendvorfreudig
Musik: Mary Black - Cut By Wire

 (c) kladu/pixelio

Als ich ein junges Mädchen war, war ich eine richtige Leseratte. Ich las und las und konnte gar nicht wieder damit aufhören – ob es nun die Leuchtreklamen über den Läden meiner Heimatstadt, das Kleingedruckte auf der Ketchup-Flasche oder eben richtige Bücher waren. Ich las alles, was mir in die Hände fiel. Nur zu gut erinnere ich mich an jenen Nachmittag, als ich aus der Schule kam und anfing, 'Die unendliche Geschichte' zu lesen. Ich schlug das Buch auf, sprang mitten hinein in die Buchstaben und klappte die Buchdeckel erst wieder zu, als ich spät nachts den letzten Satz entziffert hatte. Die Welt um mich herum hörte auf zu existieren. Ich versank vollständig in Phantásien, nahm nichts anderes mehr wahr. Dunkel erinnere ich mich, dass meine Mutter mir etwas zu essen hinstellte, aber ansonsten löste meine körperliche Existenz sich gänzlich auf.

Noch heute bin ich dem geschriebenen Wort verfallen. Nach eindringlich erzählten Geschichten bin ich geradezu süchtig. Vielleicht ist das der Grund, warum ich kaum noch Belletristik lese, sondern mich eher der Fach- und Sachliteratur verschrieben habe. Wenn ich tatsächlich auf eine Erzählung stoße, die mich packt, dann geht es mir nämlich noch ganz genauso wie damals: Ich kann das Buch kaum mehr aus der Hand legen. Nein, ich bin nicht dafür geschaffen, in der U-Bahn zu lesen. Bücher, die für mich als U-Bahn-Lektüre in Frage kommen, dürfen höchstens mittelprächtig sein (und dann langweilen sie mich meist zu Tode). Ansonsten kann es passieren, dass ich auch während der Arbeit darin herumblättere, und wenn ich abends nach Hause komme, werfe ich mich auf die Couch, lese das Buch in einem Rutsch zu Ende, und dann wars das auch schon wieder mit dem U-Bahn-Lesestoff.

Mein Liebster mag es gar nicht, wenn ich neben ihm auf der Couch lese, während er fernsieht. Denn er spürt, dass ich dann, obwohl körperlich nah und präsent, doch innerlich ganz woanders bin, weit fort, auf einer Reise in unbekannte Welten. Ich habe den Dreh noch nicht raus, wie ich wahres Lesevergnügen auf Dauer mit meinem Alltagsleben vereinbaren kann. Deshalb gönne ich mir nur von Zeit zu Zeit den bibliophilen Rausch. Dann aber genieße ich ihn von ganzem Herzen.