Sternentanz

15.12.2008 um 18:36 Uhr

Alice im Interview

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Sinnlich, sehnsüchtig und überaus vorfreudig
Musik: Tina Turner - Go Ahead

 (c) Klicker/pixelio.de

Gestern veranstaltete 3sat den Thementag "Frauen an die Macht" mit einer ganzen Reihe interessanter Dokumentationen. Besonders angesprochen hat mich die Wiederholung eines Interviews mit Alice Schwarzer, das bereits im Januar dieses Jahres erstmals gesendet worden war. Da ich mich mit der Emma-Herausgeberin in letzter Zeit oftmals kritisch auseinandergesetzt hatte, war ich überrascht und überaus beeindruckt von der klugen. sachlichen und differenzierten Art, mit der sie während des Interviews ihre Positionen darlegte. Insbesondere ihre Ansichten zu Pornographie und weiblichem Masochismus klangen aus ihrem Mund so ganz anders, als ich das beim Lesen diverser Emma-Artikel wahrgenommen hatte. So findet sich beispielsweise noch heute bei Wikipedia die Aussage, dass Alice Schwarzer das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung im Zusammenhang mit BDSM ablehne: "Die Propagierung des weiblichen Masochismus durch den Mann ist ein Angriff, durch Frauen ist es Kollaboration mit dem Feind."

An solchen und ähnlichen Zitaten hatte ich mich in der Vergangenheit immer gestoßen, da sie mir viel zu pauschal und dogmatisch waren. Doch im gestrigen Interview war davon überhaupt nichts zu spüren. Zwar setzte sich Alice Schwarzer durchaus kritisch mit weiblichen Vorlieben auseinander, die Lust mit Unterwerfung verbanden, doch stellte sie es ausdrücklich jeder Frau frei, sexuelle Vorlieben dieser Art auszuleben. Ihre Kritik richtete sich einzig und allein gegen die öffentliche Darstellung von Frauen als sexuellem Objekt (wobei sie Pornographie als die Verknüpfung von Sexualität mit Unterwerfung und Gewalt definierte und damit von der allgemein gängigen Definition abwich). Im Interview stellte sich mir Alice Schwarzer keineswegs als männerhassende, polemisierende Kampfemanze dar, sondern als kluge, gebildete und charismatische Frau, die ihre Positionen wohlüberlegt und argumentativ überzeugend darlegen konnte. Nach wie vor ist es mir Inspiration und Ermutigung, dass es Frauen wie sie gibt.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenArtemisia schreibt am 17.12.2008 um 14:08 Uhr:Liebe Nimien,

    einfach mal ein Gruß auf diesem Weg und der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass sich Deine Sehnsucht nun bereits erfüllt...
    Artemisia
  2. zitierenNimien schreibt am 26.12.2008 um 22:18 Uhr:Liebe Artemisia,

    vielen Dank für deine lieben Grüße, die mich auch auf dem Postweg erreicht haben. Ich freue mich jedes Mal sehr über deine Zeilen und deine lieben Wünsche und Gedanken. Danke!

    Alles Liebe für dich und deine Familie!

    Nimien
  3. zitierensternenschein schreibt am 10.01.2009 um 23:47 Uhr:Ich finde diese Thematik ist auch als sehr zwiespältig anzusehen.
    Es ist etwas anderes wenn eine starke selbstbewusste und selbstbestimmte Frau ihre Unterwerfungsphantasien ausleben will, oder aber wenn es eine darauf konditionierte Frau macht, die von jeher garnichts anderes kennt, als Unterdrückung und Unterwerfung sowie Zwang.
    Letzterer mag es auch freiwillig und ihrer Lust dienlich erscheinen, doch sind es da dann eher Zwänge die auf alten Mustern beruhen, denen sie nachgibt. Und damit eventuell das Geschäft ihrer Peiniger von früher, mehr oder weniger bewusst selbst übernimmt. Ohne dass ihr unter Umständen ganz klar ist, wo diese Vorlieben herkommen mögen.
    Ein weiteres Problem sehe ich in der permanenten Steigerung um diesen Kick zu bekommen, was dann doch in einigen Fällen zu nicht ungefährlichen Situationen führen kann.
    Liebe Grüsse
    sternenschein.
  4. zitierenNimien schreibt am 11.01.2009 um 00:04 Uhr:Sehr anregende Gedanken, sternenschein, danke schön! Du bringst das Dilemma sehr genau auf den Punkt und ich kann deine Ausführungen in allen Punkten nachvollziehen. Alice Schwarzer vertritt ja auch die Ansicht, dass die Lust an der Unterwerfung bei Frauen (und sie bezog sich dabei ausdrücklich nicht nur auf jene Frauen, die in der SM-Szene beheimatet sind) vor dem Hintergrund der weiblichen Sozialisation und Prägung in einer von Männern dominierten Welt zu sehen ist - ähnlich wie du es dargestellt hast. Dennoch fand ich ihr oben erwähntes Zitat immer zu drastisch und den Frauen gegenüber auch verurteilend und bevormundend. Es ist wichtig und hilfreich, eine zwiespältige Situation zu analysieren, zu hinterfragen und mögliche Gefahren aufzuzeigen, aber dennoch bleibt es die Entscheidung jeder einzelnen, wie sie ihre Sexualität ausleben möchte. Manchmal mag es auch nötig sein, alte Muster noch einmal bewusst zu durchleben und sich auf spielerische Weise mit ihnen auseinanderzusetzen, um irgendwann darüber hinauswachsen zu können. LG
  5. zitierensternenschein schreibt am 11.01.2009 um 00:38 Uhr:Liebe Nimien,
    da gebe ich dir vollkommen Recht.
    Durch dieses spielerische Nacherleben, das ausspielen der Situation verliert das traumatisch erlebte unter Umständen seinen Schrecken, da man jetzt in gewisser Weise auch Kontrolle darüber ausüben kann.
    Es kann sogar, so denke ich, zu einer Art Heilung der alten Traumata führen.
    Aber da bist du sicher versierter aufgrund deines Berufes drinnen, dieses beurteilen zu können.
    Es sind bei mir ja nur Überlegungen ohne Fachkenntnisse.
    Genauso wie ich denke, dass man Zwänge nicht aufheben kann, indem man sie sich verbietet, sondern eher indem man ihnen in gewisser und ganz BEWUSSTER Weise nachkommt, um ihnen somit nicht unbewusst ausgeliefert zu sein, sondern sich bewusst dazu entscheidet um es dann irgendwann aufgrund der Erkenntnis dieser Unsinnigkeiten abstellen zu können.
    Denn wenn wir denken, wir wollen das nicht, das funktioniert ja nicht wirklich, da dann meistens der Wunsch nach selbigen, gerade durch das daran denken und sich versagen verstärkt wird.
    Zum Thema BDSM habe ich mir im Zusammenhang mit einigen Todesfällen, wie dem der Anja in Beelitz, Gedanken gemacht und eine Diskussion darüber mit AngelInChains geführt.
    Sie ist der Meinung, es kann dabei zu Unfällen kommen und denkt wie viele andere auch, dass dann der \"liebende\" Partner ( Peiniger) nicht bestraft werden sollte, da es eben ein Sexunfall ist.
    Ich bin der Meinung, so etwas darf nicht vorkommen, selbst nicht wenn die Frau an Würgespielen Gefallen finden sollte.
    Und was mir noch zu denken gab, dass Angel schrieb, es wäre ideal, wenn die Frau eine Masochistin ist, dass sie dann einen Partner findet der sadistisch veranlagt ist.
    Nur, darin sehe ich ein Problem, denn ein Sadist ist ein Sadist.
    Er ist dann nicht nur Sadist, wenn er eine masochistische Partnerin hat, sondern er quält allgemein gerne Menschen. Wir finden Sadisten unter den Folterknechten und auch sonst im Leben auf verschiendenen Positionen.
    Ich selbst mag Sadisten nicht sonderlich gerne, da sie ihre Befriedigung aus den Qualen anderer Menschen ziehen und wahrscheinlich, selbst wenn sie sich DOM nennen, äusserst schwache und labile Menschen sind, die immer andere brauchen und benutzen um sich selbst erhöhen zu können.
    Um Gewinn daraus zu ziehen für ihr Selbstbewusstsein.
    Und da bin ich mir nicht sicher,denn es heisst ja immer es seien doch nur Spielchen, aber ein Sadist würde seine Neigung auch ausleben, wenn er denn könnte, mit Menschen, die nicht masochistisch veranlagt sind. Und da vielleicht sogar noch eher und lieber, da bei den Opfern dann der Schmerz und Schrecken echter und nicht gewollt ist.
    Ein Gedanke noch am Rande, was wäre ein Dom alleine in der Wildnis, ohne andere Menschen, ein Nichts und irgendwie eine armselige bedauernswerte Kreatur.
    Liebe Grüsse und ich danke dir, für deine Gedankenanstösse.
  6. zitierenNimien schreibt am 11.01.2009 um 21:12 Uhr:Lieber sternenschein,

    wenn ich davon spreche, alte Muster spielerisch zu reinszenieren, meine ich damit keine sexuellen Traumata, sondern eher das gängige Muster der männlichen Dominanz und weiblichen Abhängigkeit. Ich möchte BDSM nicht als Therapie für traumatische Erfahrungen missverstanden wissen - auch wenn es das im Einzelfall vielleicht sogar sein mag. (Ich habe keinen detaillierten Einblick in die Szene.) Es geht mir nur darum, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten und die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen nicht durch feministische Dogmen zu unterminieren.

    Ich bin auch der Meinung, dass zwei Menschen, die sich in Grenzbereichen sexueller Erfahrungen bewegen, ganz besondere Vorsicht walten lassen sollten und besonders verantwortlich mit diesem Thema umgehen müssten. Ob sich "Sexunfälle" dadurch ganz vermeiden lassen, weiß ich nicht. Immerhin gibt es auch beim ganz normalen Sex bisweilen "Unfälle", etwa im Sinne von Herzinfarkten.

    Mit den Sadisten tue ich mich auch eher schwer. Trotzdem würde ich nicht soweit gehen, ihnen zu unterstellen, dass sie generell Vergnügen daran finden, andere Menschen zu quälen. Auch hier fehlen mir leider die nötigen Einblicke in die Szene, aber in der Literatur, die ich zu diesem Thema gelesen habe, wurde immer wieder betont, dass für die meisten Sadisten bzw. Doms das Prinzip der Freiwilligkeit oberstes Gebot ist. Deshalb gibt es ja z.B. auch Code-Wörter und ähnliches, um der Gefahr vorzubeugen, dass gespielte Gewalt zu echter Gewalt wird. Und es gibt mit Sicherheit auch echte, ernste und tiefgehende Liebesbeziehungen zwischen sadistisch und masochistisch veranlagten Menschen. Jene Sadisten, die ihre Opfer bewusst und gegen der Willen quälen, halte ich für schwer gestört und kriminell. Das ist für mich definitiv keine sexuelle Spielart mehr.

    Liebe Grüße und danke für diesen anregenden Gedankenaustausch!

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