Sternentanz

25.06.2006 um 00:07 Uhr

Alte Visionen

von: Nimien   Kategorie: Anders leben

Stimmung: Nostalgisch

Ehe ich gemeinsam mit meiner Schwester in unsere jetzige Wohnung zog, lebte ich rund zweieinhalb Jahre lang im Münchner Westen, eingebunden in eine kleine Gemeinschaft, die zwar nicht unter einem Dach zusammen wohnte, wohl aber ein festes Netzwerk mit regelmäßigen Treffen bildete. Als ich dort ankam, erschien es mir wie der Himmel auf Erden: Vor einem feministisch-ökologischen Hintergrund wurden die Jahreskreisfeste gefeiert, die Teilnahme an Demonstrationen organisiert, Seminare zu unterschiedlichsten Themen veranstaltet, Ausflüge in die Natur unternommen, sowie kreative, handwerkliche und Gartenbauprojekte ins Leben gerufen. Ich fühlte mich, als sei ich nach Hause gekommen, als hätte ich endlich all das gefunden, wonach ich immer gesucht hatte.

Noch heute wird mir wehmütig zumute, wenn ich auf der Homepage jener Gemeinschaft lande und die schönen Worte dort lese. Denn es klingt immer noch ganz wunderbar, was da geschrieben steht. Doch leider hat sich mein Traum von damals nicht erfüllt. Ich entdeckte in dem gemeinschaftlichen Miteinander vor Ort mehr und mehr Strukturen, die mir nicht gefielen, begegnete einer Strömung subtiler psychologischer Macht, die aber vehement geleugnet wurde, und fand keinerlei Raum, mich mit meinen eigenen Ideen und Visionen einzubringen, weil alles schon fertig war und neue Impulse, die nicht dem Mutterboden der Gemeinschaft entsprangen, keine Nahrung fanden. Die Inhalte wurden für meinen Geschmack oftmals viel zu dogmatisch vertreten und weckten meinen Widerspruchsgeist, obgleich mir die Themen und Gedankengänge im Grunde sogar sympathisch waren.

So lebt mein Traum von einem kleinen Netzwerk aus Menschen, denen ich mich weltanschaulich und emotional verbunden fühle, im Verborgenen weiter fort. Derzeit schlummert er und es gibt wenig Aussicht auf eine baldige Erfüllung. Aber vielleicht bin ich auch gar nicht geschaffen für eine solche in sich abgeschlossene Gemeinschaft. Vielleicht spinne ich meine Fäden in die unterschiedlichsten Welten hinein, ohne mich auf eine einzige festzulegen. Womöglich nähre ich mich gerade von der Vielfalt und Offenheit, von den unterschiedlichsten und widerstreitendsten Positionen, die ich in ihrer scheinbaren Widersprüchlichkeit als höchst inspirierend und bereichernd erlebe. Konsens ist leicht, wenn sowieso alle einer Meinung sind. Interessant wird es erst, wenn die Menschen verschieden sind - und erst dann entfaltet er seine ganze Kraft.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenreality schreibt am 25.06.2006 um 17:14 Uhr:auch bei einer verbundenen Gemeinschaft, sollten die Türen zur Welt stets offen bleibe. Es ist diese Offenheit, die eine Weiterentwicklung möglich machen. Geschlossene Systeme sind nicht überlebensfähig, wenn wir das Leben als einen Prozess betrachten. LG
  2. zitierenNimien schreibt am 25.06.2006 um 17:26 Uhr:Es gab schon offene Türen zur Welt, aber auch eine gewisse Arroganz gegenüber Andersdenkenden. Und es krankte an Nachwuchs. Die meisten Gemeinschaftsmitglieder waren deutlich jenseits der 40. Ich vermisste von daher vor allem den nötigen Raum für die ungezähmte, impulsive und umstürzlerische Energie der Jugend - wohl weil die Beteiligten annahmen, dass sie als Alt-68er diese Energie in ausreichendem Maße selbst verkörperten. Aber was in den 68ern neu und revolutionär gewesen sein mag, muss es eben 35 Jahre später nicht mehr unbedingt sein (auch wenn mir einige Impulse der 68er-Bewegung immer noch sehr wichtig und fruchtbar erscheinen).
  3. zitierenreality schreibt am 25.06.2006 um 17:56 Uhr:na, vom Alter her pass ich ja zu diesen Zeitgenossen, doch meine Lebensumstände waren damals andere, deshalb hat meine politisch bewusste Phase auch erst später angefangen. Doch wenn ich olle Kamellen von mir zitieren darf: \"nieder mit der Gesellschaftsnorm, wir leben alternativ - konform\". LG

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