Alte Visionen
Stimmung: Nostalgisch
Ehe ich gemeinsam mit meiner Schwester in unsere jetzige Wohnung zog, lebte ich rund zweieinhalb Jahre lang im Münchner Westen, eingebunden in eine kleine Gemeinschaft, die zwar nicht unter einem Dach zusammen wohnte, wohl aber ein festes Netzwerk mit regelmäßigen Treffen bildete. Als ich dort ankam, erschien es mir wie der Himmel auf Erden: Vor einem feministisch-ökologischen Hintergrund wurden die Jahreskreisfeste gefeiert, die Teilnahme an Demonstrationen organisiert, Seminare zu unterschiedlichsten Themen veranstaltet, Ausflüge in die Natur unternommen, sowie kreative, handwerkliche und Gartenbauprojekte ins Leben gerufen. Ich fühlte mich, als sei ich nach Hause gekommen, als hätte ich endlich all das gefunden, wonach ich immer gesucht hatte.
Noch heute wird mir wehmütig zumute, wenn ich auf der Homepage jener Gemeinschaft lande und die schönen Worte dort lese. Denn es klingt immer noch ganz wunderbar, was da geschrieben steht. Doch leider hat sich mein Traum von damals nicht erfüllt. Ich entdeckte in dem gemeinschaftlichen Miteinander vor Ort mehr und mehr Strukturen, die mir nicht gefielen, begegnete einer Strömung subtiler psychologischer Macht, die aber vehement geleugnet wurde, und fand keinerlei Raum, mich mit meinen eigenen Ideen und Visionen einzubringen, weil alles schon fertig war und neue Impulse, die nicht dem Mutterboden der Gemeinschaft entsprangen, keine Nahrung fanden. Die Inhalte wurden für meinen Geschmack oftmals viel zu dogmatisch vertreten und weckten meinen Widerspruchsgeist, obgleich mir die Themen und Gedankengänge im Grunde sogar sympathisch waren.
So lebt mein Traum von einem kleinen Netzwerk aus Menschen, denen ich mich weltanschaulich und emotional verbunden fühle, im Verborgenen weiter fort. Derzeit schlummert er und es gibt wenig Aussicht auf eine baldige Erfüllung. Aber vielleicht bin ich auch gar nicht geschaffen für eine solche in sich abgeschlossene Gemeinschaft. Vielleicht spinne ich meine Fäden in die unterschiedlichsten Welten hinein, ohne mich auf eine einzige festzulegen. Womöglich nähre ich mich gerade von der Vielfalt und Offenheit, von den unterschiedlichsten und widerstreitendsten Positionen, die ich in ihrer scheinbaren Widersprüchlichkeit als höchst inspirierend und bereichernd erlebe. Konsens ist leicht, wenn sowieso alle einer Meinung sind. Interessant wird es erst, wenn die Menschen verschieden sind - und erst dann entfaltet er seine ganze Kraft.
