Sternentanz

17.02.2009 um 10:55 Uhr

Autorität im Matriarchat

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Wohlig

 (c) erwinfurger/pixelio.de

Beim Durchsehen meiner Dateien habe ich eben den folgenden Text entdeckt, den ich vor vielen Jahren (2003) während meiner Zeit in einer ökofeministisch-heidnischen Gemeinschaft verfasst habe. Da mir einzelne seiner Passagen noch immer erstaunlich aktuell erscheinen und ich ihn gerne vor dem erneuten Vergessen bewahren würde, habe ich mich entschlossen, ihn zu bloggen.

Seit vielen Jahren beschäftigt mich das Thema Frau-Sein, für sich genommen und in der Beziehung zu Männern. Immer wieder merke ich, dass dieses Thema mich tief berührt, aufwühlt, umtreibt. Eine wichtige Informationsquelle sind dabei für mich die Aufsätze von Heide Göttner-Abendroth über das Matriarchat. Manches davon stärkt und inspiriert mich sehr. Allerdings habe ich ein großes Problem damit, dass viele ihrer Aussagen stark ideologisch eingefärbt sind. Sie behauptet, Ideologie sei nur eine Sache der patriarchal orientierten Geschichtsforschung, doch ihre eigene Wortwahl und ihr Tonfall klingen oft genug ideologisch, wertend und mitunter sogar aggressiv. Zudem bin ich skeptisch, was ihre Behauptung angeht, dass es in matriarchalen Gesellschaften keine "Macht-über", also hierarchische Macht, gab.

Heide Göttner-Abendroth beschreibt anhand von Beispielen, wie die Sippenältesten ihre Entscheidung durchsetzten, und führt die Akzeptanz der anderen auf die "natürliche Autorität" der Sippenältesten zurück. Dabei verschweigt sie meiner Ansicht nach das Phänomen der sehr subtil wirkenden psychologischen Macht und des sozialen Gruppendrucks. Was zum Beispiel geschieht, wenn jemand tatsächlich die Entscheidung der Sippenältesten nicht anerkennen will und sich beharrlich dagegen sträubt? Was geschieht, wenn jemand ihre "natürliche Autorität" in Frage stellt? Gab es in den Matriarchaten keine Pubertät, kein Bestreben der Jugend, neue, andere Wege zu gehen, anstatt der Tradition zu folgen?

 (c) Barbara Frolik/pixelio.de

Alter allein ist für mich noch lange kein Argument für Autorität. Die Begriffe, mit denen Heide Göttner-Abendroth die natürliche Autorität definiert, erkenne ich an, bezweifle aber, dass sich alle Sippenältesten automatisch durch diese hehren Qualitäten ausgezeichnet haben. Warum sollten die Menschen damals weniger fehlbar gewesen sein als heute? Selbst eine Sippenmutter sieht die Welt immer nur durch ihre eigenen Augen. Und die Wirklichkeit, die sich ihrer Tochter darbietet, mag ganz anders aussehen. Gerade als Astrologin weiß ich, wie verschieden die Menschen sind, wie verschieden auch das ist, was sie brauchen und was ihnen gut tut. Es ist schwer genug, den Blickwinkel eines anderen Menschen einzunehmen und die Welt aus seinen Augen zu betrachten.

Ich liebe die Idee des Konsensprinzips, die Würdigung der Vielfalt, aber ich glaube, dass es auch in Matriarchaten nicht so leicht war, es umzusetzen. Was machten eine Tochter oder ein Sohn, wenn sie das Gefühl hatten, ein "hässliches junges Entlein" zu sein und so gar nicht in ihre Sippe zu passen? Wenn es sie zu völlig anderen Ufern hinzog, als dies in der Sippe üblich war? Die heutige Möglichkeit, dann eine neue Wahlfamilie zu suchen, gab es offensichtlich nicht. Die existentielle Abhängigkeit von der Sippe muss damals extrem hoch gewesen sei. Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass alle Konflikte und Schwierigkeiten, die heutzutage in den menschlichen Beziehungen entstehen, allein eine Folge patriarchaler Prägungen sind - auch wenn ich deren Bedeutung gar nicht leugne. Es ist wichtig und notwendig, diese patrarchalen Prägungen zu verstehen, aber ich halte nichts davon, das Matriarchat zu idealisieren und alle Schwierigkeiten des menschlichen Daseins dem Patriarchat in die Schuhe zu schieben. Das aber tut Heide Göttner-Abendroth.

 (c) doro52/pixelio.de

Für mich ist eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema unter anderem deshalb wichtig, weil ich die beschriebenen Tendenzen durchaus auch in unserer Gemeinschaft bemerke. Mich stört die Art und Weise, wie hier manchmal abfällig über Männer geredet wird oder Witze über sie gemacht werden - auch dann, wenn die Männer selbst darüber lachen. Mich stört die Art und Weise, wie Menschen, die sich für eine andere Art zu leben, zu denken und zu handeln entschieden haben, mit psychopathologischen Begriffen belegt werden, auch wenn mir diese Leute bisweilen genauso auf die Nerven gehen.

Mich stört es, dass es in unserer Gemeinschaft für meinen Geschmack zu viele fertige Antworten gibt und zu wenige Fragen. Die Suche scheint mir an zu vielen Punkten bereits abgeschlossen zu sein. Mich aber fasziniert der Wandel, das immer wieder neue Suchen und Fragen, Annehmen und Verwerfen. Jede Wahrheit hat ihre Zeit, jede Weisheit hat ihre Grenzen. Wenn ich eine Frage stelle, dann finde ich es am schönsten, wenn diese Frage Blüten treibt, wenn ihre Äste sich verzweigen, neue Gedanken und Gefühle hinzukommen und aus diesem Prozess des Suchens und Fragens plötzlich ein Bild entsteht. Kein fertiges Bild natürlich, aber eines, das mein Leben eine Zeitlang bereichert. Wenn ich in unserer Gemeinschaft eine Frage stelle (vor allem wenn es eine spirituelle oder psychologische Frage ist), dann bekomme ich in der Regel eine Antwort. Punkt. Fertig. Alles schon geklärt. Wie langweilig! Außerdem glaube ich nicht an Wahrheiten, die immer und für alle Menschen gleichermaßen gelten. Dazu ist das Leben viel zu komplex, zu bunt und zu vielfältig.

 (c) Dieter Schütz/pixelio.de

Ich merke, dass ich große Angst habe, meine Gedanken jemandem aus der Gemeinschaft mitzuteilen. Mich beunruhigen all die Erzählungen gescheiterter Zusammenarbeit sehr, die ich im Laufe der Zeit schon gehört habe. In diesen Erzählungen waren immer die anderen schuld daran, dass es nicht klappte. Wenn jemand mit der "Grande Dame" der Community Probleme hatte, dann hatte er oder sie garantiert eine "negative Mutterübertragung". Wenn jemand den Menschen aus der Gemeinschaft aggressiv oder feindselig begegnete, hatte er bestimmt eine pathologische Grundstruktur. Das ermutigt mich nicht gerade, einen Konflikt vom Zaun zu brechen. Diese Übertragung psychotherapeutischer Begriffe auf Alltagsbeziehungen finde ich sowieso fatal. Mir wird hier zu oft mit "Einsern", "Sechsern" und "Dreiern" herumgeworfen. (Anm. d. Verf.: Diese Zahlen beziehen sich auf die Charakterstrukturen nach Alexander Lowen.)

Epilog: Nur wenige Monate später brach ich tatsächlich einen Konflikt vom Zaun, der mir allerlei Pathologisierungen einbrachte und zum endgültigen Bruch mit der Gemeinschaft führte.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenArtemisia schreibt am 17.02.2009 um 20:16 Uhr:Liebe Nimien,

    das klingt ja, als hättest Du da "natürliche Autoritäten" infrage gestellt...
    Aber auch heute ist es noch ein anregender Text! Danke, dass Du ihn mit Deinen Leserinnen geteilt hast.:)

    Herzliche Grüße an Dich in die ferne Stadt (ich trinke übrigens gerade Gewürzchai, der hat seit unserem Besuch bei Dir einen dauerhaften Platz in unseren Teetassen)
    Deien Artemisia
  2. zitierenNimien schreibt am 17.02.2009 um 21:51 Uhr:Liebe Artemisia,

    tatsächlich war die Zeit damals eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Autorität, umso mehr als diese nicht im hierarchischen Gewand, sondern im vermeintlich natürlichen daherkam.

    Neulich (27.01.09) las ich auch bei Luisa Francia ein paar interessante Gedanken zu diesem Thema: "denn die kleine gemeinschaft bildet praktisch immer eine hierarchie, eine kontrollebene, aus der jeder mensch, der ein bisschen anders ist, denkt, herausfällt bzw. in der er leidet. die kleine gemeinschaft funktioniert am besten für autoritäre systeme."

    Sie meinte natürlich eher die traditionelle Dorfgemeinschaft, aber ich habe dieses Prinzip genauso in einer linken, feministischen und ökospirituellen Gemeinschaft erlebt. Vielleicht liegt es daran, dass eine kleine Gemeinschaft naturgemäß die Bedürfnisse einiger weniger abbildet und in ihr zu wenig Platz ist für die gesamte Fülle menschlicher Empfindungen und Ideen.

    Ganz herzliche Grüße an die Chai-Trinkerin aus dem verschneiten München!
  3. zitierenArtemisia schreibt am 18.02.2009 um 20:24 Uhr:Liebe Nimien,

    interessanterweise ist genau dieser Eintrag auch bei mir im Gedächtnis hängen geblieben. Vielleicht weil er auch einige Gedanken zu der Frage angestoßen hat, warum ich kleine Gemeinschaften so anziehend finde (in der Phantasie) und mich doch nie in eine integrieren wollte (in der Praxis).

    Bei uns liegt toller Schnee, schade dass man keine Fotokommentare abgeben kann. Und dazu gibt es Sternenhimmel, samtblau mit Wolken.
    Sternenhimmlige Grüße an Dich
    Artemisia
  4. zitierenNimien schreibt am 19.02.2009 um 16:56 Uhr:Die Kluft zwischen Phantasie und Praxis kenne ich ganz genauso. Und je älter ich werde, umso weniger halte ich das Gemeinschaftsleben für die - zumindest für mich - geeignete Lebensform.

    Auch bei uns hat es geschneit, allerdings sieht der Schnee in der Großstadt leider längst nicht so attraktiv aus wie in der freien Natur. Und auch der Sternenhimmel über München ist nicht das, was er meiner Erinnerung nach einmal war. Trotzdem bin ich gerne hier - und freue mich schon auf den Frühling! :-)

    Ganz liebe Grüße gen Norden
  5. zitierenSeren_a schreibt am 04.03.2009 um 01:35 Uhr:Liebe Nimien, ich beschäftige mich gerade auch sehr mit Machtstrukturen, mit Autorität, was sie bedeutet und so weiter... Denn ich hab viel Negatives diesbezüglich erlebt und bin gerade dabei, das zu bearbeiten, was nicht gerade leicht ist... Ich bin so weit, zu erkennen, nach dem, was ich erfahren habe: patriarchale oder auch matriarchale Autorität übt Macht mit Gewalt aus, physisch oder psychisch (ja, auch die Frauen, dann eben weniger körperlich, aber genauso effektiv, wenn nicht effektiver)... natürliche Autorität hingegen hat Vertrauen als Basis. Derjenige, der diese Autorität besitzt hat sie sich nicht selbst zugesprochen, nicht erkämpft, sondern hat sie erhalten - wie ein Geschenk - aufgrund seines Verhaltens, seiner Ausstrahlung, seiner Taten, die ebenfalls ein Geschenk sind. Leider sind solche Menschen selten in wirklich machtvollen Positionen... Das "Volk" ist nicht einfach Untertan und muss akzeptieren, was irgendwer da oben tut... das Volk wählt und hat es immer getan. Derjenige, der es regiert, ist eine Gestalt, die aus dem Volk hervorgeht, zuerst geistig da ist und sich dann materialisiert, ständig neu... es gibt ein System, einen Umsturz, ein neues System, immer wieder (die Strukturen bleiben dabei gleich)... Ich bin dabei da weiter einzudringen, in dieses Thema... denn es ist ja nicht nur gesellschaftlich sondern auch individuell relevant... und für mich persönlich sind viele Schmerzen damit verbunden, deshalb möchte ich es lösen... wenn das irgend geht... :)
    Danke für Deinen interessanten Beitrag... ich werde öfter mal hier her schauen.
    Liebe Grüße,
    Serena
  6. zitierenNimien schreibt am 08.03.2009 um 00:10 Uhr:Liebe Seren_a,

    herzlichen Dank für deinen ausfürlichen Kommentar und die vielen inspirierenden Gedanken, die darin enthalten sind. Mir gefällt deine Beschreibung natürlicher Autorität sehr. Ich bekomme sofort ein klares Gefühl dafür, wenn ich deine eindringlichen Worte lese. Und ich würde mich freuen, dich häufiger hier zu lesen! :-)

    Liebe Grüße,
    Nimien

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