Sternentanz

26.06.2007 um 21:14 Uhr

Das andere Geschlecht

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Zärtlich

 (c) pixelio

"Als Frau wird man nicht geboren. Zur Frau wird man gemacht."

Ich las Simone de Beauvoirs Klassiker "Das andere Geschlecht". Oder besser, ich las es bis zur Hälfte. Mehr ließ zum einen die Verlängerungsfrist der Stadtbibliothek nicht zu, und zum anderen fehlte mir die nötige Geduld. Denn die Autorin ist sehr verliebt in das eigene Wort. Gewiss, sie entwickelt die Rolle der Frau und das Bild ihrer Unterdrückung durch den Mann vor dem Hintergrund biologischer, historischer, mythischer und individueller Faktoren ungemein klug und detailgenau. Ich habe selten eine so umfassende philosophische Abhandlung zu diesem Thema gelesen. Doch gerade der Umfang der Arbeit öffnet der Wiederholung Tür und Tor. Seitenweise beleuchtet Beauvoir denselben Sachverhalt, bald aus dieser, bald aus jener Perspektive, aber doch ohne wesentlichen Erkenntnisgewinn. Auf mich wirkte das streckenweise sehr ermüdend. Hinzu kommt, dass das Buch ganz klar ein Kind seiner Zeit ist. Wenngleich die wichtigsten Gedanken zeitlos sind und ich mich in der Beschreibung einiger bedeutsamer weiblichern Prägungen auch heute noch wiedergefunden habe, so erscheinen mir andere Passagen doch erstaunlich altmodisch und angesichts des heutigen Erkenntnisstandes regelrecht überholt. Insbesondere kann ich mich Beauvoirs Klagen über die Einschränkungen und Härten der weiblichen Biologie (sie bezeichnet die Menstruation gerne als "Unwohlsein") keineswegs anschließen. Wenn man ihre Zeilen liest, könnte man zuweilen den Eindruck gewinnen, es sei ein wahrer Fluch, mit einem weiblichen Körper geschlagen zu sein. Das empfinde ich ganz und gar nicht so, und auch die Medizin weist den Frauen mittlerweile durchaus die robustere Konstitution zu. Dennoch gebe ich ihr Recht, dass die Tatsache, dass es nun einmal die Frauen sind, die schwanger werden und Kinder gebären, ein biologisch bedingtes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern erzeugt. Dass sie sich hingegen so viel Mühe macht, das psychoanalytische Konstrukt des "Penisneides" zu entkräften, erscheint angesichts dessen heutiger Bedeutungslosigkeit im wissenschaftlichen Diskurs geradzu unfreiwillig komisch. Ansonsten kommt der Humor bei Beauvoir leider viel zu kurz. Hin und wieder hatte ich das Gefühl, dass sie sich an der Schwere und Tiefgründigkeit ihrer philosophischen Betrachtungen fast verschluckt. Ein wenig Ironie und Leichtigkeit hätten dem Werk gut zu Gesicht gestanden. Aber vielleicht unterschätze ich als Tochter der postfeministischen Ära ja auch die Notwendigkeit einer gewichtigen, knochentrockenen Abhandlung über Sitte und Sexus der Frau für die Leserschaft der 50er Jahre. Unumstritten bleibt, dass die Autorin ein für ihre Zeit bahnbrechendes Werk vorgelegt hat, das unzählige Feministinnen inspirierte und ihnen wohlformulierte Argumente lieferte. Merci, Simone!


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