Denkformen von Mann und Frau
Stimmung: Heiter
Musik: Das Ticken der Uhr
Gestern Abend habe ich ein Buch aus meinem Bücherregal gezogen, das dort etwa seit fünf Jahren steht, ohne dass ich je einen Blick hineingeworfen hätte. "Denkformen von Mann und Frau" heißt es, die Autorin ist Nervenärztin in Bielefeld. Ich weiß noch, dass ich es mir damals auf eine Anregung von J. hin gekauft habe, mit dem ich immer lange Dispute über die Frage geführt habe, ob Männer und Frauen wirklich im Kern ihres Wesens verschieden sind oder nicht. Aber gelesen habe ich es nie. Gestern also schlage ich es auf und blättere ein wenig darin herum. Die Autorin zitiert zunächst eine Studie von 1939, die zu dem Schluss kam, dass Männer und Frauen sich im Bereich der allgemeinen Intelligenz nicht unterscheiden, es aber dennoch Geschlechterunterschiede bei spezifischen Fähigkeiten gibt. Es verwundert ein wenig, dass die Autorin neuere Forschungsergebnisse unterwähnt lässt, die das alte Klischee, dass Frauen sprachlich und feinmotorisch überlegen sind, während Männer in Mathematik und bei der räumlichen Wahrnehmung besser abschneiden, wesentlich differenzierter erscheinen lassen. Aber gut, immerhin geht sie von der Aussage aus, dass Männer und Frauen sich in ihrer grundsätzlichen Intelligenz nicht unterscheiden - und sie entwirft in ihrem Buch folgende Hypothese:
"Durch unterschiedlich angelegte Neigungen werden die vorhandenen Fähigkeiten ungleich trainiert und eingesetzt. Nicht in der Fähigkeit sind Mann und Frau so verschieden, sondern im Willen - in dem unersättlichen, nie erlahmenden, den ganzen Menschen erfassenden Streben."
Gut, denke ich, das kann frau sich ja mal anhören, und lese weiter. Zunächst entwirft die Autorin auch ein paar ganz interessante Gedanken, nämlich dass Jungen eher zu Freizeitvergnügungen wie Fußballspielen und Bäumeklettern neigen, welche das logische Schließen und die räumliche Wahrnehmung trainieren, während Mädchen sich eher für Rollenspiele und Geschicklichkeitsspiele entscheiden, bei denen die sprachlichen und feinmotorischen Fähigkeiten geübt werden. Soweit, so gut. Gisela Roggendorf geht nun davon aus, dass diese Neigungen den meisten Männern und Frauen von vornherein innewohnen und nicht durch die Erziehung beeinflusst werden können. Und diese Annahme erscheint mir eher problematisch. Wenn ich bei meinem Neffen und meiner Nichte sehe, wie früh im Leben sich die Geschlechterstereotype schon in den Köpfen festsetzen, dann bin ich mir nicht so sicher, dass diese Neigungen naturgegeben und von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gänzlich unbeeinflusst sind. Entscheidend für die Erziehung ist eben nicht so sehr das, was die Eltern sagen ("Komm da runter! Mach dich nicht schmutzig! Zieh dir etwas Warmes an!"), sondern was sie tun und vorleben. Es mag eine gewisse biologische Neigung geben, das will ich gar nicht bestreiten. Aber diese wird in der Interaktion mit gesellschaftlichen Größen erst vollständig entwickelt und geformt.
Aber gut, kehren wir zu Frau Roggendorf zurück. Bis hierher konnte ich ihr ja noch folgen, aber dann nahmen ihre Theorien immer hanebüchenere Formen an. Sie versuchte nämlich jetzt, diese unterschiedlichen Neigungen zu erklären und kam zu dem erstaunlichen Schluss, dass Männer immer nur das eine wollen: Sex! Da sie diesbezüglich von der Natur aber arg benachteiligt sind, müssen sie erst einmal zu Höchstformen auflaufen, um eine Frau für sich zu gewinnen. Und warum sind sie benachteiligt? Weil sie zwar einen wesentlich stärkeren Sexualtrieb haben als Frauen, aber wesentlich hässlicher sind und leider nur so ein armseliges kleines Gürkchen ihr eigen nennen, während Frauen mit ihren prachtvollen Brüsten protzen können ("Sie zu betrachten ist für Männer meistens erfreulich und angenehmn, sie zu betasten ebenfalls, wogegen sich der Penis im schlaffen Zustand zu wabbelig und im steifen Zustand zu hart anfühlt, um wirklich ein erfreuliches Gefühl beim Betasten zu bieten, außerdem ist seine Haut so merkwürdig lose").
Da haben wir's: Frauen sind also das schöne Geschlecht und damit sind all ihre Probleme gelöst. "Ihre Schönheit ist ihr Kapital, das ihr beruflich wie privat so manchen Weg ebnen und ihr ein sorgenfreies Leben bis zu ihrem Tod sichern hilft", heißt es da oder "Wenn eine junge Frau ihren herrlichen Busen zur Schau stellt (ein junger, knospender oder eben zur Reife erblühter Busen wird von den Männern immer herrlich gefunden) und sich in ihren Hüften wiegt, so zieht sie damit genügend Männer an, um eine gute Auswahl an Geschlechtspartnern zu haben. Sie muss nicht irgendwelche besonderen Leistungen vollbringen, um einen Mann zu faszinieren und an sich zu binden. ... Alles was sie erstrebt, kann sie durch die Schönheit ihres Körpers (die durch einen Penis bestimmt nicht vergrößert würde) erreichen." Die armen Männer hingegen haben es schwer: "Der Mann befindet sich nun in der misslichen Lagen, über einen wenig ansehnlichen Körper (im Vergleich zu dem der Frau) ein kaum als schön zu bezeichnendes Geschlechtsorgan sowie ein eher aggressives, wenig freundliches und anziehendes Wesen zu verfügen. ... Der Mann ist also ständig hochmotiviert, etwas Besonderes, Neues und Außergewöhnliches zu leisten, um den Mangel seiner anlagemäßigen Benachteiligung auszugleichen."
Wie es weiterging, kann ich euch leider nicht sagen, denn an dieser Stelle bekam ich einen solchen Lachanfall, dass ich nicht mehr in der Lage war, den Ausführungen der Autorin noch länger zu folgen. Manche Menschen entwickeln schon seltsame Theorien! Die gute Frau Roggendorf suhlt sich ja geradezu in Klischees und Stereotypen und kommt daher leider über den Zirkelschluss nicht hinaus. Denn Geschlechtsunterschiede mit Geschlechtsrollenklischees begründen zu wollen, ist leider wenig zielführend. Im letzten Kapitel kommt sie dann noch zu dem Schluss, dass das männliche Streben allein durch tiefsitzende Minderwertigkeitskomplexe begründet sind. (Kein Wunder bei der miserablen körperlichen Ausstattung!) Du meine Güte, die armen Männer! Können wir nicht einfach mal aufhören, in solchen Kategorien zu denken? Da werden Männer auf komplexbeladene, sexuelle Triebtäter reduziert, während Frauen nichts anderes wollen als einen Mann an ihrer Seite, der sie ernährt und ihren Lebensabend sichert. Gehts noch? Was ist denn so schwer daran, uns in erster Linie als Menschen mit individuellen Neigungen und Vorlieben zu sehen und nicht ständig in Geschlechterschubladen zu denken? Das trägt der Andersartigkeit meines Gegenübers schon ausreichend Rechnung, ohne eine unüberwindliche Kluft zwischen uns zu schaffen.

Von wann ist das Buch denn?
Und es wirft natürlich auch ein Licht auf J. oder hat er es dir zur Belustigung empfohlen?
Beste Wochenendgrüße
Constanze
PS: Apropos Buch: Ich hatte dir auch eins empfohlen, als du damals hier warst und letztens überlegte ich, ob du schon mal reingeguckt hast.
Was dein P.S. angeht, so hast du mir letztes Mal eine Menge Bücher empfohlen, liebe Constanze. Von daher weiß ich jetzt gerade nicht, welches du meinst.
Ein zaubergoldenes Wochenende wünsche ich dir!
Zum PS wollte ich dir eigentlich schon seit ein paar Tagen ne Mail schreiben ;-)
Danke für die Wochenendwünsche. Ich werde am Nachmittag nach Rosenheim fahren, wenn die Jungs mit ihrem Vater weg sind.
Meine aufrichtige Bewunderung für dein Durchhaltevermögen bei dieser aufschlussreichen Lektüre!
Liebe Grüße und viele schöne Gedanken an "männliche Hässlichkeit" *schmunzel*
Ich jedenfalls schließe mich der Fraktion derjenigen an, die die Schönheit beider Geschlechter feiern und sich von ganzem Herzen an der Verschiedenheit freuen - stellt sich doch eine nie versiegende Quelle des Vergnügens dar.
Liebe Grüße euch beiden!
Deinen Kommentar zu diesem Buch koennte ich so unterzeichnen! Freut mich, dass es scheinbar doch noch mehr Menschen gibt, die Personen nicht nur anhand von geschlechtsbezogenen Klischeevorstellungen vorurteilhaft beurteilen, sondern auf ihren Charakter - gleich ob Mann, ob Frau - achten.
Einen schoenen Abend!
es gibt ein Buch von Alice Schwarzer mit dem Titel "Der große Unterschied. Gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen". Diese Formulierung hat mich sehr bewegt und berührt. Es ist mir ein großes Anliegen, das Gemeinsame, Verbindende zwischen Männern und Frauen in den Vordergrund zu rücken. Das Trennende sehe und respektiere ich zwar, ich gebe ihm aber bei weitem nicht den Stellenwert, den ihm die Medien oft zuschreiben, sondern bin eine glühende Anhängerin der Geschlechterähnlichkeitshypothese. Es freut mich, dass ich mit meinen Gedanken bei dir auf Resonanz gestoßen bin.
Liebe Grüße!