Die Liebe im Wandel der Zeit
Stimmung: Warme, weiche Seligkeit
Musik: Sting - Fields of Gold
Gestern bekam ich eine lange Mail von einem lieben Freund, in der er lange und ausgiebig und in anrührenden Worten von seiner neuen Freundin schwärmte. Er ist noch sehr jung, steht gerade erst an der Schwelle zum Erwachsenenalter und hat seit vielen Monaten und Jahren voller Sehnsucht darauf gewartet, dass die Liebe ihn endlich findet. Sein tief empfundenes Glück berührt mein Herz. In seinen hingebungsvollen Worten sehe ich mich selbst widergespiegelt - als junge Frau von einst. Auch ich habe mich der Liebe noch vor nicht allzu langer Zeit mit derselben überschwenglichen Innigkeit hingegeben, habe von Seelenverwandtschaft und ewiger Zuneigung geträumt, während meine Gefühle auf bunt schillernden Schwingen dem siebten Himmel entgegenflogen. Diese Art der Verliebtheit ist ein zauberhafter, wundervoller Zustand und ich freue mich mit meinem jungen Freund, dass sein Herz so vollständig erfüllt davon ist.
Für mich selbst gehört dieser Zustand der Vergangenheit an. Mit dieser märchenhaften Unschuld werde ich mich wohl nie mehr verlieben können. Zuletzt habe ich derartige Gefühle in meiner transatlantischen Liebesgeschichte vor fünf Jahren erlebt. Mit ihrem Ende wandelte sich auch mein Herz in einer nie gekannten Weise. Das ist mir gestern noch einmal deutlich geworden, als ich aus einer plötzlichen Laune heraus ein paar alte Mails las, die ich etwa ein Jahr nach unserer Trennung an meinen damaligen Freund geschrieben hatte. Mit einem Mal wurden die alten Erinnerungen wieder sehr lebendig und beim Lesen wurde mir bewusst, mit welcher Klarheit ich unsere Geschichte schon damals betrachtet hatte. Trotz meiner immer noch unverkennbaren Zuneigung für diesen Mann war deutlich spürbar, dass ich nicht länger in luftigen Höhen herumschwirrte, sondern meinem Herzen im Leid der vergangenen Monate starke Wurzeln gewachsen waren.
So erlebe ich meine Liebe auch jetzt: Gut geerdet. Sie ist wie ein Baum, der langsam, aber stetig wächst - und zwar sowohl in die Tiefe der Erde hinein, als auch dem Himmel entgegen. Manchmal erscheint sie mir auch wie das Meer mit seinen Gezeiten oder wie ein flackerndes Feuer, das Licht und Wärme spendet und meine Adern bisweilen in flüssige Glut verwandelt, aber mich nicht mehr bis auf die Knochen verzehrt. Und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, möchte ich ganz deutlich hinzufügen: Ich bin unglaublich froh, dass es so ist. So wundervoll der Zauber vergangener Lieben auch gewesen sein mag, beglückt mich doch die Magie, die in diesen Tagen mein Herz füllt, in ganz besonderem Maße. Ich fühle mich einfach rundum wohl mit dem Mann, den ich liebe. Gerade weil diese Liebe nicht immer nur harmonischen Einklang zu bieten hat, fühle ich mich mit ihr so erstaunlich sicher.
Ich will versuchen, das zu erklären: Früher war ich in Liebesbeziehungen - vor allem in jenen, die sich aus der Harmonie verwandter Seelen zu speisen schienen - ständig mehr oder weniger damit beschäftigt, der Liebe die bestmöglichen Wachstumsbedingungen zu bieten. Die Gießkanne stand jederzeit griffbereit, ich wählte nur den besten Dünger und prüfte das Pflänzchen mindestens zweimal am Tag auf Schädlingsbefall. Wenn es dann trotzdem einging, von vorübergehenden Spaziergängern gepflückt wurde oder einem Hagelsturm zum Opfer fiel, war ich fassungslos. Ich begriff nicht, dass es keine gute Strategie für eine Rose ist, sie unter eine Glasglocke zu setzen oder sie durch einen Paravent gegen allzu starke Winde zu schützen. Denn nur eine robuste Pflanze mit starken Wurzeln hat gute Aussichten, auch den Winter zu überdauern.
Die Liebe, die ich dieser Tage erlebe, erscheint mir erstaunlich robust. Sie hat schon den einen oder anderen Hagel überstanden und - o Wunder! - sie wächst sogar von selbst und ohne dass ich dauernd mit der Gießkanne daneben stehe. Sie scheint auf fruchtbarem Boden zu wurzeln und genug Kraft zu besitzen, von selbst mit allerlei Widrigkeiten fertig zu werden. Natürlich macht sie das noch nicht unverwundbar. Auch sie braucht liebevolle Pflege und kann dennoch irgendwann einer Wühlmaus zum Opfer fallen. Aber ich habe keine Angst um sie. Immerhin hat diese Liebe schon in ihrer Entstehungsphase einiges an Standfestigkeit bewiesen. Es ist ein Unterschied, das Wissen um die Vergänglichkeit der Dinge als rein gedankliche Möglichkeit irgendwo im Hinterkopf zu haben oder es als ständig drohendes Damoklesschwert über mir schweben zu sehen.
Mit dem Begriff der Seelenverwandtschaft bin ich mittlerweile vorsichtig geworden. Oder wie mein Liebster es formulieren würde: "Über Seelenverwandtschaft können wir dereinst reden, wenn wir gemeinsam auf der Veranda des Altersheims sitzen."

Ich habe gerade Deinen letzten Eintag gelesen...und ich möchte Dir sagen,das dass LESEN ansich sehr schön war,Du hast eine sehr bewundernswerte Art Deine Gefühle in Worte zu kleiden!!!
lg Sonnenlicht
Liebe Grüße!!!
@DarkHoneyLady: Mich mit dem ewigen Wandel und der Vergänglichkeit der Dinge auseinanderzusetzen und auszusöhnen, gehört wohl zu den Grundthemen meines Lebens. Dennoch ist es sehr schön, nach all den Liebesgeschichten, die den Keim des Todes schon von Anfang an in sich trugen, nun auch einmal eine zu erleben, die mir Stabilität, Zuversicht und Geborgenheit schenkt.
@reality: Ja, es ist wirklich eine schöne Liebe und ich bin sehr dankbar dafür. Allerdings weiß ich wirklich nicht, was zuerst da war: Die Gedanken oder das Sein. :)
Vieles ist möglich und du hast Recht, vielleicht bringt mir ja der Osterhase ne schöne Liebe vorbei. Gute Nacht.
Es ist wundervoll und lebensnotwendig Stabilität, Zuversicht und Geborgenheit spüren zu können. Herrlich, dass es das jetzt für dich gibt!
Liebe Grüße