Sternentanz

08.01.2006 um 11:02 Uhr

Ein Hauch von Dornröschen

von: Nimien   Kategorie: Liebeszauber

Stimmung: Glücklich

In einem kleinen Haus am Ufer des Meeres lebte eine Frau, die sich besonders gut aufs Spinnen verstand. Viele Stunden saß sie in ihrer Kammer und verspann rohen Flachs zu festem, glänzendem Zaubergarn. Traumgarn war darunter und Sehnsuchtsgarn, Glücksgarn und Schmerzensgarn, Vergangenheitsgarn und Zukunftsgarn. Aus all den Fäden, die sie Tag für Tag spann, webte sie ihr Schicksal. Der Garten ihres Hauses war umgeben von einer hohen, dichten Rosenhecke und der Duft der Rosen wehte an manchen Tagen weit aufs Meer hinaus. In jenen Tagen, da unsere Geschichte ihren Anfang nahm, webte die Frau gerade einen Abschiedszauber aus Tränen, Schmerz, Liebe und Dankbarkeit. Es war ein großes Werk, das ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchte, und so merkte sie nicht, dass der Zauber, den sie spinnend und webend wirkte, nicht nur ihr Herz erfasste, sondern sich auch über die Hecke legte, die ihr kleines Haus umgab. Während die Rosen noch immer in allen Farben blühten und ihren süßen Duft verströmten, schlossen sich die Dornenranken immer enger und fester um den Garten und seine Bewohnerin. Wohl konnte man an der einen oder anderen Stelle noch hineinsehen und wer geschickt genug war, der fand auch noch einen Durchschlupf, doch es bedurfte einer großen Entschlossenheit, die Hecke zu durchdringen.

Zur gleichen Zeit näherte sich dem Land, in dem die Frau wohnte, vom Meer her ein Boot, das ziellos auf den Wogen dahintrieb. Darin saß ein junger Mann, versunken und träumend. Eine unbestimmte, mächtige Sehnsucht hatte ihn einst veranlasst, seine Reise zu beginnen, doch er verfolgte kein klares Ziel, sondern hatte sein Los den Wellen anvertraut. Viele Wochen und Monate war er bereits unterwegs und hatte von fern schon so manche Küste und so manches Ufer gesehen, ohne je einen Fuß an Land zu setzen. An diesem Morgen jedoch riss ihn ein süßer Duft aus seinen Träumen. Er hob den Kopf, ließ den Blick zum Ufer hinüberschweifen und entdeckte hoch auf einer Klippe das kleine Haus, das ganz und gar von Rosen überwuchert war. Er wusste nicht, wie ihm geschah, doch die Schönheit und der Duft dieser Blumen berührten sein Herz. Und zum ersten Mal seit langer, langer Zeit nahm er das Ruder zur Hand und steuerte auf die Küste zu.

Nachdem er sein Boot gut vertaut hatte, näherte sich der junge Mann dem Rosengarten. Staunend stand er vor der Hecke und war wie verzaubert von ihrer wilden Schönheit. Noch mehr aber traf ihn der Anblick der Frau, die er durch die kleinen Schlupflöcher der Hecke hindurch im Garten erspähte. Obgleich sie kaum anders aussah als andere Frauen, war sie in seinen Augen die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Ein wunderbares Strahlen schien von ihr auszugehen, das sein Herz ganz und gar erfasste und mit Liebe erfüllte. Er suchte einen Eingang, doch vergebens. Er konnte keinen finden. Also trat er ganz nah an die Hecke und rief nach der Hausherrin, die gerade im Garten die Rosen schnitt. Diese horchte auf, als sie seine Stimme vernahm, und suchte den, dem sie gehörte. Durch die Dornenranken hindurch sah sie ein freundliches Gesicht und ein Paar warme, helle Augen. Die Worte, die er sprach, berührten sie sehr und sie wollte ihn zu sich in den Garten bitten. Doch auch sie fand das Tor nicht mehr.

So blieb ihnen nichts anderes übrig, als auf beiden Seiten der Hecke stehenzubleiben und sich - nah und doch so fern - ihre Geschichten zu erzählen. Drei Tage und drei Nächte standen sie so und je mehr Zeit verstrich, umso vertrauter wurden sie einander. Der junge Mann versuchte mehrmals, die Hecke zu durchdringen, aber jedes Mal stachen ihn die scharfen Dornen und so musste er sein Vorhaben schließlich aufgeben. Es schien hoffnungslos. Auch die Frau wusste keinen Rat. All ihre Zauber schienen zu versagen. Was auch immer sie versuchte, sie vermochte die Hecke nicht zu öffnen. Traurig und entmutigt nahm der Mann Abschied von seiner Geliebten und kehrte müden Schrittes zu seinem Boot zurück. Erneut stach er in See, doch brachte er es nicht über sich, ganz davonzusegeln. Stattdessen steuerte er eine kleine Insel nicht weit vom Ufer an, wo er für eine Weile zu bleiben gedachte. Vielleicht gab es ja doch einen Weg in den Garten.

Die Frau blieb wehmütig und nachdenklich inmitten der Rosen zurück. Sie begriff, dass es ihr eigener Zauber war, der den Zugang verschlossen hielt, und nur sie selbst einen Ausweg finden konnte. Also zog sie sich sich in ihr Haus zurück und machte sich daran, eine Lösung zu suchen. Der junge Mann schloss auf seiner Insel unterdessen Freundschaft mit den Vögeln des Meeres. Er sprach mit ihnen, teilte sein Brot mit ihnen und seine Augen folgten ihrem Flug, wann immer sie hoch über den Wogen kreisten. Schließlich kam ihm ein Gedanke: Er bat sie, seiner Liebsten ein paar Botschaften und Zeichen seiner Liebe zu bringen. Die Vögel erfüllten seinen Wunsch und trugen die Blumen, Muscheln und kleinen Stückchen beschriebener Rinde bereitwillig übers Meer.

Als die Möwen mit ihren Geschenken am Fenster der schönen Spinnerin erschienen, lachte diese laut auf. Es war ein helles, fröhliches Lachen, denn nun wusste sie plötzlich, was zu tun war. Sie setzte sich an ihr Spinnrad und arbeitete fleißig und unermüdlich. Sie aß nicht, trank nicht und fand keine Ruhe, bis sie all ihre Zuneigung und Zärtlichkeit in ein federleichtes Garn verwandelt hatte. Aus diesem webte sie ein mächtiges Flügelpaar, das sie zum Himmel emporheben und weit übers Meer tragen sollte. Entschlossen stieg sie auf das Dach ihres Hauses, breitete die Schwingen aus und stürzte sich in die Tiefe. Und siehe da, die Flügel trugen sie! Höher und höher flog sie hinauf, der untergehenden Sonne entgegen. Der goldene Schimmer der Abendsonne wies ihr den Weg zur Insel, auf der sie ihren Liebsten wusste. Dieser stand wie jeden Abend dort unten und blickte unverwandt zum Ufer hinüber, wie so oft in der Hoffnung, ein Zeichen von der Frau zu empfangen, die er liebte. Als er nun den großen Vogel sah, der übers Meer auf ihn zugeflogen kam, staunte er nicht schlecht. Doch noch viel größer war sein Erstaunen, als er seine Geliebte erkannte, die dreimal über der Insel kreiste und sich schließlich sanft herniederließ. Die beiden standen sich gegenüber und sahen sich an. Und dann umarmten sie sich und küssten sich und waren glücklich wie die Kinder, denn nun gab es keine Hecken mehr und keine Dornen, sondern nur noch sie beide und die Liebe in ihren Herzen.

Nachtrag: Falls ihr euch nun fragt, was denn aus dem Haus mit dem Rosengarten wurde, so lasst euch sagen, dass die Hecke sich wie von selbst öffnete, als die beiden Hand in Hand ans Ufer zurückkehrten. Denn nachdem die Liebe ihnen beiden Flügel verliehen hatte, hatte der Dornenzauber seinen Zweck erfüllt und damit auch seine Macht verloren.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSusie schreibt am 08.01.2006 um 12:10 Uhr:Da dachte ich in den letzten Tagen schon, ich müßte mir Sorgen machen um Dich. Wie schön, daß ich mich mal wieder mit Dir freuen kann! Und wie schön, daß das auch trotz der Entfernung immer wieder funktioniert.

    Bin in Gedanken bei Dir.

  2. zitierenDarkHoneyLady schreibt am 09.01.2006 um 00:20 Uhr:Eine besonders schöne Variation des Dornröschens und Bildern aus anderen märchenhaften Erzählungen - zauberhaft in Worte gekleidet...

    ...und es scheint so, als ob die anderen Worte, deretwegen du so mit dir gehadert hast, auch nicht falsch gewesen sind...

    Ich freue mich mit dir!

  3. zitierenNimien schreibt am 09.01.2006 um 07:02 Uhr:Liebe Lady, Im Rückblick hatten alle Schritte und alle Worte, mochten sie auch in Dornen gekleidet sein, ihren Sinn und ihre Bedeutung. Du hattest völlig recht damit, dass auch das Nein und das Vielleicht gehört werden wollten. Sie halfen dem Mann, der mich liebte, die nötige Klarheit und Entschlossenheit zu entwickeln, die es dann mir wiederum möglich machten, mir Flügel wachsen zu lassen. Hab Dank für deine liebevolle Anteilnahme!
  4. zitierenNimien schreibt am 09.01.2006 um 07:03 Uhr:Liebe Susie, ich freue mich so über deinen lieben Kommentar und deine rege Anteilnahme an allem, was mir in den vergangenen Monaten widerfahren ist. Auch ich denke oft an dich und hoffe, bald von dir zu hören. Sei ganz herzlich gegrüßt!

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