Ein Tag im Fluss
Stimmung: Wohlig-schmelzend
Eine gemütliche Zugfahrt über die Dörfer. Ich bin überrascht, wie viel Schnee hier noch liegt. Doch in den Gärten und am Wegrand blühen schon Schneeglöckchen und Krokus, Weide und Hasel. Der Frühling liegt in der Luft, doch das Wetter ist nieselkalt. Umso wärmer und herzlicher fällt dafür unsere Begrüßung aus. Wir spüren einander zunächst mehr, als wir uns sehen - dabei stehen wir uns zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Fremd und doch vertraut.
Rubinrot funkelt der Früchtetee in der Kanne. Übermütig sprudeln die Worte durch den Raum. Obwohl wir schon so manches voneinander wissen, gibt es viel zu erzählen. Samtdunkle Erinnerungen, Traumbilder und Herzenssehnsüchte teilen wir miteinander, gewürzt mit fröhlicher Lebenslust und herzenswarmer Heiterkeit. Die Stunden fliegen nur so dahin. Eine kurze Fahrt über Land. Zwischen rauschenden Fluten buntes Glas und kantige Skulpturen. Zwei Buben, die einmal wunderbare Männer zu werden versprechen. Eine Frau singt mit warmer, voluminöser Stimme vertraute Melodien. Kander und Ebb. Und Gershwin: "Someday he'll come along, the man I love..." Meine Schwester hat dieses Lied vor Jahren einmal gesungen und schon damals liebte ich es.
Als später die Gemüsequiche auf dem Tisch dampft, ist die Stunde des Abschieds schon fast gekommen. Am Bahnhof noch eine lange, feste Umarmung. Und ein Versprechen: Auf Wiedersehen! Wohlig versunken in den Nachklang des Tages und die Gedanken und Bilder, die mir durch den Sinn huschen, mache ich mich auf den Heimweg. Nebelschwaden über den verschneiten Wiesen. Die Welt versinkt im Licht der Dämmerung. Ein wunderschöner Tag neigt sich seinem Ende zu.
