Gab es ein Matriarchat?
Stimmung: Inspiriert
Musik: Robbie Williams - Something Beautiful
In der letzten EMMA war zum ersten Mal, seit ich die Zeitschrift regelmäßig lese, ein Artikel über Matriarchate und deren Erforschung. Der Autor kam darin zu dem Schluss, dass die Matriarchatsforschung stark ideologisch geprägt sei und es Matriarchate im Sinne einer Herrschaft der Frauen so nie gegeben habe. Sie seien jedenfalls historisch nicht nachweisbar. Natürlich rief das Deutschlands berühmteste Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth auf den Plan, die einen ausführlichen Leserbrief an die EMMA schrieb und so manchen Fehler in der Argumentationslinie des EMMA-Artikels aufzeigte.
Ich habe beide Artikel mit großem Interesse verfolgt und finde diese Auseinandersetzung ungemein spannend. Die Begegnung mit der Matriarchatsforschung hat mich persönlich sehr inspiriert. Doch ich bin keine Historikerin und kann die wissenschaftliche Kompetenz einer Heide Göttner-Abendroth nicht beurteilen. Ich kann nur feststellen, dass mir ihre Definition matriarchaler Gesellschaften ungemein zusagt, dass sie in meinen Ohren präzise und fundiert klingt und sie meinen Horizont enorm erweitert hat. Allerdings kann ich auch erkennen, dass die Texte von Göttner-Abendroth bisweilen stark emotional gefärbt sind, dass sie Matriarchate und Patriarchate nicht wertfrei betrachtet, sondern erstere ihre eindeutige Sympathie genießen. Und ich kann sehen, dass Männer in ihren Artikeln ganz gerne mit einem leichten Naserümpfen bedacht werden.
Das ändert jedoch nichts daran, dass mir ihr Entwurf matriarchaler Gesellschaften - sei er nun historisch begründet oder visionär zu verstehen - gut gefällt. Ich empfinde es als höchst inspirierend, mir als Gegenentwurf zum Patriarchat eine Gesellschaft vorzustellen, in der die Erblinie über die Mütter läuft, in der Probleme im Konsens gelöst werden und die völlig andere soziale Strukturen hat. Vor allem das Konzept der Ehe in matriarchalen Gesellschaften hat mich fasziniert, weil es vollkommen anders ist als das, was wir kennen. Anfangs war ich davon höchst irritiert und abgestoßen, doch im Laufe der Zeit empfand ich diese Art des Zusammenlebens zwischen Liebenden als durchaus faszinierend.
Zum besseren Verständnis und damit ihr wisst, wovon ich hier überhaupt rede, zitiere ich am besten mal Heide Göttner-Abendroth:
"Matriarchate sind auf der sozialen Ebene Verwandtschaftsgesellschaften.Zur Rolle des Mannes darin wäre zu sagen, daß junge Männer, die das Mutterhaus nach der Heirat verlassen, nicht allzu weit gehen müssen. Sie gehen gerade zum benachbarten Clanhaus, das mit ihrem Clanhaus in Heiratsrelation steht, dort wohnen ihre Gattinnen. Und sie bleiben nicht lange fort, nur von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen.Diese Form der Ehe wird Besuchsehe genannt, sie ist eine sehr offene Form und auf die Nacht begrenzt. Das heißt, matriarchale Männer leben nicht bei ihren Gattinnen oder Liebes-partnerinnen, in deren Clanhaus sind sie nur zu Gast. Ihr Zuhause ist das mütterliche Clanhaus, in dem sie die Pflichten und Rechte eines vollen Clanmitglieds haben, denn hier leben und arbeiten sie."
Diesen Gedanken finde ich durchaus spannend. Ich will nicht sagen, dass er mein absolutes Ideal darstellt und ich mir keine bessere Art des Zusammenlebens vorstellen könnte. Aber die Idee, meinen Alltag mit meiner Sippe zu teilen, während sich meine Liebesbeziehungen vor allem in den erotischen Begegnungen der Nacht entfalten, gefällt mir. Es würde mich der Notwendigkeit entheben, einen Mann daraufhin zu prüfen, ob er mir Geliebter, Freund und Gefährte, sowie ein guter Vater für meine Kinder sein könnte - und zwar alles in einer Person. Es würde mich auch unabhängiger machen, denn ich müsste mir weit weniger Gedanken über die Konsequenzen einer Schwangerschaft machen, da ich mein Kind auf jeden Fall in meiner Sippe gut versorgt wüsste - selbst dann wenn die Liebesgeschichte zu jenem Mann eines Tages enden sollte.
Was mir an der Matriarchatsforschung gefällt, ist die Tatsache, dass sie die uns vertrauten Lebensformen nicht als die einzig mögliche und naturgegebene erscheinen lässt. Das regt meine Phantasie und Wunschkraft an und ermöglicht es mir, kunterbunte Visionen und Lebensentwürfe zu spinnen, die matriarchale und patriarchale Aspekte integrieren oder sogar darüber hinausführen. So etwas liebe ich - und da ist es mir ziemlich egal, ob Matriarchate historisch tatsächlich nachweisbar sind.

Es geht mir bei der Auseinandersetzung mit der Matriarchatsforschung auch nicht darum zu sagen \"Das ist definitiv die bessere Lebensweise\", sondern um Denkanstöße. Das Inspirierende an der Besuchsehe ist für mich die Idee, mein Leben nicht in allererster Linie auf den Säulen einer Partnerschaft aufzubauen, sondern viele verschiedene Säulen zu haben, die es mittragen. Das gefällt mir.
Ich persönlich bin übrigens, was die Alltagsfrage angeht, recht zwiegespalten, zumal ich meine Hoffnungen und Befürchtungen auch noch nicht an der Realität überprüfen konnte. Es gibt eine Seite in mir, die sich kaum etwas Schöneres vorstellen könnte, als mit dem Mann, den ich liebe, unter einem Dach zu leben und meinen Alltag mit ihm zu teilen. Und es gibt eine Seite, die davor zurückscheut - aus Angst, zuviel von mir selbst dabei zu verlieren und aufgeben zu müssen, und aus Sorge, dass der Zauber der Liebe darüber womöglich verlöschen könnte.
Du hast sicher recht: Es gibt auf diese Frage keine allgemeingültige Antwort, sondern nur sehr individuelle Entscheidungen. Des einen Alptraum ist des anderen Paradies. Menschen sind nun mal sehr verschieden.
Ein ganz wunderbares Wochenende wünsche ich dir, an dem du den anbrechenden Frühling so richtig geniessen kannst
Constanze
Dir wünsche ich einen wunderschönen Wochenbeginn und uns allen hoffentlich einen vielversprechenden Frühlingsanfang!