Sternentanz

11.03.2006 um 10:21 Uhr

Gab es ein Matriarchat?

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Inspiriert
Musik: Robbie Williams - Something Beautiful

In der letzten EMMA war zum ersten Mal, seit ich die Zeitschrift regelmäßig lese, ein Artikel über Matriarchate und deren Erforschung. Der Autor kam darin zu dem Schluss, dass die Matriarchatsforschung stark ideologisch geprägt sei und es Matriarchate im Sinne einer Herrschaft der Frauen so nie gegeben habe. Sie seien jedenfalls historisch nicht nachweisbar. Natürlich rief das Deutschlands berühmteste Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth auf den Plan, die einen ausführlichen Leserbrief an die EMMA schrieb und so manchen Fehler in der Argumentationslinie des EMMA-Artikels aufzeigte.

Ich habe beide Artikel mit großem Interesse verfolgt und finde diese Auseinandersetzung ungemein spannend. Die Begegnung mit der Matriarchatsforschung hat mich persönlich sehr inspiriert. Doch ich bin keine Historikerin und kann die wissenschaftliche Kompetenz einer Heide Göttner-Abendroth nicht beurteilen. Ich kann nur feststellen, dass mir ihre Definition matriarchaler Gesellschaften ungemein zusagt, dass sie in meinen Ohren präzise und fundiert klingt und sie meinen Horizont enorm erweitert hat. Allerdings kann ich auch erkennen, dass die Texte von Göttner-Abendroth bisweilen stark emotional gefärbt sind, dass sie Matriarchate und Patriarchate nicht wertfrei betrachtet, sondern erstere ihre eindeutige Sympathie genießen. Und ich kann sehen, dass Männer in ihren Artikeln ganz gerne mit einem leichten Naserümpfen bedacht werden.

Das ändert jedoch nichts daran, dass mir ihr Entwurf matriarchaler Gesellschaften - sei er nun historisch begründet oder visionär zu verstehen - gut gefällt. Ich empfinde es als höchst inspirierend, mir als Gegenentwurf zum Patriarchat eine Gesellschaft vorzustellen, in der die Erblinie über die Mütter läuft, in der Probleme im Konsens gelöst werden und die völlig andere soziale Strukturen hat. Vor allem das Konzept der Ehe in matriarchalen Gesellschaften hat mich fasziniert, weil es vollkommen anders ist als das, was wir kennen. Anfangs war ich davon höchst irritiert und abgestoßen, doch im Laufe der Zeit empfand ich diese Art des Zusammenlebens zwischen Liebenden als durchaus faszinierend.

Zum besseren Verständnis und damit ihr wisst, wovon ich hier überhaupt rede, zitiere ich am besten mal Heide Göttner-Abendroth:

"Matriarchate sind auf der sozialen Ebene Verwandtschaftsgesellschaften.Zur Rolle des Mannes darin wäre zu sagen, daß junge Männer, die das Mutterhaus nach der Heirat verlassen, nicht allzu weit gehen müssen. Sie gehen gerade zum benachbarten Clanhaus, das mit ihrem Clanhaus in Heiratsrelation steht, dort wohnen ihre Gattinnen. Und sie bleiben nicht lange fort, nur von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen.Diese Form der Ehe wird Besuchsehe genannt, sie ist eine sehr offene Form und auf die Nacht begrenzt. Das heißt, matriarchale Männer leben nicht bei ihren Gattinnen oder Liebes-partnerinnen, in deren Clanhaus sind sie nur zu Gast. Ihr Zuhause ist das mütterliche Clanhaus, in dem sie die Pflichten und Rechte eines vollen Clanmitglieds haben, denn hier leben und arbeiten sie."

Diesen Gedanken finde ich durchaus spannend. Ich will nicht sagen, dass er mein absolutes Ideal darstellt und ich mir keine bessere Art des Zusammenlebens vorstellen könnte. Aber die Idee, meinen Alltag mit meiner Sippe zu teilen, während sich meine Liebesbeziehungen vor allem in den erotischen Begegnungen der Nacht entfalten, gefällt mir. Es würde mich der Notwendigkeit entheben, einen Mann daraufhin zu prüfen, ob er mir Geliebter, Freund und Gefährte, sowie ein guter Vater für meine Kinder sein könnte - und zwar alles in einer Person. Es würde mich auch unabhängiger machen, denn ich müsste mir weit weniger Gedanken über die Konsequenzen einer Schwangerschaft machen, da ich mein Kind auf jeden Fall in meiner Sippe gut versorgt wüsste - selbst dann wenn die Liebesgeschichte zu jenem Mann eines Tages enden sollte.

Was mir an der Matriarchatsforschung gefällt, ist die Tatsache, dass sie die uns vertrauten Lebensformen nicht als die einzig mögliche und naturgegebene erscheinen lässt. Das regt meine Phantasie und Wunschkraft an und ermöglicht es mir, kunterbunte Visionen und Lebensentwürfe zu spinnen, die matriarchale und patriarchale Aspekte integrieren oder sogar darüber hinausführen. So etwas liebe ich - und da ist es mir ziemlich egal, ob Matriarchate historisch tatsächlich nachweisbar sind.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenskellington schreibt am 11.03.2006 um 12:12 Uhr:Auf mich klingt das Konzept \"Besuchsehe\" alles andere als ansprechend. Sicher - es hätte seine Vorteile, aber die Nacht kann doch nicht alles sein und jedes Mal mit monotoner Routine wieder zur Familie zurücklaufen oder laufen zu lassen, wenn die Sonne aufgeht, stelle ich mir für beide Ehepartner nicht sehr einfach vor. Man möchte doch schon mehr Zeit zur Verfügung haben als diese paar Stunden, in denen man zwangsläufig auch noch schlafen muss, wenn man der Familie am nächsten Tag noch von Nutzen sein will. Natürlich ist es dabei auch wichtig, ob man nun seiner Sippschaft oder dem Partner mehr zugetan ist. Ich für meinen Teil stehe dieser allnächtlichen Beziehung aus meiner eigenen Entscheidung heraus aber eher zweifelnd gegenüber.
  2. zitierenNimien schreibt am 11.03.2006 um 12:21 Uhr:Die Ehe allein auf die nächtlichen Stunden reduziert zu sehen, entspricht sicher auch nicht den Tatsachen. Da in den meisten matriarchalen Kulturen die Sippen nahe beieinander lebten, dürften die Eheleute sich sicherlich auch tagsüber begegnet sein und Zeit miteinander verbracht haben. Ich kann deine Einwände aber gut verstehen. Mir ging es ganz ähnlich, als ich das alles zum ersten Mal las. Und es stimmt, dass jede Medaille eine Kehrseite hat. Trotzdem fand ich den Gedanken ganz inspirierend, mit meinem Geliebten zwar regelmäßige Stunden der Intimität und Nähe, nicht aber den Alltag zu teilen.
  3. zitierenskellington schreibt am 11.03.2006 um 15:49 Uhr:Oh, aber ist das nicht auch ein Teil einer Beziehung? Sich im normalen Alltag erleben und eben nicht nur zu Hoch-Zeiten? Ich meine, wenn man sich nicht Tag für Tag sieht, dann kann man die Momente, die man hat, zu etwas besonderem machen, sich vorbereiten und gerade, weil man den anderen nicht ständig um sich hat, werden diese Treffen zu etwas ganz besonderem. So lernt man den Partner doch aber nicht vollständig kennen - sondern nur eine immer positive Variante, weil man eben fröhlicher ist, den anderen zu sehen, sollte es sonst nicht so oft der Fall sein. Wie in Fernbeziehungen. Ein Großteil der Schwächen und der unangenehmen Seiten, die eben vorwiegend im normalen Verhalten während des normalen Alltags hervortreten, bleiben einem so aber verborgen. Wenn die \"Besuchseheleute\" sich zwischendurch noch sehen, mag das nicht so extrem sein. Ich hätte dennoch Probleme damit.
  4. zitierenNimien schreibt am 11.03.2006 um 17:34 Uhr:Ja, genau darin liegt meines Erachtens die Stärke und gleichzeitig die Schwäche der Besuchsehe. Es mag Vorteile haben, wenn die Liebe nicht Gefahr läuft, zwischen den Verpflichtungen und Unstimmigkeiten des Alltags zerrieben zu werden, aber natürlich entstehen dadurch auch nicht dieselbe Intensität und Vertrautheit.



    Es geht mir bei der Auseinandersetzung mit der Matriarchatsforschung auch nicht darum zu sagen \"Das ist definitiv die bessere Lebensweise\", sondern um Denkanstöße. Das Inspirierende an der Besuchsehe ist für mich die Idee, mein Leben nicht in allererster Linie auf den Säulen einer Partnerschaft aufzubauen, sondern viele verschiedene Säulen zu haben, die es mittragen. Das gefällt mir.
  5. zitierenskellington schreibt am 11.03.2006 um 17:45 Uhr:Das Matriarchat habe ich mit keinem Wort erwähnt, ich wollte es auch gar nicht schlecht reden. ;) Nur die Besuchsehe war und ist mir unsympathisch. Für mich hat es eben mehr Schattenseiten, nur die Sonnenseiten des Partners zu erleben, aber zugegenermaßen fehlt mir die Erfahrung, um zu wissen, ob meine Liebe im Alltag sehr leiden müsste. Ich kann es mir aber nur schwerlich vorstellen. Zudem kann das ja jeder für sich selbst abwägen.
  6. zitierenNimien schreibt am 11.03.2006 um 17:57 Uhr:Vielleicht muss man auch berücksichtigen, dass wir einfach anders geprägt sind als Menschen, die in einer solchen Kultur aufgewachsen sind. Ich könnte mir vorstellen, dass in Matriarchaten die Verwandtschaftsbeziehungen einfach einen wesentlich höheren Stellenwert haben als Partnerschaften und womöglich die Beziehung zwischen Geschwistern inniger und vertrauter ist als die zwischen Eheleuten. Von daher kann man sicher die Strukturen auch nicht einfach so auf unsere Situation übertragen.



    Ich persönlich bin übrigens, was die Alltagsfrage angeht, recht zwiegespalten, zumal ich meine Hoffnungen und Befürchtungen auch noch nicht an der Realität überprüfen konnte. Es gibt eine Seite in mir, die sich kaum etwas Schöneres vorstellen könnte, als mit dem Mann, den ich liebe, unter einem Dach zu leben und meinen Alltag mit ihm zu teilen. Und es gibt eine Seite, die davor zurückscheut - aus Angst, zuviel von mir selbst dabei zu verlieren und aufgeben zu müssen, und aus Sorge, dass der Zauber der Liebe darüber womöglich verlöschen könnte.



    Du hast sicher recht: Es gibt auf diese Frage keine allgemeingültige Antwort, sondern nur sehr individuelle Entscheidungen. Des einen Alptraum ist des anderen Paradies. Menschen sind nun mal sehr verschieden.
  7. zitierenConstanze schreibt am 18.03.2006 um 13:40 Uhr:Heide Göttner-Abendroth ( was für ein Name für eine Matriarchatsforscherin ... ) liest am 29.März im Frauenbuchladen. Nur für den Fall, dass du es noch nicht wissen solltest ;-)



    Ein ganz wunderbares Wochenende wünsche ich dir, an dem du den anbrechenden Frühling so richtig geniessen kannst

    Constanze
  8. zitierenNimien schreibt am 19.03.2006 um 22:10 Uhr:Liebe Constanze, danke für den Tipp! Dass Heide Göttner-Abendroth im Frauenbuchladen liest, wusste ich tatsächlich noch nicht. Aber ich wollte sie immer schon mal kennen lernen und werde gleich mal nachschauen, ob ich den Termin wahrnehmen kann.



    Dir wünsche ich einen wunderschönen Wochenbeginn und uns allen hoffentlich einen vielversprechenden Frühlingsanfang!

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