Keine Lust
Stimmung: Nachdenklich
Musik: INXS - Questions
Die Lektüre von Elfriede Jelineks "Lust" habe ich, ich gebe es zu, nach rund 75 Seiten aufgegeben. Gemessen an der Zeit, die ich für das Lesen habe, und meinem Bedürfnis, beim Lesen ganz in einer Geschichte oder auch einem faszinierenden Gedankengang zu versinken, ist mir die Lektüre einfach zu anstrengend - und auch zu demoralisierend. Dabei habe ich mich an Jelineks spröden Schreibstil, die bruchstückhaften Sätze und die kühle Distanz ihrer Wortwahl durchaus gewöhnt und schließlich sogar Gefallen daran gefunden. Die Art, wie sie erzählt, ist für mich höchst ungewohnt, irritierend, streckenweise auch aufwühlend und beunruhigend. Ihr Blick auf die Sexualität zwischen Männern und Frauen ist hart und unerbittlich. Doch genau das ist es auch, was mich so befremdet. Denn obwohl ich durchaus ihre Ansicht teile, dass die jahrtausendelange Unterdrückung der Frau durch den Mann sicher auch eine sexuelle war (und in weiten Teilen immer noch ist), und auch ich schon frustrierende sexuelle Erfahrungen mit unsensiblen, selbstbezogenen und einfallslosen Liebhabern gemacht habe, erlebe ich mich nicht in der beschriebenen Weise als Opfer. Denn die Erfüllung meiner Sexualität ist ganz sicher nicht allein von dem Mann an meiner Seite abhängig, sondern liegt in hohem Maße auch in meiner eigenen Hand. (Das sogar bisweilen ganz buchstäblich.) Allerdings bin ich auch schon eine Tochter der postfeministischen Generation.
Natürlich gibt es mir zu denken, wenn ich mir Pornos ansehe, die ein gänzlich verzerrtes Bild der menschlichen Sexualität im Allgemeinen und der weiblichen im Besonderen zeichnen. Ich frage mich, wie viel diese Bilder, die so allgegenwärtig sind und so gerne konsumiert werden, in Männerhirnen anrichten. Dass sie dort überhaupt keine Wirkung hinterlassen, kann mir niemand erzählen. Die Frage ist nur, wie groß der Schaden ist, den sie anrichten. Inwieweit sind Menschen in der Lage, sich vom Gesehenen zu distanzieren und zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu differenzieren, wenn sie sich in einer stark von Emotionen und ursprünglichen Trieben und Instinkten geprägten Gemütslage derartigen Szenarien ausgesetzt sehen? Ich kann das Unbehagen einer Alice Schwarzer sehr gut verstehen, wenn sie aufsteht und eine groß angelegte PorNO-Kampagne ins Leben ruft - und doch bin ich mir unschlüssig, ob ein Verbot pornographischer Darstellungen tatsächlich eine Lösung wäre. Ich habe es durchaus auch schon erlebt, dass Männer auf ausgesprochen liebevolle, behutsame Weise mit den dargestellten Bildern umgegangen sind, indem sie beispielsweise ihre Freude an der Schönheit und Vielfalt nackter Frauenkörper zum Ausdruck brachte.
Dennoch bleibt es für mich ein Problem, dass die Bilder in unseren Köpfen (auch in denen der Frauen!) so stark von einer vorwiegend männlich orientierten Sexualität geprägt sind. Weibliche Eigenarten und Bedürfnisse fallen dabei völlig unter den Tisch. Damit wird es zur Aufgabe der Frauen, Männer mit den weiblichen Vorlieben vertraut zu machen und diese in der alltäglichen Sexualität zu etablieren. Das aber erfordert Selbstbewusstsein, Beherztheit und Erfahrung - Dinge, die gerade jungen Frauen oftmals fehlen. Wenn ich mich unter Frauen so umhöre, dann dauert ihr Weg hin zu einer wirklich befriedigenden und erfüllenden Sexualität oft viele Jahre und ist geprägt von zahlreichen frustrierenden und entmutigenden Erfahrungen. Natürlich gibt es immer Ausnahmen - auf beiden Seiten. Es gibt zärtliche, einfühlsame und leidenschaftliche Liebhaber und Frauen, die schon früh ihre sexuelle Erfüllung finden. Aber die Regel scheint das noch immer nicht zu sein.
In diesem Zusammenhang beschäftigt mich natürlich auch das Thema Prostitution. Was für eine Bedeutung hat es für die männliche Sexualität, dass weibliche Sexualität und weibliche Körper für Männer käuflich sind? Ich kann der Verharmlosung der Prostitution mit Verweis auf die deutliche Minderheit jener Frauen, die behaupten, Spaß an dieser Tätigkeit haben, überhaupt nichts abgewinnen. Für die meisten Frauen ist dies ein entwürdigendes Geschäft. Im besten Fall haben sie es gelernt, ihre Gefühle gar nicht mehr wahrzunehmen und sich auf diese Weise vor den verheerenden Folgen zu schützen. Doch wenn ich lese, dass die überwiegende Mehrheit aller Prostituierten schon in ihrer Kindheit sexueller Gewalt ausgesetzt war, dann weiß ich, was die Stunde geschlagen hat. Auch hier frage ich mich, ob mit einem Verbot der Prostitution irgendetwas gewonnen wäre. Dem Argument allerdings, dass es für manche Frauen existentiell wichtig sei, ihren Lebensunterhalt auf diese Weise zu verdienen, kann ich mich nicht anschließen. Denn dann ginge es eher darum, endlich die unsägliche finanzielle Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen zu beseitigen, als Frauen gnädig die Möglichkeit einzuräumen, gegen Geld für Männer die Beine breit zu machen.
Ich bin überzeugt davon, dass all dies beide Geschlechter zerstört - Männerseelen genauso wie Frauenseelen. Und wenn mir jemand erzählt, Prostitution sei das älteste Gewerbe, dann schließe ich daraus lediglich, dass Männer und Frauen offenbar schon seit sehr langer Zeit am bestehenden Machtgefälle zwischen den Geschlechtern Schaden nehmen.

1. weiß ich von einigen Männern, dass auch sie ihre Sexualität erst mit den Jahren als wirklich erfüllend und befriedigend empfinden, weil sie sich nicht mehr so *unter Strom* fühlen, weil sie in ihrem Empfinden kompletter und umfassender geworden sind, weil sie mehr Gefühl zulassen können... was vielleicht noch zu ergänzen wäre...
2. (anderer Bereich) hat mich sehr verwundert, als ich neulich in meiner Klasse Sexualunterricht machte, dass ich bei den Darstellungen der weiblichen Geschlechtsorgane lange nach einer Abbildung suchen musste, auf der auch eine Klitoris abgebildet ist. Bei den Erläuterungen in Schulbüchern usw. wird zwar vom männlichen Orgasmus (Samenerguss!!) in seiner Bedeutung als Voraussetzung für die Zeugung eines Kindes gesprochen - und dabei auch durchaus erwähnt, dass das lustvoll und wunderschön ist - nicht aber vom weiblichen Orgasmus. Eine Freundin und Kollegin meinte, das sei im vierten Schuljahr vielleicht nicht *dran*, aber ich finde das durchaus. Und ich habe mit den Kindern auch darüber gesprochen - nicht in epischer Breite, das Ganze ist ja ein sensibles Thema.
Ich werde noch weiter darüber nachdenken... :-)
Ich erinnere mich an ein Buch aus meiner Jugend, in dem stand, dass der Mond den weiblichen Zyklus beeinflusst, und dass in früheren Zeiten, als es noch keine künstlichen Lichtquellen gab, dieser Zyklus bei allen Frauen gleich war. Und dass die Lust in Zeiten der Empfängnisbereitschaft am größten war. Leider habe ich das Buch irgendwann einmal weggegeben. Jetzt hätte ich gerne wieder einmal darin nachgelesen, ob ich vielleicht gerade zufällig mit einer bestimmten Mondphase im Gleichklang bin. Ich fühle mich nämlich so … fruchtbar ;).
Viele Grüße!
@Bloomsbury: Diese Beeinflussung des weiblichen Zyklus durch den Mond empfinde ich als einen schönen Mythos aus dem Reich der Poesie, denke aber, dass es - zumindest in der heutigen Zeit - nicht mehr zutrifft. Der weibliche Zyklus ist starken, intereindividuellen Schwankungen unterworfen. Bei manchen Frauen dauert er nur 23 Tage, bei anderen 33 und er kann auch bei ein und derselben Frau mal länger und mal kürzer sein. Falls der Mond tatsächlich unsere Zyklen beeinflusst, dann ist er sicher nur EIN Einflussfaktor unter vielen. Ich würde das nicht überbewerten.
Viele Grüße euch beiden und einen schönen Abend!
Schöne Grüße ;-)
Im übrigen zwingen Menschen immer, wenn sie etwas gesetzlich regeln, anderen ihre moralischen Idealvorstellungen auf. Man könnte schließlich auch diskutieren, warum es eigentlich moralisch so verwerflich sein soll, andere Menschen zu töten. (In der Natur gibt es das allenthalben, dass Angehörige der eigenen Art umgebracht werden. Auch Kindstötung ist bei manchen Tierarten durchaus verbreitet. Warum also sollten wir uns daran stören?) Auch die Menschenrechte und das Grundgesetz sind Ausdruck moralischer Idealvorstellungen. Würdest du sie deshalb auch als abwegig bezeichnen?
Und ich glaube nicht, daß bei der Gesetzgebung moralische Vorstellungen im Vordergrund stehen. Es geht in erster Linie um das möglichst reibungslose Funktionieren des Gesamtsystems und die Interessen derjenigen, die diese Gesetze beschließen, und derjenigen, die die Gesetzgeber vertreten oder zu vertreten vorgeben.
Wäre die Prostitution tatsächlich in der gleichen Weise zumutbar wie etwa eine Fabriktätigkeit, dann müsste auch jenes Szenario vorstellbar sein, in dem einer Langzeitarbeitslosen vom Arbeitsamt eine Anstellung im Bordell vermittelt wird - mit der drohenden Konsequenz einer Kürzung der Bezüge, wenn sie diesen Job ablehnt. Für mich ist es jedoch nicht dasselbe - und dass es Frauen gibt, die von sich sagen, dass sie bewusst und gerne als Prostituierte arbeiten, ändert überhaupt nichts daran.
Und falls Gesetzgebung tatsächlich nichts mit moralischen Vorstellungen, sondern nur mit der Vertretung von Interessen zu tun hat, dann wäre doch wiederum überhaupt nichts gegen ein Verbot der Prostitution einzuwenden, solange ein solches die Interessen der Mehrheit vertritt. (Dass eine Minderheit nicht in der Lage sein dürfte, ein solches Verbot gegen die Interessen der Mehrheit durchzusetzen, versteht sich in einer Demokratie schließlich von selbst.)
Warum sollte die Mehrheit ein Interesse am Verbot der Prostitution haben? Die Mehrheit hat ebensowenig ein Interesse am Verbot der Prostitution wie am Verbot der Putzfrauentätigkeit, die mindestens ebenso gegen die "Würde des Menschen" verstößt, wenn man sie von außen und ausgehend von moralischen Kategorien betrachtet und den einzelnen so wenig ernst nimmt, daß man ihm vorzuschreiben erachtet, was gegen seine "Würde" verstößt und was nicht. Was gegen meine Würde verstößt und was nicht, das kann ich nur selbst entscheiden, und ich spreche jedem das Recht ab, sich für meine "Würde" einzusetzen, ohne mich vorher zu fragen.
Es ist immer ein einzelner, der entscheidet, was zumutbar ist und was nicht. Und ich würde jedenfalls wesentlich lieber für ordentlichres Geld der Prostitution nachgehen, als anderen, die es sich leisten können, für ein Almosen ihren Mist aus der Toilette zu kratzen.
Natürlich hat jeder Mensch selbst das Recht zu entscheiden, wann er sich in seiner Würde verletzt fühlt, und meine Kritik wendet sich auch keineswegs gegen die Prostituierten. Ich spreche allein für mich selbst: Ich empfinde die Tatsache, dass Sexualität in unserer Gesellschaft wie selbstverständlich als käufliches Gut betrachtet wird, sehr wohl als eine Verletzung der menschlichen Würde.
Ich wollte mich gar nicht mit den Gründen befassen, die für die Mehrheit von Interesse sein könnten (obwohl es ja durchaus vorstellbar wäre, dass eine Mehrheit der Wahlberechtigten eines Tages in weiter oder naher Zukunft zu dem Schluss käme, dass es für das Verhältnis zwischen Männern und Frauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter sinnvoll, nützlich und zielführend sein könnte, die Prostitution zu verbieten). Es ging mir nur darum, deutlich zu machen, dass ein solches Gesetz in einer Demokratie sowieso nur dann auf Dauer durchsetzbar wäre, wenn es im Sinne einer Mehrheit wäre. Vorher bleibt den Feministinnen sowieso nichts anderes übrig, als nur immer wieder auf die Missstände aufmerksam zu machen und das Bewusstsein in der Bevölkerung dafür zu schärfen.
Im Bereich der Sexualität heißt das, daß die Mehrheit, aus welchen Gründen auch immer, einer Minderheit ihre sexuellen Vorstellungen normativ aufdrücken würde. Das hatten wir schon früher, am ausgeprägtesten in der Nazizeit, wo eine mehrheitlich gewählte Regierung Pornographie und Prostitution verboten hat und Prostituierte verfolgt und ausgegrenzt wurden. (Obwohl die Prostitution etwa an den Fronten staatlich gefördert wurde.) Nur am Rande sei erwähnt, daß das natürlich auch für Homosexuelle galt, die sich, versehen mit rosa Winkeln, in Konzentrationslagern wiederfanden.
Ich halte gar nichts von der Umsetzung von Mehrheitsmeinungen im Bereich Sexualität, und alle ernstzunehmenden neueren Forschungen zeigen, wie kontraproduktiv Verbote sind. Wo Prostitution nicht behindert wird und Pornographie nicht verboten ist, gibt es zum Beispiel nicht etwa mehr Vergewaltigungen, sondern weniger.
Verbote tragen nicht nur nichts zur Lösung von Problemen bei, sondern schaffen häufig erst wirkliche Probleme. Im Bereich der Drogenproblematik ist das ganz ähnlich.
Der Ansicht, dass Verbote oftmals kontraproduktiv ist, schließe ich mich an. (Ich selbst stehe einem Verbot der Prostitution ja durchaus ambivalent gegenüber, wie du dich vielleicht erinnerst.) So wie du es formuliert hast, ist mir das aber viel zu pauschal. Heißt das, du wärst für eine Gesellschaft, die keinerlei Verbote kennt? Eine Gesellschaft, in der grundsätzlich alles erlaubt ist? Das kann ich mir nicht vorstellen. (Wenn doch, korrigiere mich bitte.) Andernfalls müsstest du deine Bemerkung noch weiter spezifizieren.
Ein Grundproblem in deiner nun folgenden Argumentation ist für mich die Gleichsetzung von Prostitution mit Sexualität. Das führt meines Erachtens völlig an der Sache vorbei. Ein Verbot der Prostitution wäre keinesfalls gleichbedeutend mit einem Verbot freizügiger Sexualität, sondern nur mit einem Handel damit. Das ist für mich ein gewaltiger Unterschied. Niemand würde es einem Mann verbieten, mit einer Frau seiner Wahl einvernehmlich sexuelle Handlungen vorzunehmen, solange er sich diese nicht mit Geld erkauft. Ich wende mich nicht gegen eine freie Sexualität AN SICH, sondern nur dagegen, dass Sexualität als Ware gehandelt wird.
Den Verweis auf die Nazizeit finde ich in diesem Zusammenhang völlig daneben. Du willst doch nicht im Ernst behaupten, dass das Nazi-Regime eine Demokratie war? Dass die NSDAP am Anfang mehrheitlich gewählt wurde, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Ob eine Regierung, die nicht mehr abgewählt werden kann, wirklich Mehrheitsinteressen vertritt, lässt sich ja wohl nicht mehr feststellen. Im übrigen zeigt gerade die von dir erwähnte Doppelmoral der Nazis, dass sie nicht im geringsten daran interessiert waren, Volksinteressen zu vertreten.
Dennoch gab es Verbote der Prostitution nicht nur früher, es gibt sie auch in der Gegenwart, z.B. in Schweden. Dort wird der käufliche Erwerb sexueller Dienstleistungen mit Geld- oder Freiheitsstrafen belegt.
Dass du in diesem Zusammenhang die Häufigkeit von Vergewaltigungen als Argument ins Feld führst, finde ich übrigens bezeichnend. Das zeigt doch nur, was Prostitution ihrem Wesen nach oftmals ist: Im voraus bezahlter Schadensersatz für eine erduldete Vergewaltigung! (Und das zeigt auch, dass es bei Prostitution oftmals gar nicht um Sexualität geht, sondern um Macht.)
2. Es kaufen nicht nur Männer sexuelle Dienstleistungen von Frauen, sondern auch Frauen von Männern und Männer von Männern.
3. Jeder hat das Recht darauf, zu sagen: Mein Körper gehört mir. Und das beinhaltet das Recht, diesen Körper gegen Entgelt zum Koffertragen oder zu was auch immer zur Verfügung zu stellen, solange das nicht gegen geltende Gesetze verstößt.
4. De facto wurde in Schweden der Straßenstrich abgeschafft, so daß die Städte jetzt "anständiger" und "sauberer" aussehen, und der Sextourismus gefördert, also das Problem anderswohin verschoben.
5. Daß Sexualität und Macht zusammenhängen, ist ein Faktum, und zwar nicht nur in käuflichen Beziehungen, sondern ganz allgemein, auch wenn das wegen der Subtilität der Erscheinungsformen nicht wahrgenommen wird. Und das nicht nur in einer Richtung, sondern wechselweise.
6. In allen Beziehungen zwischen Menschen geht es immer auch um Macht, ob wir das wollen oder nicht, ob wir das bemerken oder nicht. Das gilt für den Lehrer mit dem Rotstift ebenso wie für den Teenager, der durch sexy Kleidung und dergleichen seine Macht über das andere Geschlecht erprobt. Viele Huren freuen sich über ihre Macht, dem blöden Freier ein Maximum an Geld aus der Tasche zu ziehen, und manche Freier darüber, daß sein Geld die Macht hat, Bedürfnisse zu befriedigen, die er sonst nicht hätte befriedigen können oder wofür er bei seiner Frau oder Freundin möglicherweise erst mal viele Geschenke hätte machen müssen und dreimal Männchen. So einseitig, wie du glaubst, ist es nicht mit der Machtausübung.
Wissen wird als Machtmittel benutzt, Geld, gesellschaftliche Stellung, was auch immer. Ob die Predigt in der Kirche oder der Artikel in "Emma", der Liebesbrief oder der Werbetext – es geht immer auch um Macht. Dieser Drang ist allem Lebendigen immanent, und wir wären nicht da, wenn es nicht so wäre, denn dem Geschlechtstrieb, dieser Macht, verdanken wir unsere persönliche Existenz.
Prostitution findet auch in Schweden neue Wege; sie ist in den Untergrund gegangen. Die Straßenprostitution hat sich halbiert, aber laut Aussagen der Polizei gibt es Prostitution nach wie vor im selben Ausmaß - außerhalb der Sicht der Gesellschaft, der Kontrolle und der Unterstützungsmöglichkeiten für Prostituierte.
Es ist bekannt, dass die Anbahnung der Sexgeschäfte nun über Mobiltelefone, informelle Kontakte, in Hotels und Nachtklubs und via Internet getätigt wird. Die Anzahl der Wohnungsbordelle ist gestiegen, und auch die Macht und die Möglichkeiten der Zuhälter haben zugenommen!
Das ist das, was ich im Kommentar 11, unten meinte.
2. Das habe ich nie bestritten.
3. Meine Argumentation wendet sich auch nicht gegen die Prostituierten, sondern gegen die Freier. Ich spreche nicht den Prostituierten das Recht ab, sich zu prostituieren, sondern ich zweifle das Recht der Freier an, sich die Verfügungsgewalt über einen anderen Körper zu kaufen.
4. Das ist eines der Probleme, die mit einem Verbot der Prostitution einhergehen (allzumal wenn ein Land ein solches Verbot im europäischen Alleingang durchsetzt), aber ganz sicher kein Argument FÜR die Prostitution.
5. Selbstverständlich sind Sexualität und Macht untrennbar miteinander verbunden. Es gibt jedoch unterschiedliche Arten von Macht: "Macht über", also hierarchische Macht, die sich durch eine unterschiedliche Verteilung von Machtmitteln und unterschiedliche Verfügungsgewalt auszeichnet, und "Macht von innen", die unsere Fähigkeit bezeichnet, etwas zu bewirken und Einfluss zu nehmen.
6. Wie viele Huren, die ihre Macht derart genießen, wie du es beschreibst, kennst du denn? Ich halte das für einen Mythos, der ganz sicher nur auf eine kleine Minderheit aller Prostituierten zutrifft. Die Mehrzahl der Prostituierten würde ihren "Job" wahrscheinlich lieber heute als morgen an den Nagel hängen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätte. (Und meine persönliche Erfahrung ist auch, dass Frauen, die ihre "Macht" über Männer derart genießen, oftmals schwerwiegende Verletzungen durch Männer davongetragen haben - und diese Verletzungen setzen sich in der Regel weiter fort, aller subjektiv empfundenen Macht zum Trotz. Am Ende bleiben oft nur Ekel und Selbsthass.)
Ansonsten gilt zum Thema Macht für mich immer noch Punkt 5. Solange Sexualität auf der Ebene der "Macht von innen" stattfindet, gibt es für mich überhaupt keinen Grund einzuschreiben. Problematisch wird es für mich erst da, wo sie auf "Macht über" beruht.
Seit ich übrigens deinen neuesten Blogeintrag gelesen habe, frage ich mich übrigens, ob wir nicht völlig aneinander vorbeidiskutieren. Womöglich sprechen wir gar nicht über dasselbe, wenn wir den Begriff "Prostitution" verwenden.
Die meisten Menschen hängen ihren Job an den Nagel, wenn sie im Lotto groß gewinnen. Der größte Teil der Arbeitenden prostituiert sich, ich sehe graduelle, aber keine prinzipiellen Unterschiede.
Mein Begriff der Prostitution ist sicher breiter angelegt als deiner und mein Denken ganz allgemein weniger von Ideologie und von Wunschdenken geleitet als deines. Ich sehe die Dinge wahrscheinlich pragmatischer und weniger emotional als du, was nicht heißt, daß es mir an Emotionalität mangelt. Ich möchte nur nicht, daß mir die Brille beschlägt.
Und ich habe mir angewöhnt, so weit wie möglich von meinen persönlichen Wunschvorstellungen abzusehen, wenn ich ein klares Bild der mich umgebenden Gesellschaft haben will.
Macht ist immer Macht über. Das Meer trägt das Ufer ab, und das Ufer engt das Meer ein. Beides ist Ausdruck ein und desselben Machtstrebens. Wenn man das in Grenzen halten will, muß man sich darüber im klaren sein.
Ich wünsche dir einen wunderschönen Abend und zauberhafte Stunden mit der Frau deines Herzens!
Alter zusammen. ;-) Schöne Grüße