Meine Spiritualität
Stimmung: Erfüllt
Musik: Sissel - Sarah's Song
Nach längerer Zeit wieder einmal ein Freundinnenabend. Wir redeten lange, kreisten um verschiedene Themen und landeten schließlich bei der Feststellung, dass es Probleme gibt, die sich aus eigener Kraft kaum lösen lassen. Wenn ich zurückdenke an die großen Krisen meines Lebens, an die Zeiten des Liebeskummers, als ich verzweifelt und mit wund gescheuertem Herzen versuchte, halbwegs wieder auf die Beine zu kommen, dann gab es letztlich nur eine Sache, die mir jedes Mal den Mut gab, das alles zu überstehen: Meinen Glauben. Die schlimmste Krise hatte ich daher auch folgerichtig, als durch ein schlimmes Erlebnis mein Glauben ins Wanken geriet und alles, was ich bis dahin für gut und richtig gehalten hatte, mir plötzlich zweifelhaft erschien. Das war die erste und einzige Zeit in meinem Leben, in der für mich nachfühlbar wurde, warum Menschen sich umbringen.
Wenn ich von Glauben spreche, dann meine ich kein konfessionelles Bekenntnis. Ich bin katholisch getauft, jedoch vor vielen Jahren schon aus der katholischen Kirche ausgetreten. Meine religiösen Wurzeln finde ich seither in einer sehr individuellen, erdverbundenen und frauenzentrierten Spiritualität, in deren Zentrum die Göttin steht. Doch auch die Göttin ist nur ein Bild oder ein Symbol für mich, ein Symbol für das tiefe, unendliche Geheimnis des Lebens, ein zaghafter Versuch, dieses in irgendeiner Weise greifbar und erfahrbar werden zu lassen. Die Göttin ist die Erde, die Mutter Natur, und sie ist der nachtdunkle Sternenhimmel, der unseren Träumen eine Heimat gibt. Sie ist Wind und Feder, Woge und Welle, Feuer und Glut, Felsen und Stein - die Mutter allen Lebens. Doch sie ist auch in mir, denn in den tiefsten, verborgensten Winkeln meiner Seele begegne ich immer wieder ihrer Weisheit. Die Erfahrung von Spiritualität ist für mich letztlich die Erfahrung von Verbundenheit, die Erfahrung, in ein größeres Ganzes eingebettet zu sein, dem ich zutiefst angehöre.
Mich diesem Geheimnis anzuvertrauen mit all meiner Sehnsucht, meiner Ohnmacht und meiner Verzweiflung - mich ganz und gar hinzugeben und fallenzulassen im tiefen Vertrauen, aufgefangen und verwandelt zu werden, war in den schwierigen Phasen meines Lebens manchmal meine letzte Rettung. Es war, als würden durch diesen Schritt Kräfte in mir frei, die mir vorher verschlossen waren, als würden Dinge in Gang gesetzt, die ich anders nicht zu bewegen wusste. Und auch heute noch greife ich in Zeiten der Bedrängnis immer wieder auf diese Kraftquelle zurück, verbinde und verbünde mich mit ihr und vertraue mich ihr an. Ich wüsste nicht, was ich täte, hätte ich diesen Zugang nicht. Und manchmal frage ich mich, woraus Menschen ihre Kraft schöpfen, die keinerlei spirituellen Hintergrund haben. Ein lieber Freund, der ohne religiöse Erziehung aufgewachsen ist, sagte mir erst kürzlich, er beziehe diese Kraft aus der Liebe zu seiner Freundin. Ich kann das zutiefst nachfühlen und es berührt mich sehr, doch wenn ich daran denke, wie brüchig und vergänglich die Liebe in meinem eigenen Leben stets war, wäre ich an dieser Kraftquelle vermutlich eines Tages verzweifelt.
Doch meine Spiritualität ist mir nicht in erster Linie Krücke in schweren Zeiten. In der überwältigenden Mehrheit der Tage ist sie ein reiner Ausdruck meiner Lebensfreude und meiner tiefen Liebe zum Dasein. In meinen Ritualen feiere ich das Leben mit seinen ewigen Zyklen von Geburt, Wachstum, Blüte, Reife und Verfall. Sie sind Ausdruck der Demut und der Dankbarkeit ebenso wie der überschäumenden erotischen Kraft und des unbezähmbaren Stolzes. (Und die beiden wunderschönen Bilder, die meinen Eintrag heute begleiten, fand ich bei Spirit of Old. Leider, leider, leider sind diese Figur nicht mehr erhältlich. Ich hätte sonst auf der Stelle überlegt, sie mir zu kaufen.)


