Sternentanz

03.10.2005 um 15:47 Uhr

Mühlstein um meinen Hals

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: Genervt und gelangweilt, aber dennoch diszipliniert
Musik: Das wäre eigentlich eine gute Idee!

Zehn Jahre lang schleppe ich sie nun schon herum wie ein Relikt aus einem anderen Leben: Meine Doktorarbeit. Die Treue und Beharrlichkeit, mit der sie sich all die Jahre an mich geklammert hat, verblüfft mich selbst. Zwei Umzüge, zwei Jobwechsel und drei Liebesgeschichten hat sie überlebt. Und immer kam sie mir vor wie ein Mühlstein um meinen Hals, selbst in den Zeiten, in denen sie völlig auf Eis lag. Nun stehe ich kurz vor der Vollendung dieses Projekts. Die Arbeit selbst ist schon im Hochschulprüfungsamt, nur die Prüfung, das Rigorosum, wartet noch auf mich. "Noch in diesem Jahr", hat mein Doktorvater gesagt und ich habe das zum Anlass genommen, dem, was ich da zusammengeschustert habe, noch ein letztes Mal meine Aufmerksamkeit zu schenken.

So sitze ich nun also an meinen freien Tagen und Wochenenden über wissenschaftliche Texte und Studien gebeugt und frische meine Kenntnisse noch einmal auf. Es ist merkwürdig: Obwohl ich mich immer relativ schnell wieder auf das wissenschaftliche Denken einstellen kann, ist mir das alles doch unglaublich fremd, unendlich fern meinem Leben mit all seinem Zauber und seinen lebendigen Gefühlen. Es ist nicht die intellektuelle Anstrengung, die ich als Last empfinde, sondern die Mühe, mich einem Thema zu widmen, das so überhaupt nichts mit mir zu tun hat. Das mich nicht berührt, nicht bewegt, nicht begeistert. Die Zeit, die ich mit meiner Doktorarbeit verbringe, ist meinem Gefühl nach tote Zeit. Sie blüht nicht und trägt keine Früchte. Wie sehr sehne ich den Tag herbei, an dem ich das alles endlich, endlich hinter mir lassen und diesen albernen Titel nach Hause tragen kann. Was für ein unglaubliches Gefühl wird es sein, damit die letzte Verpflichtung über Bord zu werfen, die ich wider besseres Wissen auf mich genommen habe. Was danach auf mich wartet, ist Freiheit. Die Freiheit, nur noch Dinge zu tun, zu denen mein Herz wirklich Ja sagt. Hurra!

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSadeyes schreibt am 03.10.2005 um 17:22 Uhr:Bin heute über Deinen Weblog gestolpert. Du schreibst sehr schön! Habe mir erlaubt, Deinen Blog meinen Favoriten hinzuzufügen. Ich hoffe, das ist in Ordnung?!

    Liebe Grüße
  2. zitierenNimien schreibt am 03.10.2005 um 17:45 Uhr:Aber sicher ist das in Ordnung. Ich freue mich, wenn mein Weblog dir gefällt.

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