Sternentanz

09.11.2009 um 22:02 Uhr

Revolution des Gesundheitssystems

von: Nimien   Kategorie: Anders leben

Stimmung: Schmunzelnd
Musik: Craig Armstrong - Closing Credits: Bolero

 (c) Jetti Kuhlemann/pixelio

Vor einiger Zeit traf ich mich mit einem Bekannten. Wir waren mongolisch essen. Zwischen Fisch und Sojasprossen erklärte er mir seine Vision unseres Gesundheitssystems. Sämtliche Krankenkassen sollten abgeschafft werden, die Kosten für notwendige Behandlungen sollten stattdessen die Verursacher der Krankheiten selbst tragen. Wer zu viel rauche oder sich ungesund ernähre, sei selbst für daraus resultierende Erkrankungen verantwortlich. Wer hingegen neben einem Handymast wohne und daher strahlenbedingte Schäden davontrage, könne das benötigte Geld von der zuständigen Telekommunikationsfirma einfordern (sofern er selbst kein Handy besitze). Natürlich müsse es einen Sozialfond für genetisch bedingte Krankheiten geben. Ansonsten solle das frei werdende Geld zum einen in die Ursachenforschung und zum anderen in die schulische Gesundheitsaufklärung und -prävention fließen.

Ich halte diese Ausführungen für Unsinn. Zum einen glaube ich nicht daran, dass wir die Ursachen von Krankheiten je prozentual bis auf die Nachkommastelle genau werden festlegen können. Und zum anderen missfällt mir der Gedanke, dass Krankheit in erster Linie die Folge eines Fehlverhaltens sein und dieses dann auch noch bestraft werden soll. Das ist mir viel zu nah am alten Schuld-und-Sünde-Denken der kirchlichen Prediger. Viel besser gefällt mir die Annahme, dass Krankheiten nun mal ein integraler Bestandteil des Lebens sind, etwa weil Viren auch eine Daseinsberechtigung haben oder bei natürlichen Evolutionsprozessen gelegentlich etwas schief gehen kann. Natürlich gibt es Krankheiten, die ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen würde. Aber das ändert nichts daran, dass die entscheidende Frage im Falle einer Erkrankung nicht "Warum?" ist, sondern "Was nun?". Das gilt sowohl für die geeignete Behandlung, die im Idealfall zur Genesung führen sollte, als auch für die innere Einstellung, mit der wir diesen Prozess begleiten. 

Ich habe ja den Verdacht, dass die oben beschriebene Vision eines auf Prävention und Prophylaxe basierenden Gesundheitssystems das Ergebnis einer tiefsitzenden Angst ist: der Angst vor der Unkontrollierbarkeit des Lebens. Für die Finanzierung des heutigen Gesundheitssystems habe ich allerdings, das gebe ich zu, auf Anhieb auch keine schlaue Lösung parat.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenrougenoir schreibt am 10.11.2009 um 00:57 Uhr:Hmmm ... ich frage mich, wie man feststellen will, wer der Verursacher psychischer Krankheiten ist, die ja immer mehr zunehmen. Ist nicht Sucht auch eine solche? Und dazu gehören ja auch Nikotin- und Alkoholsucht und "ungesunde Ernährung" kann man auch nicht immer als "Unwillen" bezeichnen.
    Ein solches Gesundheitssystem fände ich also auch eher ... ähm, daneben. Dass es mittlerweile Vergünstigungen für gesunde Lebensweise bei Krankenkassen gibt finde ich eigentlich eine gtute Idee. Man wird nicht für eine "schlechte" Lebensweise bestraft, sondern für eine "gute" belohnt. Finde ich persönlich sehr viel motivierender.
  2. zitierenNimien schreibt am 10.11.2009 um 07:06 Uhr:Genau das ist ja das Problem: Gerade bei psychischen Krankheiten gibt es oft eine so genannte multifaktorielle Verursachung, d. h. viele verschiedene Faktoren greifen ineinander und begünstigen die Störung. Oft sind familiäre Einflüsse von Bedeutung, aber die Eltern waren ja wiederum selbst auch schon familiären Einflüssen ausgesetzt und so fort.

    Die positiven Anreize für gesunde Lebensweise gefallen mir auch besser. Aber es kommt nun mal vor, dass auch Menschen krank werden, die rundum gesund leben. So einfach ist das nun mal nicht mit dem gesund und krank sein.
  3. zitierenrougenoir schreibt am 11.11.2009 um 01:02 Uhr:Denke ich auch. Das "Gesundheitssystem" krankt vielleicht an ganz anderen Dingen, nicht an "ungesund lebenden" Menschen :).
  4. zitierenartemisia schreibt am 12.11.2009 um 07:11 Uhr:Ein interessanter Roman zu diesem Thema ist "Corpus delicti" von Juli Zeh. Hier wird eine Gesellschaft skizziert, in der "ungesunde Verhaltensweisen" letztlich staatlich kontrolliert und als Verbrechen verfolgt werden.

    LG Artemisia
  5. zitierenNimien schreibt am 12.11.2009 um 22:17 Uhr:Klingt ja nach spannender Lektüre. :)

Diesen Eintrag kommentieren