Tanzende Sterne
Stimmung: Inspiriert
Musik: Barbra Streisand - Prisoner
Die neu entstandenen Freiräume machen sich bereits positiv bemerkbar. Gestern Abend habe ich seit langem mal wieder einer uralten Leidenschaft gefrönt: Der Kunst der Sterndeutung. Ich war 13 oder 14 Jahre alt, als ich zum ersten Mal mit dieser Materie in Berührung kam. Damals machte meine Mutter einen Astrologiekurs an der Volkshochschule und ich erinnere mich noch, dass ich an diesen Abenden stets ungeduldig in meinem Bett darauf wartete, bis sie nach Hause kam, nur um ihr dann sofort die Handzettel mit den Informationen aus den Tierkreiszeichen aus der Hand zu reißen. "Irgendwie bin ich viel mehr Jungfrau als Wassermann", dachte ich beim ersten Überfliegen. (Wenig später sollte sich herausstellen, dass mein Aszendent in der Jungfrau liegt.)
Bald darauf saß auch ich in meinem ersten Astrologiekurs und sog das Wissen, das mir dort vermittelt wurde, begierig in mich auf. Natürlich war ich damals ein geeignetes "Opfer" für jede Form esoterischer Welterklärung: Selbstunsicher, nachdenklich, anders als die anderen und sehnsüchtig auf der Suche nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Dementsprechend tappte ich, nachdem ich die Antwort gefunden zu haben glaubte, auch in die typischen Fallen der Astrologie - allen voran jene, mein Wissen gefragt oder ungefragt so ziemlich jedem aufs Auge zu drücken und in vereinfachender Schubladisierung die Komplexität menschlicher Beziehungen auf astrologische Strukturen zu reduzieren. Es dauerte Jahre, bis ich mich innerhalb des astrologischen Denkens emanzipierte und die Freiheit entwickelte, der Sternenkunde mit Heiterkeit und spielerischer Leichtigkeit zu begegnen, anstatt mit missionarischem Eifer.
Obwohl ich der klassischen Esoterik irgendwann den Rücken kehrte, blieb ich den Sternen doch treu. Die Astrologie berührte einerseits meine Begeisterung für Zahlen, Tabellen, präzise Berechnungen und komplexe Zusammenhänge, andererseits nährte sie meine Freude an der reichen Bilderwelt der menschlichen Seele, mein Staunen und meine Hingabe an die Magie und das Geheimnis des Lebens. Längst war mir bewusst, dass die Thesen der Astrologie sich jeder wissenschaftlichen Überprüfbarkeit entzogen, ich kannte den Barnum-Effekt und wusste um die Neigung des menschlichen Geistes, Denkfehlern und irrationalen Verzerrungen zu unterliegen. Und dennoch fühlte ich mich mit der Astrologie rundum wohl. Anstatt sie als absolute Wahrheit zu verstehen und ihren empirischen Anspruch zu verfechten, näherte ich mich ihr als einer Quelle der Inspiration und der Poesie.
Das Bild, dessen ich mich bediene, wenn ich versuche, das Wesen der Astrologie zu erklären, ist das der Musik. Ich betrachte die Sterne nicht als stumm und leblos, sondern als eingebunden in jenes große, wunderbare Geschehen fortwährender Verständigung, das wir "Leben" oder Dasein" nennen. Die Planeten singen bei unserer Geburt, sie flüstern, murmeln und raunen, während wir heranwachsen und manchmal schwillt ihr Gesang an zu einem großartigen Chor. Das Geburtshoroskop verstehe ich dementsprechend als eine Art Notenblatt, denn wer gelernt hat, darin zu lesen, kann die Lieder heraushören, mit denen die Sterne unsere Geburt begleitet haben. Ich stelle mir vor, dass diese Lieder noch heute in uns nachklingen. Jede einzelne Zelle unseres Körpers, jeder Gedanke und jede Gefühlsregung singt und summt in dieser Harmonie - mal lauter, mal leiser, mal in Einklang, mal in Dissonanz mit den Melodien anderer Lebewesen.
Die Planetenkonstellationen mit ihren Aspektlinien sind wie ein Energiemuster, durch das wir unser individuelles Wesen zum Ausdruck bringen. Sie sind wie ein Tanz, den wir uns entschließen zu tanzen, aber wir können, wenn wir wollen, auch jederzeit in die Mitte des Kreises zurückkehren und dort einfach sitzen und atmen. Dann sind wir alle Tanzfiguren, alle Melodien und alle Harmonien auf einmal. Aus diesem Grund ist die Astrologie, so wie ich sie verstehe, in erster Linie ein Tanz, ein Spiel. Sie mag heilsam sein und uns helfen, uns so anzunehmen, wie wir sind. Sie eröffnet uns tiefe Einsichten, zeigt uns die Energiemuster auf, entlang derer wir unser Leben weben, und schenkt uns das Gefühl, eingebunden zu sein in den Kosmos, verwoben mit dem Tanz der Gestirne. Aber all diese Geschenke eröffnen sich uns nur, wenn wir die Deutung eines individuellen Horoskops nicht überbewerten.

Allerdings machte meine Mutter keinen solchen Kurs ( dafür ist sie jetzt bei ner Horoskop-Seite angemeldet ) und ich hatte, im Gegenzug zu dir, das Gefühl, so gut wie gar nichts zu wissen, je mehr ich einstieg.
Ich wünsche dir einen sternentanzenden Abend :-)
Constanze
Viele funkelnde, tanzende Sterne auch dir, liebe Constanze!