Sternentanz

30.04.2005 um 00:43 Uhr

Zwischen den Fronten

von: Nimien   Kategorie: Seelenspiegel

Stimmung: müde, ausgelaugt, traurig
Musik: --

Ich habe eine merkwürdige Marotte: Wenn zwei Personen aus meinem näheren Umfeld in einen Konflikt geraten und sich gegenseitig in einen Teufelskreis aus Verletzungen und Vorwürfen verstricken, dann erwacht in mir sofort der Impuls zu vermitteln. Und meistens geht das ganz fürchterlich schief. Dabei sollte ich es eigentlich besser wissen. Es gibt eine professionelle Grundregel meines Berufsstandes, die besagt, dass bestimmte Interventionen eine therapeutische Distanz erfordern - die natürlich nicht gegeben ist, wenn mir die beiden Streithähne zutiefst am Herzen liegen.

Vermutlich habe ich eine gewisse Begabung, mich in andere Menschen einzufühlen und mich auf ihr Denken, Fühlen und Handeln einzustellen. In Konflikten bin ich oftmals in der Lage, beide Seiten zu verstehen und ihre Beweggründe nachzuvollziehen. Wenn ich dann längere Zeit mit der einen Person rede, erwacht in mir früher oder später das Bedürfnis, der anderen Person diese Sichtweise zu vermitteln und verständlich zu machen. Und wenn ich dann wiederum mit der anderen Person spreche, möchte ich deren Gefühle und Empfindungen der ersteren klar machen.

Das mag im Beruf ganz hilfreich sein. Im Privatleben ist es Gift. Es laugt mich völlig aus. Zerreißt mich innerlich. Am Ende habe ich das Gefühl, zwischen allen Stühlen zu sitzen und beide Seiten fürchterlich enttäuscht zu haben. Ich fühle mich hohl und leer. Mein Nacken schmerzt. Meine Hände sind kalt. Manchmal ist mir regelrecht übel. Ich fühle einfach zu sehr mit. Wenn sich keine Harmonie herstellen lässt, spüre ich das geradezu körperlich. In beruflichen Zusammenhängen ist das völlig anders. Da bin ich viel ruhiger und gelassener, wenn es um solche Dinge geht. Im Privaten reibt es mich auf.

Wie oft habe ich mir schon geschworen, die Finger davon zu lassen? Und doch passiert es mir immer wieder. Weil die betroffenen Menschen mir leid tun. Weil ich ihre Not so deutlich spüre. Weil ich größenwahnsinnig genug bin anzunehmen, dass ich vielleicht etwas bewirken könnte. Weil ich einfach nicht glauben kann, dass es keinen Weg zur Versöhnung geben soll. Dabei sollte ich längst wissen, dass selbst wenn es einen gibt, nicht ich diejenige sein kann, die ihn begleitet.


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