Sternentanz

01.05.2006 um 00:41 Uhr

Nur für Frauen!

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Frauenbewegt und männerverstehend

Passend zur Walpurgisnacht, die ich erst morgen rituell begehen werde, beschäftigte mich heute die Frage der Rechtfertigung eigener Frauenräume. Anlass war ein Gespräch mit einer lieben Bekannten, in dem sie mir von einem eigenen Erotik-Laden für Frauen in München erzählte. Als ich diesen heute meinem Freund gegenüber erwähnte, reagierte der überraschend ablehnend darauf: "Ein eigener Laden nur für Frauen hat etwas Rassistisches, finde ich." Ich war erst einmal sprachlos und fing dann natürlich umgehend zu argumentieren an: Solange Frauen noch in solch hohem Maße der sexuellen Gewalt durch Männer ausgesetzt sind, braucht es eigene Schutzräume für Frauen, in denen diese völlig frei von jeder männlichen Einflussnahme ihre Sinnlichkeit und Erotik entdecken können. Doch mein Freund ließ sich von diesem Argument nicht überzeugen.

Er fand es völlig in Ordnung, ein Ladenkonzept zu entwickeln, das voll und ganz auf die Bedürfnisse von Frauen abgestimmt sei und sich durch ein ansprechendes Ambiente insbesondere von den schmuddeligen Sexshops der Bahnhofsviertel abhebe. Den Männern dann allerdings den Zutritt zu solchen Geschäftsräumen zu verbieten, empfand er als diskriminierend. Selbst die Tatsache, dass es bei "Ladies First" einen sogenannten "Partnertag" gibt, konnte ihn nicht versöhnen. "Ich würde mich an einem solchen Tag bestenfalls geduldet fühlen. Und was ist, wenn ich dir eine Überraschung zum Geburtstag kaufen möchte?" Die feurig Vehemenz seiner Argumentation brachte mich tatsächlich ins Grübeln.

Je länger ich darüber nachdachte, umso mehr konnte ich seinen Standpunkt nachvollziehen. Ich selbst bin Universalistin, halte nicht viel von der Spaltung der Menschheit in Männer und Frauen und betone immer wieder, wie ähnlich die Geschlechter sich doch im Grunde ihres Herzens sind. Tatsächlich widerspricht die Existenz eigener Frauenräume, aus denen Männer radikal ausgeschlossen werden, dieser Sichtweise. Und doch habe auch ich selbst schon solche Räume als sehr wohltuend und Geborgenheit spendend erlebt. Die Frage, ob dadurch die Kluft zwischen den Geschlechtern nicht noch vertieft wird, erscheint mir jedoch berechtigt.

"Dass Frauen befürchten, in Sex-Shops von Spannern, Grapschern oder sonstigen Zudringlichkeiten belästigt zu werden, ist doch im wesentlichen ein Vorurteil", führte mein Freund weiter ins Feld. "Viele Männer, die in solche Läden gehen, schämen sich eher selbst und wollen nicht dabei ertappt werden, sich den neuesten Porno zu kaufen." Dieses Argument ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Es ist anzunehmen, dass eine gewisse, für Frauen eher unangenehme Klientel einem reinen Frauenerotikladen, in dem es keine Pornos und keine speziell auf Männer zugeschnittene Produkte gibt, mit hoher Wahrscheinlichkeit sowieso fernbleiben würde. So hielt mein Liebster auch die "Women Only"-Strategie im wesentlichen für ein Marketingkonzept und weniger für eine emanzipatorische Notwendigkeit.

Demgegenüber steht meine Erfahrung, dass es eine Menge Frauen gibt, die bereits mit sexualisierter Gewalt in Berührung gekommen sind - von der sexuellen Belästigung bis hin zu Vergewaltigung und sexueller Traumatisierung. Solche Frauen brauchen Räume, in denen sie sich wirklich geschützt und sicher fühlen können. Und das erfordert manchmal sogar die völlig Abwesenheit von Männern. Von daher greift für mich der Vergleich mit dem Nazi-Regime oder der Rassentrennung in Amerika nicht im geringsten. Denn in diesen Fällen wurden bestimmte Bevölkerungsgruppen systematisch unterdrückt, benachteiligt, ausgegrenzt und sogar verfolgt. Das kann man einer Ladeninhaberin, die ein "Nur für Frauen"-Schild an die Tür hängt, nun wirklich nicht vorwerfen. Die entscheidende Frage dürfte also sein: Werden Männer durch die Existenz reiner Frauenräume ernsthaft benachteiligt? (Denn genau das bedeutet das Wort "Diskriminierung".)

Meines Erachtens ist das nicht der Fall. Solange Frauen in so vielen Lebensbereichen noch immer zurückstecken, solange Männer den öffentlichen Raum weiter dominieren, darf es eigene Frauenräume geben, um ein Gegengewicht zu schaffen, ohne dass dies nun wiederum eine Diskriminierung der Männer darstellt. Allerdings kann ich verstehen, dass Männer sich dadurch bisweilen ausgegrenzt und brüskiert fühlen, und im Sinne eines gleichberechtigten, respektvollen Miteinanders der Geschlechter sind diese Maßnahmen nicht immer die beste Lösung. (Die radikalen Feministinnen werden mich für diese Einstellung rügen, aber ich gehöre nun einmal nicht zur militant-feministischen Fraktion.) In der Diskussion mit meinem Freund einigten wir uns schließlich darauf, dass es ein akzeptabler Kompromiss wäre, in einem solchen Laden reine "Frauentage" einzuführen, wie es sie beispielsweise in der Sauna gibt, die Läden ansonsten aber auch für Männer zu öffnen.

25.04.2006 um 23:53 Uhr

Ich glaub's nicht!

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Um Fassung ringend
Musik: Johanna von Koczian - Das bisschen Haushalt (vor mich hin summend)

Soeben habe ich auf sueddeutsche.de einen Artikel entdeckt, bei dessen Lektüre ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen sollte. Die Tagesschau-Moderatorin Eva Herman zeigt sich mit einem Beitrag für die Zeitschrift "Cicero" als Verfechterin eines derart reaktionären Frauenbildes, dass mir beim Lesen fast die Luft wegblieb. Sie wirft den modernen Frauen "Selbstüberschätzung und unreflektierte Emanzipationsgläubigkeit" vor, macht pauschal die "fehlende Bemutterung" für die Verhaltensdefizite der Kinder verantwortlich und kokettiert sogar mit dem christlichen Fundamentalismus, wenn sie behauptet: "Es ist die Frau, die in der Wahrnehmung ihres Schöpfungsauftrags die Familie zusammenhalten kann." Guten Abend, gut Nacht, kann ich da nur sagen. Bei so viel festgefahrenem Geschlechtsrollenfanatismus fällt mir echt nichts mehr ein!

30.03.2006 um 00:01 Uhr

Alarmstufe Rot!

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Feurig

Dieser Tage habe ich auf sueddeutsche.de einen spannenden Artikel gelesen mit dem schönen Titel: "Die Rückkehr des Mannes - Mach's noch einmal, Macho!" Darin wird die bevorstehende Wiederkehr des Patriarchats prophezeit. Die SZ stützt sich dabei auf einen Artikel von Phillip Longman, in dem dieser den rapiden Rückgang der Geburtenrate als massive gesellschaftliche Bedrohung analysiert und darauf seine Argumentation aufbaut. Ich möchte im folgenden ein paar Zitate herausgreifen und meine Gedanken dazu formulieren:

"Wenn die - reale oder eingebildete - Angst vor dem Untergang der eigenen Gemeinschaft überhand nimmt, erklären Männer ihr Fortbestehen wieder zur Chefsache, ohne viel Rücksicht auf emanzipatorische Empfindlichkeiten."

"Wenn 1994 Selbstbestimmung der Frauen das Bevölkerungswachstum aufhalten konnte - was läge näher, als im umgekehrten Fall das Gegenteil zu propagieren? Das direkt zu fordern, könnte sich kein westlicher Politiker mehr erlauben. Aber hie und da, in hingeworfenen Bemerkungen, scheint das altneue Bild jener Frau wieder auf, die in erster Linie ihre Familie zusammenhält - doch weniger als selbstständige Erwerbstätige denn als emotionale und soziale Mutterpflanze."

Sollte dies tatsächlich so sein, würden am Ende die radikalen Feministinnen Recht behalten, die schon immer argumentiert haben, dass Männer ihre Privilegien niemals freiwillig räumen und Frauen sich keinesfalls auf deren Kooperation verlassen dürfen. Denn dann bekäme der Begriff "Geschlechterkampf" wieder eine völlig neue Bedeutung. Schließlich geht es bei der Gleichberechtigung ja nicht allein um "emanzipatorische Empfindlichkeiten", sondern durchaus auch um die Frage, inwieweit Frauen bereit und in der Lage sind, für ihre Rechte zu kämpfen und sich gegen Unterdrückung zur Wehr zu setzen.

"Für Longmans These sprechen historische, vor allem aber auch sozialbiologische Erfahrungen. Zum einen haben sich gesellschaftliche Werte bislang noch immer ins Konservativ-Patriarchalische gewendet, wenn die Angst vor einem möglichen 'Aussterben' der eigenen Bevölkerung zunahm."

Diese These stimmt mich nachdenklich, denn einige MatriarchatsforscherInnen kommen zu einer ähnlichen Annahme. Unter Bedingungen, die das Überleben eines Volkes oder eines Stammes stark gefährden, besteht offenbar tatsächlich ein erhöhtes Risiko für das Aufkeimen patriarchalischer Gesellschaftsstrukturen. Ich wehre mich allerdings dagegen, dass dies die einzige und letztgültige Lösung sein soll. Wäre es nicht möglich und sogar wünschenswert, gänzlich neue Konzepte des Zusammenlebens zu entwerfen? 

"Zum anderen ist die Rückkehr des Patriarchats, so Longman, eine Frage der Zeit und der Biologie: Der konservative Teil der Bevölkerung vermehre sich stärker als der progressive. (...) 'Das ausgedehnte kinderlose Segment der heutigen Gesellschaft, dessen Mitglieder überproportional aus der feministischen Bewegung und der Gegenkultur der sechziger und siebziger Jahre stammen, wird kein genetisches Erbe zurücklassen', schreibt Longman, 'und es wird ebenso wenig emotionalen oder psychologischen Einfluss auf die nächste Generation ausüben.'"

Es ist dieses Argument, das ich wirklich alarmierend finde, denn es ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Allerdings frage ich mich, ob Frauen oder Männer tatsächlich Kinder haben müssen, um emotionalen oder psychologischen Einfluss auf die nächste Generation auszuüben. Alice Schwarzer beispielsweise hat meines Wissens keine Kinder und sie hatte definitiv großen Einfluss auf ihre eigene und die nachfolgenden Generationen. Dieses Argument zementiert mal wieder die Ansicht, dass Prägung nur im Rahmen der Kleinfamilie stattfindet. Auch wenn ich diese nicht leugnen möchte, gibt es doch zahlreiche andere Einflussgrößen, die nicht vernachlässigt werden dürfen und die oftmals sogar schwerer wiegen als die elterlichen Einflüsterungen.

11.03.2006 um 10:21 Uhr

Gab es ein Matriarchat?

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Inspiriert
Musik: Robbie Williams - Something Beautiful

In der letzten EMMA war zum ersten Mal, seit ich die Zeitschrift regelmäßig lese, ein Artikel über Matriarchate und deren Erforschung. Der Autor kam darin zu dem Schluss, dass die Matriarchatsforschung stark ideologisch geprägt sei und es Matriarchate im Sinne einer Herrschaft der Frauen so nie gegeben habe. Sie seien jedenfalls historisch nicht nachweisbar. Natürlich rief das Deutschlands berühmteste Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth auf den Plan, die einen ausführlichen Leserbrief an die EMMA schrieb und so manchen Fehler in der Argumentationslinie des EMMA-Artikels aufzeigte.

Ich habe beide Artikel mit großem Interesse verfolgt und finde diese Auseinandersetzung ungemein spannend. Die Begegnung mit der Matriarchatsforschung hat mich persönlich sehr inspiriert. Doch ich bin keine Historikerin und kann die wissenschaftliche Kompetenz einer Heide Göttner-Abendroth nicht beurteilen. Ich kann nur feststellen, dass mir ihre Definition matriarchaler Gesellschaften ungemein zusagt, dass sie in meinen Ohren präzise und fundiert klingt und sie meinen Horizont enorm erweitert hat. Allerdings kann ich auch erkennen, dass die Texte von Göttner-Abendroth bisweilen stark emotional gefärbt sind, dass sie Matriarchate und Patriarchate nicht wertfrei betrachtet, sondern erstere ihre eindeutige Sympathie genießen. Und ich kann sehen, dass Männer in ihren Artikeln ganz gerne mit einem leichten Naserümpfen bedacht werden.

Das ändert jedoch nichts daran, dass mir ihr Entwurf matriarchaler Gesellschaften - sei er nun historisch begründet oder visionär zu verstehen - gut gefällt. Ich empfinde es als höchst inspirierend, mir als Gegenentwurf zum Patriarchat eine Gesellschaft vorzustellen, in der die Erblinie über die Mütter läuft, in der Probleme im Konsens gelöst werden und die völlig andere soziale Strukturen hat. Vor allem das Konzept der Ehe in matriarchalen Gesellschaften hat mich fasziniert, weil es vollkommen anders ist als das, was wir kennen. Anfangs war ich davon höchst irritiert und abgestoßen, doch im Laufe der Zeit empfand ich diese Art des Zusammenlebens zwischen Liebenden als durchaus faszinierend.

Zum besseren Verständnis und damit ihr wisst, wovon ich hier überhaupt rede, zitiere ich am besten mal Heide Göttner-Abendroth:

"Matriarchate sind auf der sozialen Ebene Verwandtschaftsgesellschaften.Zur Rolle des Mannes darin wäre zu sagen, daß junge Männer, die das Mutterhaus nach der Heirat verlassen, nicht allzu weit gehen müssen. Sie gehen gerade zum benachbarten Clanhaus, das mit ihrem Clanhaus in Heiratsrelation steht, dort wohnen ihre Gattinnen. Und sie bleiben nicht lange fort, nur von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen.Diese Form der Ehe wird Besuchsehe genannt, sie ist eine sehr offene Form und auf die Nacht begrenzt. Das heißt, matriarchale Männer leben nicht bei ihren Gattinnen oder Liebes-partnerinnen, in deren Clanhaus sind sie nur zu Gast. Ihr Zuhause ist das mütterliche Clanhaus, in dem sie die Pflichten und Rechte eines vollen Clanmitglieds haben, denn hier leben und arbeiten sie."

Diesen Gedanken finde ich durchaus spannend. Ich will nicht sagen, dass er mein absolutes Ideal darstellt und ich mir keine bessere Art des Zusammenlebens vorstellen könnte. Aber die Idee, meinen Alltag mit meiner Sippe zu teilen, während sich meine Liebesbeziehungen vor allem in den erotischen Begegnungen der Nacht entfalten, gefällt mir. Es würde mich der Notwendigkeit entheben, einen Mann daraufhin zu prüfen, ob er mir Geliebter, Freund und Gefährte, sowie ein guter Vater für meine Kinder sein könnte - und zwar alles in einer Person. Es würde mich auch unabhängiger machen, denn ich müsste mir weit weniger Gedanken über die Konsequenzen einer Schwangerschaft machen, da ich mein Kind auf jeden Fall in meiner Sippe gut versorgt wüsste - selbst dann wenn die Liebesgeschichte zu jenem Mann eines Tages enden sollte.

Was mir an der Matriarchatsforschung gefällt, ist die Tatsache, dass sie die uns vertrauten Lebensformen nicht als die einzig mögliche und naturgegebene erscheinen lässt. Das regt meine Phantasie und Wunschkraft an und ermöglicht es mir, kunterbunte Visionen und Lebensentwürfe zu spinnen, die matriarchale und patriarchale Aspekte integrieren oder sogar darüber hinausführen. So etwas liebe ich - und da ist es mir ziemlich egal, ob Matriarchate historisch tatsächlich nachweisbar sind.

28.10.2005 um 11:19 Uhr

Auf den Spuren der Weiblichkeit

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Vorfreudig

Diese Woche fragte ich die jungen Frauen, mit denen ich arbeite, was sie denn unter Weiblichkeit verstünden und was dieses Wort für sie bedeute. Sehr schnell wurde deutlich, dass für diese Mädchen Weiblichkeit ohne Männer nicht denkbar war. Weiblich sein bedeutete ihnen, für Männer attraktiv zu sein. Es hatte viel damit zu tun, wie eine aussah, wie sie sich kleidete und was für eine Figur sie hatte. Ob eine "Vollblutweib", "durch und durch weiblich" oder "ganz Frau" ist, entscheiden im Bewusstsein dieser Mädchen also letztlich die Männer. Selbst 30 Jahre nach dem Aufbruch der Frauenbewegung hat sich daran nichts geändert.

Nun arbeite ich ja mit einem speziellen Klientel und möchte nicht behaupten, dass die Einstellung dieser jungen Frauen repräsentativ für die Gesamtheit der weiblichen Bevölkerung ist. Aber symptomatisch erscheint mir diese Ansicht durchaus. Denn auch ich stolpere immer wieder über diese Vorgabe, dass eine gerne so emanzipiert sein darf, wie sie will, solange sie dabei "ganz Frau" bleibt. Wenn ich so etwas höre, frage ich mich immer, wie es eine überhaupt anstellen soll, weniger als "ganz" Frau zu sein. Denn was sie auch tut, was auch immer sie versucht, sie bleibt Frau bis in die letzte Zelle ihres Körpers hinein. Wir werden mit zwei X-Chromosomen geboren und sterben damit. Selbst eine operative Geschlechtsumwandlung kann daran nichts ändern.

In diesem Zusammenhang ist es vielleicht wichtig, dass ich mein Verständnis von Weiblichkeit einmal näher erläutere. Meiner Ansicht nach ist Weiblichkeit keine eindimensionale Angelegenheit, sondern äußerst komplex und vielschichtig. Zunächst einmal gibt es die genetische Ebene. Jede von uns hat schon einmal von X- und Y-Chromosomen gehört und die Unterscheidung von Männlein und Weiblein erscheint auf dieser Ebene ziemlich einfach und eindeutig: Zwei X-Chromosomen - Frau. Ein X- und ein Y-Chromosom - Mann. Wunderbar! Zwar gibt es auch schon auf dieser Ebene Abweichungen und Variationen, z.B. Männer, die mit einem zweiten Y-Chromosom auf die Welt kommen, oder Frauen, die nur ein X-Chromosom haben, aber die können wir erleichtert unter den Anomalien verbuchen.

Die nächste Ebene betrifft die biologischen Geschlechtsmerkmale. Auch hier scheint die Einteilung noch einfach zu sein: Frauen haben eine Vulva, eine Gebärmutter, Eierstöcke, und einen Busen und Männer besitzen Hoden und Penis. Interessant ist an dieser Stelle, dass sich beide Geschlechter aus ein und derselben Anlage entwickeln und die weiblichen Geschlechtsorgane eins zu eins den männlichen entsprechen. Bis zur siebten Woche einer Schwangerschaft sehen männliche und weibliche Embryonen vollkommen identisch aus. Erst danach entwickeln sich die Geschlechter unter dem Einfluss von Hormonen in die eine oder andere Richtung.

Doch auch auf der Ebene der biologischen Merkmale ist es nicht ganz so einfach mit der Eindeutigkeit von Mann und Frau. Die Biologie kennt da ein paar bemerkenswerte Abweichungen, die dazu führen, dass genetisch männliche Personen äußerlich weibliche Geschlechtsorgane tragen oder umgekehrt. Bisweilen treten sogar männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale gleichzeitig auf. Gewiss, solche Fälle sind zahlenmäßig sehr gering, aber ist es nicht erstaunlich, dass wir ihre Existenz aus unserem Bewusstsein völlig ausblenden, nur um das Zwei-Schubladen-Konzept nicht in Frage stellen zu müssen? Wie müssen sich Menschen fühlen, die zweigeschlechtlich geboren wurden und sich nun in einer Welt wiederfinden, in der für eine solche Komplexität gar kein Platz ist?

Die dritte Ebene ist die der körperlich-geschlechtlichen Identität, also die Frage, inwieweit ich mich in meinem weiblichen oder männlichen Körper wirklich heimisch fühle. Wie wir alle wissen, gibt es Menschen, die das Gefühl haben, in einem falschen Körper geboren worden zu sein. Die sich, wenngleich genetisch und biologisch männlich, innerlich als Frau fühlen oder auch umgekehrt. Dieses Phänomen beschäftigt mich immer wieder, weil es ein Hinweis darauf sein könnte, dass es unabhängig von der körperlichen Realität so etwas wie eine männliche oder weibliche Identität geben mag. Dennoch lässt sich die Frage, inwieweit Transsexualität nicht auch das Produkt gesellschaftlicher Normen und Vorgaben sein mag, nicht völlig eindeutig beantworten.

Auf der vierten Ebene schließlich begegnen uns die sozialen Rollen. Hier dürfen wir getrost sämtliche Klischees ansiedeln, die je über Männer und Frauen verbreitet wurden - so zum Beispiel die Behauptung, dass Weiblichkeit gleichbedeutend sei mit Sanftmut, Einfühlsamkeit, Mütterlichkeit, Hingabe und Zärtlichkeit, während Männlichkeit eher für Tatkraft, Mut, Risikobereitschaft, Führungsgeist und logisches Denken steht. Ich möchte diese Rollenvorgaben gar nicht verteufeln. Solange sie eine reine Maskerade bleiben, eine Art Spiel, das wir spielen können, wenn es uns beliebt, und es uns frei steht, die Masken jederzeit wieder abzulegen und uns einfach als Menschen zu zeigen, ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden. Leider wird dieses Rollendenken jedoch für viele Menschen zu einem Gefängnis und jeder Versuch, daraus auszubrechen, wird geahndet.

Wie zahlreiche Studien mittlerweile nahelegen, existieren die viel beschworenen psychologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Wirklichkeit kaum. Im Grunde unserer Seele sind wir uns sehr viel ähnlicher, als wir es oft wahrhaben wollen. Von daher verbindet sich für mich persönlich der Begriff nicht mit seelischen Qualitäten und auch nicht mit optischen Merkmalen (denn dass auch Frauenkörper sehr verschieden aussehen können, ist ja wohl eine Tatsache), sondern mit der Erfahrung, in einem weiblichen Körper zu leben. Das schließt die Beziehung zu meinem Körper genauso ein wie die Erfahrungen mit den Rollenerwartungen, die als Frau an mich gestellt werden. Es ist ein aufregendes, schönes, kostbares Abenteuer für mich, eine Frau zu sein, manchmal schwierig und schmerzlich, aber auch inspirierend und beflügelnd. Und eine Wahrheit wird für mich immer deutlicher: Ganz Frau sein bedeutet letztlich nichts anderes, als ganz Mensch zu sein - mit allem, was meine Menschlichkeit ausmacht.

21.10.2005 um 11:06 Uhr

Entsetzen

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Erschüttert

In Alice Schwarzers Buch bin ich bei den Kapiteln angelangt, die sich mit Sexualgewalt beschäftigen. Und obwohl ich es weiß, obwohl ich mir der Zahlen bewusst bin, schockiert es mich jedes Mal wieder, mich mit der grausamen Realität konfrontiert zu sehen: Jede zweite bis dritte Frau hat Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Jedes dritte bis vierte Mädchen wurde sexuell missbraucht und in drei von vier Fällen sind die Täter Angehörige. (Bei Vergewaltigungen erwachsener Frauen ist es in zwei von drei Fällen der eigene Partner.)

Natürlich weiß ich es. Ich arbeite tagtäglich mit jungen Frauen, von denen viel zu viele schon sexuelle Übergriffe erlebt haben, die ihren Körper ablehnen und sich hässlich und wertlos fühlen. Ich selbst bin von schwerwiegenderen Erfahrungen sexueller Gewalt bislang verschont geblieben, aber ich weiß, wie widerlich es sich anfühlt, in öffentlichen Verkehrsmitteln von Fremden bedrängt oder beim Spazierengehen ohne Vorwarnung angegrapscht zu werden. Verglichen mit einer Vergewaltigung erscheinen derartige Vergehen beinahe harmlos und dennoch sind sie schlimm genug. Was für ein Grauen muss es erst sein, wenn eine tatsächlich vergewaltigt wird. Und um wie viel größer das Entsetzen, wenn der Täter jemand ist, dem sie bis dahin vertraut hat.

Ich teile die Ansicht der meisten Feministinnen, dass die sexuelle Freiheit, die vollkommene Selbstbestimmung über unsere Körper und unsere Lust, die Freude an der eigenen Sinnlichkeit und die Fähigkeit, sie ohne Angst und Scham auszudrücken, das Herzstück der weiblichen Revolution sind. Und die Visionen, die Alice Schwarzer diesbezüglich entwirft, wecken eine tiefe Sehnsucht in mir nach einer Welt, in der Frauen keine Angst mehr vor Männern haben müssen.

20.10.2005 um 11:53 Uhr

Der große Unterschied

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Kraftvoll, glühend und inspiriert
Musik: Mein Schwesterlein singt vor sich hin

Gestern habe ich mir "Der große Unterschied. Gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen" von Alice Schwarzer aus der Bibliothek geholt und gleich begonnen zu lesen. Schon die ersten Seiten, in denen Alice ihre Vision einer Welt beschreibt, in der allein die Menschlichkeit zählt und die Begrenzungen durch Geschlechterrollen aufgehoben sind, haben mich ungemein berührt. Auch die nachfolgenden Kapitel lese ich mit großem Interesse und Begeisterung. Ich bin Alice Schwarzer und allen ihren Mitstreiterinnen und Vorreiterinnen ungemein dankbar für ihr unermüdliches Engagement, ihren Klarblick und ihre inspirierenden Gedanken.

Heute Morgen nun hatte ich eine sehr lebhafte Diskussion mit meiner Schwester, die - so emanzipiert sie in ihrem alltäglichen Verhalten ist - der feministischen Bewegung eher skeptisch gegenübersteht. Das ist etwas, das ich nur schwer verstehe, und ich fragte sie, wo denn ihr Problem mit dem Feminismus liege. Sie begründete es damit, dass die meisten Feministinnen ihrem Empfinden nach zu "stachelig" und kämpferisch aufträten und damit die Männer abschreckten, dass aber die Gleichberechtigung nicht funktioniere, solange die Männer der Entwicklung nicht folgen könnten.

Das ist ein interessanter Gedanke. Und er entspricht durchaus den Beobachtungen von Alice Schwarzer: Viele Männer sind mit den emanzipatorischen Entwicklungen der Gesellschaft und ihrer Frauen offenbar überfordert. Während sich das Rollenspektrum der Frauen in den letzten Jahren deutlich erweitert hat, gibt es für Männer bei weitem noch nicht dieselben Spielräume. Mädchen dürfen durchaus Hosen tragen und ein bisserl burschikos auftreten. Aber stellt euch mal Jungs vor, die gerne in Kleidern rumrennen, liebend gerne Schmuck tragen und sich am liebsten mit Puppen beschäftigen! "Pass bloß auf, dass der nicht mal schwul wird", ist noch immer ein beliebter Alarmschrei in solchen Fällen und ein Junge läuft damit nach wie vor Gefahr, sich der Lächerlichkeit preiszugeben.

Ich persönlich schätze Männer ungemein, die in der Lage sind, auch ihre weichen, empfindsamen Seiten zu leben, die sich dem gängigen Männlichkeitswahn entziehen und dennoch in der Lage sind, so etwas wie Selbstbewusstsein und Seelenstärke zu entwickeln. Allerdings muss ich zugeben, dass sie dünn gesät sind. Ich kenne wesentlich mehr Frauen, die mich mit den genannten Qualitäten berühren und beeindrucken, als Männer. Und ich sehe sehr wohl das Phänomen, dass es für bewusste, selbständige, unabhängige und emanzipierte Frauen zunehmend schwieriger wird, einen passenden Partner zu finden. Aber kann es die Lösung sein, unsere feministischen Bemühungen jetzt erst einmal auszusetzen und ruhen zu lassen in der Hoffnung, dass die Männer schon von alleine nachziehen werden, wenn wir ihnen nur ein wenig mehr Zeit geben?

Meine Schwester propagiert den individuellen Weg: Jede Frau muss selbst zusehen, auf welche Weise sie Emanzipation und Gleichberechtigung im Alltag verwirklicht. Diesen Weg begrüße ich durchaus, folge ihm ja auch selbst, empfinde ihn aber keineswegs als ausreichend. Auf dem individuellen Weg allein lassen sich viele Veränderungen einfach nicht durchsetzen. Wir brauchen Netzwerke, Kommunikation, Solidarität und Austausch - auch und gerade zwischen Frauen und Männern -, um diese Welt nachhaltig zu verwandeln und mehr Ausgleich und Gerechtigkeit herbeizuführen. Und wenn sich jene, die heute noch immer den weitaus größten Teil von Macht und Besitz innehaben (99% des Weltbesitzes befinden sich laut einer Studie der UNO nach wie vor in männlicher Hand), gegen den Verlust ihrer Privilegien wehren, genügt es eben manchmal nicht, nett und diplomatisch zu sein. Bisweilen tut eine kämpferische Grundhaltung einfach Not.

Ich selbst zähle mich nicht zu diesen kämpferischen Feministinnen. Das entspricht gar nicht meinem Wesen. Aber ich bin dankbar, dass es solche Frauen gibt. Sie haben viel bewegt, von dem ich heute profitiere und auf dem ich aufbauen kann, und sie tun es noch. Und genau wie Alice Schwarzer träume ich von einer Welt, in der Frauen auch mal kämpferisch, kratzbürstig und unbequem sein dürfen, ohne dass ihnen gleich das Frau-Sein abgesprochen wird, während Männer zart, sanft und träumerisch sein können, ohne um ihre Identität als Mann fürchten zu müssen. Wie bunt und vielfältig, inspirierend und schöpferisch wäre eine solche Welt!

06.10.2005 um 15:29 Uhr

Der kleine Unterschied

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Sonniger, freiberuflicher Oktobertag
Musik: Antonio Vivaldi - Die vier Jahreszeiten

Gestern war ich bei einem Vortrag des Vereins "Frauenstudien e.V.". Das Thema lautete "Gender und Differenz". Als ich im Atelierhaus ankam, freute ich mich über die große Runde: Mehr ältere als jüngere Frauen, mehr kurzhaarige als langhaarige und jede Menge bunter Schals und Tücher versammelten sich da in einem Raum. Es war ein höchst vergnüglicher Anblick. Der Vortrag allerdings enttäuschte mich sehr. Vielleicht hätte mich der geschraubte Titel schon stutzig machen müssen, aber das Thema interessiert mich nun einmal und man rechnet ja nicht gleich mit dem Schlimmsten.

Die Dozentin war eine Sozialpädagogin, die in ellenlangen, gespreizten und offenbar vorformulierten Sätzen sprach und mit Vorliebe abstrakte Substantive und Fachbegriffe benutzte. Sie betonte immer wieder, wie komplex, kompliziert und verwirrend das Thema sei, zu dem sie sich hier äußern wolle. Das ist ein rhetorischer Kniff, den ich euch nur wärmstens empfehlen kann. Besonders gut kommt er, wenn ihr dann zwischendurch noch beiläufig eine Bemerkung fallen lasst wie: "Ich sehe schon lauter umwölkte Stirnen." Dann ist sicher auch die letzte Zuhörerin bald überzeugt, dass sie den Inhalten des Vortrags nicht mehr folgen kann.

Dabei war das, was sie vorgestellt hat, gar nicht so kompliziert. Jedenfalls nicht komplizierter als die Geschlechterfrage an sich. Das Problem war nur, dass sie so tat, als würden der Gender-Ansatz, der geschlechtsspezifisches Verhalten auf kulturelle und soziale Prägungen zurückführt, und der Differenz-Ansatz, der von einem grundlegenden Unterschied zwischen Männern und Frauen ausgeht, sich ausschließen. Wer sagt denn sowas? Natürlich sind Männer und Frauen verschieden. Das wird ja wohl niemand bestreiten, der Augen im Kopf hat. Schwierig wird's nur, wenn man beschreiben möchte, worin sie sich unterscheiden. Allzu schnell landet man dann bei irgendwelchen Schubladen, die von der Realität so weit entfernt sind wie der Nord- vom Südpol. Und so kam auch die Vortragende gestern zu dem Schluss, dass Männer und Frauen sich zwar unterscheiden, man aber nicht sagen kann, worin genau dieser Unterschied eigentlich besteht. Tusch und Applaus - das ist doch mal eine durchschlagende Erkenntnis!

29.09.2005 um 19:49 Uhr

Die Kanzlerinnenfrage

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Inspiriert

       

Alice Schwarzer hat einen Artikel für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" geschrieben, in dem sie vehement gegen Gerhard Schröders Führungsanspruch zu Felde zieht. Sie unterstellt ihm ganz klar sexistische Tendenzen bei seinem Bemühen, Angela Merkel zu stürzen und sie als Kanzlerin zu verhindern, und vergleicht sein Vorgehen mit dem eines Tyrannen. Die "EMMA" hat unterdessen einen entsprechenden Appell gestartet, der Angela Merkel in ihrem Anspruch auf die Kanzlerschaft unterstützen soll. Ich finde diese Meinungsäußerung sehr inspirierend, wenngleich ich diesmal mit Alice Schwarzer nicht unbedingt konform gehe.

Gewiss, Schröders chauvinistischer Auftritt am Wahlabend war unter aller Kanone. Ihn lediglich "suboptimal" zu nennen, grenzt schon an Hohn. Doch ob sich hinter seinem Dominanzgebaren wirklich in erster Linie sexistische Ambitionen verbergen, dessen bin ich mir nicht so sicher. Gänzlich auszuschließen ist es nicht. Sein gesamtes Denken, Trachten und Tun allerdings auf diesen einen Aspekt zu reduzieren, erscheint mir doch allzu kurz gedacht. Schließlich steht Angela Merkel ja auch für bestimmte politische Inhalte. Sie ist eine vehemente Verfechterin der neoliberalen Richtung in der Union (mit der ja auch nicht alle Unionsmitglieder in gleicher Weise konform gehen) und gerade in Sachen Frauenpolitik hat sie sich zu keinem Zeitpunkt besonders hervorgetan.

Renate Schmidt, eine Frau, die ich menschlich und politisch ungemein schätze und der ich liebend gerne die Führung dieses Landes anvertrauen würde, hat gestern bei Sandra Maischberger etwas Ähnliches gesagt. Sie argumentierte, dass es auch innerhalb der Union Politiker gebe, die der Politik der SPD deutlich näher stünden als Frau Merkel. Ja, sie nahm Gerhard Schröder sogar ausdrücklich in Schutz und betonte, dass er sich ihrer Einschätzung nach am Wahlabend einem Mann gegenüber ganz genauso verhalten hätte. Nun, das können wir nicht überprüfen. Es gibt keine Kontrollgruppe und es ist schwer einzuschätzen, in welchem Ausmaß Schröders Auftritt durch die Tatsache beeinflusst war, dass er es mit einer Frau zu tun hatte.

Im EMMA-Appell heißt es dazu: "Aus welchem Grund greift die SPD in die Personalpolitik der Union ein, und warum will sie ausgerechnet die Kanzlerkandidatin stürzen? Existiert für die Sozialdemokraten ein sachliches Motiv, die Herren Wulff oder Stoiber oder Koch einer Frau Merkel vorzuziehen? Oder hat die Ablehnung einer Kanzlerin etwa mit ihrem Geschlecht zu tun? Geht es hier in Wahrheit nicht um Sachfragen, sondern um die symbolische Liquidierung des Anspruchs von Frauen auf Führung?" Das sind spannende Fragen. Ich persönlich sehe mich derzeit nicht in der Lage, sie eindeutig zu beantworten. Von daher kann ich mich auch nicht dazu entschließen, diesen Aufruf zu unterschreiben. Aber ich finde es gut, dass sie gestellt werden.

21.09.2005 um 14:24 Uhr

Mannsein - Frausein - Menschsein

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Feministisch

Gestern bin ich im Internet über zwei verschiedene Texte gestolpert, die beide erfrischendes Wasser auf meiner Mühle waren. Das eine war ein Weblog hier auf blogigo, das ich sofort in meine Favoriten aufgenommen habe, und das andere ein Artikel von Spiegel Online. In seinem Weblog "mannsein" reflektiert der Schweizer Radiojournalist Ruedi Josuran seine Erfahrungen mit dem Thema - und zwar auf äußerst wohltuende, einfühlsame Weise. Beim Lesen seiner Texte sah ich mehr als einmal meine Gefühle und Gedanken auf verblüffende Weise widergespiegelt. Das bestärkte mich wieder einmal in meiner Überzeugung, dass Männer und Frauen sich im Kern ihres Wesens viel ähnlicher sind, als sie glauben (sollen).

Der Spiegel-Artikel, den ich kurz darauf las und dessen Inhalt auf einer Seite des ORF noch etwas ausführlicher dargestellt wird, bestätigte meine Ansicht noch ein zweites Mal: Janet Shibley Hyde, ihres Zeichens Psychologin an der University of Wisconsin, hat sich 46 Meta-Studien aus den vergangenen 20 Jahren vorgenommen und diese noch einmal umfassend analysiert. Dabei kam sie zu dem Ergebnis, dass sich kaum Differenzen zwischen Männern und Frauen nachweisen lassen, egal ob es um die Persönlichkeit, das Kommunikationsverhalten, die Gedächtnisfähigkeit oder den Führungsstil ging. Eindeutige Unterschiede fanden sich nur im Bereich motorischer Fähigkeiten, beim Sexualverhalten oder beim Auftreten körperlicher Aggression. Alle anderen Geschlechterunterschiede, wie sie in Büchern über Mars und Venus, Zuhören und Einparken so gerne ausgiebig diskutiert und propagiert werden, sind wissenschaftlich entweder gar nicht nachweisbar oder nur minimal ausgeprägt.

Ich finde die Vorstellung, dass Männer und Frauen in allererster Linie Menschen sind und das Geschlecht nur einen einzigen unter zahlreichen Mosaiksteinen menschlicher Vielfalt darstellt, ungemein inspirierend und befreiend. Damit leugne ich nicht, dass wir trotz allem unterschiedlichen Rollenstereotypen unterworfen sind. Aber diese sind nicht naturgegeben oder gar gottgewollt, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Sozialisation und insofern veränderbar. Und in Gedanken feiere ich jetzt schon den Tag, an dem Männer und Frauen einander völlig gleichberechtigt und vertraut begegnen können, ohne sich lange mit irgendwelchen ideologischen Abgründen zwischen den Geschlechtern aufhalten zu müssen.

21.08.2005 um 10:52 Uhr

Die Kanzlerkandidatin

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Aufgeräumt
Musik: Herbert Grönemeyer - Unbewohnt

F. fragte, warum alle Welt (und insbesondere die Feministinnen, zu denen ich mich zähle) eigentlich so ein Bohai darum machten, dass Angela Merkel eine Frau sei. Gute Frage - warum eigentlich? Politisch ist mir Frau Merkel so fern wie nur irgendwas und auch als Person schätze ich sie nicht sonderlich. Über die Ernennung Joschka Fischers zum Außenminister habe ich mich vor sieben Jahren wesentlich mehr gefreut, als ich es über die Wahl Angela Merkels zur Bundeskanzlerin tun werde. Und ein Mann, der Klugheit und Herzenswärme ausstrahlt und für einen Großteil meiner Ideale eintritt, wäre mir lieber, als eine Frau, die mir ein ums andere Mal nur ein Kopfschütteln abringt. Aber das ist schließlich nicht die Wahl, vor der ich stehe. Die Alternative heißt Edmund Stoiber versus Angela Merkel - und da ist die Entscheidung einfach. Solange ich inhaltlich mehr oder weniger dasselbe serviert bekomme, ist es mir immer noch lieber, wenn es von einer Frau serviert wird. Das ist schlicht und einfach eine Frage der Fairness. Um es mal überspitzt zu formulieren: Wir werden erst dann gleichberechtigt sein, wenn es in Politik und Wirtschaft ebenso viele weibliche wie männliche Schwachköpfe in Spitzenpositionen gibt.

15.04.2005 um 10:11 Uhr

Der Tanz der Geschlechter

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Es ist Frühling und das Wochenende steht bevor - muss ich noch mehr sagen?
Musik: Söhne Mannheims: Dein Leben (Radio)

Kürzlich habe ich mich mal wieder auf eine der beliebten Geschlechterdiskussionen eingelassen. In den letzten Monaten war ich es eher müde, immer und immer wieder meine Position zu erläutern und gegen die altbekannten Vorurteile anzukämpfen. Aber dieser Tage hat mich der feministische Funken mal wieder gepackt. Es macht mir Spaß, mich dazu zu äußern und meinen Standpunkt klar zu machen.

Ist es nicht erstaunlich, wie einschneidend der Unterschied zwischen "männlich" und "weiblich" immer noch ist? Nicht, dass ich ihn leugnen und einebnen möchte, oh nein! Selbstverständlich ist es ein Unterschied, ob ich in einem männlichen oder in einem weiblichen Körper lebe. Es gibt bestimmte Körpererfahrungen, die sich grundlegend unterscheiden, und da ich von einer engen Verbundenheit zwischen körperlichen und seelischen Prozessen ausgehe, erscheint es mir durchaus plausibel, dass diese auch gewisse Unterschiede im seelischen Erleben nach sich ziehen.

Aber die Frage ist doch: Sind diese Unterschiede so gravierend, wie uns immer weisgemacht wird? Das beginnt doch damit, dass es Menschen gibt, die sich in die Kategorien "männlich" und "weiblich" gar nicht so eindeutig einordnen lassen: Zwitter, Hermaphroditen oder Transsexuelle zum Beispiel. Selbst auf der scheinbar banalsten, eindeutigsten Ebene von männlich und weiblich, der biologisch-genetischen, stiftet die Natur mit ihren Genabweichungen und anderen Abnormitäten Verwirrung. Natürlich ist die Zahl der Betroffenen relativ gering, aber heißt das, dass wir sie deshalb völlig unter den Tisch fallen lassen dürfen?

Sobald wir uns auf die seelische und Verhaltensebene begeben, wird es ja noch viel komplizierter. Hier sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern noch viel weniger eindeutig. Nur sehr wenige Mittelwertsunterschiede ließen sich bislang wissenschaftlich bestätigen und selbst dann ist die Bandbreite innerhalb der Geschlechter immer noch so groß, dass Rückschlüsse auf Individuen äußerst schwierig sind. Trotzdem scheint kaum ein Dogma so beliebt zu sein wie das vom grundsätzlichen, grundlegenden Unterschied zwischen Männern und Frauen. Warum eigentlich? Was wäre denn so schlimm daran, wenn wir gar nicht so verschieden wären? Wenn unser grundsätzlichster, grundlegendster Unterschied darin bestünde, dass die einen Brüste, eine Vulva und eine Gebärmutter besitzen, während die anderen einen Penis und ein Paar Hoden ihr eigen nennen? Meinem Empfinden nach bringt das schon genug Rätsel und Geheimnis, Zauber und Magie in die Welt. Ich jedenfalls finde es wundervoll, dass es diese Unterschiede gibt. Aber wenn jemand daherkommt und mir erklären möchte, dass das Vorhandensein meiner Gebärmutter mich geradezu dazu prädestiniert, pflegende, nährende oder heilende Berufe auszuüben, dann geht mir der Hut hoch.

Und an dieser Stelle setzt mein feministisches Engagement ein und der Unterschied zwischen Männern und Frauen wird auf einmal wieder wichtig. Denn solange das Geschlecht eine Variable ist, die, vermittelt durch gesellschaftliche Rollenvorgaben und Rahmenbedingungen, unsere Lebenswelten so zentral bestimmt, kann von Gleichberechtigung und Wahlfreiheit noch keine Rede sein. Die Tatsache, dass ich eine Frau bin, ist ein Mosaiksteinchen in einem großen, bunten Gesamtbild - und ganz sicher nicht das wichtigste und einzig entscheidende. Darüber hinaus bin ich Europäerin, Deutsche, die Tochter akademisch gebildeter Eltern, die älteste von drei Schwestern, aufgewachsen in einer Kleinstadt, die Enkelin eines sehr musikalischen Großvaters und einer "Reformhausoma" und was weiß ich nicht noch alles. Es gibt so viele Faktoren, die mein Leben geprägt haben. Meine zwei X-Chromosomen fügen der Symphonie mit Sicherheit ein paar charakteristische Harmonien hinzu, aber dass sie das zentrale Thema darstellen, bezweifle ich doch sehr.

11.04.2005 um 12:16 Uhr

Frauenmantel

von: Nimien   Kategorie: Frauenbewegt

Stimmung: Wochenanfangsstimmung
Musik: ---

Gestern war ein arbeitsreicher Sonntag. Am Morgen kam J. zu mir, um das Konzept unseres Seminars in zwei Wochen zu besprechen. Wir trafen uns zum Frühstück und brauchten keine Stunde, um den Ablauf und die organisatorischen Details unter Dach und Fach zu bringen. So macht Arbeiten Spaß! Wie es aussieht, wird das ein sehr schönes Wochenende, auch für uns beide: Naturerfahrung, Sinneserleben, Entspannung und Körperarbeit - eine ausgesprochen wohltuende Mischung.

Am Nachmittag trafen sich dann die Frauen vom Projekt. So sehr ich das Projekt liebe und unsere gemeinsamen Visionen mir am Herzen liegen, fand ich die Treffen dort bislang recht anstrengend. Vielleicht bin ich einfach nicht dafür geschaffen, in der Gruppe Ziele und Lösungen zu erarbeiten. Ich mag es lieber, wenn ich zunächst die Möglichkeit habe, mir in Ruhe selbst ein paar Gedanken zum Thema zu machen, diese eventuell auch zu Papier zu bringen und dann erst in der Gruppe vorzustellen. Diese Vorgehensweise empfinde ich als effektiver und weniger mühsam.

Eine interessante Frage kam am Schluss auf, als es um das Thema "Frauenmantel", einen Schutzraum für Frauen innerhalb des Projekts, ging. Der Praxisraum, den ich gemietet habe, liegt in diesem Schutzraum, der eigentlich von Männern nicht betreten werden soll. Eine andere Kollegin, die ebenfalls ihren Raum dort hat, arbeitet aber auch mit Männern bzw. mit Säuglingen, die eben bisweilen von ihren Vätern begleitet werden. Sie empfindet diese strikte Ausgrenzung von Männern nicht nur als allzu emanzenhaft, sondern auch als Behinderung ihrer Arbeit.

Es ist die alte Frage: Sind Schutzräume für Frauen männerfeindlich, sektiererisch, militant feministisch? Ich würde das nicht so sehen. Es gibt nun einmal Frauen, die von Männern auf brutale Weise missbraucht und misshandelt wurden. Damit solche Wunden heilen können, braucht es einen sicheren Schutzraum. Wenn eine sexuell traumatisierte Frau sich in der Therapie mit ihren Gewalterfahrungen auseinandersetzt, dann begibt sie sich in eine äußerst verletzliche Situation. Es ist gut und heilsam, wenn sie sich darauf verlassen kann, dass sie in diesem emotionalen Zustand in den Therapieräumen keinem Mann begegnen wird. Nicht, weil wir davon ausgehen, dass alle Männer potentielle Gewaltverbrecher sind, sondern weil Traumatherapie Menschen phasenweise besonders empfindsam und anfällig macht.

In unserer Besprechung gestern zeichnete sich eine gute Lösung ab: Wir wollen Männer nicht von unserer Behandlung ausschließen. Im Gegenteil: Wir wollen sie sogar einbeziehen, weil das nicht nur im Sinne einer allgemeinen Menschlichkeit, sondern oft genug auch im Sinne der Frauen ist. Aber diese Behandlungen sollen dann in anderen Räumen stattfinden. Der Frauenmantel soll allein den Frauen vorbehalten bleiben.