Stimmung: Leichte Nackenverspannungen, ansonsten vergnügt
Musik: Barry White - Practice What You Preach
Beruflich befasse ich mich gerade mit einem Buch über das Aufschieben, weil ich zu diesem Thema im nächsten Jahr ein Seminar für Studierende anbieten möchte. Da ist es natürlich immer interessant zu schauen: Woher kenne ich dieses Phänomen denn aus meinem eigenen Leben? Ich bin im allgemeinen ganz gut organisiert und komme durch gelegentliches Aufschieben nur selten in Bedrängnis. Dennoch gibt oder gab es bestimmte Vorhaben und Projekte in meinem Leben, die ich beharrlich aufgeschoben habe und zum Teil immer noch vor mir her schiebe. Das beste Beispiel ist meine Doktorarbeit, mit der ich mich - mangels feststehendem Abgabetermin - nahezu zehn Jahre herumgeschlagen habe. Das Problem an diesem Projekt war die Tatsache, dass ich es nicht wirklich machen musste (niemand hätte mir größere Schwierigkeiten bereitet, wenn ich einfach alles hingeschmissen hätte), es aber auch nicht wirklich machen wollte. Nur ein unbestimmtes "So ein Doktortitel kann ja nicht schaden" und das Gefühl, dass ich schon viel zu viel Energie hineingesteckt hatte, um jetzt einfach aufzugeben, hielten mich all die Jahre bei der Stange. Aber es war ein zähes Ringen, ein ständiges Hängen und Würgen, das ich so nie wieder erleben möchte. Dass ich es am Ende dann doch geschafft habe, zeigt vermutlich, dass ich keine notorische Aufschieberin bin, aber immerhin konnte ich eine Ahnung davon erhaschen, wie Menschen sich fühlen, die ständig alle möglichen wichtigen Projekte vor sich her schieben. Es ist eine unglaubliche Vergeudung an Lebensenergie.
Dennoch gibt es nach wie vor ein paar Dinge in meinem Leben, die ich liebend gerne vor mir herschiebe. Lästige Anrufe gehören genauso dazu wie die Erledigung der Steuererklärung. Am beständigsten begleiten mich allerdings Gedanken, die der Veränderung meiner Essgewohnheiten und meines sportlichen Engagements gewidmet sind. Was die Ernährung angeht, so ist das kein gravierendes Problem. Ich habe durchaus eine Vorliebe für all jene Speisen, die gemeinhin als gesund gelten (wie etwa Obst, Gemüse und Vollkorn), und auch meine Schwäche für Süßigkeiten hält sich im Zaum. Meine Schwierigkeit ist eher die, dass ich die Bedürfnisse meines Körpers manchmal nur allzu gern einfach vergesse. Ich koche nicht gern für mich allein, verschwende keine großen Gedanken an die Planung meiner Mahlzeiten und ernähre mich an Wochenenden meist nur von kleineren, über den Tag verteilten Brotzeiten. Wie oft ich schon gedacht habe, dass ich unbedingt mal anfangen möchte, an den Wochenenden etwas für mich zu kochen, kann ich überhaupt nicht mehr zählen. Im Grunde ist das ein Gedanke, der mich schon seit vielen Jahren begleitet. Immer mal wieder mache ich einen Anlauf, der dann doch wieder nur jämmerlich im Sande verläuft.
Meine Schwester, die selbst ganz ausgezeichnet kocht, meinte dazu: "Finde dich doch einfach damit ab! Kochen und du - ihr passt einfach nicht zusammen. Nicht jeder Mensch muss Spaß am Kochen haben." Und dennoch fällt es mir schwer, bei diesem Thema endgültig die Waffen zu strecken. Denn eigentlich finde ich es toll, kochen zu können, und wenn ich es mal mache (meist nur wenn ich Gäste habe), ist es durchaus nett. Mir feht nur jede Art der Routine und daher ist es jedes Mal ein Riesenakt, wenn ich mich an den Herd begebe. (Das fängt schon beim Einkaufen an.) Meine Hoffnung, dass vielleicht die Anwesenheit meines Liebsten im Sommer mich dazu beflügeln würde, meine Kochkünste ein wenig zu verfeinern, hat sich leider rasch zerschlagen. Mein Schatz legt nicht allzu viel Wert auf sorgsam zubereitete Speisen, sondern ist mit einer Tiefkühlpizza, einem Sandwich oder einem Besuch bei MacDonalds meist genauso zufrieden. Kein besonders hoher Anreiz für einen Kochmuffel wie mich, die inneren Widerstände zu überwinden. Immerhin habe ich das Glück, in der Arbeit täglich ein liebevoll gekochtes, warmes Essen zu bekommen. Und da ich mich ansonsten bemühe, mich an die schöne Regel der "5 am Tag" (fünfmal täglich eine Portion Obst oder Gemüse) zu halten, muss ich mir wohl über eine potentielle Mangelernärung keine Sorgen machen.
Gravierender finde ich meine mangelnde Begeisterung für alle Arten der körperlichen Betätigung. Ich war noch nie eine Sportskanone, habe schon in jungen Jahren meine Begeisterung für das Lesen und das Schreiben entdeckt und bin auch sonst eher eine Vertreterin der "vita contemplativa". Die meisten Sportarten sind mir dafür, dass sie mich so langweilen, viel zu anstrengend. Wenn überhaupt, dann kann ich mich am ehesten noch für ausgedehnte Spaziergänge oder Yoga begeistern. Und dennoch gebe ich unumwunden zu, dass jede Art der körperlichen Bewegung mir gut tut. Ich fühle mich danach jedes Mal kraftvoll, erfrischt und lebendig. Von daher hat sich der Gedanke "Ich müsste mal wieder mehr Sport machen" geradezu in meinem Kopf festgesetzt. Aber ich fürchte, was das angeht, kämpfe ich auf ziemlich verlorenen Posten. Ich schaffe es ja nicht einmal, am Abend zehn Minuten Gymnastik zu machen. Irgendwas kommt immer dazwischen - und wenn es Anfälle akuter Unlust sind.
Mit der Lösung, jeden Gedanken an sportliche Betätigung endgültig fahren zu lassen und mich mit einem Leben als Couchpotato anzufreunden, kann und will ich mich jedoch nicht abfinden. Ich bin ständig auf der Suche nach Strategien, die mir helfen könnten, meinen inneren Schweinehund zu überlisten und vielleicht doch etwas für meine körperliche Ausdauer zu tun. Diesbezüglich ist mir mein Liebster sehr wohl eine Quelle der Inspiration, denn der Gute geht am liebsten zu Fuß - gerne auch weite Strecken und sogar dann, wenn es öffentliche Verkehrsmittel gibt. Dass er damit voll im Trend liegt, beweist ein Präventionsprojekt des Bundesministeriums für Gesundheit: Schon wer am Tag 3000 Schritte extra geht und gelegentlich mal die Treppe nimmt, tut etwas für Herz, Kreislauf, Atmung und Stoffwechsel. Diese Seite hat mich aufhorchen lassen, denn Spaziergänge mag ich ganz gerne und der Tipp, einfach mal eine U-Bahn-Station eher auszusteigen, lässt sich für mich auch im Alltag problemlos umsetzen. Also versuche ich jetzt eben, ganz kleine Brötchen zu backen, und nehme mir vor, mich auch von Wintereinbruch, Schnee und Kälte nicht davon abbringen zu lassen, am Morgen lieber noch ein Stück durch den Park zu laufen, anstatt bis zu meiner Endhaltestelle zu fahren. Alle anderen Ideen - hin und wieder mal zum Schwimmen zu gehen oder abends noch Yoga, Gymnastik oder wenigstens eine biodynamische Übung zu machen - sind Sahnehäubchen, die das Ganze krönen können, aber erst einmal nicht zu meinen festen Vorsätzen gehören.
Edit: Wer Lust hat, sein persönliches Aufschiebeverhalten mal im statistischen Vergleich zu testen, findet hier den passenden Fragebogen.