Stimmung: Aufbruchsstimmung - wenn auch nicht politisch
Es war halb sieben, als ich gestern Abend nach Hause kam und den Fernseher einschaltete. Beim Anblick der Wahlergebnisse traute ich meinen Augen kaum: Die CDU/CSU um so vieles schlechter als vorhergesagt, Union und SPD fast gleichauf und trotz großer Zugewinne bei der FDP keine Mehrheit für Schwarz-Gelb – das übertraf meine kühnsten Erwartungen! Ich freute mich über das gute Ergebnis der Grünen, auch wenn ich sie in die Opposition entschwinden sah, und stellte mich innerlich auf eine große Koalition unter einer Bundeskanzlerin Angela Merkel ein (ganz gewiss nicht meine Traumkonstellation, aber in jedem Falle besser als eine Regierung aus CDU/CSU und FDP). Doch es sollte anders kommen. Überrascht sah ich die Herrenriege der SPD große Töne spucken. "Eine stabile Regierung unter meiner Führung“, klang es aus Schröders Mund. Nun, ich konnte verstehen, dass der Bundeskanzler sich über das Ergebnis freute, schließlich war keineswegs von der Hand zu weisen, dass seine Partei einen Großteil ihres Erfolges seiner Person verdankte. Aber gleich derart machthungrig das Szepter an sich zu reißen – war das nicht ein bisschen vorschnell?
Während Schröder triumphierte, wirkte Angela Merkel zwar gefasst, aber doch bitter getroffen. Ich bin ganz gewiss keine Freundin ihrer Politik und sehe sehr wohl, dass sie keinerlei Skrupel hatte, sich auch innerhalb ihrer Partei den Weg nach oben freizuboxen. Aber als ich sie dort auf dem Podium stehen sah, neben einem hämisch grinsenden Edmund Stoiber, da tat sie mir auf einmal leid und mich befiehl ein merkwürdiges Unbehagen, das ich gar nicht so recht zu deuten wusste. Worauf es sich bezog, wurde mir erst während der Berliner Runde klar, als der Kanzler in einem plötzlichen Anflug von akutem Größenwahn den Macho-Kotzbrocken gab und Frau Merkel mit einer Arroganz, die ihresgleichen suchte, auf die Plätze verwies. Die blieb ruhig und sachlich, doch man merkte ihr an, wie getroffen sie war. Die Wähler ihrer eigenen Partei hatten ihr die Unterstützung entzogen und waren zur FDP abgewandert. Und ich wurde den Verdacht nicht los, dass sie es vielleicht doch getan hatten, weil sie eine Frau war. Gewiss, es gäbe auch noch ein paar andere Gründe: Im Wahlkampf hatte es eine ganze Reihe böser Patzer gegeben und insbesondere in Personalfragen wirkte ihr taktisches Hin und Her bisweilen völlig planlos. Zudem wollte so mancher FDP-Wähler vermutlich eine große Koalition verhindern. Dennoch blieb das unbehagliche Gefühl, dass ein Teil der Wählerverluste der Union womöglich doch dem Geschlecht der Kandidatin zuzuschreiben war (weil das konservative Lager eben keine Frau an der Spitze will).
Wirklich froh und zufrieden war ich mit meiner eigenen Wahl, die ich diesmal sorgfältig geprüft und bedacht hatte. Zweimal hatte ich den Wahl-O-Mat befragt, einmal recht oberflächlich im Vorbeigehen und einmal im Beisein meiner Schwester, mit der gemeinsam ich jede einzelne These gründlich durchdachte und diskutierte, wobei wir im Zweifelsfall auch die Inhalte der Parteiprogramme zu Rate zogen. Beide Male empfahl der Test mir die Linkspartei, wobei die Abweichungen zu den Grünen nur minimal waren. An dieser Stelle gaben dann meine altbewährte Sympathie für die ökologische Ausrichtung der Grünen und deren immenser Vorsprung in Sachen Frauenpolitik den Ausschlag. Wie schon in all den Jahren zuvor erhielten meine Stimme schließlich Bündnis 90/Die Grünen. Und am Wahlabend war ich herzlich froh darüber, denn während Gerhard Schröder völlig überschnappte, Edmund Stoiber etwas von einem "Ergebnis um die 53% für die CSU“ fabulierte (real lag die CSU unter 50% – für ein Land wie Bayern grenzt das an Hochverrat) und Guido Westerwelle sämtlichen Koalitionen mit Ausnahme von Schwarz-Gelb rigoros eine Absage erteilte, blieben die Grünen heiter, ruhig und sachlich und schlossen keine Eventualität von vornherein aus. "An erster Stelle kommen bei uns die Inhalte.“ Schön. Das klingt doch zur Abwechslung mal nach echter Demokratie.
Außerdem freue ich mich darüber, dass es in unserem Land offenbar keine Mehrheit für eine primär leistungsorientierte Politik gibt. Auch wenn die Meinungsforscher von einem "gespaltenen Volk“ reden, überwiegt doch die Zahl derer, für die Solidarität den höheren Wert darstellt. Somit befinde ich mich in guter Gesellschaft. Ich halte Leistung für eine gute Sache, aber nur dann, wenn sie nicht auf Kosten einer sozialen Grundhaltung geht. Weitaus wichtiger finde ich es, die sozialen Netzwerke unserer Gesellschaft zu erhalten, zu stärken und auf eine Weise zu verändern, die ein hilfsbereites, solidarisches und mitfühlendes Verhalten lohnend erscheinen lässt. Ob das in diesem Land gelingt, wird sich zeigen. Ich werde mich jedenfalls auch künftig nicht allein auf die große Politik verlassen, sondern mich in meinem unmittelbaren Umfeld für die Dinge einsetzen, die mir wichtig sind.