Sternentanz

07.10.2009 um 23:24 Uhr

Die letzte Sommernacht

von: Nimien   Kategorie: Meine Stadt

Stimmung: Dankbar
Musik: Mary Black - I Live Not Where I Love

 (c) Renate Tröße/pixelio

Meine liebe C. verfiel heute Nachmittag spontan auf die Idee, dass wir beim Inder essen gehen könnten. Also trafen wir uns beim "Ganga" in der Baader-Straße und speisten gar köstliche Thalis zu süßem Lassi. Als wir satt und zufrieden das Besteck beiseite legten und uns an Mango-Likör und Fenchel mit Zuckerkügelchen verköstigten, war unser Gesprächsstoff noch lange nicht zu Ende. Also beschlossen wir, noch ein wenig durchs Glockenbachviertel zu flanieren. Um neun Uhr abends war es noch so warm, dass ich kurzerhand meine Jeansjacke über die Handtasche hängte und nur mit einer leichten Bluse bekleidet durch die erleuchteten Straßen bummelte. Überall saßen die Leute hemdsärmelig in den Straßencafés, die Windlichter flackerten in ihren Gläsern und sowohl das Rondell auf dem Gärtnerplatz als auch die Treppe vor dem Theater quollen über vor Menschen. Heiter und ausgelassen feierten sie die letzte Sommernacht dieses Jahres. 27 °C im Oktober: Herz, was willst du mehr! (Da soll noch einer sagen, München trüge seinen Titel als "nördlichste Stadt Italiens" nicht zu Recht.)

28.06.2009 um 13:49 Uhr

Tollwood-Einsiedelei

von: Nimien   Kategorie: Meine Stadt

Stimmung: Sehnsüchtig-verträumt
Musik: Aretha Franklin - Call Me

 Foto: Wikipedia

Zweimal im Jahr eröffnet in München das Tollwood-Festival seine Pforten, im Winter jeweils auf der Theresienwiese, im Sommer auf dem Olympiagelände. Neben kulturellen Veranstaltungen hat das Festival zahlreiche Stände und Multikulti-Impressionen zu bieten. In diesem Jahr finden sich dort unter anderem der asiatisch anmutende "Garten des friedvollen Drachens" und ein üppig ausgestattetes orientalisches Bazarzelt. Alle Performances und Theatervorführungen finden open-air und bei freiem Eintritt statt. Lediglich für die Veranstaltungen in der Musik-Arena sind die Karten käuflich zu erwerben. Dazwischen erstreckt sich der "Markt der Ideen": Zahlreiche Stände mit flirrenden Windspielen, indischen Göttinnenskulpturen, buntem Glasschmuck, extravaganten kulinarischen Kreationen und farbenfroher Hippie-Mode verlocken zum Geldausgeben. Die gastronomischen Betriebe verkaufen ausschließlich Lebensmittel aus kontrolliert biologischem Anbau, und neuerdings versuchen sogar die Stadtwerke, den Tollwood-Besuchern ihren M-Natur-Tarif als Ökostrom zu verkaufen. Es ist jedes Mal ein buntes Treiben auf dem Tollwood-Gelände, in das ich gerne eintauche.

Doch in diesem Jahr entdeckten wir inmitten all des Trubels ein ganz besonderes Kleinod, das wohl schon lange zu den Markenzeichen Münchens gehört, von dessen Existenz ich aber bis gestern nichts wusste: Mitten auf dem Oberwiesenfeld liegt die Eremitage des 2004 in einem Münchner Altersheim verstorbenen "Väterchen Timofej". Die Erscheinung der Muttergottes hatte ihn aus seiner russischen Heimat nach München gerufen, wo er zunächst unter Isarbrücken lebte und später mit seiner langjährigen Lebensgefährtin aus dem Bauschutt des zweiten Weltkriegs eine Kapelle, eine Basilika und einige Hütten auf ehemaligem Militärgelände errichtete. Ende der Sechziger Jahre sollten die Schwarzbauten dem geplanten Olympiapark weichen, doch Proteste der Münchner Bürger und der Presse bewirkten, dass das Olympiagelände weiter nördlich angelegt wurde. Väterchen Timofej und seine Natascha konnten weiterhin in ihrer mit Staniolpapier ausgekleideten Ost-West-Friedenskirche zur Muttergottes beten.

Wer durch das Gartentor geht, lässt das laute Treiben des Festivals hinter sich und betritt eine verwunschene, stille Welt. Kleine Häuschen mit weiß gekalkten Wänden, hölzernen Fensterläden und grün gedeckten Dächern stehen inmitten alter Obstbäume und verwilderter Gemüsebeete, zwischen denen schmale, mit Kies bedeckte Gartenwege entlangführen. Die Kirche und die Kapelle sind nach russisch-orthodoxem Vorbild üppig geschmückt und in den Bäumen hängen Christbaumkugeln. Welch ein Glück, dass die Stadt diesen zauberhaften Ort erhalten will und seine Pflege einem Verein anvertraut hat! Hier muss ich unbedingt noch einmal mit meinem Liebsten herkommen.

07.12.2008 um 11:10 Uhr

Minga, i mog di!

von: Nimien   Kategorie: Meine Stadt

Stimmung: Wohlig-verschlafen
Musik: Katie Melua - Blame It on the Moon

 (c) Fricus/pixelio.de

Ich war beruflich für drei Tage in Berlin. Bei meinem letzten Besuch in der deutschen Hauptstadt stand die Mauer noch (und die westdeutsche Hauptstadt war ein kleines Dorf namens Bonn). Obwohl der Mauerfall mittlerweile zwanzig Jahre zurück liegt, war es berührend und bewegend, durch das Brandenburger Tor und Unter den Linden zu flanieren und endlich mit all meinen Sinnen zu sehen, zu spüren und zu erleben, wie viel sich hier seit der Wende verändert hat. Ansonsten ist mein Eindruck von Berlin noch derselbe wie vor zwanzig Jahren: zu groß, zu laut, zu dreckig - und viel zu anstrengend. Ich bin überhaupt kein Großstadtmensch und Berlin ist eine Stadt, die mich komplett erschlägt. Außerdem bin ich wohl schrecklich verwöhnt, weil ich in einer der reichsten und blühendsten Städte Europas lebe. Die Armut ist in Berlin deutlich spürbar und der Kontrast zu den protzigen und überladenen Konsumtempeln am Kurfürstendamm und in der Friedrichstraße umso drastischer. Doch es ist in erster Linie die Größe der Stadt, die mich überfordert. In Berlin dauert es ewig, von A nach B zu kommen, und nicht selten muss man dabei dreimal umsteigen. Zum Glück hatten wir eine sehr schöne Unterkunft in einem ruhigen Viertel am Stadtrand, so dass ich mich abends von der ständigen Reizüberflutung erholen konnte. Trotzdem war ich froh, dem Großstadtbetrieb nach drei Tagen entfliehen zu können. Als unser Flieger am späten Nachmittag auf dem Münchner Flughafen aufsetzte, machte mein Herz einen kleinen Freudensprung.

 (c) Heiko/pixelio.de

München, das ist Heimat. Der warme, durchaus kantige, aber liebenswerte bayerische Dialekt. Das bunte und vielfältige Stadtbild, das nicht von futuristischen Wolkenkratzern dominiert wird, sondern zahlreiche historische und moderne Stilrichtungen harmonisch in sich vereint. Die weltberühmten Münchner Biergärten, die das sommerliche Großstadtleben entscheidend prägen. Das südländische Flair und die winterliche Weihnachtsstimmung. Das grüne Band der Isar, das die Stadt von Süden nach Norden durchzieht. Die schmucken Passagen entlang der Einkaufsmeilen und die kleinen Seitenstraßen in Haidhausen oder im Glockbachviertel. Der Viktualienmarkt und das Tollwood-Festival. Die blauen Wagen der MVG. Die Möglichkeit, ganze Stadtviertel zu Fuß zu erkunden. München ist groß genug, um mir jede nur erdenkliche Anregung zu bieten, und doch so überschaubar, dass ich mich hier noch heimisch fühlen kann. In keiner anderen Stadt habe ich mich so schnell zu Hause gefühlt. München hat mich vor sieben Jahren freudig willkommen geheißen und mich seither nicht wieder losgelassen. Es hat mir einen Traumjob und eine wunderbare Wohnung beschert, ich habe ihm das Wiederaufleben einer wunderbaren Freundschaft und letztlich sogar den Zauber einer großen Liebe zu verdanken. Denn es war die Aussicht auf ein Wochenende in München und einen Besuch auf dem Oktoberfest, die meinen Liebsten vor drei Jahren in mein Leben lockte. Und so ist München längst nicht mehr nur meine, sondern auch und vor allem unsere Stadt. Das ist das Allerschönste daran.

29.11.2006 um 18:28 Uhr

Alltag in der großen Stadt

von: Nimien   Kategorie: Meine Stadt

Stimmung: Ein wenig müde, aber voller Zärtlichkeit
Musik: Jane Olivor - He's So Fine

Man möchte es kaum glauben, aber ich beginne, Gefallen daran zu finden, am Morgen einen kleinen Spaziergang durch den Park zu machen, ehe mein Arbeitstag beginnt. (Ich stehe dafür sogar eine Viertelstunde eher auf.) An manchen Tagen liegt morgens über den Wiesen dichter Nebel, an anderen erheben sich die sonnenbeschienen Hochhäuser leuchtend vor dem noch dunklen Himmel und immer freue ich mich über die sanften Hügel, die mit ihren weichen, geschwungenen Linien meinen Weg begleiten. Bei ihrem Anblick begreife ich sofort, weshalb grasbewachsene Anhöhen so oft der Göttin geweiht waren. Satt und sinnlich wirken sie auf mich, selbst jetzt in dieser kargen Spätherbstzeit.

An der großen Straßenkreuzung, die ich überqueren muss, bewundere ich jeden Morgen die elegante Choreographie der Ampelanlage, die sogar den stinkenden, lärmenden Blechlawinen eine gewisse Schönheit abringt. Und am Ende freue ich mich über die erstaunliche Ruhe in der Seitenstraße, die meinen Arbeitsplatz beherbergt.

Heute hatte ich am Nachmittag einen Termin in Schwabing und beschloss, danach nicht gleich in die U-Bahn zu steigen, sondern bis zum Odeonsplatz zu laufen. So schlenderte ich gemächlich durch die Schwabinger Gassen und machte sogar noch einen Abstecher in den Englischen Garten, ehe ich in den unterirdischen Gewölben verschwand. Es war wundervoll, bei herrlich milder Luft zwischen den spätherbstlich kargen Bäumen spazierenzugehen, leise mit mir selbst zu reden und meinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf zu lassen. Natürlich wanderten sie in die Ferne, hin zu jenem Menschen, den ich so liebe und nach dem ich mich von Herzen sehne. Ich freue mich schon auf den Tag, an dem wir endlich wieder gemeinsam durch die Münchner Straßen laufen.

Im übrigen habe ich (als Dank für mein neues EMMA-Abo) eine großartige U-Bahn-Lektüre geschenkt bekommen: "Alice Schwarzer porträtiert Vorbilder und Idole", ein Buch voller Interviews mit starken Frauen, das mich sehr inspiriert und lauter in sich abgeschlossene Kapitel enthält. Und meine Heldin des Tages ist unsere Familienministerin Ursula von der Leyen mit ihrem Zitat "Ein Vater, der Kinderzeit genauso gewichtet wie Arbeitszeit, ist kein Weichei, sondern ein Trendsetter." Könnte man das den Männern nicht schon während der Ausbildung beibringen?

27.11.2006 um 21:57 Uhr

Herbstlaub und Weihnachtsbeleuchtung

von: Nimien   Kategorie: Meine Stadt

Stimmung: Heiter, verliebt, nostalgisch
Musik: Howard Shore - The Black Gate Opens

In München ist quasi über Nacht die Weihnachtsglitzerei ausgebrochen - und dabei stehen die Bäume in der Innenstadt noch in vollem Laub. Als ich aus der U-Bahn-Station am Sendlinger Tor kam, breitete eine riesige Platane ihr üppiges Blätterdach über mir aus, während ein paar Meter weiter an einer Häuserfassade blaue und weiße Lichter hektisch über das Mauerwerk sprangen. Und in der Kaufingerstraße schimmerten Lichterketten zwischen sich im Wind wiegenden Blättern. Es ist auch viel zu warm, um echte Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen. Nicht dass ich etwas dagegen hätte - verfroren, wie ich bin, genieße ich jeden warmen Sonnenstrahl -, aber ein merkwürdiges Gefühl ist es schon. Ich kann mir das Winter-Tollwood ohne klirrende Kälte überhaupt nicht vorstellen.

19.10.2006 um 21:49 Uhr

Lichter der Großstadt

von: Nimien   Kategorie: Meine Stadt

Stimmung: Betrübt und ratlos

Zwei Dinge gibt es in der Großstadt nicht, zumindest nicht da, wo ich wohne: Dunkelheit und Stille. Wenn ich nachts in meinen Garten gehe, taucht die Straßenlaterne, die den Weg nebenan beleuchtet, alles in ein fahles, blasses Licht. Ist es zudem bewölkt, erscheint nicht einmal der Himmel dunkel, sondern zeigt sich in schmutzig-rötlichem Schimmer. Vor allem Astronomen beklagen die zunehmende "Lichtverschmutzung" des nächtlichen Sternenhimmels und auch ich bin jedes Mal überwältigt und sprachlos, wenn ich nach langer Zeit wieder einmal Gelegenheit habe, einen echten Nachthimmel zu sehen. Natürlich bin ich froh, mich des nachts auf dem Heimweg von der U-Bahn nicht durch bleierne, furchteinflößende Dunkelheit quälen zu müssen. Und dennoch bedauere ich den Verlust der Nacht mit all ihren Geheimnissen.

Dasselbe gilt für die Stille. Auch wenn es in unserem Viertel im Grunde ruhig und beschaulich zugeht, so ist die Luft doch ständig erfüllt vom leisen Hintergrundrauschen des Verkehrs. Bei Tag und bei Nacht sausen Autos über die Schnellstraßen und lassen die Großstadt niemals ganz verstummen. Zwar mag das Surren und Summen zu nächtlicher Stunde leiser werden, doch es kommt nie zur Ruhe. Als Großstadtbewohnerin habe ich mich soweit daran gewöhnt, dass ich es oft gar nicht mehr wahrnehme, doch sobald ich meine Sinne schärfe und mich in bewusster Achtsamkeit übe, ist es wieder da. Die Stille, die entsteht, wenn alle Geräusche schlafen, kenne ich überhaupt nicht. (Man sagte mir, die gebe es nur in der Wüste oder auf einsamen Berggipfeln). Doch auch die ländliche Stille, in der nur noch das Rauschen des Windes oder ein Rascheln im Unterholz zu hören sind, ist für mich lediglich eine Erinnerung.

24.09.2006 um 20:21 Uhr

Oans, zwoa, g'suffa!

von: Nimien   Kategorie: Meine Stadt

Stimmung: Sehnsüchtig und leicht beunruhigt (wobei das eine nichts mit dem anderen zu tun hat)
Musik: Loreena McKennit - Samain Night

Seit gut einer Woche ist in München mal wieder der alljährliche Wahnsinn ausgebrochen. Das Oktoberfest lockt die Touristenmassen an und macht die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel zu einer nervenzehrenden Angelegenheit. Heute Nachmittag saß ich in einem Regionalzug auf dem Weg nach München und durfte die Anwesenheit eines Haufens angetrunkener Halbstarker genießen, die schon auf der Hinfahrt zum Oktoberfest offenbar gehörige Mengen an Bier intus hatten. Übelriechend, lärmend und pöbelnd saßen sie im Abteil und meine einzige Abwehrstrategie bestand in der inneren Emigration. Ich starrte aus dem Fenster und träumte mich davon, um mich nicht mit den besoffenen jungen Männern konfrontieren zu müssen.

Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin keine strikte Antialkoholikerin, auch wenn alkoholische Getränke nicht zu meinem Alltag gehören. Ich trinke hie und da mal ein Gläschen Sekt-Orange oder ein Glas Wein, wenn es etwas Besonderes zu feiern gibt, und im passenden Ambiente habe ich mittlerweile - innerhalb vernünftiger Grenzen - sogar die berauschende Wirkung des Alkohols zu schätzen gelernt. Dieses Ambiente ist für mich aber sehr privat und intim, eng verbunden mit der vertrauensvollen Hingabe an meinen Liebsten und der Sinnlichkeit, die wir miteinander teilen.

Dem allgemeinen Besäufnis auf Partys oder öffentlichen Veranstaltungen kann ich hingegen überhaupt nichts abgewinnen. Besoffene Menschengruppen stoßen mich ab. Sie wecken in mir höchst unangenehme Gefühle - meist eine Mischung aus Ekel, Abscheu, Verachtung und Angst. Was Menschen dazu bewegt, sich schier das Hirn aus dem Leib zu saufen, bis sie sich in pöbelnde oder lallende Idioten verwandeln, denen die einfachsten Grundregeln der Höflichkeit und des Anstands völlig fremd sind, werde ich nie verstehen. Wohlgemerkt, ich spreche hier nicht vom Alkoholismus im engeren Sinne (dessen Beweggründe kann ich sogar noch eher nachvollziehen), sondern vom gesellschaftlich akzeptierten Kollektivbesäufnis. Wenn das ein Mysterium ist, das sich nur jenen erschließt, die daran teilnehmen, dann wird es mir wohl auf ewig verschlossen bleiben.

06.08.2006 um 22:21 Uhr

Neue Räume und fremde Welten

von: Nimien   Kategorie: Meine Stadt

Stimmung: Liebevoll
Musik: Cher - I Found Someone

Die Anwesenheit meines Liebsten beschert mir viele neue Erfahrungen - darunter auch solche, gegen die ich mich anfänglich verwahrt habe, weil sie meiner vertrauten Welt so kalt und fremd erschienen. Manchmal bin ich selbst ganz erstaunt, mit welchen Vorurteilen ich behaftet bin und wie stur ich sein kann, wenn ich glaube, allzu lange schon nicht mehr meinen Willen bekommen zu haben. Aber nachdem mein Liebster mich am Samstag dazu überredet hatte, mit ihm doch mal zum Bowling zu gehen (das für uns beide Neuland war), begann ein durch und durch verwunschener und zauberhafter Nachmittag in einer für mich über weite Strecken fremden Welt. Beim Bowling gelangen mir doch glatt ein paar Strikes und ich muss zugeben, dass es mir Spaß gemacht hat, obwohl mir nach einer Dreiviertelstunde fast der Arm abfiel. Meine Jubelrufe weckten wiederum zarte Gefühle bei meinem Liebsten, so dass er trotz seiner Niederlage rundum versöhnt mit der Welt im allgemeinen und mir im besonderen war. Außerdem konnte er beim Dart seine Qualitäten noch zur Genüge zu Beweis stellen. Diesmal war er derjenige, der locker gewann.

Nach einem Besuch im allerersten McDonalds-Restaurant Deutschlands führte unser Weg durch Stadtviertel und Straßenzüge, die mir völlig fremd waren. Dank meines vorzüglichen Orientierungssinnes fanden wir trotzdem - auf nur unerheblichen Umwegen - zur Auer Dult, wo ich die Geister der Vergangenheit lächelnd begrüßte und ihnen die beglückenden Erfahrungen der Gegenwart zur Seite stellte. Vorbei an Kettenkarussell und Kasperletheater, gebrannten Mandeln und Zuckerwatte, Töpferware und Haushaltsgeräten schlenderten wir über den Platz, während die Liebe zu dem Mann an meiner Seite in meinem Herzen tanzte. Ein Bus brachte uns zum Ostbahnhof, wo wir eine kleine Kaffeepause einlegten. Mich zog es zu dieser Zeit schon sehr nach Hause, doch mein Liebster war aufgekratzt und abenteuerlustig und überredete mich zu einem kleinen Ausflug nach Fröttmaning. Er wollte unbedingt die Allianz-Arena besichtigen. Also setzten wir uns in die U-Bahn und fuhren in den Münchner Norden.

Als wir aus der U-Bahn ausstiegen, erhob sich ein schwarzblauer Gewitterhimmel wunderschön und drohend über unseren Köpfen. Doch schafften wir es noch ganz gemütlich bis zum Stadion, ehe ein Platzregen über uns herniederging, der uns, hätten wir zu dieser Zeit noch auf freiem Feld gestanden, wohl binnen Sekunden bis auf die Knochen durchnässt hätte. So aber hatten wir Gelegenheit, vor dem prasselnden Regen gut geschützt, das imposante Gebäude zu erkunden und dabei auch unseren romantischen Gefühlen ausreichend Raum zu geben. War es Zufall, dass uns auf dem Heimweg ein frecher Hase über den Weg sprang?

Auf dem Rückweg verleitete mich mein Schatz zu einer echten Ordnungswidrigkeit: Er brachte mich dazu, meinem anfänglichen Zögern zum Trotz auf das Abstempeln unserer Streifenkarte zu verzichten. (Ich muss dazu sagen, dass ich den Öffentlichen normalerweise alle Einnahmen gönne und schon aus Prinzip nicht schwarzfahre. Allerdings habe ich mich, wie sich meine treuen Leser und Leserinnen vielleicht noch erinnern, kürzlich sehr über die MVG geärgert und betrachte dies nun als gerechten Ausgleich.) Leicht beklommen und mit klopfendem Herzen saßen wir in der U-Bahn, merkwürdig aufgekratzt nach diesem unglaublich tollkühnen und wagemutigen Gesetzesbruch und trotzdem froh, als ab dem Nordfriedhof wieder unsere Zeitkarten Gültigkeit besaßen. Zur Feier des Augenblicks stiegen wir dort aus, um die Orthodoxe Kirche zu besichtigen, standen oben jedoch vor verschlossenen Türen. In unserer Verliebtheit ließen wir uns dadurch aber nicht stören und schlüpften einfach in die nächste U-Bahn, die uns bis zum Odeonsplatz brachte. Ein kurzer Ausflug in eines der typischen Münchner Touristenlokale, die sich zwar durch gesalzene Preise, nicht jedoch durch phantasievoll gewürztes Essen auszeichnen, vollendete einen rundum gelungen Tag.

01.07.2006 um 10:55 Uhr

Abo-Kunden haben mehr vom Leben...

von: Nimien   Kategorie: Meine Stadt

Stimmung: Heiter
Musik: Something Corporate - Punk Rock Princess

... tönen die Münchner Verkehrsbetriebe lautstark von ihren Werbeplakaten. Daneben sehen wir ein kleines Männchen, das im Handstandüberschlag durch die Gegend wirbelt, sich meditierend im Lotossitz entspannt, Geld in ein Sparschwein wirft oder ein rotes Herz umarmt. Das Abo hilft, Geld und Zeit zu sparen, will uns die Werbung sagen, es schont die Nerven und lässt uns mehr Raum für wichtigere Dinge, z.B. die Liebe. Das ist ja alles schön und gut, aber es gilt leider nur so lange, bis ein Abo-Kunde sich erdreistet, seine Geldbörse mit Abo-Karte daheim zu vergessen und ohne vorzeigbare Karte im Zug angetroffen zu werden. Mir so passiert am Dienstag, ungefähr 30 Sekunden, nachdem sich die Türen der U-Bahn an meiner Heimatstation geschlossen hatten.

Ich will nicht ungerecht sein: Die MVG ist großzügig. Wer eine persönliche Kundenkarte hat, muss nicht gleich 40 Euro zahlen, sondern hat die Möglichkeit, binnen einer Woche seinen Fahrschein bei der MVG vorzulegen. Das erhöhte Beförderungsgeld reduziert sich dann auf 5 Euro. Dass das meiner viel beworbenen Geldersparnis trotzdem einen Dämpfer verpasst, wollen wir mal dahingestellt sein lassen. Das Problem ist ein anderes: Die Öffnungszeiten der entsprechenden Stelle sind geradezu entzückend! Montags und dienstags machen sie um halb vier zu, mittwochs um zwölf, freitags um halb zwei und nur am Donnerstag haben säumige Kunden die Gelegenheit, bis sechs Uhr abends vorzusprechen. Und natürlich hat sich lediglich eines der drei Kundencenter überhaupt der verantwortlichen Aufgabe verschrieben, auf die Vergesslichkeit der Kunden pädagogisch einzuwirken.

Meine Stimmung war nicht die beste, als ich am Mittwoch um kurz vor drei hören musste, dass ich mit meinem Ansinnen leider drei Stunden zu spät kam. Ich war umsonst quer durch die Stadt kutschiert und durfte mich unverrichteter Dinge wieder auf den Heimweg machen. Immerhin war es mir möglich, am Freitag etwas eher als sonst aus dem Haus zu gehen und das Problem noch vor der Arbeit aus der Welt zu schaffen. Ich zeigte meine Karte vor, legte fünf Euro auf den Tisch und erhielt zum Dank eine Quittung, auf der ich noch eine hinreißende Grußbotschaft fand:

"Lieber Fahrgast der MVG, wer viel unterwegs ist, möchte Flexibilität und keine unnötigen Wege. Mit unserem IsarCardAbo sparen Sie Zeit und Geld. Das IsarCardAbo kommt Jahr für Jahr pünktlich per Post zu Ihnen nach Hause. Umwege oder gar Anstehen für ein Ticket entfallen." Sie warben mit ihren kundenfreundlichen Öffnungszeiten von 8-20 Uhr und beendeten das Schreiben mit dem beliebten Slogan: "MVG - IsarCardAbo-Kunden leben leichter" ... nun, zumindest solange sie es nicht wagen, ihre Fahrkarte zu vergessen.

23.06.2006 um 23:39 Uhr

Ausflug nach Tollywood

von: Nimien   Kategorie: Meine Stadt

Stimmung: Fröhlich und dankbar

Nur einmal im Jahr kommt sie nach Deutschland. Dazwischen hören wir oft monatelang nichts voneinander. Nur hie und da fliegen ein paar Worte über den Ozean - manchmal geschrieben, manchmal gesprochen, immer lieb und dennoch rar. Trotzdem ist es jedes Mal, wenn wir uns wiedersehen, als wäre dazwischen überhaupt keine Zeit vergangen. Als hätten wir den letzten Satz gerade erst vor fünf Minuten beendet. Was für eine wunderschöne Freundschaft!

Diesmal hatten wir nur vier Stunden miteinander. Wir beschlossen, sie auf dem Tollwood Sommerfestival im Olympiapark zu verbringen. Da N. sich am Vormittag in einem Laden eine Bollywood-DVD angeschaut hatte und sich später außerdem dazu durchringen konnte, einen zauberhaften, indischen Zweiteiler zu kaufen, wurde daraus in unserem Sprachgebrauch sehr bald "Tollywood". Was soll ich sagen? Es war toll in Tollywood! Das Wetter war ideal - nicht zu heiß und nicht zu kalt - und die Fußball-WM hielt uns die Menschenmassen vom Leib. Es war gerade genug Betrieb, um dem Gelände Flair zu verleihen, doch bei weitem nicht so viel, dass es uns nach einer halben Stunde schon wieder fortgetrieben hätte. Gemütlich bummelten wir zwischen den Zelten und Ständen entlang, kosteten belgische Pommes, tranken echt russische Spezi und knabberten Sonnenblumen- und Kürbiskerne dabei, hielten Ausschau nach schönen Dingen, plauderten und schwiegen und genossen unser Wiedersehen in vollen Zügen.

Es gab so viel zu sehen: Glasmobiles, die aus der Ferne wie aufsteigende Blasen aus bunter Flüssigkeit aussahen, Silberschmuck und Frühstücksbrettchen aus Olivenholz, Hippieklamotten und zart gewebte Seidenschals, getrockenete Gewürze und Flaschen, in denen süßer Met in der Sonne funkelte, dazwischen zwei Haarakrobatinnen, die aus braven Durchschnittsfrisuren in Windeseile schrille Kreationen zauberten und ein Künstler, der sich als lebendes Steh-auf-Männchen präsentierte. Ich erstand eine Kette bei meinem Lieblingshändler und freute mich wie ein Schneiderlein, als ich entdeckte, dass Gubo im Juli einen Laden in München eröffnen. Meine Heiterkeit entlud sich immer wieder in Momenten überschwänglicher Zärtlichkeit, in denen ich N. um den Hals fiel und schier platzen wollte vor Freude.

Auf dem Heimweg entschieden wir uns spontan für den köstlichen Luxus einer Rikschafahrt. Ein ausgesprochen netter, braungebrannter Student kutschierte uns in einer original indonesischen Rikscha und trotz seiner atemraubenden Tätigkeit mit amüsantem Geplauder zum gewünschten Ziel, während wir uns genüsslich den sanften Fahrtwind um die Ohren wehen ließen. Mit einem kurzen, aber herzlichen Abschied in der U-Bahn fand unser rundum gelungenes Wiedersehen in Tollywood schließlich sein Ende.

25.09.2005 um 20:06 Uhr

Auf der Wiesn

von: Nimien   Kategorie: Meine Stadt

Stimmung: Eine Mischung aus Melancholie und Heiterkeit
Musik: STILLE

Nur um das mal vorauszuschicken: Ich mag keine Menschenansammlungen. Alkohol trinke ich nur in äußerst geringen Mengen und höchstens dreimal im Jahr. Trachtenmode lässt mich kalt und gehobene Lärmpegel vermeide ich tunlichst. Aber was soll ich machen, wenn sich Besuch ansagt, der unbedingt gerne auf die Wiesn möchte? Einmal tief durchatmen, seufzen, mich auf das Schlimmste gefasst machen und losziehen. Es war kurz vor elf und strahlend schönes Wetter, als wir auf der Theresienwiese ankamen. Die Besucher strömten bereits stetig aus den U-Bahn-Schächten und Seitenstraßen, doch noch hielt sich der Andrang in Grenzen und so schlenderten wir ganz gemächlich über die Festwiese. Der Duft von gebrannten Mandeln, Leberknödelsuppe und Steckerlfisch stieg mir in die Nase und der Musiksalat, der aus den Lautsprechern dröhnte, mischte sich mit den Schreien derer, die sich schon in die Freifall-, Überschlag- und Durchrüttelfahrgeschäfte gewagt hatten.

Wir einigten uns auf einen Besuch beim "Schichtl", den es schon seit über 100 Jahren auf dem Oktoberfest gibt. Es handelt sich um eine kleine Varieté-Vorstellung, deren Höhepunkt in der Hinrichtung einer Person aus dem Publikum durch die Guillotine besteht. (Der Kopf des Opfers wird anschließend wieder aufgesetzt und niemand kommt zu Schaden, versteht sich.) Keine große Kunst, aber urig und nett. Und auf jeden Fall besser als das, was dann folgte: Ein Abstecher ins Hofbräuzelt. Unter normalen Umständen brächten mich keine zehn Pferde dort hinein, aber meinem Gast zuliebe ließ ich die Prozedur geduldig über mich ergehen. Es war tatsächlich so absurd, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Die Menschen sitzen dort dicht an dicht gedrängt und geben sich den Freuden des Alkohols hin, sie tanzen auf den Bänken und frönen einer Geselligkeit, die jede echte Begegnung völlig unmöglich macht. Der Lärmpegel ist enorm und spätestens nach dem dritten Mal konnte ich "Ein Prosit der Gemütlichkeit" nicht mehr hören. Selten zuvor habe ich mich so unwohl und fehl am Platz gefühlt. Zum Glück hatte mein Begleiter Erbarmen mit mir und gab, sobald er seinen Maßkrug geleert hatte, das Zeichen zum Aufbruch.

Draußen versuchte er mich noch zu einer Fahrt im "Euro Star" oder einer anderen wilden Raserei zu überreden, doch diesmal blieb ich hart und entschied mich stattdessen für meine alte Liebe, das Kettenkarussell. Heiter und entspannt ließ ich mich über die Köpfe der anderen Besucher hinweg durch die Lüfte tragen, genoss das sanfte Auf und Ab und den Fahrtwind im Gesicht, während die Septembersonne mir noch ein wenig späte Bräune auf die Haut zauberte. Das Schönste am gesamten Wiesnbesuch aber war der Moment, als wir das Getümmel endlich hinter uns ließen und noch im Café Rothmund zu einer kleinen Stärkung und einem gemütlichen Plausch einkehrten. Das, ja, das war wieder meine Welt. Hier konnte sich meine Seele ausbreiten und sich in aller Ruhe niederlassen. Mein Bedarf an Oktoberfest ist jedenfalls fürs erste gedeckt. Sagen wir, für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre.