Der Sammler
Stimmung: Bewegt
Musik: Natalie Cole - The Very Thought Of You
Ich las "Der Sammler" von John Fowles, die Geschichte eines gehemmten jungen Mannes, dessen einzige Leidenschaft das Jagen und Sammeln von Schmetterlingen ist - und die schöne Kunststudentin Miranda, die er jahrelang aus der Ferne anschmachtet. Als er überraschend im Toto gewinnt, kauft er ein einsames, abgelegenes Haus auf dem Land, renoviert das großzügige Kellergewölbe und bereitet alles vor, um sie als 'Gast' zu sich zu holen und sie dort unten einzusperren.
Ich hatte vor vielen Jahren einmal die Verfilmung dieses Romans aus den Sechziger Jahren gesehen, mit Samantha Eggar und Terence Stamp in den Hauptrollen. Schon der Film war ein eindringliches Kammerspiel, das Buch übertraf ihn jedoch noch bei weitem. Es ist ausgesprochen raffiniert aufgebaut: Im ersten Teil erzählt Frederik Clegg, der Entführer, die Geschichte aus seiner Sicht. Im zweiten Teil schildert Miranda in Tagebucheinträgen ihren erschütternden Leidensweg und das Geschehen erscheint plötzlich aus einer völlig neuen Perspektive. Dabei überzeugen auch die sprachlichen Unterschiede. Frederiks grober, etwas holpriger und sperriger Erzählweise stehen Mirandas intelligene, feinsinnige und in Wortwahl und Ausdruck geschliffene Analysen gegenüber.
Die beiden Protagonisten haben keine Chance, zu einer gütlichen Einigung zu kommen. Zu verschieden sind ihre Charaktere, zu unterschiedlich ihre gesellschaftliche Herkunft, zu emotional verkrüppelt und sozial inkompetent ist dieser Mann, dem es eigentlich nur darum geht, die Schönheit der jungen Frau zu besitzen, der ihrer Seele und ihrem Geist aber in keiner Weise gewachsen ist. Es ist eine leidvolle, verzweifelte Geschichte und sie hat kein Happy End. Frederik ist verliebt in eine schöne Hülle, deren lebendigen Inhalt er nicht zu fassen vermag. Selbst seine Sehnsucht, von ihr wiedergeliebt zu werden, erschöpft sich in statischen Phantasien eines perfekten, kleinbürgerlichen Ehelebens. Er ist nicht einmal in der Lage, sich seiner Angebeteten ernsthaft sexuell zu nähern. Im Grunde ist sie für ihn nur wie einer seiner seltenen Schmetterlinge, deren tote Schönheit er hinter Glas verewigt.
Gruselig fand ich übrigens den Hinweis auf Wikipedia, dass die Geschichte offenbar den einen oder anderen Serienkiller inspiriert zu haben scheint.
(c) Tábata/Wikipedia

