Wiedersehen in Howards End
Stimmung: Schreibwütig
Musik: Katie Melua - Shy Boy
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich "Wiedersehen in Howards End" von E. M. Forster aus der SZ-Bibliothek gelesen. Meine Schwester hatte es mir empfohlen, weil sie darin einige Parallelen zu uns beiden entdeckt hatte. Und tatsächlich - auch mir kam die Geschichte hie und da vor wie ein Spiegelbild.
Der Roman handelt von zwei Schwestern, Margaret und Helen Schlegel, die gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Tibby zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein freies, unkonventionelles und finanziell unabhängiges Leben in ihrem Geburtshaus in London führen. Margaret ist acht Jahre älter als Helen und die sanftmütigere und verständigere der beiden Schwestern. Helen ist dafür hübscher und lebhafter. Sie verliebt sich in den Sohn des Industriellen Henry Wilcox, den die beiden Schwestern auf einer Deutschlandreise kennengelernt haben, doch die Romanze währt nur kurz. In den folgenden Monaten befreundet sich Margaret mit Ruth Wilcox, der Ehefrau des Industriellen, und wächst dieser so sehr ans Herz, dass sie ihr auf dem Sterbebett ihr kleines Anwesen Howards End vermacht. Die Familie allerdings bestreitet die Rechtmäßigkeit dieses handschriftlich hingekritzelten Testaments und verbrennt die Notiz.
Einige Zeit nach dem Tod von Ruth Wilcox kommt es zu einer Annäherung zwischen Henry Wilcox und Margaret. Die beiden heiraten. Helen ist davon überhaupt nicht begeistert, da sie in Henry Wilcox einen klassischen Kapitalisten sieht, der den künstlerischen Neigungen und sozialpolitischen Ansichten der beiden Schwestern eher ablehnend gegenübersteht. Als sie ihn auch noch für verantwortlich an der finanziellen Notlage eines Bekannten hält, ist ihre Empörung so groß, dass es zum Bruch der beiden Schwestern kommt. Helen flieht nach Deutschland und Margaret hört monatelang nichts mehr von ihr, bis sich alle Beteiligten schließlich eines Tages in Howards End wiedersehen...
(Wer eine noch ausführlichere Beschreibung wünscht, die sämtliche Details der Handlung verrät, sei an diese Seite verwiesen. Sie behandelt zwar die Verfilmung des Romans, doch diese hält sich detailgetreu an die Buchvorlage.)
Das Buch ist streckenweise ein wenig langatmig geschrieben, doch im letzten Drittel habe ich es kaum noch aus der Hand gelegt. Faszinierend fand ich insbesondere, wie es dem Autor gelingt, die unterschiedlichen Perspektiven und Gedankenwelten der handelnden Personen herauszuarbeiten. So beschreibt er Margaret einmal aus der Sicht ihres Ehemannes als "lebhafte und intelligente und doch so fügsame Frau", die zwar durchaus Eigenständigkeit beweist, im entscheidenden Moment aber jedes Mal ihr Buch zuklappt und den Wünschen ihres Mannes gänzlich zur Verfügung steht.
Dieser Abschnitt hat mich sehr nachdenklich gemacht, denn etwas Ähnliches kenne ich von mir selbst. So selbständig, emanzipiert und unabhängig ich in den Singlephasen meines Lebens auch immer gewesen sein mag, in meinen Liebesbeziehungen habe ich mich doch immer wieder dabei ertappt, mein Dasein allzusehr um den Geliebten herumzudrapieren und die feinen Antennen meiner Wahrnehmung sehr viel stärker auf seine Bedürfnisse auszurichten als auf meine eigenen. Erst in den letzten Jahren konnte ich diesbezüglich eine Veränderung beobachten. Umso vergnüglicher war es für mich zu sehen, dass Margaret bei dem Konflikt zwischen ihrer Schwester und ihrem Ehemann, bei dem dieser sich ausgesprochen unfair verhält und eine regelrechte Doppelmoral an den Tag legt, ohne jedes Zögern zu ihrer Schwester hält. Ich habe bei einem männlichen Autor selten einen so undramatischen, emanzipierten Blick auf weiblichen Romanfiguren gefunden.
Mindestens ebenso sehr berührt hat mich die Begegnung der beiden Schwestern nach all den Monaten der Trennung und der inneren Distanz. Sie ringen um eine gemeinsame Ebene, verstricken sich jedoch immer wieder in Missverständnisse und finden keinen Weg, die Kluft zu überwinden, die sich zwischen ihnen auftut. Erst als sie dazu übergehen, gemeinsame Erinnerungen auszutauschen, brechen die Dämme:
"Der Alltagsdruck wich von ihren Gesichtern und etwas anderes kam zum Vorschein: das Bewusstsein, dass nichts sie jemals trennen könnte, weil ihre Liebe in Gemeinsamkeiten wurzelte. Mit Erklärungen und Beschwörungen waren sie nicht zum Ziel gekommen; vergeblich hatten sie nach einer gemeinsamen Ebene gesucht und sich dabei nur gegenseitig unglücklich gemacht. Und dabei lag die Rettung doch so nah: Sie lag in der Vergangenheit, die das Heute heiligte, und im Heute, das mit wildem Herzschlag kundtat, es werde schließlich auch wieder eine Zukunft kommen, eine Zukunft mit Lachen und fröhlichem Kinderlärm."
An dieser Stelle musste ich lächeln, weil mir das alles so bekannt vorkam. Auch meine kleine Schwester und ich haben eine sehr schwierige Zeit hinter uns und es schien, als würden wir keinen Weg mehr zueinander finden. Auch mir ist die Erfahrung vertraut, dass meine Schwester mit der Wahl meiner Liebhaber nicht einverstanden war und sich dadurch eine unsichtbare Mauer zwischen uns schob. Doch Blut ist dicker als Wasser und die Liebe, die uns verbindet und sich aus unserer gemeinsamen Geschichte nährt, erwies sich letztlich immer als stärker als alle Unterschiede und Zwistigkeiten. Von daher gefiel mir natürlich auch das Ende der Geschichte, das ich hier nicht verraten möchte, ausgesprochen gut. Das ist ein Lebensentwurf, den ich mir auch für mich selbst sehr gut vorstellen könnte.

