Sternentanz

11.03.2006 um 11:43 Uhr

Wiedersehen in Howards End

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Schreibwütig
Musik: Katie Melua - Shy Boy

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich "Wiedersehen in Howards End" von E. M. Forster aus der SZ-Bibliothek gelesen. Meine Schwester hatte es mir empfohlen, weil sie darin einige Parallelen zu uns beiden entdeckt hatte. Und tatsächlich - auch mir kam die Geschichte hie und da vor wie ein Spiegelbild.

Der Roman handelt von zwei Schwestern, Margaret und Helen Schlegel, die gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Tibby zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein freies, unkonventionelles und finanziell unabhängiges Leben in ihrem Geburtshaus in London führen. Margaret ist acht Jahre älter als Helen und die sanftmütigere und verständigere der beiden Schwestern. Helen ist dafür hübscher und lebhafter. Sie verliebt sich in den Sohn des Industriellen Henry Wilcox, den die beiden Schwestern auf einer Deutschlandreise kennengelernt haben, doch die Romanze währt nur kurz. In den folgenden Monaten befreundet sich Margaret mit Ruth Wilcox, der Ehefrau des Industriellen, und wächst dieser so sehr ans Herz, dass sie ihr auf dem Sterbebett ihr kleines Anwesen Howards End vermacht. Die Familie allerdings bestreitet die Rechtmäßigkeit dieses handschriftlich hingekritzelten Testaments und verbrennt die Notiz.

Einige Zeit nach dem Tod von Ruth Wilcox kommt es zu einer Annäherung zwischen Henry Wilcox und Margaret. Die beiden heiraten. Helen ist davon überhaupt nicht begeistert, da sie in Henry Wilcox einen klassischen Kapitalisten sieht, der den künstlerischen Neigungen und sozialpolitischen Ansichten der beiden Schwestern eher ablehnend gegenübersteht. Als sie ihn auch noch für verantwortlich an der finanziellen Notlage eines Bekannten hält, ist ihre Empörung so groß, dass es zum Bruch der beiden Schwestern kommt. Helen flieht nach Deutschland und Margaret hört monatelang nichts mehr von ihr, bis sich alle Beteiligten schließlich eines Tages in Howards End wiedersehen...

(Wer eine noch ausführlichere Beschreibung wünscht, die sämtliche Details der Handlung verrät, sei an diese Seite verwiesen. Sie behandelt zwar die Verfilmung des Romans, doch diese hält sich detailgetreu an die Buchvorlage.)

Das Buch ist streckenweise ein wenig langatmig geschrieben, doch im letzten Drittel habe ich es kaum noch aus der Hand gelegt. Faszinierend fand ich insbesondere, wie es dem Autor gelingt, die unterschiedlichen Perspektiven und Gedankenwelten der handelnden Personen herauszuarbeiten. So beschreibt er Margaret einmal aus der Sicht ihres Ehemannes als "lebhafte und intelligente und doch so fügsame Frau", die zwar durchaus Eigenständigkeit beweist, im entscheidenden Moment aber jedes Mal ihr Buch zuklappt und den Wünschen ihres Mannes gänzlich zur Verfügung steht.

Dieser Abschnitt hat mich sehr nachdenklich gemacht, denn etwas Ähnliches kenne ich von mir selbst. So selbständig, emanzipiert und unabhängig ich in den Singlephasen meines Lebens auch immer gewesen sein mag, in meinen Liebesbeziehungen habe ich mich doch immer wieder dabei ertappt, mein Dasein allzusehr um den Geliebten herumzudrapieren und die feinen Antennen meiner Wahrnehmung sehr viel stärker auf seine Bedürfnisse auszurichten als auf meine eigenen. Erst in den letzten Jahren konnte ich diesbezüglich eine Veränderung beobachten. Umso vergnüglicher war es für mich zu sehen, dass Margaret bei dem Konflikt zwischen ihrer Schwester und ihrem Ehemann, bei dem dieser sich ausgesprochen unfair verhält und eine regelrechte Doppelmoral an den Tag legt, ohne jedes Zögern zu ihrer Schwester hält. Ich habe bei einem männlichen Autor selten einen so undramatischen, emanzipierten Blick auf weiblichen Romanfiguren gefunden.

Mindestens ebenso sehr berührt hat mich die Begegnung der beiden Schwestern nach all den Monaten der Trennung und der inneren Distanz. Sie ringen um eine gemeinsame Ebene, verstricken sich jedoch immer wieder in Missverständnisse und finden keinen Weg, die Kluft zu überwinden, die sich zwischen ihnen auftut. Erst als sie dazu übergehen, gemeinsame Erinnerungen auszutauschen, brechen die Dämme:

"Der Alltagsdruck wich von ihren Gesichtern und etwas anderes kam zum Vorschein: das Bewusstsein, dass nichts sie jemals trennen könnte, weil ihre Liebe in Gemeinsamkeiten wurzelte. Mit Erklärungen und Beschwörungen waren sie nicht zum Ziel gekommen; vergeblich hatten sie nach einer gemeinsamen Ebene gesucht und sich dabei nur gegenseitig unglücklich gemacht. Und dabei lag die Rettung doch so nah: Sie lag in der Vergangenheit, die das Heute heiligte, und im Heute, das mit wildem Herzschlag kundtat, es werde schließlich auch wieder eine Zukunft kommen, eine Zukunft mit Lachen und fröhlichem Kinderlärm."

An dieser Stelle musste ich lächeln, weil mir das alles so bekannt vorkam. Auch meine kleine Schwester und ich haben eine sehr schwierige Zeit hinter uns und es schien, als würden wir keinen Weg mehr zueinander finden. Auch mir ist die Erfahrung vertraut, dass meine Schwester mit der Wahl meiner Liebhaber nicht einverstanden war und sich dadurch eine unsichtbare Mauer zwischen uns schob. Doch Blut ist dicker als Wasser und die Liebe, die uns verbindet und sich aus unserer gemeinsamen Geschichte nährt, erwies sich letztlich immer als stärker als alle Unterschiede und Zwistigkeiten. Von daher gefiel mir natürlich auch das Ende der Geschichte, das ich hier nicht verraten möchte, ausgesprochen gut. Das ist ein Lebensentwurf, den ich mir auch für mich selbst sehr gut vorstellen könnte.

06.02.2006 um 23:18 Uhr

Billy Elliot - I Will Cry

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Landunter
Musik: T.Rex - Cosmic Dancer

Dass ich ziemlich nah am Wasser gebaut bin, dürfte mittlerweile kein Geheimnis mehr sein. Manchmal gibt es Tage, an denen kenne ich überhaupt kein Halten mehr. Heute ist wohl so einer, denn vorhin kamen mir bei ein paar zärtlichen Worten am Telefon schon ganz unvermittelt die Tränen und dann verfiel ich auch noch auf die grandiose Idee, meiner Schwester beim Fernsehen Gesellschaft zu leisten. Es lief "Billy Elliot - I Will Dance", einer meiner besonderen Lieblingsfilme. Ich habe diese Geschichte nun schon so oft gesehen und dennoch verstehen die Darsteller es jedes Mal von neuem, mich zu fesseln und zu berühren. Was soll ich euch sagen: Ich habe während der letzten Stunde ziemlich durchgeheult.

Aber im Grunde bin ich froh und dankbar für dieses Ventil, denn ich wüsste nicht, wie sich all das Durcheinander in meiner Seele ansonsten einen Weg nach draußen bahnen sollte. Spuren alter Geschichten durchziehen immer wieder mein Leben. Ein Brief, von dem ich insgeheim gehofft hatte, dass er seinen Weg zu mir finden würde, ist ausgeblieben. Ein anderer, mit dem ich gar nicht mehr gerechnet hatte, kam wider Erwarten doch und stellt mich nun vor Entscheidungsnöte. Auf leisen Sohlen schleicht sich allmählich die Angst vor der bevorstehenden Prüfung ein. Und als wäre all das nicht genug, gibt es auch noch diesen wundervollen Menschen in meinem Leben, der mich an manchen Tagen so heftig durchschüttelt, dass mir Hören und Sehen vergeht, und mich an anderen schier versinken lässt in einem Meer aus warmer, weicher Zärtlichkeit. Wie soll eine da nicht hin und wieder die Fassung verlieren?

02.02.2006 um 19:25 Uhr

Zufallsfund - No. 2

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Die Arbeit wartet

Ein Ding ist vollständig,
wenn du es
sein lassen
kannst.

~ Gita Bellin

02.02.2006 um 19:17 Uhr

Zufallsfund - No. 1

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Gelöst und friedlich

Es gibt nur eine Tapferkeit,
und das ist die Tapferkeit,
sich ständig von der Vergangenheit
loszusagen,
sie nicht zu sammeln,
sie nicht anzuhäufen,
sich nicht an sie zu klammern.

Wir alle klammern uns
an die Vergangenheit,
und weil wir uns an die Vergangenheit
klammern,
werden wir unbrauchbar
für die Gegenwart.

~ Osho

23.12.2005 um 10:06 Uhr

Von Liebe und Schatten

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Nachdenklich

Dieser Tage habe ich ein weiteres Buch von Isabel Allende zu Ende gelesen, in dem sie ihre Erfahrungen mit der chilenischen Militärdiktatur verarbeitet hat. Es handelt von einer jungen Journalistin und einem Fotografen, die auf der Suche nach einem verschollenen Mädchen ein geheimes Massengrab in einer alten Mine entdecken. Nachdem Sie diesen Fund an die Öffentlichkeit gebracht haben, werden sie zu Gejagten. Wie schon im Geisterhaus gelingt es Isabel Allende auch in ihrem zweiten Roman, die Grausamkeiten des Militärregimes zu veranschaulichen, indem sie sie in eine Liebesgeschichte einbettet und dabei in Seitensträngen die unterschiedlichen Schicksale der handelnden Personen zum Leben erweckt. Mit fast beklemmender Deutlichkeit wurde beim Lesen für mich spürbar, wie es sich für die Betroffenen anfühlen muss, wenn plötzlich Diktatur und Willkür über Menschen hereinbrechen, die bis dahin ein völlig normales Leben geführt haben. Was es heißt, wenn im Morgengrauen der Militärwagen vor deinem Haus hält, man ohne jeden erkennbaren Grund fünf deiner Angehörigen verhaftet und du sie niemals wieder siehst. Was es bedeutet, Tag für Tag um das eigene Leben, das eigene Wohlergehen und das der Menschen, die du liebst, bangen zu müssen. Und was für ein hartes Schicksal es ist, die Heimat verlassen zu müssen und nicht zu wissen, ob du jemals zurückkehren kannst.

Natürlich zeichnet Isabel Allende auch die Liebe wieder in üppigen, sinnlichen Farben, ergeht sich in sinnenfrohen Details und offenbart sich als eine Anhängerin großer Gefühle und glühender Leidenschaft. (Meines Wissens war es dieses Buch, das in ihrem jetzigen Mann einst den Wunsch weckte, die Autorin kennen zu lernen, weil sie so bewegend über die Liebe schrieb.) Doch ihre Bücher beruhen eben nicht auf romantischen Hirngespinsten, sondern ihnen liegen meist wahre Begebenheiten zugrunde und auch die Hauptfiguren sind oftmals von lebenden Personen inspiriert. Das ist es, was ihren Romanen eine solche Tiefe verleiht. Beim Lesen wurde mir mehr als einmal bewusst, wie dankbar ich bin, in einem freien Land zu leben, mich frei bewegen zu können, frei meine Meinung äußern zu dürfen und keinerlei Verfolgung fürchten zu müssen. Natürlich gibt es auch in unseren Breiten Missstände, Dinge, die ich mir anders wünschen würde, und Fehler im System. Aber dass ich mir hier der Achtung meiner Menschenrechte weitestgehend sicher sein kann, ist – verglichen mit dem, was andere Menschen an anderen Orten des Erdballs tagtäglich erleben – ein ungeheures Privileg.

11.12.2005 um 16:21 Uhr

Kino und so

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Geruhsamer Sonntag ohne Termine

Letzte Woche war ich zweimal im Kino: Am Sonntag in "Harry Potter und der Feuerkelch" und am Mittwoch in "Saint Ralph". Es waren zwei sehr unterschiedliche Filme, doch beide in ihrer Wirkung durchaus ähnlich - schöne Kinounterhaltung ohne bleibende Wirkung. Die erste Stunde von "Harry Potter" rauschte nur so an mir vorbei und ließ mich völlig kalt. Der Versuch, die wichtigsten Details der ersten Kapitel zusammenzuraffen, um sich dann im weiteren Fortgang der Geschichte mehr ausbreiten zu können, war für mich zwar nachvollziehbar, aber nicht überzeugend. Da hätte man die eine oder andere Szene lieber ganz streichen und nur als Zeitungsmeldung oder in einer Rückblende darstellen sollen. Die zweite Hälfte des Filmes gefiel mir wesentlich besser und die Begegnung mit Harry, Ron und Hermine ist immer wie ein Besuch bei alten Freunden. Aber wirklich berührend oder bewegend fand ich den Film nicht.

"Saint Ralph" erzählt die Geschichte eines 14-jährigen Jungen, der in den 50er Jahren eine Klosterschule besucht. Als seine Mutter ins Koma fällt und die Ärzte ihm sagen, nur ein Wunder könne sie daraus wieder erwachen lassen, schließt er einen Handel mit Gott: Wenn es ihm gelingen sollte, ein solches Wunder zu vollbringen und den Boston-Marathon zu gewinnen, soll seine Mutter wieder gesund werden. Mit Hilfe eines jungen Paters trainiert er hart und lässt sich auch durch die strengen Erziehungsmaßnahmen des Schulleiters nicht davon abhalten, in Boston zu starten. Das Beste an diesem Film war der Hauptdarsteller, der die alltäglichen Nöte eines 14-Jährigen auf augenzwinkernde und dennoch berührende Weise lebendig werden ließ. Im späteren Verlauf wurde der Film dann ziemlich kitschig und ihm fehlte auf jeden Fall die Tiefe eines "Billy Elliott", doch war es insgesamt ein recht vergnügliches Kinoerlebnis.

Schöner als beide Kinomomente zusammen war indes ein Erlebnis des gestrigen Abends: Ich saß gerade am Rechner, als meine Schwester eine Musik auflegte, die mir auf Anhieb gefiel und sogar bekannt vorkam, doch ich wusste sie im ersten Moment nicht einzuordnen. Erst als die Singstimme einsetzte, war mir alles klar: Meine Schwester hatte den Soundtrack zu "Wie im Himmel" gekauft und was ich hörte, war Gabriellas Lied. Ach, was habe ich gestrahlt!

Jag vill känna att jag lever
All den tid jag har
Ska jag leva som jag vill
Jag vill känna att jag lever
Veta att jag räcker till

Ich will spüren, dass ich lebe
Jeden Tag, den ich habe
Ich will leben, wie ich es will
Ich will spüren, dass ich lebe
Wissen, ich war gut genug

13.11.2005 um 12:10 Uhr

Der dritte Weg

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Lächelnd

Auf sueddeutsche.de habe ich soeben einen sehr bewegenden Artikel über den Abschluss der Koalitionsverhandlungen gelesen: Der weite Weg zur Nähe. Fernab von allen politischen Inhalten werden darin vor allem die menschlichen Aspekte der Annäherung zwischen Union und SPD beschrieben. Vermutlich berührt er mich deshalb so. All das ist meinen eigenen Erfahrungen in diesen Tagen so nahe: Wenn Menschen sich wirklich auf eine Begegnung einlassen, bringen sie manchmal Dinge zustande, die in Anbetracht ihrer Ausgangssituation zunächst unmöglich schienen. Was auch immer die beiden Parteien nun ausgehandelt haben, ob ich inhaltlich damit einverstanden bin oder nicht, ich habe großen Respekt vor dem, was die Beteiligten da geleistet haben. Und wenn ich den Artikel aufmerksam lese, dann scheinen während der Verhandlungen hie und da sogar die kreativen Potentiale des Konsensprinzips zum Vorschein gekommen zu sein: "Als die künftigen Koalitionäre über lange Nächte beieinander saßen, spürten sie plötzlich, dass da Ideen entstanden sind, die weder nur die eine, noch die andere Seite wiedergeben."

05.11.2005 um 00:01 Uhr

Papier und Zelluloid

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Gut gelaunt

Vor ein paar Tagen habe ich den Roman "Stolz und Vorurteil" von Jane Austen beendet und heute war ich im Kino, um mir die gleichnamige Verfilmung anzusehen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mir zuletzt eine Literaturverfilmung derart unmittelbar im Anschluss an die Lektüre des entsprechenden Buches angesehen habe, und es war eine interessante Erfahrung. Der Schluss, zu dem ich gekommen bin, wird euch allerdings kaum überraschend: Das Buch ist besser. Und zwar wesentlich.

Der Film ist hübsch, keine Frage. Doch die feinsinnige Beobachtung menschlicher Gefühlsregungen und die treffsichere Beschreibung der gesellschaftlichen Spielregeln dieser Zeit, durch die sich Jane Austens Romane so sehr auszeichnen, vermag die Verfilmung nicht einmal annähernd wiederzugeben. Wie auch, da die besondere Stärke der Autorin doch darin liegt, ihre Handlungsstränge behutsam und mit großer Feinfühligkeit zu entwickeln und ausführlich bei den Überlegungen, Empfindungen und Motiven ihrer Hauptfiguren zu verweilen? Die Verfilmung kam mir, verglichen mit meinen Erfahrungen beim Lesen, geradezu hektisch vor.

Vieles von dem, was mich im Buch ganz besonders berührt und bewegt hat, wurde im Film bestenfalls angedeutet und oftmals gar nicht wirklich deutlich. So meinte meine Begleiterin, die das Buch noch nicht kannte, dass sich Lizzy ganz klar schon bei der allerersten Begegnung in Mr. Darcy verliebt habe. Im Buch ist dies keineswegs so und gerade die nachvollziehbare Wandlung ihrer Gefühle macht den besonderen Reiz dieser Geschichte aus. Auch Mr. Darcy vollzieht im Buch eine wesentlich tiefgreifendere Veränderung als auf der Leinwand. Meiner Begleiterin war am Ende jedenfalls nicht wirklich einsichtig, warum der Film "Stolz und Vorurteil" heißt.

Ebenso wurde mir bewusst, wie anders ich mir einige der Figuren vorgestellt hatte. Obwohl ich nicht dazu neige, beim Lesen lebhafte optische Eindrücke in mir wachzurufen, entsteht in mir doch eine Art "inneres Bild" von den handelnden Personen. Ich könnte dieses Bild kaum anders beschreiben, als es die Autorin selbst bereits tat, und doch habe ich ein klares Gefühl für die Romanfiguren. Dieses Gefühl deckte sich bei einigen der Protagonisten kaum mit dem, was ich auf der Leinwand sah. Insbesondere von Mr. Bingley war ich enttäuscht und auch an Keira Knightley als Elizabeth musste ich mich erst gewöhnen. Lediglich Matthew MacFadyens Mr. Darcy erfüllte mich mit Zufriedenheit. Außerdem war er ein schmucker Anblick.

Dafür wirkt das Geschehen auf der Leinwand natürlich wesentlich emotionaler. Gefühle, die bei Jane Austen oftmals nur innere Regung bleiben, nach außen hin einzig sichtbar durch das, was die Personen sagen oder tun, erhalten im Film einen starken, lebhaften Ausdruck. Und wenn Mr. Darcy im Morgennebel zu ergreifender Klaviermusik auf Lizzy zugeht, dann ist das etwas, das überhaupt nur auf der Leinwand so funktioniert. Eine literarische Entsprechung dieser Szene wird man bei Jane Austen so nicht finden. Sie würde in der Gesamtschau ihres Romans auch ziemlich lächerlich wirken.

24.10.2005 um 12:46 Uhr

Wie im Himmel

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Leicht melancholisch
Musik: Ich habe noch immer die Melodie von Gabriellas Lied im Kopf

Gestern war ich wieder einmal im Kino. Auf dem Programm stand "Wie im Himmel", ein schwedischer Film, der dieses Jahr für den Oscar nominiert war. Er erzählte die Geschichte des Stardirigenten Daniel, dessen Karriere durch einen Herzinfarkt beendet wird. Er kehrt darauf hin in das Dorf seiner Kindheit zurück, wo er schließlich das Amt des Kantors und damit die Leitung des Kirchenchores übernimmt. Sein Leben lang auf der Suche nach einer Musik, die Herzen öffnet, scheint er sie nun bei diesem kleinen, versprengten Grüppchen von Laiensängern endlich gefunden zu haben.

Ganz ohne Frage: Der Film ist bis obenhin angefüllt mit Klischees - vom bigotten Pfarrer über die misshandelte Ehefrau bis hin zum geistig zurückgebliebenen, aber liebenswerten Behinderten. Doch er funktioniert wunderbar. Die einzelnen Geschichten werden niemals umfangreich ausgearbeitet, sie bleiben Szenen, ja Skizzen gar und dennoch berühren sie unmittelbar. Dass dies geschieht, ist sicher zu einem großen Teil dem schlichten, unsentimentalen Spiel der Darsteller zu verdanken und auch die Regie, die gänzlich auf den moralischen Zeigefinger verzichtet, trägt das ihre dazu bei. Selbst die Liebesgeschichte zwischen Daniel und Lena, einer jungen Chorsängerin, bei der ich anfangs schon aufstöhnte und dachte "Muss sie denn unbedingt blond sein und einen derart großen Busen haben?", kam erstaunlich schlicht und undramatisch daher. Und ich selbst fühlte mich gar ertappt in meinem Vorurteil gegen Blondinen mit üppiger und freizügig präsentierter Oberweite.

Vor allem aber lebt der Film von der Musik. Am meisten angerührt hat mich dann auch eine Szene, in der Gabriella, die von ihrem Mann immer wieder übel misshandelt wird, bei einem Chorkonzert ein Lied singt, das Daniel eigens für sie geschrieben hat. Das Lied erzählt von der Freiheit, ein glückliches Leben zu führen, und die Sängerin interpretierte es mit unglaublicher Intensität. Allein wegen dieses Liedes lohnt es sich vermutlich, den Soundtrack zu kaufen.

14.10.2005 um 19:15 Uhr

Lückenbüßer

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Heiter und gelöst
Musik: Uhrenticken

Noch eine Bemerkung aus Lapareds Blog hat mich heute im Laufe des Tages beschäftigt: Sie erzählte von einer Folge aus "Sex and the City", in der von den so genannten Lückenbüßern die Rede war - jenen Menschen, in die wir uns ausreichend stark verlieben, um uns aus einer früheren Beziehung zu lösen, aber nicht stark genug, um mit ihnen ernsthaft eine neue einzugehen. Das ist etwas, das ich nicht kenne. Ich habe mich noch nie nur ein bisschen verliebt. Wenn ich mein Herz verschenke, dann tue ich es ganz und gar. Es mag eine Weile dauern und es geschieht gewiss nicht leichtfertig, aber wenn es einem Menschen gelingt, mich wirklich zu berühren, öffne ich mich ihm vorbehaltlos.

Von daher ist es mir auch fremd, eine Beziehung einzugehen, um den Schmerz über den Verlust einer anderen zu überwinden. Das sind für mich zwei völlig verschiedene Entwicklungen, die ich nicht vermische. Bisher habe ich mich immer erst dann neu verliebt, wenn ich eine alte Liebesgeschichte innerlich abgeschlossen hatte. Was ich manchmal noch nicht hinter mir hatte, wenn die neue Liebe kam, war die Sehnsucht - die Sehnsucht nach Nähe und Berührungen, nach Zärtlichkeit und Vertrautheit, nach Sinnlichkeit und erotischer Lust. Diese verband sich für mich oft noch lange, nachdem ich mich bereits damit versöhnt hatte, dass es kein Zurück mehr gibt, mit meiner letzten Liebe. Ich vermute, das ist ein weit verbreitetes Phänomen.

Ob ich umgekehrt schon einmal Trostpflaster und Lückenbüßerin für einen anderen Menschen war, vermag ich schwer einzuschätzen. Nach allem, was ich weiß, ist es eher unwahrscheinlich. Im Zuge meiner letzten Trennung habe ich mich zwar bisweilen so gefühlt, aber das waren immer nur die ganz bitteren Momente. In den guten sehe ich es völlig anders. In den guten Momenten befreie ich unsere Geschichte aus sämtlichen Schubladen und Kategorisierungen, löse sie aus dem Geflecht der Beziehungen, die vorher da waren oder nachher kamen (bzw. kommen werden), und betrachte sie ganz für sich allein. Und ich habe das Gefühl, dass ich ihrem Zauber und ihrer unverwechselbaren Eigenart nur in solchen Stunden wirklich gerecht werde.

11.10.2005 um 21:15 Uhr

Avada Kedavra

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Fröhlich

Den gestrigen Tag habe ich fast vollständig damit verbracht, den neuen "Harry Potter" zu lesen. Und ja, das bedeutet, dass ich sogar während meiner offiziellen Arbeitszeit geschmökert habe. Unsere Chefs waren nicht da, auf meinem Schreibtisch herrschte erfreulicherweise Flaute und bei unseren Mädchen waren keinerlei emotionale Notfälle zu verzeichnen. Also konnte ich es mir guten Gewissens in meinem Bürostuhl bequem machen und mich in die neuesten Abenteuer des magisch begabten Teenagers vertiefen.

Der sechste Band gefiel mir bedeutend besser als der fünfte, der streckenweise doch arge Längen hatte. Die Geschichte las sich flüssig und zog mich in ihren Bann. Nicht unbedingt so, dass ich es gar nicht aushielt, das Buch beiseite legen zu müssen, aber doch so, dass ich gerne wissen wollte, wie es weitergeht. Ein wenig geschmälert wurde das Vergnügen dadurch, dass mir schon vor Monaten jemand ungefragt verraten hatte, wer am Schluss durch wessen Hand zu Tode kommt. Ich könnte ihm für diesen Spoiler noch heute den Hals umdrehen! Allerdings trübte mein Wissen die Spannung weit weniger, als ich befürchtet hatte, und verlieh der einen oder anderen Szene sogar eine ganz eigene Melancholie.

Ein wenig nervtötend und auch nicht sonderlich überzeugend fand ich die diversen Teenagerknutschereien. Aber zum Glück hielten die sich in Grenzen und es gab auch keine von diesen unerträglichen Harry-Cho-Heulszenen mehr. Alles in allem hat es mir sehr viel Spaß gemacht, das Buch zu lesen, und ich bin wirklich gespannt, wie diese Geschichte im siebten Band enden wird.

09.10.2005 um 00:52 Uhr

Der Duft von Lavendel

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Traurig und aufgewühlt
Musik: Violinmusik

Heute Abend war ich im Kino: "Der Duft von Lavendel" mit Judi Dench und Maggie Smith. Das Drehbuch, basierend auf einer Kurzgeschichte von William J. Locke, schrieb Charles Dance, der mit diesem Film gleichzeitig auch sein Regiedebüt gab. Noch immer bin ich ganz aufgewühlt. Was für ein wunderschöner, leiser, anrührender Film! Er erzählt die Geschichte zweier älterer Schwestern, die in den Dreißiger Jahren gemeinsam, nur unterstützt von ihrer resoluten Haushälterin, ein kleines Cottage an der Küste Cornwalls bewohnen. Eines Nachts wird bei einem Sturm ein junger Mann an den Strand gespült, der sich später als höchst musikalischer, polnischer Flüchtling auf dem Weg nach Amerika entpuppt. Die beiden Schwestern pflegen ihn gesund und sind alles andere als begeistert, als plötzlich eine junge Frau auftaucht, die unverhohlenes Interesse an dem begabten Musiker bekundet...

Der Film lebt von herrlichen Bildern, der grandiosen Schauspielkunst von Judi Dench und Maggie Smith und der zarten, anrührenden Violinmusik des Soundtracks. Mich aber traf er noch aus einem völlig anderen Grund mitten ins Herz. Es gab eine Szene, bei der ich aus tiefstem Herzen anfing zu weinen, ohne wieder aufhören zu können: Ursula, die jüngere der beiden Schwestern, und Andrzej sitzen gemeinsam am Strand, als der junge Mann plötzlich vertrauensvoll seinen Kopf an das Knie der alten Dame lehnt. Diese wirkt einen Augenblick wie erstarrt, ehe sie in einer langsamen, zögernden Bewegung die Hand hebt, um ihm durchs Haar zu streichen.

Wie schmerzlich erinnerte mich diese Szene an eine, die ich selbst erlebt hatte! Sie erinnerte mich an jene Nacht, als wir unter Sternen am Flussufer saßen, ganz nah beieinander und doch noch weit davon entfernt zu ahnen, was die Zukunft uns bringen würde. Er erzählte mir von seinem Kummer und ich hörte ihm einfach nur zu, ohne selbst viel zu sagen. Irgendwann ließ er den Kopf auf die Knie sinken und mir war, als finge er an zu weinen. Ganz sanft und behutsam legte ich ihm meinen Arm um die Schulter, um ihm ein wenig von meiner Wärme und Nähe zu schenken.

Schon damals liebte ich ihn, doch es war eine Liebe, die nichts erhoffte und erwartete, sondern sich einfach nur verschenkte und verströmte. Ich fühlte mich geborgen in meiner Rolle als Trösterin, geborgen und gut geschützt vor allen Torheiten des Herzens. Erst später, als er plötzlich anfing, meine Zärtlichkeiten zu erwidern, zerbrach diese schützende Aura. Doch es war keine Sturmflut, die da heranbrauste. Es war eine bewusste Entscheidung. Ich hätte sehr wohl auch den leichteren Weg wählen können. Wenn ich ihm an dieser Stelle sanft, aber bestimmt Einhalt geboten hätte, wären wir einfach nur gute Freunde geblieben und nichts von alledem wäre geschehen. Ich wusste genau, dass mein Herz beim nächsten Schritt seine Unverwundbarkeit verlieren würde. Dennoch ließ ich mich darauf ein. Die Tränen, die ich heute vergieße, sind nichts anderes als eine Folge der Entscheidung, die ich damals traf. Ich wusste, dass dies der Preis sein würde. Und wenn ich heute noch einmal die Wahl hätte - ich würde es wieder tun.

Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

08.10.2005 um 14:32 Uhr

Die BRIGITTE Buch-Edition

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Pause zwischen zwei wissenschaftlichen Artikeln

Soeben bin ich per Zufall über die neue BRIGITTE Buch-Edition gestolpert. Sie umfasst 26 Romane, ausgewählt von Elke Heidenreich. Mein erster Gedanke war sofort: "Wow, die würde ja farblich perfekt in mein Schlafzimmer passen!" Leider sagen mir weder die Namen der meisten Autorinnen und Autoren, noch die Titel der Romane irgendwas. Und 220 Euro auszugeben, nur um mein Bücherregal optisch eindrucksvoll zu dekorieren, widerstrebt mir dann doch etwas.

Daher kurz mal eine Frage an meine geschätzten Leserinnen und Leser: Kennt ihr zufällig einige der in der Edition enthaltenen Bücher? Falls ja, wäre ich euch dankbar für ein paar fundierte Meinungsäußerungen.

30.09.2005 um 12:10 Uhr

Ein Zimmer für sich allein

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Sonniger Herbsttag

 

In der vergangenen Woche begleitete mich Virginia Woolf auf meinen Fahrten mit der U-Bahn und durch die kleinen und großen Pausen des Alltags. Ihr Essay "Ein Zimmer für sich allein“ befasst sich mit dem Thema "Frauen und Literatur". Und weil der Klappentext das Buch so treffend beschreibt, scheue ich mich nicht, ihn einfach zu zitieren: "Der männlichen These: Nie hätte eine Frau Shakespeares Stücke schreiben können, hält Virginia Woolf entgegen: Nie hätte eine Frau Shakespeares Stücke in seiner Zeit schreiben können. Hätte Shakespeare eine Schwester gehabt, phantasiert sie, mit dem gleichen Genius und der gleichen Abenteuerlust begabt wie er, sie hätte scheitern müssen. Auf der Suche nach den Ursachen der Diskriminierung der Frauen geht sie den historischen Zusammenhängen nach, forscht sie in den Regalen von Bibliotheken nach Antwort. Und indem sie eine kleine Geschichte der Frauenliteratur aufrollt, stellt sie fest: Die Unzulänglichkeit der Frau hat soziale und wirtschaftliche Ursachen.“

 

Für eine so glühende Feministin, wie ich es bin, war es höchst bewegend und lehrreich, mich derart eingehend mit den Wurzeln der Frauenbewegung zu beschäftigen. Virginia Woolf ist eine ungemein kluge, scharfsinnige und wortgewandte Frau, die ihre Reise durch die Geschichte der Frauenliteratur für die Leserin zu einem wahren Vergnügen werden lässt. Sie schreibt wunderschöne Dinge wie "Mein Denken – um es bei einem stolzeren Namen zu nennen als es verdient – hatte seinen Weg bis hinab in den Strom genommen. Minute um Minute wiegte es sich zwischen den Spiegelbildern und dem Grün hin und her, ließ sich vom Wasser heben und senken, bis – Sie kennen diese kleine Anstrengung – es am Ende seines Weges zu einer Idee zusammentrat: und dann das vorsichtige Einholen und das behutsame Ausbreiten am Ufer“ oder "die Schönheit der Welt, die so bald vergehen muss, hat zwei Seiten, eine des Lachens und eine des Schmerzes, der einem ins Herz schneidet“, aber auch scharfe, klarsichtige Kommentare wie etwa "Wenn man daher einen Satz von Mr. B in seinen eigenen Verstand aufnimmt, fällt er plumps zu Boden – tot; wenn man aber einen Satz von Coleridge aufnimmt, explodiert er und bringt alle möglichen anderen Ideen hervor, und das ist die einzige Art zu schreiben, von der man sagen kann, dass sie das Geheimnis des ewigen Lebens in sich hat“.

 

Sie analysiert die Begrenzungen, denen Frauen Jahrhunderte lang unterworfen waren, und die Art und Weise, wie der dadurch entstehende Groll den schöpferischen Geist fast zwangsläufig vergiftet. Solange Frauen im Geschlechterzwist gefangen sind, so ihre Hypothese, kann sich ihr Genie nicht frei entfalten, und erst wenn sie an die Freiheit gewöhnt sind und an den Mut, genau das zu schreiben, was sie denken, sind sie in der Lage, in Beziehung zur Wirklichkeit zu leben (anstatt ausschließlich in Beziehung zu Männern und Frauen) und dies auch in ihrem künstlerischen Tun zum Ausdruck zu bringen. Wie mutig, wie klar, wie inspirierend sind die Gedanken dieser intelligenten Frau mit dem trockenen Humor und ich bin dankbar, ihnen begegnet zu sein.

27.09.2005 um 22:41 Uhr

Überredung

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Traurig und wehmütig
Musik: Peter Tschaikowsky - Tanz der kleinen Schwäne

Vor kurzem habe ich "Überredung" von Jane Austen gelesen. Der Roman spielt im England des 18. Jahrhunderts und handelt von einer nicht mehr ganz so jungen Tochter aus adeligem Hause, Anne Elliot, die im Alter von 19 Jahren die Verlobung mit ihrer großen Liebe, einem Seemann namens Frederik Wentworth, gelöst hat, weil ihre Familie und vor allem eine mütterliche Freundin die Verbindung nicht für standesgemäß hielten. Acht Jahre später ist Anne immer noch unverheiratet und das Schicksal will es, dass sie und Kapitän Wentworth einander erneut begegnen. Nach einigen Irrungen und Wirrungen erkennen die beiden, dass sie in all den Jahren niemals aufgehört haben, sich zu lieben und ihre Gefühle füreinander so stark sind wie nie zuvor.

Es war meine erste Begegnung mit der Autorin und mir gefiel ihr Stil ungemein. Mit zarter, präziser Sprache zeichnet sie Orte und Personen, niemals sentimental-dramatisch, sondern eher schlicht und unaufdringlich, aber dennoch äußerst treffend. Insbesondere in den Nebencharakteren entblößt sich so manche menschliche Schwäche, während die Hauptfigur, Anne Elliot, als liebenswürdig, hilfsbereit und klug, wenn auch nicht übermäßig schön und insgesamt eher zurückhaltend beschrieben wird. Kapitän Wentworth ist ein Bild von einem Mann und jede Frau könnte sich glücklich schätzen, einen solchen Prachtkerl an ihrer Seite zu haben.

Anne spricht in der Geschichte einmal davon, dass sie nie wieder jemand anderen so wird lieben können wie Kapitän Wentworth, und innerlich stellt sie sich schon ganz darauf ein, ledig zu bleiben, da sie nicht mehr daran glaubt, dass es für sie beide ein glückliches Ende geben wird. Und obgleich die Handlung eines Romans nie vollständig auf das reale Leben übertragbar ist, beschäftigte mich der Grundgedanke dieser Geschichte sehr, der da lautet: Es gibt so etwas wie die eine, wahre Liebe im Leben und eine besondere Qualität des Herzens besteht darin, ihr die Treue zu halten, was auch immer geschieht.

Ein betörender Gedanke, zweifellos. Was wäre schöner als die eine wahre Liebe, die uns früh im Leben begegnet und uns niemals wieder verlässt? Die Frage ist nur: Gibt es sie wirklich oder ist sie nur eine Ausgeburt der allzu romantisch veranlagten Phantasie unserer Romanautorin? Und wenn es sie gibt, woran erkennen wir sie? Was ist ihr Wesen? Ist sie eine reine Schicksalsmacht, stärker als menschlicher Wille und menschliche Entscheidung? Oder ist sie etwas, das erst geschaffen werden muss in der Begegnung zweier Liebender? Etwas, das erst entsteht, weil zwei Menschen fest entschlossen sind, ihre Liebe zu der einen, einzigen, wahren werden zu lassen? Oder liegt die Wahrheit gar irgendwo in der Mitte?

Ich fürchte, es gibt keine allgemeingültige Antwort auf diese Fragen. Es gibt Menschen, denen die große Liebe ihres Lebens tatsächlich begegnet - eine Liebe, neben der alles andere verblasst und die genau aus diesem Grund anhält und von Dauer ist. Aber ebenso hören wir Geschichten von Männern und Frauen, die wie vom Blitz getroffen und in ihren Grundfesten erschüttert waren, überzeugt, der wahren Liebe begegnet zu sein - und die dennoch Monate oder Jahre später feststellen mussten, dass der anfängliche Zauber verblasst und das ursprüngliche Liebesgefühl auf Alltagsformat zusammengeschrumpft oder vielleicht ganz verschwunden war.

Manche Menschen sind pragmatischer und behaupten von sich, dass es gerade das Fehlen romantischer Ideale ist, das ihrer Liebe Substanz gibt. Bei anderen beginnt es zunächst mit großer Leidenschaft, entwickelt sich dann aber zu einer recht bodenständigen Angelegenheit mit Konflikten und Reibereien, alltäglichen Frustrationen und Auseinandersetzungen. Wieder andere setzen Liebe mit völliger Selbstaufgabe gleich und hängen der Person ihres Herzens an, bis sie daran zugrunde gehen. Und einige wandern von einer Liebesgeschichte zur anderen, finden womöglich in jeder eine neue, kostbare Facette der Liebe und doch niemals die eine, die ewig währt.

Ich glaube, dass jeder Mensch seine ureigene, individuelle Antwort auf diese Fragen finden muss. Es gibt Menschen, die für die eine große Liebe wie geschaffen sind, während andere sich eher die Offenheit für immer neue, immer wieder andere Liebeserfahrungen bewahren müssen. Wahrscheinlich existieren so viele Wege, der Liebe zu begegnen, wie es Menschen gibt. Dass irgendeiner davon "wahrer" ist als die anderen, wage ich jedoch zu bezweifeln. 

08.09.2005 um 16:21 Uhr

Joanne, Isabel und Douglas

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Spätsommertag mit wehmütigen Momenten

Drei verschiedene Bücher haben mich durch die letzten beiden Wochen begleitet. Drei Bücher, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: "Harry Potter und der Orden des Phönix" von Joanne K. Rowling, "Das Geisterhaus" von Isabel Allende und "Per Anhalter durch die Galaxis" von Douglas Adams.

Den fünften Band der Harry-Potter-Reihe hatte ich begonnen, um mein Gedächtnis vor Erscheinen der deutschen Ausgabe des sechsten Bandes noch einmal aufzufrischen. Er ist aber ganz gewiss nicht der beste der sieben Teile. Die Geschichte zieht sich so dahin, Harry gerät ganz fürchterlich in die Pubertät, hat üble Scherereien mit der bösesten Lehrerin, die es je gab, und am Schluss gibt es - ziemlich unvermittelt - noch einen Todesfall in seinem persönlichen Umfeld. Das Buch liest sich ganz nett und die Figuren sind einem beim Lesen ja auch vertraut, so dass es ist, als würde man alte Bekannte besuchen. Aber die spannendste Begegnung ist es nicht gerade und ich hoffe mal, dass der sechste Band mehr zu bieten hat. Nicht zuletzt fiel mir wieder einmal auf, dass Joanne K. Rowlings Verständnis von Magie sich so überhaupt nicht mit meinem deckt. Für mich ist Magie der Inbegriff von Imagination, durch und durch eingebettet in die sogenannte "reale Welt", und es stört mich, dass die magische Parallelwelt, die Rowling entwirft, nichts anderes ist als eine Art Abklatsch der menschlichen Alltagswelt mit genau denselben Klassenunterschieden, bürokratischen Strukturen und pädagogischen Richtlinien - lediglich gewürzt mit ein paar pfiffigen Spezialeffekten.

"Das Geisterhaus" wollte ich lesen, weil ich kürzlich "Paula" von Isabel Allende beendet hatte und die Autorin darin erwähnt, wie viele autobiographische Elemente sie in ihrem ersten Roman verarbeitet hat. Was also lag näher, als mir diese Geschichte, die ich bislang nur durch die Verfilmung kannte, nun ebenfalls zu Gemüte zu führen? Isabel Allende ist eine wundervolle Autorin. Ich liebe ihre Sprache - so satt und sinnlich, bildgewaltig und voller Phantasie. Lediglich die ersten Seiten des Romans verlieren sich allzu detailverliebt in Nebensträngen der Handlung. Danach packte mich die Geschichte sofort. Die Personen, die Isabel Allende zeichnet, erwachen allesamt sofort zum Leben und die Kraft ihrer Seelen wächst förmlich über die Seiten des Buches hinaus. Die Autorin erzählt das Schicksal der Familien del Valle und Trueba im Chile des vergangenen Jahrhunderts - eine Geschichte voller Wechselfälle und angefüllt mit so ziemlich allen Emotionen, die das menschliche Herz zu bieten hat. Natürlich, so manches ist romanhaft überzeichnet und dennoch spiegelt sich viel Weisheit und Lebenserfahrung in dem, was Isabel Allende da schreibt. Mich berührte diese Geschichte sehr und mehr als einmal kamen mir beim Lesen die Tränen, vor allem am Ende, als über Chile und damit auch über die Familie Trueba die grauenvolle Militärdiktatur hereinbricht. Einige Abweichungen des Films von der Buchvorlage fielen mir auf, die ich in Anbetracht des Mediums jedoch für gerechtfertigt halte. Für mein Empfinden ist der Film von Bille August eine durchaus gelungene Literaturverfilmung, obgleich er natürlich nicht annähernd die Wucht entfaltet, die beim Lesen entsteht.

Ganz anders Douglas Adams. Sein "Per Anhalter durch die Galaxis" habe ich hauptsächlich gelesen, um eine Bildungslücke zu füllen, doch das Buch ging ziemlich spurlos an mir vorüber. Gewiss, es ist intelligent und witzig geschrieben, hat einige sehr nette Einfälle, Gedanken- und Wortspielereien zu bieten und jongliert auf amüsante und ironische Art und Weise mit den großen Fragen und Geheimnissen des Lebens. Aber mehr als kurzweilige Unterhaltung hatte es mir nicht zu bieten. Nett, hübsch - da rein, da raus. Ich glaube nicht, dass dieses Buch in irgendeiner Weise bei mir hängen bleiben wird. Am besten fand ich noch die Feststellung, dass es wenig Sinn hat, nach der Antwort auf die großen Fragen des Universums zu suchen, solange man sich über die Frage selbst noch nicht im klaren ist.

26.07.2005 um 17:43 Uhr

Perlentauchen im Alltag

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Ruhig, gelassen, beschäftigt
Musik: ---

Am Sonntag war ich so müde, dass ich für meine Verhältnisse ungewöhnlich früh ins Bett ging. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte, denn am nächsten Morgen erwachte ich frisch und munter um halb sieben und hatte so Gelegenheit, den Tag ganz geruhsam mit Yoga und ein wenig Atemmeditation zu beginnen. Es ist schon erstaunlich, wie schnell Muskeln wieder steif werden, wenn du darin nachlässt, sie behutsam bis an die Grenzen zu dehnen und ihre Kraft zu nähren. Ein Morgen, der so früh beginnt, lässt außerdem Zeit für eine ausgiebige Dusche, ein üppiges Müsli mit Bananen, Aprikosen, Äpfeln und Himbeeren und eine duftende Tasse Tee. Auf dem Weg zur Arbeit dann U-Bahn-Lektüre: "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" von Italo Calvino. Dieses Buch begleitet mich derzeit auch durch Leerlaufphasen bei der Arbeit.

Am Abend wollten C. und ich uns eigentlich treffen, um mit dem Fahrrad durch den Englischen Garten zum Aumeister zu fahren, doch das wechselhafte Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. So entschieden wir uns kurzerhand, doch einmal wieder ins Kino zu gehen. Die Programmauswahl bot nicht allzu viel Verlockendes, so dass wir uns auf eine - wie wir vermuteten - typische Hollywood-Schmonzette mit Joan Allen und Kevin Costner einigten: "An deiner Schulter" lautete der Titel des Films, von dem wir beide bis dato noch nie etwas gehört hatten. Er erwies sich dann als besser, als wir erwartet hatten, denn der Liebeskitsch hielt sich erfreulich in Grenzen und stattdessen machten sich kraftvollere Emotionen wie Wut und Ärger auf der Leinwand breit. Der englische Originaltitel "The Upside of Anger" passt von daher sehr viel besser zu dem Film.

Mich beeindruckte das Temperament der verlassenen Ehefrau und Mutter von vier Töchtern, die sich nicht scheute, ihrer Wut, ihrer Verletzung und ihrer Bitterkeit freien Lauf zu lassen, zur Not auch zickig und unbequem zu sein, sich nicht darum zu scheren, was die Nachbarn denken, und sich mit so ziemlich jedem anzulegen, der ihr über den Weg lief. Zwischen ihr und mir liegen Welten und trotzdem fühlte ich mich ihr sehr nahe. Und erstaunlicherweise fand ich es diesmal tröstlich, dass es kein reiner Frauenfilm blieb, sondern ihr ein Mann zur Seite gestellt wurde, der sie so mochte, wie sie nun einmal war. Im übrigen war Joan Allen fantastisch und auch Kevin Costner überraschte mich positiv! Kein weltbewegender Film, den man unbedingt gesehen haben muss, aber eine entspannte Abendunterhaltung, die mir mehr zu sagen hatte, als ich es ihr zugetraut hätte.

05.06.2005 um 13:19 Uhr

Drei Männer ziehen eine Show ab

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: Zärtlich und liebevoll
Musik: Barbra Streisand - A Quiet Thing/There Won't Be Trumpets

Gestern Abend habe ich mir drei One-Man-Shows des Abschlussjahrgangs Musical der Bayerischen Theaterakademie August Everding am Prinzregententheater angeschaut. So unterschiedlich die drei Shows auch waren, sie hatten eines gemeinsam: Ihr Thema war die komplizierte Beziehung zwischen Männern und Frauen (obwohl zwei der drei Protagonisten ihren Erfahrungsschatz eher aus den komplizierten Beziehungen zwischen Männern und Männern schöpfen, aber so progressiv ist die Musicalbranche dann doch nicht).

Der erste Interpret inszenierte das Ganze recht schlicht, nur mit einem Stuhl, diversen Lichteffekten und einer ansonsten schwarzen Bühne. Er erzählte die Geschichte einer vierjährigen Beziehung, die mit einem halben Jahr der Glückseligkeit begonnen hatte, nun an einer gewissen Entfremdung krankte und akut durch durch einen Seitensprung des Protagonisten bedroht war. Der Darsteller sehr schön singen und präsentierte sein Programm sauber und punktgenau, mit witzigen und schmissigen Songs und einigen netten Tanzeinlagen. Aber es gelang ihm nicht, mich wirklich zu berühren. Seine Show war nette Unterhaltung, die sich zum Schluss hin etwas zog, aber keinesfalls mehr. Außer einem Song über einen Opel, der eine Klippe hinunterfliegt, einem Lied über einen fliegenden Teppich und dem hübschen "Dancing Through Life" aus dem Musical "Wicked" ist bei mir nicht viel hängen geblieben.

Der zweite Künstler wählte eine andere Herangehensweise. Er erklärte uns im Stile von Peter Lustigs "Löwenzahn", dass dies der Steve sei, der ein großes Problem habe. Er habe seine Freundin betrogen und wisse nun nicht so recht, ob und wie er ihr das beibringen solle. Diese Eröffnung war der Ausgangspunkt für eine wilde, temperamentvolle Show voller ausgelutschter Klischees über das beschränkte, triebgesteuerte Wesen des Mannes. Gesang und Tanzeinlagen waren recht pfiffig und auf die Idee, halbnackt und mit einer Damenstrumpfhose auf dem Kopf einen Penis darzustellen, der "I Believe In A Thing Called Love" von "The Darkness" zum Besten gibt, muss man auch erst mal kommen. Allerdings erwies sich auch dieses Stück am Ende als recht zäh. 15 Minuten weniger hätten der Handlung ganz gut getan, aber dann wären die Prüfungsauflagen nicht erfüllt gewesen.

Die schönste Show war die dritte. Der Absolvent spielte einen etwas abgehalfterten Entertainer, der sein Publikum mit drittklassigen Scherzen und altbackenen Broadway-Einlagen zu unterhalten sucht, dessen Vertrag aber nicht verlängert wurde und der sich daher in seiner letzten Vorstellung entscheidet, das übliche Programm einfach über den Haufen zu werfen, um ein paar Geschichten aus seinem Leben zu erzählen. Natürlich ging es auch hier um die Liebe - eine Liebe, die als leises Glück begann, und mit dem Rauswurf des Protagonisten aus der Wohnung der Freundin endete. Was die beiden ersten Shows nicht geschafft hatten, gelang diesem Mann nun ganz mühelos: Mich zu berühren. Als er am Flügel saß und mit leiser, zartfühlender Stimme "A Quiet Thing" von Kander und Ebb erklingen ließ, da hatte ich Tränen in den Augen. Und die schlichte, weil alltägliche Tragik seiner Liebesgeschichte traf mich mitten ins Herz. Hier saß ein Künstler, der nicht nur technisch brillierte, sondern auch seine Seele durch das, was er tat, hindurchscheinen ließ. Keine Längen, keine Langeweile, ein paar witzige, skurrile Szenen im gekonnten Wechsel mit leisen, nachdenklichen Passagen und am Ende eine wundervolle Interpretation von Louis Armstrongs "Wonderful World". Was braucht eine solche Show mehr?

11.04.2005 um 21:51 Uhr

Charles & Camilla

von: Nimien   Kategorie: Gehört, gesehen, gelesen

Stimmung: fröhlich
Musik: "Surr" macht der Entfeuchter

Als ich heute auf dem Weg zur U-Bahn an einem meiner zeitunglesenden Mitmenschen vorbeikam, entdeckte ich vorne auf der Titelseite ein Bild von Charles und Camilla und darüber die Schlagzeile: "Warum hat er sie nicht geküsst?" In diesem Moment hätte ich am liebsten F.'s Lieblingssmiley nachgeahmt:

     

Abgesehen davon, dass die Frage an sich schon Blödsinn ist, könnte ich mir angesichts dieser Formulierung regelrecht die Haare raufen. Warum hat er sie nicht geküsst! Nicht etwa: Warum hat sie ihn nicht geküsst? Oder noch besser: Warum haben sie sich nicht geküsst? Immerhin sind Küsse doch in den meisten Fällen Gemeinschaftsaktionen. Aber nein, wenn es nach der BILD (oder welchem Käseblatt auch immer) geht, dann obliegt es allein dem zukünftigen Herrn König, darüber zu befinden, ob er sein frisch angetrautes Eheweib zu küssen geruht oder nicht. Leute, von gleichberechtigter Partnerschaft habt ihr wahrscheinlich noch nie was gehört, oder?

Mir ist die Liebesgeschichte zwischen Charles und Camilla übrigens sehr sympathisch. Da sind zwei, die sich einfach gefunden haben und sich lieben durch Dick und Dünn. Die sich durch nichts beirren lassen, nicht einmal durch die Tatsache, dass sie beide irrtümlich die falsche Person geheiratet haben. Und nun, nach all den langen Jahren, gibt es sogar ein gemeinsames Happy End für sie (soweit man überhaupt von einem "Ende" sprechen kann). Wäre das Paar etwas jünger und entspräche die Braut mehr dem gängigen Schönheitsideal, dann würde das Ganze von der Presse mit Sicherheit zum Märchen hochstilisiert werden. So kriegen die beiden stattdessen gerne mal ein bisschen Häme ab. Aber was soll's? Ihrer Liebe scheint das keinen Abbruch zu tun.